Jahresrückblick

Danger Dan im Interview: „Die Welt war scheiße, die Leute wollten ihre Ruhe“

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HipHop-Unternehmer, Ex-Punk, Piano-Dude: Aus dem einen Danger Dan hat sich in den vergangenen zwölf Monaten die multiple Erfolgsperson des deutschen Pop entwickelt. Sein Nummer-eins-Album DAS IST ALLES VON DER KUNSTFREIHEIT GEDECKT ist die Lagerfeuer-Platte des Jahres, nur mit Klavier statt Gitarre. Erreicht hat das Album seinen Status dank eines Momentums: 2021 war das Jahr der Selbstreflexion. Bei einer solchen ist Danger Dan gerne mit dabei und spricht über eine Beinahe-Pleite, die wahren Punks von heute und den besten Songwriter der Republik. Los geht’s mit der Grafik einer Kurve, die ein auf und ab mit vier Peaks zeigt – und die sich Danger Dan interessiert und mit einem Lächeln im Gesicht genauer betrachtet.

Weißt du, was das zeigt? (präsentiert ein Liniendiagramm mit starken Ausschlägen)

Danger Dan: Ich habe eine Idee …

Kleiner Tipp, das sind weder die CDU-Umfragewerte noch die vier Coronawellen.

Dann ist’s tatsächlich die Chart-Laufbahn meines Albums. Einstieg Anfang Mai auf Platz zwei, im Juli bis auf die Eins. Und dann hat sie sich sehr lange in den Charts gehalten, bis in den Herbst hinein.

Was bedeuten dir die Albumcharts?

Eigentlich ist es mir egal. Die Charts sagen im Grunde ja nur aus, wie bestimmte Platten im Verhältnis zu anderen Platten abschneiden, die zufällig auch gerade neu sind. Das hat also nicht viel zu sagen.

Du hast im Sommer die Kastelruther Spatzen von der Eins verdrängt.

Eben, das sind ja völlig verschiedene Universen. Auch was meine privaten Hörgewohnheiten betrifft, besaßen die Charts noch nie eine Relevanz. Aber, auf der Zwei zu charten und dann ein paar Wochen danach auf die Eins zu gehen – das ist halt leider schon sehr geil. Ich kann nicht behaupten, dass mich das komplett kalt lassen würde. Nennen wir es ein guilty pleasure.

Was ist deine Theorie, warum DAS IST ALLES VON DER KUNSTFREIHEIT GEDECKT flächendeckend so erfolgreich ist?

Zum einen ist die Platte schon sehr gut. Wenn ich sie mir heute noch mal anhöre, denke ich schon: „Ey, das hast du geschrieben? Krass.“ Aber eine gute Platte zu machen, reicht in der Regel nicht aus. Hinzu kam, dass der Zeitpunkt passte. Die Platte hat von einem Momentum profitiert.

Was war das für ein Momentum?

Es war das Ende des Lockdowns, wobei die Leute nicht sofort wieder Partymusik hören wollten. Man hatte sich sehr viel mit sich selbst beschäftigt, kam vielleicht sogar zu Erkenntnissen. Es war die Zeit der Selbstreflexion. Da passte diese Platte optimal rein. Weil sie etwas bietet, was es länger nicht mehr gab: Ein Typ setzt sich ans Klavier, spielt und singt – und zwar in gut.

In schlecht …

… gibt’s das häufiger.

Was genau ist gut an dem Album?

Ich glaube, das Album ist schon deshalb gut, weil es anders klingt. Es folgt keinem gängigen Sound-Design. Es ist total rückwärtsgewandt, macht aber dennoch einen freshen Eindruck.

Rückwärtsgewandt und dennoch fresh: das Sehnsuchtsziel der CDU.

Wobei die Texte nicht rückwärtsgewandt sind. Da werden Sextouristen in Bangkok verprügelt und mit dem Bogen Pfeile auf rechte Verleger geschossen. Da passiert auf textlicher Ebene schon so einiges – aber trotzdem bleibt es schöne Musik. Das meinte ich mit dem Momentum: Die Welt war scheiße, und trotzdem wollten die Leute weiter ihre Ruhe. Die Platte kombiniert das Brachiale mit Klaviermusik, und 2021 war das Jahr, als diese Mischung gut ankam.

Und zwar über alle Generationen hinweg.

Schon, ja. Die Eltern der aktuellen Hörer*innen der Antilopen Gang konnten sich damit anfreunden. Leute in meinem Alter, Ende 30, haben das ihren kleinen Kindern vorgespielt. Und bei der Zielgruppe zwischen 17 und 25 hat es die Leute von „Fridays For Future“ interessiert. Die echten Cloud-Rap-Dudes dagegen, die werden mit dem Album eher wenig anfangen können.

Ausgerechnet die HipHop-Zielgruppe.

Das war mal so, ist aber heute ein überholtes Bild. Wir haben einen neuen Bundestag mit sehr vielen jungen Abgeordneten, und ich bin mir sicher, dass die meisten von diesen Leuten die Texte von Sido oder Kool Savas mitrappen können.
Damit ist Deutschrap endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Gutes oder schlechtes Zeichen?

