Interview

Argonautiks im Interview: „Wir sind so ein ‚Lieb es oder hass es‘-Ding“

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Paul Uschta und Timmy Tales existieren als Rap-Gruppe Argonautiks schon mehr als zehn Jahre, weshalb ihnen MySpace noch ein Begriff ist. Inspiriert von der Battle-Rap-Welle der 2000er, deren Epizentrum Berlin war, begaben sich die beiden in den sprichwörtlichen Untergrund eines Familienhauses in Teltow, um dort in einem Keller an gemeinsamen Songs zu basteln. Nach einigen Jahren voller Irrungen und Wirrungen, packte die beiden plötzlich ein später Ehrgeiz sowie ein kompromissloses Jetzt-oder-nie-Mindset, das nun endlich Früchte trägt. Seit ihrem ersten (offiziellen) Album AUS DEM LEBEN im Jahr 2017, folgten mit GAFFA und TRAUBEN ÜBER GOLD bereits zwei weitere Alben.

Dabei haben Paul und Timmy eine beeindruckende Bandbreite anzubieten: Neben roughen und direktem Battle-Rap, servieren sie Beobachtungen aus der asphaltgrauen Lebenswelt am Rand von Berlin und ein paar tiefer gehende Einblicke in ihr Seelenleben. Bald erscheint ihr neues Werk PAROLI POP und wir sprachen zu diesem Anlass mit den beiden MCs über ihre Art des Aufnehmens, Teltows Antwort auf den Berliner Lokalpatriotismus, den „typischen“ Argonautiks-Fan, ihre Katzen sowie über Kunst und „Cent-Artikel“ im Deutschrap.

Musikexpress.de: Der Titel Eures aktuellen Albums PAROLI POP funktioniert als Alliteration bereits sehr gut. Über die dahinterstehende Botschaft müssen wir aber sprechen. Geht es Euch darum, dem Pop als Genre, der auch immer mehr in den Deutschrap einsickert, Paroli zu bieten?

Paul: Das ist definitiv keine generelle Anti-Haltung gegenüber Pop. Es ist mit Worten schwer zu beschreiben, weil der Titel zum Zeitpunkt seiner Entstehung eher ein Gefühl beschrieb. Neulich sagte man uns „Untergrund-Rap ist der Pop des Widerstands“. Das wäre ein möglicher Gedanke, dem man folgen könnte. Aber es ist auch schön, einen Raum für Interpretation zu lassen.

Zu Eurem vorherigen Album TRAUBEN ÜBER GOLD hattet Ihr bei der Produktion das Bild einer Berliner Sommernacht im Kopf. Seid Ihr PAROLI POP auch bildlich angegangen?

Timmy: Unser letztes Album beschrieb eine verregnete Sommernacht. Der Boden ist nass, du hast vielleicht ein Bier zu viel getrunken und hast einen guten Moment. PAROLI POP ist dagegen eine kalte, vernebelte Herbstnacht, in der es dir eher nicht so gut geht. Aber du möchtest, dass es dir besser geht.

Paul: Wenn PAROLI POP ein Getränk wäre, wäre es ein kalter Glühwein. Ich habe gerade keine schlaue Erklärung hierfür, aber genau so klingt es.

Hört hier den Titelsong zum Album PAROLI POP:

Euer Vorgänger-Album habt Ihr in einem Keller in Teltow aufgenommen. Der Ort, an dem Ihr auch angefangen habt Musik zu machen. Hat es Euch dieses Mal wieder dorthin gezogen?

Paul: Diesmal waren wir in Tims Schlafzimmer. Dazu muss man wissen, dass wir keine Studio-Rapper sind. Ich habe überhaupt keine Lust darauf, in einem professionellen Musikstudio mit tausend Reglern zu arbeiten.

Timmy: Diese Studio-Atmosphäre mögen wir einfach nicht. Wir brauchen keine Gesangskabine mit dem Mischpult auf der anderen Seite. Wir wollen beim Arbeiten nebeneinander sitzen, so dass man sich theoretisch berühren kann. Arsch an Arsch. Mit demselben Equipment wie vor sechs Jahren.

Auf dem Song „25“, in dem iIhr aus zwei verschiedenen Perspektiven Eure Jugendzeit in Teltow beschreibt, sagst Du, Timmy, dass Du alle Fehler wieder genauso begehen würdest. Welche Bedeutung haben Fehler für Dich und Deine Entwicklung?

Timmy: Fehler bedeuten alles. Man lernt sie nie wieder zu begehen oder in der Zukunft anders damit umzugehen. Sie machen dich zu der Person, die du bist, und wenn du dich selbst magst, solltest du irgendwie auch deine Fehler mögen.

