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Der Kanye-Flüsterer: Wie Dave Longstreth den Pop verändert

Wenn Dave Longstreth in seinem selbst gebauten Studio in Los Angeles an neuen Songs arbeitet, schauen ihm drei Leute über die Schulter: Missy Elliott, Joni Mitchell und Ludwig van Beethoven. Longstreth hat sich eine Art Schrein für seine Vorbilder eingerichtet, drei gerahmte Porträts an der Wand, die immer auf ihn hinabschauen, wenn er Beats programmiert oder mit seinem einzigartigen Falsett  eine Melodie singt. Das Studio steht in einer ehemaligen Schrankfabrik, ein länglicher Raum mit Schlagzeug und Gitarren. Longstreth ist erst kürzlich von New York nach L. A. gezogen, aber seine kleine Blase hat er mitgenommen.

Jedoch verlässt er sie auch gerne, zum Beispiel, wenn Kanye West seine Dienste in Anspruch nehmen möchte: Dann fährt Longstreth zu dessen Villa in den Hollywood Hills, setzt sich ans Keyboard und komponiert dem Hausherrn eine Bridge. „Da herrscht ein ganz anderes Wertesystem“, sagt Longstreth über seine Besuche. „Bei Kanye hat man das Gefühl, dass Ruhm die höchste Umsetzungsform für seine Kunst ist. Es gibt keinen Unterschied zwischen seinem Leben und seiner Kunst, weil er Musik, Tanz, Film, tmz.com und Buzzfeed einfach vermischt. Er erzählt sein Leben wie ein Mosaik. Das hat mich dazu gebracht, mehr über die Beziehung zwischen Kunst und Musik und Ruhm und Wahrheit nachzudenken. Wie hängt das alles zusammen?“

Kooperation

Als Dave Longstreth 2001 zum ersten Mal ein Album aufnimmt, ist er Anfang 20 und weit davon entfernt, sich solche Fragen zu stellen. Seine Freundin hat ihn verlassen, und er singt den Frust im Keller seines Bruders in ein Aufnahmegerät. THE GRACEFUL FALLEN MANGO, wie das schrammelige Ergebnis heißt, erscheint in Mini-Auflage. Wenig später fängt Longstreth an, unter dem Namen Dirty Projectors zu musizieren, und stellt eine Band auf die Beine. „Als ich anfing, wollte ich, dass Dirty Projectors etwas sind, das sich mit mir verändern kann. Etwas, das ich mitnehmen kann, wo immer ich musikalisch hin will“, sagt Longstreth heute.

Die wichtigste Mitstreiterin findet er im Jahr 2007, als sich Amber Coffman seiner Reise anschließt. Ihr samtweicher Gesang bildet ein Gegengewicht zu Longstreth, das Element, das dem bisherigen Projectors-Sound gefehlt hat. Damit ist 2012 nach drei Alben Schluss: Longstreth, der auch privat mit Coffman ein Paar war, hat sich nach der Tour zum letzten Album SWING LO MAGELLAN von ihr getrennt. Ihre Stimme, inzwischen ein Markenzeichen der Band, vermisst man auf dem Nachfolger DIRTY PROJECTORS schmerzlich. Und Longstreth ist wieder da, wo er einst begonnen hat: bei einem Trennungsalbum.

Doch auch Amber Coffman hat sich für das Jahr 2017 etwas vorgenommen. Ihr Solodebüt CITY OF NO REPLY wird im Lauf des Jahres erscheinen. Eine Single liegt schon vor, „All To Myself“, ein etwas belangloser Schmusepop-Song. Produziert, mitkomponiert und aufgenommen im Studio von: Dave Longstreth. „Amber und all die anderen haben immer an meiner Vision gearbeitet“, sagt er. „Ihr Album war die Chance, diese Rollen zu tauschen. Es sind ihre Visionen, Ideen, Songs und Melodien. Ich unterstütze sie nur dabei. Es war eine tolle Zeit, und es war schön, dass wir nach all den Jahren noch etwas Neues ausprobieren konnten. Das hat sich angefühlt wie eine neue Dimension unserer Freundschaft.“ Versucht man einen Zusammenhang zwischen den Texten seines eigenen Albums und der Beziehung und Trennung der beiden herzustellen, klingt das allerdings nicht so nett: Vor allem ein Satz aus dem Opener „Keep Your Name“ bleibt hängen: „What I want from art is truth, what you want is fame.“

Für jemanden, dessen Texte sonst selten ein konkretes Thema behandeln und eher auf den Klang der Worte als auf Inhalt setzen, eine ungewohnte Situation. „Viele dieser Songs sind aus einer Art Unsicherheit heraus entstanden. Ich wusste nicht, was ich mit Dirty Projectors machen sollte. Das letzte Album hatten wir aufgenommen, weil es einfach wieder an der Zeit war. Aber bei diesem habe ich Songs geschrieben, weil es nicht anders ging.“

Bevor Longstreth so weit war, musste er allerdings noch eine schwere Schreibblockade überwinden. Als die letzte Tour der alten Projectors im Herbst 2013 zu Ende ging, fühlte er zum ersten Mal in seiner Karriere eine beklemmende kreative Leere. Um auf andere Gedanken zu kommen und so vielleicht auch zu neuer Inspiration zu finden, arbeitete er zuerst einmal mit einer weiteren prominenten Künstlerin aus seinem Kundenkreis zusammen: Solange. Auf deren neuem Album A SEAT AT THE TABLE hat Longstreth an sechs Songs mitgewirkt, allerdings nie an den Melodien: Die stammen alle von Solange selbst. Lediglich die Beats und die Basslines durfte er beisteuern. Wie Longstreth, der nie aufgehört hat, avantgardistische Musik zu machen, einen so guten Anschluss in der Popwelt gefunden hat, weiß er selber nicht mehr so ganz. „Es hat sich Schritt für Schritt einfach so ergeben. Das ist eine der guten Sachen, die das Internet der Musikwelt angetan hat: Die Mauern, die man sich zwischen verschiedenen Genres und Szenen gedacht hat, haben sich als Nebel herausgestellt. Die Musik ist wie eine große, offene Konversation.“

Longstreth hat lange darüber nachgedacht, wo er seinen Beitrag zu dieser Konversation einordnen will. Er hat in den vergangenen Jahren mit Superstars, Underground-Künstlern, Tuareg-Gitarristen und Streichorchestern Musik gemacht. Antworten auf seine Frage, wie Kunst und Wahrheit zusammenhängen, hat er nicht gefunden. Verbittert wirkt er deshalb kaum. „Es gibt immer neue Wege, wie man Sachen angehen kann“, sagt er. „Wenn ich mich auf eine Antwort festlegen könnte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr so wachsam. Und das ist keine schöne Vorstellung.“ Dave Longstreth ist eben am besten, wenn er auf der Suche ist.

Foto: Jonas Holthaus

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