Compact Discs


Zufall oder auch nicht – jedenfalls lag von meinen aktuellen Lieblingsplatten der letzten Wochen bis Redaktionsschluß nicht eine einzige CD vor, und das, obwohl mittlerweile vorhandene Oberkapazitäten in den Fabriken weltweit zu einem geradezu dramatischen Verfall bei den Fertigungspreisen geführt haben.

Okay, die Neue von CHRIS ISAAK ist endlich auf Silberscheibe da (Warner Bros. 925 536-2), und auch das etwas altmeisterlich ausgefallene BY THE LIGHT OF THE MOON von LOS LOBOS (Metronome 828033-2) kann man jetzt in prima Qualität auf Digitalplatte kaufen. Typisch für die Sparwut (oder auch eine unverständliche Verachtung gegenüber dem CD-Käufer) wieder nur: Im letzteren Fall fehlen im Gegensatz zur LP-Version die Texte genauso wie bei NAT-TY DREAD von BOB MARLEY & THE WAILERS (Island 258180), dem CAPTAIN BEEFHEART-Klassiker SHINY BEAST (BAT CHAIN PULLER) von 1978 (Virgin 251 425) oder STEVE WINNWOODS ARC OF A DI-

VER (Island 253 207). Was insbesondere bei den surrealistischen Versen des DON VAN VLIET unverzeihlich ist. Ärgerlich auch, daß die Captain Beefheart-CD klangtechnisch einiges schlechter ist als die Analogpressung der Warner-Brüder in den USA vor fast zehn Jahren!

Von technisch deutlicher Überlegenheit der CD kann bei den meisten Neuheiten der letzten Monate kaum die Rede sein. Fast alles, was da von BRYAN ADAMS und BLOW MONKEYS über MICK KARN und LATIN QUARTER bis hin zu den letzten Arbeiten von U2 und XTC veröffentlicht wurde, liegt in praktisch identischer Klangqualität als Vinylpressung vor. Wobei sich allerdings die Käufer bei SHE WAS ONLY A GROCER’S DAUGHTER von den Blow Monkeys (RCA PD71245) oder NO. 10, UPPING ST. von BIG AU-DIO DYNAMITS (CDCBS 450137-2) darüber grämen darf, daß die CDs leweils zwei Titel mehr enthalten. Deren sechs mehr sind es bei der Wiederveröffentlichung von XTC’s MUM-MER (Virgin 255 338), so daß die CD fast eine halbe Stunde Musik mehr enthält und dazu gar noch sämtliche Songtexte!

Wer immer noch dem frommen Wahn anhängt, daß Digitalaufnahmen .nicht rauschen“, der sollte sich das so ehrgeizige wie zweifelhafte neueste Opus von JOE JACKSON mal unterm Laserstrahl reproduziert zu Gehör bringen. Dann nämlich merkt er, daß WILL POWER (A&M 393 908-2) – egal ob Zweispur- oder Multikanal-Produktion auf Sony-Gerät — der benutzten Mikros, Verstärker, Mischpulte usw. wegen nicht weniger rauscht als bessere Bandaufzeichnungen der frühen 60er Jahre. Was nach dem Aufwand, den derselbe Joe Jackson und Producer David Kershenbaum bei den voraufgegangenen Platten trieben, fast schon wieder etwas peinlich anmutet. Das Kürzel „DDD“ — für komplett digital aufgenommene, abgemischie und gemasterte Produktion — ist halt keine Garantie für tontechnische Qualität. Im Zweifel bleibt man bei der CD von TOM VERLAINES just erschienener fünften Solo-Platte FLASH LIGHT (Fontana 830861-2), wo man auf dem Cover „ADD“, auf dem Plättchen selber aber „AAD“ liest (wobei letzteres bedeutet, daß es sich eben nicht um digitale, sondern analoge Bandabmischung handelt). Tatsache bleibt, daß die jüngste Arbeit des Television-Begründers erheblich sorgfältiger geschnitten wurde und merklich besseren Störabstand aufweist als Joe Jacksons Ausflüge in klassische Gefilde.

