Bruce Springsteen – Worchester, Centrum


Die Songs, die seil nun schon zehn Jahren das Fundament unserer Konzerte bilden, liefen Gefahr, zu Klischees zu erstarren. Es war an der Zeit, einen Einschnitt zu machen.“

Der Start seiner „Tunnel Of Love“-Tournee an der amerikanischen Ostküste bewies, daß es Springsteen mit seiner Ankündigung ernst meinte. Zwar hatte er den ursprünglichen Plan, nur mit akustischen Instrumenten aufzutreten.

letztlich wieder verworfen („Das wäre wohl doch zu kopflastig geworden“); Auswahl und Präsentation des Materials aber machten deutlich, daß die „Born To Surf“-Tage endgültig der Vergangenheit angehören. Statt überschwenglicher Hymnen und großer, bisweilen pathetischer Gesten sah man über weite Strecken einen leisen, zurückhaltenden Springsteen und hörte schicksalsschwangere Balladen über die Fallstricke der Liebe.

„Das Schwierigste in den vergangenen zehn Jahren war für mich die Erfahrung. Verantwortung übernehmen zu müssen“.

gesteht der 38ja’hnge Springsteen während des Eröffnungskonzertes in der Industriestadt Worcester. So wundert es denn auch nicht, daß der Tenor seiner Texte sich grundlegend verschoben hat: Nicht mehr von Ausbruch und der Suche nach Freiheit ist die Rede, sondern von den Zwängen der Realität. Selbst seine Liebeslieder sind keine mehr, sondern eher Grübeleien über die Liebe.

Diese Songs dominieren die erste. 75 Minuten lange Konzerthälfte. Springsteen, schwarzer Anzug, weißes Hemd. Cowboystiefel, ganz das Ebenbild des neuen LP-Covers, betritt die in Jahrmarktsatmosphäre mit Luftballons und Pappbude dekorierte Bühne. In der Hand ein Strauß roter Rosen.

„Seid ihr bereit für unsere Verabredung?“, ruft er den 13000 Zuschauern zu und wirft die Blumen ins Publikum. Was folgt, ist der Blues in allen seinen Schattierungen: acht Songs von der aktuellen LP ebenso wie „Seeds“. ein Song über Tagelöhner, die durch die texanische Ölkrise arbeitslos wurden. Oder aber das mit Sängerin Patti Scialfa voll stiller Eindringlichkeit gesungene Duett „Brilliant Disguise“. Kaum live gehörte Songs der B-Seiten, etwa „Be True“ aus dem Jahre 1981, sind zu hören oder „Roulette“, ein donnernder Protest gegen Atomkraft, oder aber fast schon vergessene Titel wie „Raise Your Hand“ und „1Oth Avenue Freezeout“.

Patti Scialfa ist eine weitere große Überraschung dieser Tournee: Stand sie beim letzten Mal noch völlig im Schatten des großen Meisters. Tambourine schwingend und Background singend, so entpuppt sie sich diesmal als echte musikalische Bereicherung, teilt sich des öfteren das Mikrofon mit Bruce und verstärkt immer wieder die (personell unveränderte) E-Street Band auf der Gitarre.

Den gelegentlichen Einsatz einer fünfköpfigen Bläser-Sektion kann Springsteen indes nicht auf der Haben-Seite verbuchen: Die von ihr gesetzten Akzente bleiben blaß und unorganisch.

Die zweite Hälfte erfüllt dann eher die Erwartungen der anfangs leicht irritierten Springsteen-Fans: eine Rock’n’Roll gefüllte Stunde voll Humor und knochenhartem Rock. Und auch als Zugabe läßt der Boß es noch einmal richtig krachen, etwa mit einer fetzigen Rockabilly-Version von „You Can Look (But You Better Not Touch)“. von Springsteen und Saxophon-Riese Clarence Clemens auf einer Parkbank sitzend als Reminiszenz an vergangene Junggescllcntage dargeboten. Oder mit „Part Man, Part Monkey“, einer Verteidigung Darwinscher Theorien im Reggae-Rhythmus.

Eine Veralberung von Amerikas bigotten Fernsehpredigern gibt’s als Einleitung zu „I’m A Coward When It Comes to Love“: Elvis Presley wäre stolz gewesen auf Springsteens Versionen von „Can’t Help Falling in Love“ und „Love Me Tender“, und für die Zugaben gräbt der Boss selbst die wild-wüste „Rosalita“ wieder aus und röhrt sich im besten Kehlkopfknurren durch ein Soulmedley von Oldies wie „Devil With A Blue Dress On“, „Shake“ oder „Sweet Soul Music“. Natürlich darf „Dancing In The Dark“ ebensowenig fehlen wie das unvermeidliche „Born In The U.S.A.“.

Die USA jedenfalls bereiten dem vor bemuskeltem Bizeps schier aus dem Jackett platzenden Bruce einen hysterischen Empfang. Alle Konzerte waren binnen weniger Stunden ausverkauft; die Schwarzmarktpreise kletterten bis zu den schwindligen Höhen von 800 Dollar. Pro Ticket wohlgemerkt!

Wenngleich der „Tunnel Of Love Express“ über lange Strecken mehr einem Bummelzug als einem rasenden lnicrcily gleicht: Er hat noch immer Tempo genug, um das Publikum spontan von den Sitzen zu reißen.