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Popkolumne, Folge 119

Fußballsongs verbieten! – Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

LOGBUCH KALENDERWOCHE 16/2021

Vom ausgefallenen Frühling in den Hochsommer, vom Lockdown direkt zum Public Viewing. Diese Tage fühlen sich ein wenig so an, wie wenn man schläfrig im Supermarkt in der Schlange zum Bezahlen ansteht – und plötzlich gehen weitere Kassen auf, alle sind in Aufruhr, man kriegt aber so schnell gar nicht alles aus dem Wagen, wie das Band auf einmal läuft, die Geldbörse klemmt, die anderen drängeln schon … hey, war nicht eben noch alles so ruhig?!

Ansonsten lief ein erster öffentlicher Talk im Moloch Twitter mit meinen Kolleginnen Soethof/Irmschler. Eine Art Clubhouse für die Tweet-Comedians wurde dort aufgestellt. Wir sprachen dort zu dritt kurz vor dem legendären Deutschlandspiel gegen Frankreich – und zwar über Britney Spears und Billie Eilish. Lief gut, viele User:innen sparten sich wegen Soethofs aufwändiger Abschiedsworte sogar die Hymne und den begeistert an seinen Fingern riechenden Jogi, nur um bei uns noch dranzubleiben.

RENTEN-NULLRUNDE DER WOCHE (I): DIESER EDM-DUDE feat. DIE LIEBEN OPIS VON U2

Wenn man nach geschätzten 15 Sekunden zu dem Browser-Fenster eines YouTube-Videos zurückkehrt (dessen vorgeschaltete Werbung man nicht wegklicken konnte) und erstmal nicht weiß, „läuft noch Reklame oder sind diese Feelgood-Schnipsel im Gegenlicht bereits mein angewähltes Musikvideo?“, dann haben den Clip wohl die Big Styler der UEFA gedreht. Der offizielle EM-Song verbindet das geriatrische Elefanten-Gedächtnis des Pop (U2) mit der deformierten Gegenwart, also dieser stadionfüllenden Electronic Dance Music (Martin Garrix).

Das Ergebnis eint Jung wie Alt. Alle finden es ätzend.

Ein infernalisches Nichts, das nicht nur die Angst nährt, bald könnten Algorithmen selbst Stücke zusammenbasteln, sondern noch schlimmer: dass sie es bereits tun!

Denn wenn dieser radioaktive Marktforschungs-Pop hier kein Test ist, dann wird Musik in diesem Jahrzehnt wirklich noch zu einem ähnlich großen Problem wie der Klimawandel werden. Einzig der Refrain des zusammenurinierten Un-Textes besitzt irgendwie etwas Philosophisches: „We are the people, we’ve been waiting for“ klingt zumindest nach Blumfeld auf „Verstärker“: „Dann geh ich raus und kieke / Und wer steht draußen: icke“

RENTEN-NULLRUNDE DER WOCHE (II): THE KILLERS feat. BRUCE SPRINGSTEEN

Wenn Brandon Flowers mit seinen Killers mittlerweile selbst die Anmutung eines Bruce Springsteen übernommen hat, wie wird man ihn dann eigentlich von seinem Idol unterscheiden, sollten beide mal ein Duett aufstellen? Mit dem Stück „Dustland feat. Bruce Springsteen“ kommt diese Woche die Lösung. Der Boss klingt dann halt einfach wie Joe Cocker. So einfach kann auch nur erdiger Rock sein!

Timon Karl Kaleyta, Selbstporträt mit Dr. Helmut Kohl

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: TIMON KARL KALEYTA @Bachmannpreis

Seine Band hatte vor zehn Jahren einen kleinen Hype. Susanne Blech hieß sie. Ich persönlich fand sie allerdings einigermaßen lausig, auf mich wirkten sie wie der geschäftstüchtige BWLer-Rip-Off von Frittenbude oder Supershirt, am schlimmsten war dieses Pressefoto, wo die ganze Band 3-D-Brillen trägt und einer Frau auf einem gynäkologischen Stuhl zwischen die Beine blickt. Das Ganze schien eine leidlich erfolgreiche Uptempo-Fußnote der hiesigen Dancefloor-Geschichte zu sein, deren Hype sich auch bald wieder legte. Ich jedenfalls vergaß Susanne Blech wieder.

Eine Dekade später: Als ich schon halb durch das gerade erschienene Buch „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ (Piper) gekommen bin, bin ich ernsthaft verstört von der betörenden Schreibe und der hoffnungslos narzisstischen Hauptfigur. Darf man überhaupt so pointiert formulieren und so ungewöhnlich plotten? Die Faszination jedenfalls, die von dem Buch ausgeht, ist einfach zu groß: Ich muss jetzt googeln, wer dieser Typ (also der Autor) eigentlich ist…

Um Himmels Willen, es ist der Sänger von jenen einst von mir geschmähten Susanne Blech?
Auch schon wieder interessant. Muss die Geschichte der Zehner Jahre wohl noch mal ganz von vorn aufrollen. Alte (und neue!) Susanne-Blech-Videos schauen, das Buch weiterlesen – und schließlich zu folgendem Schluss kommen: Hä?