Mit dem Kürzel „ADD“ schmückt sich auch die nur als Import erhältliche LIVE AT WINTERLAND der JIMI HENDRIX EXPERIENCE (Rykodisc RCD 20038/ Disco Box Import), eine gut 70 Minuten lange Auswahl von 11 Songs, neu abgemischt von den Bändern, die während der sechs Konzerte mitgeschnitten wurden, die die Experience im Oktober 1968 im Winterland in San Francisco gab. Natürlich kann man bei den Feedback-Orgien, die Jimi damals auf seinem Instrument entfesselte, kein audiophiles Wunderwerk erwarten. Ein Muß ist die CD für jeden Hendrix-Fan trotzdem, denn hier spielte er in Höchstform unter anderem etliche definitive Versionen von Blues-Kompositionen (»Red House“, »Killing Floor“).

Zu den empfehlenswerteren „Antiquitäten“, die jetzt auf Digitalplatte zu haben sind, gehören die Sampler

STAND BY ME von BEN E. KING (Atlantic 780213-2), WHEN A MAN LOVES A WOMAN von PERCY SLEDGE (Atlantic 780212-2), die ersten beiden LPs der FOUR TOPS auf eine’r CD (Ariola/RCA Import 88« 073), THE ULTIMATE BOBBY DARIN, eine interessante Kollektion von 17 Aufnahmen des oft unterschätzten Sängers (Warner Special Products 927 606-2) und schließlich ROCK WITH ME BABY von BILLY LEE RILEY (Charly CD 53/TIS), das sämtliche Aufnahmen enthält, die das verkannte Rockabilly-Original in den 50er Jahren für Sun Records einspielte, darunter natürlich auch die All Time Classics „Red Hot“ und .Flyin‘ Saucers Rock ’n‘ Roll“, bei denen ein damals noch unbekannter junger Mann namens JERRY LEE LEWIS am Piano mitspielte.

Hüten sollte man sich besser vor dem Japan-Import THE BEST OF MUDDY WATERS (Chess PCD-1601), nachdem dort teilweise nicht die Originalbänder, sondern 78er Schellacks verwendet wurden! Eher rauschend als berauschend (und teilweise verbrummt) klingt das 1974 von GENE-SIS aufgenommene THE LAMB LIES DOWN ON BROADWAY (Virgin 352 523), dos jetzt als 2 CD-Set zu haben ist. In schönstem falschem Englisch warnt dort der Cover-Aufdruck, die Platte sei halt nicht „digitaly“ (sie!!!) aufgenommen worden.

Das waren zwar die 20 GOLDEN GREATS der HOLLIES, die jetzt auf CD angeboten werden (EMI CDP 746238-2), auch nicht; trotzdem sind diese teilweise noch in frühem Ping-Pong-Stereo aufgezeichneten Oldies klangtechnisch besser als so manche späteren Produktionen. Und anders als die frühen BEATLES-CDs derselben EMI alle in Stereo. Aber dies leidige Thema soll erst wieder zur Sprache kommen, wenn die von George Martin angeblich neu gemischten CD-Veröffentlichungen von HELP! und RUBBER SOUL vorliegen …

Nachdem reichlich Kapazitäten vorhanden sind, kam in den letzten Wochen neben vielerlei Belanglosigkeiten und regelrechtem Schund (natürlich auch wieder Raub-Produkt) auch etliches auf CD, das wiederzuhören sich lohnt, darunter gleich vier ältere Platten von BOB DYLAN, NEIL YOUNGS Meislerwerk TO-NIGHT’S THE NIGHT (Reprise 250040), neben NATTY DREAD auch RASTAMAN VIBRATION von BOB MARLEY & THE WAILERS (Island 258169) und als 19-Song-Sampler eine BYRDS COLLECTION (Castle Communications CCSCD 151/TIS), bei der die Überspielqualität fast durchweg wesentlich besser ausfiel als vorher bei den Analogscheiben. Unbedingt empfehlenswert, solange jedenfalls, wie die CBS nicht endlich mal das halbe Dutzend früher BYRDS-LPs von den Originalbändern transferiert auf CD fertigen läßt.

