Interview

Chris Neuburger von Slut im Interview: „Ich bin ein mentaler Nomade“

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Stillstand ist nicht so das Ding von Slut. Lieber immer mal etwas anderes probieren, bloß nicht bei der Indie-Noise-Soundwelt hängen bleiben, in der sie sich Mitte der Neunziger erstmalig einen Namen weit über Ingolstadt hinaus machen konnten. Über die Jahre wandten sie sich mehr dem Pop und dessen schier unendlichen Klangfarben zu, bis sie mithilfe von Synthie-Einsätzen weiter eine eigene Definition davon dehnten. Mit dem 2013er-Album ALIENATION war ihnen dann der Ausbruch aus gelernten Konventionen noch einmal in verfeinerter Version gelungen. Und dann? Dann kam die Stille. Klar: Touren, dies das, könnte man jetzt schon noch aufzählen. Aber eben das erwartete „Und dann“ folgte erst mal nicht.

Bis sie mit dem Stück „For The Soul There Is No Hospital“ im April 2020 einmal vorsichtig um die Ecke winkten. Erst jetzt erscheint ein neues Album von Christian Neuburger (Gesang & Gitarre), Rainer Schaller (Gitarre), Gerd Rosenacker (Bass) und René Arbeithuber (Keyboard). TALKS OF PARADISE ist ihre neunte Platte, und trotzdem irgendwie ein Neuanfang. Oder etwa nicht? Wir haben dafür bei Sänger Chris Neuburger nachgefragt.

Musikexpress: Macht so ein Album-Release noch was mit Dir? Wirst Du nervös?

Chris Neuburger: Das ist kein leichter Zeitpunkt, das muss ich schon ehrlich sagen. Ich weiß wie wichtig das Loslassen ist, aber eigentlich wollte ich noch weitermachen und schauen, welche völlig anders geartete Phasen als nächstes folgen würden. Diese Bremse, die ein Release-Termin mit sich bringt, die gefällt mir gar nicht.

Als wärst Du mitten in einem Satz unterbrochen worden?

Ja, genau. Ich habe auch schon mit den anderen geredet, ob wir nicht gleich weitermachen könnten und keiner ist abgeneigt.

Wieso sollte man sich überhaupt selbst stoppen, wenn es doch mal läuft?

Sobald man keinen Kessel Buntes mehr hat, sondern um die zwölf seelenverwandte Stücke, sollte man schon einen Cut machen. Da gibt’s leider nichts mehr zu verlängern, weil sonst der Zeitpunkt der Magie wegkippt.

Das Musikschreiben und Aufnehmen muss also in einem Rauschzustand durchgezogen werden?

Das trifft es ganz gut. Es verwundert uns trotzdem jedes Mal aufs Neue im Nachhinein, dass es so lange dauert, bis man in diesen Rausch verfällt und diesen dann wiederum Song für Song für fast ein Jahr aufrechterhalten kann.

Du bist zusammen mit Rainer Schaller für eine Woche nach Athen gereist, um nach der langen Pause mal wieder gemeinsam an neuer Slut-Musik zu arbeiten. In Eurem Pressetext klingt dieser Flug nach Griechenland extrem essentiell, aber war es das auch wirklich?

Wenn Athen nicht gewesen wäre, hätten wir eine andere Art der Initiation finden müssen, aber mit dieser hätten wir nicht so schnell einen Erfolg erzielt. Und wenn der Lockdown nicht gewesen wäre, hätten wir noch weiterreisen können. Wobei es auch nicht so schlimm war, dass wir das letztlich doch nicht konnten, denn Unterwegssein bezieht sich nicht nur auf die physische Verortung, sondern auch auf die geistige. Wenn man bereit ist, sich mit einem Album auch im Kopf auf eine Reise zu begeben, kann man viel erleben – aber auch so viel bewegen. Nur mussten wir uns erst mal selbst in Bewegung setzen, um etwas bei uns bewegt zu kriegen.

