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Interview

Sylabil Spill im Interview: „Ich entblöße Rassisten, um sie durch Schweigen nicht länger zu schützen“

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Angesichts der Kämpfe, die Sylabil Spill in letzter Zeit zu führen hatte, wären viele wahrscheinlich eingeknickt. Vergangenes Jahr wurde der Rapper und Sporttrainer aus Bonn Opfer rechtsextremer Hacker, die kurzzeitig die Kontrolle über seinen Instagram-Account gewannen und dort rassistisches und menschenverachtendes Bildmaterial veröffentlichten. Anfang dieses Jahres wurde sein Auto attackiert und mit rassistischen Parolen versehen. Der psychische Druck stieg und Sylabil Spill, der auch im Rahmen seines inklusiven Sportprojekts „Tracksrunner“ seit Jahren antirassistische Arbeit leistet, musste eine Entscheidung treffen: therapeutische Behandlung oder Rap?

Er entschied sich für Letzteres und produzierte ein Album. OKAPI ist dabei mehr als nur eine Aufarbeitung der jüngsten Ereignisse und persönlichen Schicksale. Es geht um nicht weniger, als um unsere Gesellschaft, in der Schwarze Menschen immer noch die Auswüchse eines strukturellen Rassismusproblems, das sich durch alle Lebensbereiche zieht, zu spüren bekommen. Wir sprachen mit Sylabil Spill im Interview über sein Album, das politische und intime Themen gleichermaßen behandelt, Rassismus in der Schule und im Sport und den Beitrag von „Cancel Culture“ zu einer Gesellschaft im Wandel.

Musikexpress.de: Dein Album OKAPI ist jetzt schon eine Weile draußen. Wie sind die Reaktionen bisher, die Du mitbekommst?

Sylabil Spill: Bisher sehr positiv. Wobei „positiv“ natürlich ambivalent ist. Viele Menschen feiern selbstverständlich den musikalischen Aspekt der Platte, aber die meisten feiern die Haltung, die ich eingenommen habe. Ich verschone niemanden auf dem Album und gebe im Grunde das wieder, was mir widerfahren ist. Das beeindruckt die Leute. Aber als Künstler will man natürlich nicht nur Positives hören, denn die Widerstände sind auch wichtig. Um musikalisch nochmal einen draufsetzen zu können.

Musikalisch bietest Du auf OKAPI echte Bandbreite. Du rappst sowohl auf Drill-, als auch auf Trap und Oldschool-Beats…

Ich habe das Album nicht am Reißbrett entworfen. Vieles entstand aus einer Laune heraus. Ich habe Beats geschickt bekommen und die haben meistens gepasst. Und das Schreiben ist im Grunde eine Verarbeitung gewesen. Viele Stilmittel des Rap fielen auf einmal weg. Das ging vielmehr über Assoziationen. Ich habe noch nie so schnell Texte geschrieben wie für OKAPI. Den Song „Tantin Ma‘ Lucie“ habe ich innerhalb von sieben Minuten geschrieben.

„Dieses Album war mehr Verarbeitung als Kreativität.“

In den Songs verarbeitest Du Erfahrungen, die Du mit sehr vielen Menschen teilst. Gleichzeitig sind das auch sehr persönliche und intime Einblicke. Hatte das Schreiben in diesem Fall auch einen selbstheilenden Zweck?

Nur. Die Anfeindungen gegen mich waren extrem heftig. Und solche Sachen erlebe ich im Grunde schon mein ganzes Leben lang. Der Anlass, dieses Thema jetzt auf diese Weise anzugehen, war, dass plötzlich auch mein Sportprojekt angegriffen wurde. Ich stand vor zwei Möglichkeiten: Entweder begebe ich mich in therapeutische Behandlung oder ich bediene mich meiner künstlerischen Fähigkeiten, gehe an die Öffentlichkeit und entblöße diese Menschen. Auch weil ich weiß, dass sehr viele Afrodeutsche diese Probleme haben und nicht darüber reden, da sie Angst haben, schwach zu wirken. Aber wenn ich nicht darüber rede, dann schütze ich Menschen mit dieser Einstellung. Ich habe mich dazu entschlossen, mich selbst zu therapieren, indem ich darüber rede und die Debatte aus künstlerischer Perspektive anstoße. Dieses Album war mehr Verarbeitung als Kreativität und Skills. Die Leute wissen schon längst, was ich draufhabe.

In „Racial Profiling“ rappt Sylabil Spill über rassistische Polizeikontrollen:

Hat sich der therapeutische Zweck erfüllt? Wie geht es Dir aktuell?

Jedes Mal, wenn ich einen Text beendet habe, war es natürlich ein Erfolg. Wenn ich die Songs jetzt höre, ist es jedes Mal ein emotionales Hochwürgen. Aber ich nehme das in Kauf. Hauptsache, ich schaffe es, Menschen zu sensibilisieren, darüber zu reden und es vielleicht irgendwann loszuwerden. Das ist mir lieber, als dass sich da irgendwas aufstaut. Ich will deswegen nicht irgendwann verhaltensauffällig werden.