Unter den Wiederveröffentlichungen waren auch mehrere Debüt-Platten, so etwa TALKING HEADS 77 (Sire 256 647) in 1 : 1-Qualität der Platte entsprechend, der Erstling der EAGLES (Asylum 253 009) und als US-Import LEO KOTTKES 68. 12 STRING GUITAR (Takoma TAKCD 7024), das nun endlich in bestmöglicher Klangtechnik vorliegt und bei dem keinerlei Vinyl-Geräusche den Hörgenuß trüben. Das Solo-Debüt von ERIC CLAPTON (Polydor 825093-2) wurde ebenfalls – in nur geringfügig besserer Tonqualität als bei der LP von 1970 — auf CD publiziert. Vom drei Jahre später vorgelegten RAINBOW CONCERT des Gitarristen (RSO 831320-2), parallel jetzt als Midprice CD zu haben, waren klangliche Verbesserungen ohnehin kaum zu erwarten.

Ganz anders das nach seiner TBC aufgenommene Comeback von CAT STEVENS: MONA BONE JAKON (Island 258178) entpuppt sich auf CD als eine klanglich exquisite Produktton und als technisch in jeder Beziehung um Klassen besser als vormals auf schwarzer Scheibe. Insbesondere die überwiegend akustisch instrumentierten Songs überzeugen auch fast 20 Jahre nach ihrer Entstehung durch verblüffend hohe Klangqualität.

Daß PINK FLOYD mit ihren ausgetüftelten Produktionen schon vor DARK SIDE OF THE MOON hohen und höchsten Standard in Sachen Pop-Aufnahmetechnik setzten, demonstrierten seinerzeit auch die LP-Pressungen. Nach der Veröffentlichung von UMMAGUMMA (EMI CDS 746404-8) und ATOM HEART MOTHER (EMI CDP 746381-2) sowie der beiden Soundtracks MORE (EMI CDP 746386-2) und OBSCURED BY CLOUDS (EMI CDP 746385-2) liegen jetzt praktisch alle Platten des Megaseller-Quartetts auf Digitalscheiben vor. Weil man einen entsprechenden Hinweis für überflüssig fand, sei er hier nachgetragen: Die sechs verschiedenen Sequenzen des Titelsongs von ATOM HEART MOTHER kann man, genauso wie die drei von „Alan’s Psychedelic Breakfast“, direkt per Index-Subcode anwählen, sofern der Player über die Programmierfunktion verfügt! Für alle vier CDs gilt anders als bei der von SAUCER-FUL OF SECRETS: fabelhafte Klangtechnik der Studioaufnahmen, speziell bei den Soundtracks, in Baß, Höhen und detaillierten Mitten noch eindrucksvoller als die schwarzen Scheiben.

Was man von den jüngsten DY-LAN-Wiederveröffentlichungen nur bedingt behaupten kann. SUBTERRA-NEAN HOMESICK BLUES (CDCBS 62515, Originaltitel war BRINGING IT ALL BACK HOME) wurde 1:1 in der LP-Qualität von 1965 übernommen, während der Live-Mitschnitt BE-FORE THE FLOOD (CDCBS 22137) marginal besser klingt als das Doppelalbum von 1974. Trotz der einiges besseren Klangtechnik ist aber die

CD-Präsentation von Dylans Hauptwerk BLONDE ON BLONDE auf einer Digitalplatte (CDCBS 66012) fast skandalös zu nennen. Von „4th Time Around“ wurde ein anders abgemischter Alternativ-Take benutzt (ohne die Orgel in der rechten Stereo-Spur), während „Pledging My Time“ komplett mit dem 15 Sekunden längeren Fadeout als auf Doppelalbum übernommen wurde. Dafür kürzte man unsinnigerweise „Just Like A Woman“ ziemlich brutal um 13, „Temporary Like Achilles“ um 27 und »Sad Eyed Lady of the Lowlands“ gleich um 32 Sekunden, indem man die Instrumental-Codas einfach vorzeitig ausblendete. Unsinnig und unnötig deswegen, weil man sowieso drei Minuten unter der machbaren Spielzeit der CD blieb! Technisch zwingende Gründe für diese Verstümmelungen gab es nicht. Ob die japanische bzw. die US-CD von BLONDE ON BLONDE gleichermaßen verhunzt wurden, bleibt zu untersuchen, sobald die mir vorliegen.