Spezial-Abo

Meinung

Aus diesen Gründen ist Netflix eigentlich ziemlich scheiße

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Lange wurde es herbeigesehnt, im September 2014 war es dann so weit: Netflix expandierte nach Deutschland. Bald darauf bingte man sich unter anderem mit „House of Cards“ durch die Woche und fühlte sich ziemlich schnell glückselig eingelullt. Endlich eine Folge der Lieblingsserie nach der anderen schauen, ohne Werbung, ohne Pause. Mittlerweile ist die Streaming-Plattform so etabliert wie Zuckerguss auf Donuts. Schließlich bekommt man beim Kauf eines Fernsehers auch gleich die App mitgeliefert – ob man nun ein Abo dafür hat oder nicht. Kein eigenes Denken mehr nötig. Auch bei den Golden Globes wurden zuletzt jede Menge Netflix-Eigenproduktionen nominiert und einige gewannen auch in wichtigen Kategorien. Aber so toll das alles mal klang und nun immer noch oberflächlich aussieht – Netflix ist bei genauerer Betrachtung ziemlich ätzend.

1. Vielfalt? Fehlanzeige!

Es geht schon bei dem Trugschluss los, dass man hier eine enorme Auswahl an internationalen Filmen und Serien bekommen würde. Für viele sind DVD- beziehungsweise Blu-ray-Käufe oder sonstige Leihmöglichkeiten überflüssig geworden, da sie ja dank Netflix beständig mit neuen Titeln bedacht werden. Doch tatsächlich haut der Service vor allem Eigenproduktionen raus. Und das in hoher Taktung: Für 2018 wurden bereits 80 neue angekündigt.

Ist man aber auf der Suche nach Filmklassikern wie „Citizen Kane“, „Kramer gegen Kramer“, „Teen Lover“ oder etwa „Ghostbusters“ so schaut man hier ohne Erfolg. Wer sich Werke angucken möchte, die bei den Oscars den Preis in der Königskategorie „Bester Film“ abgeräumt haben („The Artist“, „The King’s Speech“, „Argo“), der braucht gar nicht erst das Suchfeld anklicken.

Netflix bietet eben immer noch vor allem Serien an. Nur HBO-Highlights wie „Game of Thrones“ und „Girls“ kann man hier trotzdem nicht abrufen. Und so schiebt man sich eine Eigenproduktion nach der anderen rein – halt immer das, was gerade ganz oben am aggressivsten angeteasert wird. Aber da sind wir schon beim nächsten Problem.

2. Billigproduktionen in Hülle und Fülle

So schnell die Plattform auch den neuesten Krams veröffentlicht, so schlecht produziert sieht der oft aus. „Little Evil“ mit Adam Scott in der Hauptrolle hat das Aussehen eines Vorabendfilms des rbb, bei dem in letzter Minute der Cutter und die gesamte Produktion abgesprungen sind. „XOXO“ ist kein romantisch-hippes Partyfilmchen, es ist der Tagtraum eines Yuppies, der kurz auf der Toilette weggesunken ist – und dazu hat das Ganze auch noch eine unterirdische Synchronisation. Aber die ist ja sowieso ein Alleinstellungsmerkmal von Netflix.

Bezeichnend ist der Vier-Filme-Vertrag von Adam Sandler. Der haut ein laues Lüftchen nach dem anderen exklusiv bei Netflix raus, weil das nun mal 2014 so festgezurrt wurde. Visuell und inhaltlich geht das alles gar nicht – aber Qualität ist oftmals ja egal. Der Streaming-Dienst ist absolut zahlengetrieben und da man irgendwann mal entdeckte, dass Sandler – egal wie schlecht er ist – regelmäßig angeklickt wird, musste da halt ein ganz besonderer Deal her. Zahlen gehen also immer sehr deutlich über Qualität. Das bringt uns zum nächsten Punkt:

3. Netflix saugt unverfroren persönliche Daten auf

Kurz vor Weihnachten 2017 wurde es richtig gruselig. Da twitterte Netflix „To the 53 people who’ve watched A Christmas Prince every day for the past 18 days: Who hurt you?“ Was folgte, war nur logisch: Es gab einen Aufschrei. Allgemeinhin fanden Kunden das wenig lustig, sondern eigentlich nur beängstigend. Keiner der Nutzer wollte so genau wissen, dass man seine Gewohnheiten minutiös ausspionierte. Doch nur so schafft es der Anbieter zu entscheiden, was als nächstes eingekauft oder in Auftrag gegeben wird.

Dabei geht es nicht um eine liebevolle Kuration, sondern schlichtweg um mehr, mehr, mehr. „Gilmore Girls“ und „Full House“ liefen irgendwann mal saugut? Na dann werden eben extrem schnell neue Folgen der Serien entwickelt – inklusive liebloser Drehbücher. Whatever works. Das Befinden der Zuschauer und die Qualität sind dabei völlig egal. Raus muss, was schon gut funktioniert hat.

4. Keine Rücksichtnahme

Für Filmliebhaber gibt es noch einen weiteren, herben Schlag: Netflix hat so viel Geld, dass es sich selbst große Kinofilme exklusiv sichern kann. So exklusiv, dass sie dann in etlichen Ländern gar nicht erst auf der Leinwand laufen und direkt in der Mediathek verenden. Dafür ist der neueste Film mit Natalie Portman ein gutes Beispiel. Der Trailer zu „Auslöschung“ machte richtig Bock auf den gesamten Sci-Fi-Streifen von Alex Garland, der schon mit „Ex Machina“ begeisterte. Und nun wird der Film aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Europa im Kino laufen, weil sich Netflix die Rechte gesichert hat. Ein Großteil der Atmosphäre dürfte damit flöten gehen.

All diese Punkte machen klar, dass Netflix sicher nicht an einem Fair Play oder gar dem Wohle des Filmemachers und Kinoliebhabers interessiert ist. Filme und Serien werden hier zu einem Wegwerfprodukt, für das es sich nicht lohnt, viel Zeit und Mühe zu investieren. Alles lässt sich schnell gucken und wieder vergessen – oder eben aus Ungeduld abbrechen. Selbst die filmischen Höhepunkte verlieren sich aufgrund des von Netflix geförderten Bingens in einem andauernden Okay-Gefühl.

5. Es wird hauptsächlich veröffentlicht, was polarisiert

Am Ende ist für Netflix entscheidend, worüber gesprochen wird. Dass „Bright“ mit Will Smith letztlich überhaupt nicht den Erwartungen gerecht werden konnte, ist somit nicht relevant. Hauptsache ist, dass darüber geredet und der Inhalt dadurch gut geklickt wird. Dank des Hypes und permanenter Startseitenplatzierung konnte bereits ein Häkchen hinter „Bright“ gesetzt werden, auch wenn das Prestigeprojekt an sich Schrott war.

Und so läuft auch die Kuration des Video-On-Demand-Services: Der Inhalt, der gerade am aktuellsten und am meisten polarisierend ist, wird durch Mundpropaganda und schlechte Websiten, die sich wie die Marketing-Abteilung von Netflix verhalten, weiterempfohlen. Doch das hat nichts mit Vielfalt und Qualität zu tun. Es wird das geschaut, was am lautesten brüllt.


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