Beim Reisen wird mir zu oft davon ausgegangen, man würde als jemand ganz anderes zurückkehren. Letztlich ist es doch einfach nur eine Luftveränderung, ein Versuch des Ausbruchs aus dem Alltag.

Für mich gehört das Unterwegssein dazu. Ich muss mich bewegen, auch wenn das nicht physisch sein muss. Aber dass dann ein gewisser Lerneffekt eintritt und man verändert zurückkommt, daran glaube ich schon. Mein optimaler Aggregatzustand ist ein flüchtiger und kein konstant gleicher. Im Laufe des Lebens habe ich schon so ein gewisses mentales Nomadentum bei mir festgestellt.

Wenn Du so einen Hang zur Veränderung hast, frage ich mal ganz platt nach: Wieso musste es dann jetzt unbedingt ein neues Slut-Album sein? Warum nicht ein ganz anderes Projekt an dieser Stelle?

Ich würde mich komplett verunsichert fühlen, wenn ich ohne die anderen etwas anpacken müsste. Bei aller Experimentierfreudigkeit ist das Setting an Menschen, mit denen ich schon so viel Zeit verbracht habe, immens wichtig. Das ist das Mindestmaß an Vertrautheit, das ich brauche, um Springen zu können. Wobei ich ehrlich gesagt noch nie probiert habe, mit irgendjemand anderem als den vier Buben Musik zu machen. Selbst wenn ich alleine Musik für Theaterstücke oder so was gemacht habe, passierte das nicht ohne mindestens einen aus der Band zu fragen, ob das einigermaßen okay ist. Also alles loslassen, in Frage stellen und über Bord werfen, würde für mich nicht funktionieren. Dann befindet man sich ja in einem freien Fall und wo man dann aufschlägt, das weiß ich wirklich nicht.

Slut 2021

Wie kam es dann überhaupt zu der langen Auszeit? Immerhin kam ALIENATION vor acht Jahren heraus.

Wir haben alle gemerkt, dass der Platte-Tour-Zirkus ein bisschen zu lange ohne Unterbrechung andauerte. Wir wollten wieder ein bisschen Abstand dazu gewinnen und schauen, wann wir wieder bereit für neue Musik sind.

Und dann habt Ihr auf TALKS OF PARADISE gleich mal die Instrumentierung sich vordrängeln lassen.

Ja, ich schätze, wir haben da noch eine weitere Stimme auf dem Album, was aber nicht vorsätzlich war. In den Flieger nach Athen passte nun mal nur ein begrenztes Instrumentarium. Aber vor Ort fanden wir es super, nicht einfach einen Verstärker anschalten, eine Gitarre um den Hals schnallen und loslegen zu können. Das ist auch ein wichtiger Teil der Reise gewesen: Wir lernten, dass wir nicht auf das, was wir früher gemacht haben, angewiesen sind. Es tat gut viele Kilometer entfernt vom Bekannten zu sein und sich den neuen Situationen und Voraussetzungen auszusetzen. Wir haben dadurch festgestellt, dass ein Instrument etwas Sekundäres ist. Man erreicht etwas – was als Vehikel diente, war uns dabei egal. Die Maßgabe von jedem Tag in Athen war, das wir am Abend irgendetwas haben mussten, was uns verdutzt dreinschauen ließ.

Das klingt so, als seien Gitarren überbewertet.

Naja, als wir Zuhause weiter an den Songs gearbeitet haben, kleisterten wir die Stücke natürlich wieder mit allen Gitarren, die bei uns rumstanden, zu. Bis wir diese Wall of Sound hatten, von der wir im Proberaum merkten: Die müssen wir ein weiteres Mal einreißen … Wir wollten uns selbst beweisen, dass Lautstärke, Drastik und eine gewisse Dramaturgie auch ohne den Rückgriff auf die Gitarre funktioniert.

In der ME-Rezension werdet Ihr nun sogar mit The Weeknd verglichen. Wie offen seid Ihr denn für derartige Einflüsse gewesen?