Wie vorhersagbar und schematisch Literatur ist, merkt man erst, wenn wirklich mal alles auf dem Kopf steht. Wie hier. Narziss und Parzival werden in einer Art hypersensibler Helmut-Kohl-Fan zusammengedacht. Das Ergebnis ist gleichsam Schöngeist und Monster. Lesenswerter als „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ jedenfalls sind höchstens noch Zettel, auf denen „Ich liebe dich“ steht und die einem Fremde zustecken. In Ermangelung dessen empfehle ich dieses Buch, dessen Außergewöhnlichkeit auch anderen nicht verborgen geblieben ist: Timon Karl Kaleyta ist diese Woche Teilnehmer beim Ingeborg-Bachmann-Vorlese-Wettbewerb. Darüber habe ich mit ihm gesprochen.

Timon, Du bist beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb dabei: Überwiegt die Begeisterung, dass dem so ist oder eher der Frust, dass Du nicht diese Klagenfurt-Experience kriegst – weil wegen Corona auch dieses Jahr alles bloß digital abläuft?

TIMON KARL KALEYTA: Ich war bereits 2018 als Reporter für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ beim Bachmannpreis und kann sagen: Es ist wirklich so schön, wie alle sagen. Morgens mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages und am Abend nach schweren Stunden der Literatur, schwamm ich vergnügt in den türkis-blauen Fluten des Wörthersees und sog jeden Moment davon auf. Dass ich in diesem Jahr nicht vor Ort sein muss, passt mir zwar zeitlich ganz gut, mein Herz aber ist schwer.

Die Texte im Wettbewerb dürfen vorab nicht publiziert sein. Kannst Du uns aber einen kleinen Teaser geben? Wovon handelt der Text, mit dem Du ins Rennen gehst?

TIMON KARL KALEYTA: Ich glaube, ich überinterpretiere nicht, wenn ich sage, der Text weist ein paar Ähnlichkeiten zu meiner vorangegangenen Antwort auf. Das kann aber auch reines Wunschdenken sein…

Wie ist diese Woche für Dich? Bist Du nervös, guckst Du Deinen Beitrag noch mal online und wenn ja mit wem?

TIMON KARL KALEYTA: Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, meinen Beitrag nicht noch einmal anzusehen, da wir Autoren uns nun aber live zuschalten müssen, wenn die Lesung eingespielt wird, werde ich es wohl über mich ergehen lassen müssen. Von all den Menschen, die ich nicht ertragen kann, ertrage ich mich selbst am Allerwenigsten. Meine Frau aber hat versprochen, sich auch die übrigen Beiträge anzuschauen, um mir am Ende erklären zu können, warum ich nicht gewonnen habe.

BUCH DER WOCHE: „SOZIOLOGIE DES GANGSTARAP“

Er ist diese ganz besondere Sorte Lehrer, die mit ihren Schülern nicht nur mal ein Jever Fun trinken gehen, sondern die sich auf Partys auch mal Fürze anzünden und mit ihrer halbwahnsinnigen, halbgenialen Punkband ohnehin schon alles gesehen hatten.
Dr. Martin Seeliger (einst bei The Shitlers mit Platten wie „Drei Legenden versuchen jetzt, Deutschland zu ficken“) ist wahlweise die vor-esoterische Nina Hagen der Soziologie-Szene oder eben der Habermas des Melodic-Hardcore. In letzterer Rolle liegt nun ein Buch zu seinem Lieblingsthema vor: Gangstarap. Er verortet darin die Verbürgerlichung beziehungsweise partielle Domestizierung von Figuren wie Bushido, spricht über die Erosion von männlicher Dominanz, über Materialismus, über Arbeitsmigration. „Soziologie des Gangstaraps“ (Beltz / Juventa) ist ein Buch mit akademischem Anspruch, das allerdings ob seines Themas und seines Autoren gar nicht anders kann, als auch abseits von Seminaren interessant zu sein.

MEME DER WOCHE

Quelle: Instagram @NielsRuf

GUILTY OR PLEASURE? (Nuller Edition, Pt.03)

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 00er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 03: LaFee

HERKUNFT: Stolberg im Rheinland
GENRE: Bubble-Tea mit Geräusch
DISKOGRAPHIE: vier Alben zwischen 2006 und 2011
ERFOLGE: Das Debüt „LaFee“ errang Platin und goldene Schallplatten, verkaufte über 300.000 Einheiten.
TRIVIA: Aktuell versucht sich Lafee an einem Comeback, allerdings kam ihr wie so vielen Corona dazwischen. Das fünfte Album ist daher noch verschoben, zu hören indes der Song „Halt mich fest“. Ein deutschsprachiges Remake des rundgenudelten A-ha-Evergreens „Take On Me“. Sogar das ikonische Comic-Video wird nachgestellt, allerdings stellen die (fehlenden) hohen Gesangs-Parts des Originals deutlich die Defizite ihrer Stimme aus. Günstig ist auch anders.

PRO
LaFee wirkte für einen Sommer lang mal sowas wie wahrhaftig, als sie in dem den von Plattenfirmen für den Schulhof zusammengeschluderten Gebrauchs-Pop Themen wie Mobbing, Bulimie, sexuellen Missbrauch anschnitt und in ihren Texten Worte wie „Arschloch“ fielen. LaFee beweist, dass auch am Reißbrett konstruierte Zielgruppen-Musik nicht per se ohne Kanten auskommen muss.

CONTRA
Hinter dem fragwürdigen Empowerment von LaFee sah es doch einfach zu trist aus. Alles an diesem Act war Fake, sei es das Gesichts-Tattoo in Tribalform oder dass ältere Männer hier Heart-Broken-Songs aus Sicht eines weiblichen Teenies schrieben. Extrem hoher Cringe-Faktor.

„Guilty Or Pleasure? (Nuller Edition)“ erscheint in dieser Kolumne abwechselnd mit der Rubrik „Der Verhasste Klassiker“

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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