In Deinem ersten Song „Sensible Inhalte“ geht es um die rechtsextremen und rassistischen Hackerangriffe, mit denen Du konfrontiert warst. Diese Attacken betrafen auch Dein Sportprojekt „Tracksrunner“. Haben Deine Athlet*innen auf den Song reagiert?

Es gibt eine unausgesprochene Regel zwischen mir und den Jugendlichen in dem Projekt: Wir reden nicht über mich und meine Musik. Natürlich kriegen die mit, was ich mache. Aber ich mache ihnen immer deutlich: „Ihr seid für mich die Stars. Ich stehe zu euren Diensten. Fertig.“ So versuche ich unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. Es geht darum, dass sie ein Gefühl der Wertigkeit haben. Sie stehen im Mittelpunkt des Projekts. Nicht ich. Von meiner Seite aus hat das bisher funktioniert.

In „Sensible Inhalte“ geht es um rassistische Hackerangriffe und tägliche Attacken:

„Manchmal habe ich mich als Kind geschämt, weil uns viele materielle Dinge gefehlt haben. Das war einfach unreflektiert und dumm.“

Du machst auf Deinem Album ein paar biographische Sprünge. Zum Teil gehst Du bis in Deine Kindheit zurück. In „Frau Rockstein“ berichtest Du von einer Situation mit einer Lehrerin, die Dich vor einem Jungen, der Dich rassistisch beleidigt hat, nicht in Schutz nimmt. Du begegnest ihr sehr selbstbewusst und eloquent. Kannst Du einen kurzen Hintergrund zu dem Song liefern?

Kinder können grausam sein. Ich wurde von einem Klassenkameraden aufgrund meiner Hautfarbe gehänselt. Dabei wurde ich emotional, handgreiflich, und habe ihm eine reingehauen. Besagte Lehrerin kam dann zu mir und hat mit mir geschimpft. Der andere, Felix, hat nichts abbekommen. Sein Argument war, dass sein Vater meinte, es wäre in Ordnung, wenn man Schwarze mit dem N-Wort bezeichnet. Die Lehrerin hat dieses Argument dann unmissverständlich bestätigt und mich getadelt. Sie sagte, „Farbige“ darf man so nennen.

Wie hast Du darauf reagiert?

Mein Patenopa hatte mich auf so eine Situation vorbereitet. Der sagte zu mir: „Schwarze Menschen sind nicht farbig. Ich bin farbig. Wenn ich mich stoße, wird meine Haut rot oder blau. Wenn ich friere auch beziehungsweise ich werde blass. Und wenn ich sterbe, werde ich höchstwahrscheinlich grau.“ All diese Dinge habe ich dieser Lehrerin an den Kopf geschmissen. Am Ende wurde ich rausgeschmissen und musste nach Hause. Dort habe ich von meiner Mutter nochmal Ärger bekommen. Sie wusste ja damals gar nicht, worum es eigentlich ging. Später hat sie sich bei mir entschuldigt. Ich bin froh, dass ich durch den Song die Worte von Opa Heinrich für die Ewigkeit gespeichert habe. Er hat mir echt was beigebracht. Möge seine Seele in Frieden ruhen.

In „Frau Rockstein“ erzählt Sylabil Spill von einer Schulsituation:

„Rassismus ist ein System, das Diskriminierung, Ausgrenzung, Zuschreibung fiktiver Eigenschaften und Privilegien auf der anderen Seite miteinander verbindet.“

Diese bildlichen Metaphern kann man sowohl Kindern, als auch Erwachsenen vorhalten…

Absolut. Deswegen ist das Video auch so kindlich gehalten. Es sollte die Situation aus der Sicht eines Kindes widerspiegeln und in diesem Kontext zeigen.

Ein anderer Song, der einen Teil Deiner Kindheit widerspiegelt, ist „Tantin Ma‘ Lucie“. Den hast Du Deiner Mutter gewidmet. Was waren die wichtigsten Werte, die Du von ihr mit auf den Weg bekommen hast?

Respekt, Durchhaltevermögen, Nächstenliebe und Toleranz. Stell dir vor, du musst als Achtjähriger deine sechsjährige Schwester von der Kita abholen und dann mit ihr zuhause warten, bis deine Mutter kommt. Und das jeden Tag. So erging es mir. Manchmal habe ich mich als Kind geschämt, weil uns viele materielle Dinge gefehlt haben. Privilegien, die wir nicht hatten, und ich habe das vor meiner Mutter kritisiert. Eigentlich habe ich lediglich wiedergegeben, was die Lehrer*innen gesagt haben. Und zwar, dass Putzfrauen kein Vorbild sein können. Das war einfach unreflektiert und dumm.

Den Song „Tantin Ma‘ Lucie“ widmete Sylabil Spill seiner Mutter:

„Mein Ziel ist es, Menschen dazu zu motivieren, selbst für eine faire Balance zu sorgen.“

Hier sprichst Du auch eine Form der Diskriminierung aufgrund sozialer Unterschiede an. Könnte man hier von einer doppelten Form der Diskriminierung sprechen?

