Kritik

„Bright“ auf Netflix: Nicht sehr helle

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Der Streaming-Riese Netflix hat (mal wieder) ein gutes Jahr hinter sich. Die Abonnenten sind auf mehr als 100 Millionen weltweit angestiegen, mit „Dark“, „The Crown“, „Mindhunter“ und „Suburra“ konnten neue Serien-Hits in verschiedenen Ländern produziert und weltweit erfolgreich vermarktet werden. Netflix geht es anscheinend dermaßen gut, dass der Konzern sich nun zu Weihnachten 2017 einen eigenen Blockbuster gönnt. Regisseur David Ayer wurde eingekauft, ohne Rücksicht auf Verluste und mit 100 Millionen Dollar ausgestattet darf er Will Smith inszenieren.

Netflix weiß sehr wohl, dass keiner der Nutzer nach einem großen Action-Blockbuster gefragt hat. Der Streaming-Dienst wird meist sowieso für Serien genutzt, die zugekauften Filme von anderen Studios hielten die Zuschauer bisher gut bei Laune. Vereinzelt haben von Netflix produzierte Filme für Gesprächsstoff gesorgt, zuletzt „Mudbound“, „Okja“ und „The Meyerowitz Stories“, die Filmsparte des Konzerns interessiert gefühlt aber nur die Fachpresse.

„Bright“: Trailer

Bright | Official Trailer | Netflix auf YouTube ansehen

Vielleicht ist „Bright“ (ab dem 22. Dezember verfügbar) deshalb ein Film fürs Ego. Reed Hastings, Netflix-CEO, wird ihn seinen Kunden durch permanente Startseitenplatzierung und die bereits angelaufene Werbekampagne solange aufdrücken, bis ausreichende Millionen von Kunden „Abspielen“ gedrückt haben werden. Irgendwann feiert sich Netflix dann wahrscheinlich mit stolzen Meldungen wie „Bright ist der meist gesehene Netflix-Film aller Zeiten“ – oder so ähnlich. Das alles wäre überhaupt nicht schlimm, wenn David Ayer einen auch nur ansatzweise guten Film gedreht hätte. Hat er aber nicht.

Vergoldete Leitplanken als Zeichen für Reichtum

„Bright“ ist sich selbst egal: Die Parallelwelt, in der er spielt, dient nur als Videospiel-Level für Will Smiths 90er-Coolness und blutige Action. In einem fantastischen Los Angeles leben Menschen, Orks und Elfen gemeinsam auf den Straßen. Die Orks, die vor Ewigkeiten mal einen großen Krieg angezettelt haben, sind das Prekariat, die Menschen sind die Normalos, die mit Ressentiments gegenüber den Orks unangenehm auffallen. Und dann sind da noch die Elfen, die relativ schnell den kreativen Bankrott zu Tage fördern, unter dem „Bright“ leidet. Die Elfen sind nämlich reiche Snobs, Leben in einem der noblen Stadtteile. Ayer fällt nichts Besseres ein, also gibt es im Elfen-District vergoldete Leitplanken auf der Straße.

Solche Design-Entscheidungen spiegeln den Anspruch des Films gut wider, die vermeintlichen Metaphern für Rassismus und die Schere zwischen Arm und Reich wirken auf dem Papier vielleicht smart, im Film sind sie aber nur schmückendes Beiwerk für Will Smith, einem ehemaligen Zuschauermagneten auf der verzweifelten Suche nach der ganz großen Show. Smiths jüngste Kinofilme waren allesamt Enttäuschungen. Beim Superhelden-Chaos „Suicide Squad“ traf er auf Regisseur Ayer, der nach dem gemeinsamen Debakel auch froh über ein Engagement bei Netflix sein dürfte. Immerhin schauen die Kritiker bei Netflix nicht ganz so genau hin, nervige Einspielergebnisse und Besucherzahlen gibt es auch nicht.

Schlitzt in „Bright“ viele Kehlen auf: Noomi Rapace.

Die gewonnene Freiheit nutzen Ayer und Smith nun für eine Zeitreise in bessere Phasen ihrer Karrieren: Ayer hat 2001 das Drehbuch zum Cop-Meisterwerk „Training Day“ geschrieben, nun kopiert er schamlos einen Schlüsselmoment von damals, die meisten Netflix-Nutzer haben sein altes Glanzstück hoffentlich nicht gesehen. Will Smith darf hingegen noch einmal „Bad Boy“ sein, ist ein Polizist mit großer Klappe, großem Herzen und viel Feuerkraft. Sein Partner ist hier Joel Edgerton, der sich allerdings hinter einer Ork-Maske versteckt und unerkannt bleibt, was ihn zum großen Gewinner des Films macht. Smith und sein Ork-Kollege fahren auf Streife und pulverisieren jeglichen Anspruch, die Rassismus-Metaphern dieser Welt auszuloten in dem Moment, in dem ihnen ein Zauberstab in die Hände fällt. Dieser sei „eine Atombombe, die Wünsche erfüllt“ und sorgt dafür, dass die Cops nun eine Nacht lang um ihr Überleben kämpfen müssen. Und dabei natürlich mit der Knarre die Welt retten.

Schablonen und Brüste

Gejagt werden sie von bösen Elfen, menschlichen Gangs, Ork-Clans, korrupten Cops und weiteren Schablonen. Nach einer halben Stunde startet „Bright“ mit jedem Schauplatz eine neue Schießerei, auch weil Ayer mehr Lust auf Kugeln statt Magie und Drama hat. Will Smith One-linert sich durch den Film, Ayer wirft mit Zeitlupen um sich und die Action befriedigt diejenigen, die eine rassistische Fantasy-Welt nur dann interessant finden, wenn sich dann auch bitte alle Parteien gegenseitig erschießen oder die Kehlen aufschneiden.

„Bright“ hätte ein interessanter Film werden können, das Ausgangsszenario ist gut. Aber Ayer und Smith veranstalten größtenteils nur ein generisches Wettschießen, in das Special-Effects, Blutfontänen und nackte Brüste herein gequetscht werden. Laut Netflix wollen die Kunden genau so etwas sehen, weshalb „Bright“ nun zum Mega-Event der Festtage hochvermarktet wird. Als Kunde darf man sich dadurch gern beleidigt fühlen.

 

„Bright“ ist ab dem 22. Dezember 2018 auf Netflix verfügbar. Mittlerweile hat Netflix bereits verkündet, dass der Film auch eine Fortsetzung erhalten soll. Starttermin etc. stehen aber noch nicht fest. 

https://www.musikexpress.de/neu-auf-netflix-das-sind-die-highlights-im-dezember-2017-975967/

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