Das sei mal dahingestellt. Sicher ist, dass HipHop nicht mehr ausschließlich eine Jugendkultur ist. Wobei ich die Theorie vertrete, dass Cloud-Rap mehr als alles andere für Punkrock steht. Diese Typen sind mehr Punk, als es die echten Punks je waren. Die scheißen auf alles, machen Vollplaybackshows, bei denen sogar die Vocals mitlaufen, und keinen kümmert’s. Ich beobachte das, finde das total geil, werde aber nie dazugehören. Von daher ist es völlig in Ordnung, wenn diese Leute meine Klaviermusik nicht cool finden, denn Punk ist das sicherlich nicht.

Was den Liedern – nimmt man das letzte Stück aus – komplett fehlt, ist die Ironie.

Ich fühle mich schon längere Zeit überhaupt nicht mehr wohl damit, mich über alles lustig zu machen und die Ironie als Deckmantel zu nutzen. Ich empfinde das zunehmend als albern – und wenig zielführend, die vielen gesellschaftlichen Konflikte zu bearbeiten. Echte Positionen sind sinnvoller als ständige Ironie.

Dein Album war die erste physische Veröffentlichung auf eurem Label Antilopen Geldwäsche. Ein Traumstart also – ist das der Beginn eines bandeigenen Imperiums wie bei den Ärzten oder den Toten Hosen, bei deren Firma JKP ihr ja zuvor veröffentlicht hattet?

Um noch einmal auf die Chart-Grafik einzugehen, die du eben gezeigt hast: Würde ich da die Jahresbilanz des Labels drauflegen, würde man sehen, wie eng die Sache war. Es gab tatsächlich einen eindeutigen Termin, an dem wir zahlungs- unfähig sein würden. Und dieses Datum lag ziemlich genau auf dem Veröffentlichungsdatum meines Albums, da war eine Steuerrückzahlung fällig, die wir schon ein paar Mal gestundet hatten. Und durch die abgesagten Konzerte aufgrund der Pandemie kam kein neues Geld rein, wir waren tatsächlich komplett ausgebrannt. Hätte es die Platte nicht gegeben, wären wir jetzt pleite. Okay, wahrscheinlich hätten wir uns irgendwo Geld geliehen, vielleicht hätten wir aber auch gesagt: „Mis- sion gescheitert, ab in die Gastro.“ Wobei, die hatte ja auch zu. Also, ab ins Impfzentrum. (lacht) Der Erfolg von DAS IST ALLES VON DER KUNSTFREIHEIT GEDECKT hat uns also enorm geholfen.

Plötzlicher Reichtum?

Na ja, ich sitze hier mit Mütze, weil die Heizung kaputt ist. So viel zum Thema Reichtum. (lacht) Wobei mir schon bewusst ist, dass ich als Künstler ab jetzt eine neue Position einnehme. Die Platte ist so gut gelaufen, dass ich bei der nächsten musikalisch alles umsetzen kann, was ich möchte. Ich kann zum Beispiel das Filmorchester Babelsberg buchen. Ich kann
denen eine Mail schreiben – und die schreiben mir sogar zurück. Eine solche Stellung habe ich zum ersten Mal in meinen Leben, und das ist supergeil!

Die Finanzberatung würde jetzt sagen: Rücklagen bilden!

Ja, aber welcher Künstler denkt denn schon so? Wir nicht, wir sagen eher: „Da ist noch etwas Geld übrig? Her mit den Raketen für die Bühnenshow!“

Mit dem Label veröffentlicht ihr an Heiligabend einen Sampler mit exklusiven Songs …

… wobei wir durch den Erfolg in diesem Jahr den Luxus hatten, uns um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Wir haben die Vorleistungen, die man für die Produktion erbringen muss, selbst bezahlt.

Zu hören ist auf der Platte die Studioversion deines Covers von „Filmriss“ von Knochenfabrik, ein Song, den du bereits live gespielt hast.

Claus Lüer von Knochenfabrik ist der beste Songwriter des Landes, definitiv. Dahinter kommt dann Bernie Conrad von Bernie’s Autobahn Band, auch total unterschätzt. Die Knochenfabrik-LP AMEISENSTAAT ist Lüers Meisterwerk, darauf ist auch „Filmriss“, er singt den Song wütend und rebellisch: „Einem Körper, der gesund ist, dem genügt ein leerer Geist / Wir trinken, bis der Alkohol gewinnt. Auch wenn wir nur Statisten sind in einem Film, der ständig reißt / Wir halten unsre Fahne in den Wind.“ Ich habe das Stück vor 20 Jahren als Punk tierisch abgefeiert, heute singe ich das am Klavier, und plötzlich klingt das Lied traurig – und passt dadurch super in diese melancholisch-nostalgische Zeit.

Ex-Punks denken zum Piano zurück an die gute, alte Zeit.

Ex-Punks, wie das schon klingt. Alte Knacker, die „Filmriss“ am Klavier spielen und sich daran erinnern, wie sie sich damals im AZ das Schienbein geprellt haben.

Von wegen „Für immer Punk“.

Das Lied von den Goldies war eh scheiße. So richtig raus kriegst du den Punk aber nie. Mir aber heute einzureden, ich sei für immer Punk: Das klappt nur für wenige Minuten.

Dieses Interview erschien zuerst im großen Jahresrückblicks-Special unserer Musikexpress-Ausgabe 01/2022.


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