Teilweise. Hier sollte man aber eine Trennung vornehmen. Rassismus ist eine traditionelle Praxis der Ausgrenzung, die in verschiedenen historischen Kontexten stattfand und weiterhin stattfindet. Er ist ein tiefgreifendes Machtinstrument, das hierarchisiert und Menschen mittels zugeschriebener, äußerer Merkmale entwertet. Das kann zum Teil sehr subtil ablaufen. Diskriminierung hingegen basiert für mich auf einer Basis offensichtlicher Umstände, die man sofort benennen kann wie sozialer Stand, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder auch Hautfarbe. Rassismus kommt deswegen zusammen mit Diskriminierung und feststehenden Privilegien für Weiße, da sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht ausgeschlossen werden. Insofern ist Rassismus ein System, das Diskriminierung, Ausgrenzung, Zuschreibung fiktiver Eigenschaften und Privilegien auf der anderen Seite miteinander verbindet. Als Weißer kannst du barfuß durch den Regen rennen, Trommeln spielen und mit Drogen dealen, ohne Stereotype angedichtet zu bekommen. Deswegen möchte ich dieses Thema auch besonders weißen Menschen ans Herz legen, damit sie ihre eigenen Privilegien erkennen und hinterfragen. Mein Ziel ist es, diese Menschen dazu zu motivieren, selbst für eine faire Balance zu sorgen.

Viele weiße Menschen tun sich erfahrungsgemäß damit schwer.

Das ist ein Problem sowie ein Resultat dieser Privilegien. Du hast die Möglichkeit, dich dumm zu stellen und zu sagen: „Versteh‘ ich nicht.“ Gleichzeitig wird Rassismus zum Problem einer anonymen Gruppe erklärt und deine Dummheit als solche nicht angesprochen. Es ist kompliziert für dich. Plötzlich musst du dir Gedanken machen über Sachen, über die du nie nachgedacht hast und die eigentlich selbstverständlich sind. Das ist wie, wenn du mir erklären müsstest, wie deine Stimme funktioniert. Sie ist einfach da. Aber versuch mal den technischen Aspekt zu erklären. So lässt sich das für mich bildlich erklären.

Während eines Krankenhausaufenthalts vernahm der Rapper rassistische Kommentare. Die Erfahrungen verarbeitet er in dem Song „Reise“:

„Es geht auch um die deutsche Geschichte und die Aufarbeitung der Kolonialzeit.“

Du machst auf Deinem Album einen Querschnitt durch die Gesellschaft und zeigst auf, dass Rassismus in allen Lebensbereichen stattfinden kann. Ein Bereich, mit dem Du Dich auch auskennst, ist der sportliche Bereich. Ein Fall im Fußball, der kürzlich bekannt wurde, ist der von Jens Lehmann, der Dennis Aogo rassistisch beleidigt hat. Bei solchen Debatten fällt auch oft der Begriff „Cancel Culture“, wenn es um wirtschaftlichen Ausschluss der Angeprangerten geht. Wie sollte man Deiner Meinung nach mit solchen Fällen umgehen?

Der Umgang mit Leuten, die sich solche verbalen Entgleisungen erlauben, sollte genau so brutal und schonungslos sein, wie er ist. Jens Lehmann ist ein erwachsener Mann und Multimillionär und er teilt nicht den selben Kosmos, wie du und ich. Offenbar hat er rassistische Tendenzen, die er in seinem Kosmos teilt. Man muss da anpacken, wo es weh tut: Jobkündigungen und öffentliches Bloßstellen. Man darf jemanden nicht öffentlich in Schutz nehmen, wenn er das Zusammenleben in der Gesellschaft derart gefährdet. Das passiert auch durch die Sprache. Das führt uns auch wieder zurück zu den Privilegien, denn du musst verstehen, welche psychische Gewalt du anderen Menschen antust. Demütigung, Hilflosigkeit, Trauer, Diskriminierung. Das alles findet statt. Und für so was muss der Schuldige die Rechnung zahlen, denn sonst bleibt die Gesellschaft in ihrer Entwicklung stehen.

Mit Deinem Album leistest Du einen Beitrag zu dieser Entwicklung.

Ich bediene mich lediglich meines Handwerks, weil ich merke, dass diejenigen, die sich eigentlich um diese Veränderung kümmern müssten, das nicht wirklich tun. Sie erkennen zum Teil das Problem gar nicht. Das hat nichts mit der kognitiven Intelligenz an und für sich zu tun. Dafür gibt es Rassismus schon viel zu lange. Das basiert auch historisch gesehen auf Bedürfnisbefriedigung. Und genau so muss man das den Leuten erklären. Von der Wurzel an. Es geht auch um die deutsche Geschichte und die Aufarbeitung  der Kolonialzeit. Zum Beispiel der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908. Wie viele Deutsche kennen diese Geschichte überhaupt? Auch für diese Themen möchte ich meine Plattform nutzen.

Was wünschst Du Dir persönlich für die Gesellschaft, wozu auch Dein Album OKAPI beitragen sollte?

Ein faires Miteinander und Selbstreflexion. Punkt.

Sylabill Spills Album OKAPI ist am 6. Mai 2021 digital und am 28. Mai physisch erschienen. Hört hier OKAPI im Stream:


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