Wir haben uns diesmal wahnsinnig viel Musik vorgespielt und auch eine große Spotify-Playlist gepflegt, mit allem, was uns gerade interessierte. Zum Beispiel afrikanische Musik mit Polyphonie. Nur Gitarrensongs waren extrem in der Unterzahl.

Wie steht es in Deinen Augen um die deutsche Rockmusik? Ganz plakativ gefragt: Ist da gerade ein bisschen die Luft raus?

Ich kann nur sagen, dass es für mich aktuell keinen Grund gibt, Rock-Musik zu machen, wenn ich selbst keine höre. Also ich muss da direkt an das Breitbeinig-Rockige denken, an diesen Festival-Rock, der sehr stark in den 2000ern verbreitet war. Der interessiert mich nicht mehr. Viel spannender finde ich die Versuche von tollen jungen Bands, das Genre für sich neu zu definieren. Sei es jetzt aus der Indie-Ecke inspiriert, sei es mit vielen Achtziger-Klängen drin oder der Rückbezug auf Postpunk und Joy Division. Das alles gemischt, neu bewertet und gespielt, ist doch viel interessanter als diese sogenannte harte, handwerkliche Gitarrenarbeit, die ja dann doch immer wieder auf dasselbe Ergebnis hinausläuft. Ich finde besser, wenn man das, was Rock ausdrückt, anders hinbekommt.

Auf Eurem Instagram-Kanal habt Ihr Ende 2020 ein Foto von Euch auf Stefan Raabs Couch und dem Bundesvision Song Contest geteilt, bei dem Ihr 2005 für Bayern mit dem Song „Why Pourquoi“ angetreten seid. Was holt so ein Throwback für Gefühle bei Dir hervor?

Wenn es dieses Foto nicht gäbe, dann hätte ich das schon wieder vergessen. Bilder wie diese, die jetzt wieder auftauchen, die bestärken eigentlich nur eines bei mir: Ich spüre noch intensiver, was für ein völlig anderes Leben das war. Und dass das vorbei ist. Ich bin keiner, der dem nachtrauert oder darüber in Nostalgie verfällt, wie toll das doch alles war. Wie man da gepusht, gezeigt, hofiert wurde. Ich denke nicht unbedingt gerne an gewisse Sachen zurück, weil ich sie eh nur als notwendiges Übel empfand.

Aber so ein Bundesvision Song Contest ist doch mittlerweile sicher für einen Gag gut.

Das war wirklich enorm peinlich. Danach haben wir uns darauf geeinigt, dass wir nur noch etwas mit Überzeugung machen und andere Sachen lieber ganz sein lassen. Da führen wir viel lieber ein Nischendasein und bringen ein Nischenprodukt heraus.

Wenn Du von Peinlichkeiten sprichst: Ist es nicht das Beste, dass einem mit der Zeit viele Dinge einfach nicht mehr peinlich sind?

Ja, gerade wenn man das Neinsagen gelernt hat. Und man macht alles mit der Zeit etwas bewusster, weshalb es definitiv immer weniger peinliche Situationen gibt. Aber wir mussten schon ein-, zweimal hart aufgeschlagen und auf Tuchfühlung mit der Realität gehen, um uns besser zu sortieren. Wir haben einfach vieles mitgemacht, weil wir dachten, irgendwas wird uns schon passieren damit. Jetzt reflektieren wir noch mehr, bevor wir etwas zusagen. Durch unseren relativ jungen Produzenten [Fabian Isaak Langer, Anm. d. Red.] bekomme ich manchmal mit, wie aufgeräumt dagegen neue, junge Bands sind. Da gibt es nicht mehr diese ganzen Fantastereien vom großen Rockstar-Leben, was uns ja immer auch so ein bisschen in Aussicht gestellt wurde. Ich finde es so sympathisch, dass die jetzt nachfolgenden Musiker*innen-Generationen so weit weg von solchen Träumereien sind!

TALKS OF PARADISE von Slut ist am 18. Juni 2021 erschienen.

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