Auf „25“ verarbeiten Argonautiks ihre Jugendzeit in Teltow Stadt aus zwei Perspektiven:

„Wenn unser Album Paroli Pop ein Getränk wäre, wäre es ein kalter Glühwein.“

25 steht in Eurem Fall auch für Teltow Stadt, wo ihr aufgewachsen seid. Inwiefern hat das Aufwachsen am Rand von Berlin, wo in den 2000ern der Battle-Rap florierte, Euch und Eure Musik geprägt?

Paul: Jede kulturelle Bewegung in den Großstädten erreicht irgendwann die Vorstadt. So war das auch mit Rap. Wir hatten allerdings wenige Kontakte und begrenzte Möglichkeiten, weshalb wir uns viel autodidaktisch beigebracht haben. Das ist eher ein allgemeines Vorstadt-Phänomen und nichts Teltow-spezifisches. Für mich ist es eine Frage von Zugehörigkeit gewesen. Als Teltower bist du kein Berliner, aber auch kein richtiger Brandenburger. Stattdessen haben wir gesagt, wir kommen aus Teltow 25. Die Zahl steht für die S-Bahn-Linie 25, die durch Berlin führt und hier endet. Wir haben das als Äquivalent zu Kreuzberg 36 oder Neukölln 44 verstanden, wo man sich im Rap noch auf diese alten Postleitzahlen beruft. Diesen Lokalpatriotismus kennt man auch aus der Graffiti-Szene. Für uns war das extrem wichtig. Die 25 wurde auch von vielen Freunden in Chat-Foren verwendet.

Timmy: Ein Unterschied zu Berlin ist auch, dass man in Teltow immer wieder dieselben Leute sieht. Wenn du mit jemandem Stress hast, ist es sehr wahrscheinlich, dass du dieser Person am nächsten Tag im Bus begegnest. Da kommt dir keiner so schnell zu Hilfe und du kannst Konfrontationen nicht so leicht aus dem Weg gehen. Dadurch wird man vermutlich auch schneller erwachsen.

„Um guten Untergrund-Rap zu entdecken, muss man auch ein Nerd sein, sich Zeit nehmen und bewusst nach etwas suchen, was man nicht kennt.“

Wart Ihr als Rapper in Teltow in einer Außenseiter-Position oder habt Ihr zu den Coolen gehört?

Paul: Man gehörte schon zu den Coolen, wenn man das gemacht hat. Auf Hauspartys wurde man immer darauf angesprochen. Damals gab es auch nicht diesen Überfluss an Musik, weshalb man den Leuten im Gedächtnis blieb. Man wurde quasi schneller zum Superstar, aber auf eine organische und angenehme Weise.

Timmy: Hauspartys hatten für uns generell eine große Bedeutung, weil man bei uns nicht ständig irgendwelche Festivals, Konzerte oder Events wie in Berlin hatte. Die Partys waren bei uns das Pendant zum Splash. Dort hat man Kontakte gesammelt und war im Gespräch, wenn dann irgendwann mal das eigene Lied über die Boxen lief.

„Manche Leute mögen uns vielleicht auch nur, weil wir Katzen haben. Dann sprechen wir mit denen halt über Katzen.“

Wie finden junge Hörer*innen heute eigentlich zum „Untergrund-Rap“, wenn Social Media potentiell mehr Leute erreicht, als Events mit einem unbekannten Line-Up?

Timmy: Streaming und Social Media können schon helfen, finde ich. Wenn ich einen bestimmten Artist höre, schaue ich auch nach Profilen, die in dieselbe Kategorie fallen. Ich starte beispielsweise bei Freddie Gibbs und lande irgendwann bei einem relativ unbekannten Künstler aus Houston, der 1000 monatliche Hörer*innen hat. Aber da muss man auch ein Nerd sein, sich Zeit nehmen und bewusst nach etwas suchen, was man nicht kennt. Es gibt aber auch den organischen Weg. Lukees und Binho habe ich als Vorgruppe bei der Tour von OG Keemo gesehen und finde sie großartig. Generell muss man im Internet aber die Augen offen halten.

Auf „Jenseits“ sagt Ihr, Ihr hättet die „Vibes für das Proletariat á la Karl Marx“. Das klingt so, als hättet Ihr ein konkretes Bild von Euren Fans…

Timmy: Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass wir mit unserer Musik nicht die High Society ansprechen, sondern eher Leute wie uns. Leute, die nicht unbedingt viel Geld besitzen und bodenständig sind, vielleicht auch ein wenig Witz haben. Leute, die sich gerne mit den Inhalten und nicht nur mit der Oberfläche auseinandersetzen. Wir pflegen auch einen regen Austausch mit unserer Community über Social Media. Wir geben auch gerne Feedback zu Musik, die uns geschickt wird. Das ist uns sehr wichtig.

Paul: Wie haben kaum Hörer*innen, die uns einfach zufliegen. Die sind schon interessiert an uns. Manche mögen uns vielleicht auch nur, weil wir Katzen haben. Dann sprechen wir mit denen halt über Katzen. Wenn denen dann auch noch die Musik gefällt, haben wir alles richtig gemacht.

 

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Timmy: Wir haben glaube ich auch viele Fans, die gar keinen Rap hören. Aber die hören uns, weil sie uns sympathisch finden.

Hört hier den Song „Pipe“ von Argonautiks:

„Ich nehme lieber die zehn Leute, die unser Album am Wochenende auf Dauerschleife hören und zum Konzert kommen, als 100.000 YouTube-Klicks.“

Eine andere Zeile auf Eurem Album lautet: „Wir machen Kunst, keine Cent-Artikel“. Was sind diese Cent-Artikel und wer produziert sie Eurer Meinung nach?

Timmy: Das sind Dinge, die du in deinem Alltag nicht brauchst. Lange Zeit landeten Rapper in den Charts, weil sie Alben-Boxen mit billigen Merchandise-Artikeln für sehr viel Geld verkauft haben. Schlüsselanhänger, Feuerzeuge und so weiter. Letztendlich geht es dabei um Umsatz und nicht um verkaufte Einheiten. Wirtschaftlich ergibt das zwar Sinn, hat aber für mich nicht mehr viel mit Kunst zu tun.

Paul: Das kann man auch auf Musik übertragen. Man hört, ob es jemandem darum geht, mit einer bestimmten Musikrichtung Geld zu machen oder ob jemand Liebe zur Musik und zum Detail hat.

Timmy: Trap ist hierfür auch ein gutes Beispiel. Die Einen fühlen das Genre und verwenden es, um Kunst zu erschaffen. Andere haben lediglich das Schema, die Wortwahl und den Sound verstanden, um daraus ihr Kapital zu schlagen. Die verwenden zum Teil dieselben Worte, aber das ist dann trotzdem eher kalkulierter Pop.

In Euren Videos zeigt Ihr auch Liebe zum Detail und brecht mit gewissen Konventionen. Nicht viele männliche Rap-Duos steigen zusammen nackt in die Badewanne…

Paul: Ich finde nichts langweiliger, als Dinge, die man schon hundertmal gehört oder gesehen hat. Letztens saß ich im Urlaub am Strand und habe beobachtet, wie ein Haufen Leute mit ihren teuren Kameras den Sonnenuntergang fotografiert haben. Wer braucht sowas? Wir hatten für unsere Musikvideos nie großartig teures Equipment, aber haben immer versucht, vom Song bis zum Video, einen roten Faden zu spinnen und einen kreativen Film abzuliefern. Deshalb sind wir auch in jeden kreativen Prozess eingebunden.

Im Video zu „Gossip“ baden und lesen Argonautiks zusammen:

„Auch in Battle-Rap kann sehr viel Persönliches stecken.“

Timmy:  Wir haben einen gewissen Anspruch, ohne zu sagen, ob der hoch oder niedrig ist. Aber wir wissen genau was wir wollen. Manche haben vielleicht auch ein Problem damit. Deshalb ist unser Kreis recht klein, aber lieber macht man mit wenigen Leuten viel, als mit vielen Leuten wenig.

Ein verständlicher Ansatz. Aber wie weit kommt man mit dieser Einstellung? Habt Ihr ein bestimmtes Ziel mit der Musik?

Paul: Eine ausverkaufte Tour wäre schon schön. Wir haben demnächst eine und spielen in Orten, wo vielleicht 300 bis 500 Leute in den jeweiligen Laden reinpassen. Live-Erfahrungen sind wichtig, denn du kannst 100.000 Klicks auf YouTube haben, aber diese Zahl macht am Ende gar nichts mit dir. Da nehme ich lieber die zehn Leute, die unser Album am Wochenende auf Dauerschleife hören und zum Konzert kommen.

Timmy: Unsere Fans unterstützen uns glücklicherweise sehr. Wir sind glaube ich so ein „Lieb es oder hass es“-Ding.

Euer aktuelles Album beinhaltet sehr viel Persönliches und etwas weniger Battle-Rap. War das eine bewusste Entscheidung?

Timmy: Wir wollten uns einfach nicht wiederholen. Eine Menge Reaktionen gab es zu dem Song „Karussel“, der nicht nur sehr persönlich, sondern auch noch der letzte Song auf dem Album ist. Der hinterlässt bei vielen einen bitteren Nachgeschmack, denn er ist sehr düster und am Ende ist einfach nur noch Stille. Das hat eigentlich auch was Schönes. Im Übrigen kann aber auch in Battle-Rap sehr viel Persönliches stecken.

Das Album PAROLI POP von den Argonautiks erscheint am 25. Juni 2021.


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