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Album der Woche

Dirty Projectors Dirty Projectors

Domino/GoodToGo

von
Foto: Domino/GoodToGo

Es gibt eine Menge Rückspulmomente auf diesem Album. Die ersten 50 Sekunden von „Up In Hudson“, weil der Barbershop-Einstieg so wunderbar ist. Und die finalen knapp zwei Minuten auch, in denen die New Yorker Band polyrhythmisch durch die Straßen zieht und eine träge heulende E-Gitarre daran erinnert, dass die Dirty Projectors einmal eine Rockgruppe waren. Heute ist David Longstreth Alleinherrscher und nutzt seine Macht für ein Meisterwerk.

Grandios sind auch die letzten Atemzüge von „Work Together“, wenn diese zuvor schrecklich nervöse Analyse von Beziehungsarbeit unverhofft zur Ruhe kommt. Denkwürdig ist die Mitte von „Winner Take Nothing“, wenn Longstreth seine drei R’n’B-Egos zu einer Ménage à trois übereinanderlegt und dabei den Boden unter den Füßen verliert. Das Jahrhundertlied „Little Bubble“ lässt den Hörer die Kinnlade herunterklappen, das Stück ist, was es verspricht: eine kleine magische Blase, die sich nur im Morgengrauen bilden kann, wenn ein jung verliebtes Paar gemeinsam aufwacht und weiß, dass es in den nächsten drei Stunden das Bett nicht verlässt.

Atemberaubend, wie Longstreth diese Stimmung aus Faul- und Behütetheit, aus träger Geilheit und göttlicher Geruhsamkeit vertont. Er greift dabei auf Burt Bacharach und R’n’B zurück, was eine vermessene Idee ist, weil beide Pole zwar auf Samt und Seide stehen, die Harmonik aber anders funktioniert. Interessant ist zudem, dass dieses Pärchenidyll das Herzstück dieser Break-up-Platte ist: Long­streth hat sich unlängst von der Ex-Co-Chefin Amber Coffman getrennt. Beruflich wie privat.

Auf ihrem siebten Album nehmen die Dirty Projectors Abstand von der vertrackten Indie-Avantgarde der Vorgänger und widmen sich schamlos dem Sound der Stunde: R’n’B. Long­streth sammelte Genre-Expertise in den Camps der Superstars Rihanna, Solange und Kanye West; dessen Klagewerk 808S & HEARTBREAK dürfte eine große Inspiration gewesen sein. Es ist bemerkenswert, wie viele Ex-Indies im R’n’B ihre Zukunft sehen.

These: Das Genre, egal ob neo oder nicht, bietet Querdenkern eine interessante Perspektive, weil es intim ist und zugleich Möglichkeiten bietet, die Identität zu verschleiern. Besonders an Folk Interessierte, zu denen neben Justin Vernon eben auch Longstreth zählt, fasziniert diese Dialektik: Eine oder mehrere Stimmen rücken ganz nah ans Ohr heran, aber um wen es sich dabei handelt, bleibt offen. Noch gesteigert wird dieser Effekt durch den Einsatz von Stimmmanipulationen und Störgeräuschen, die stellenweise wirken, als mische sich eine dritte Macht in diese Musik ein. Auch Vernon hat diesen Trick benutzt.

„Ascend Through Clouds“ kommt 22, A MILLION besonders nah, nur die an Van Dyke Parks geschulten Streicher wären Vernon zu kitschig. Von einem Landausflug erzählt „Up In Hudson“, diese brillante siebeneinhalb Minuten lange Suite. Hier scheint die Trennung noch weit weg, Longstreth schaut lieber dem vergangenen Glück in die Augen, als über die Gegenwart zu klagen. Sehr sympathisch. Am Ende des Stücks, die Dröhn-Gitarre klingt noch aus, hören wir einen einsamen Bass. Keinen klinischen Synthie-Bass, sondern einen Indie-Rock-Bass, unverfälscht und leicht ruckelnd, wie aus dem Proberaum. An dieser Stelle spürt der Hörer, dass unter dieser Oberfläche aus tschickenden Snares, Vocoder-Falsett-Gesängen und abenteuerlichen Synthie-Sounds weiterhin das Herz eines Indie-Musikers pocht. Daher passt es auch, dass Longstreth ausgerechnet diesem Album, dem der Zerfall der Band vorausging, den Titel DIRTY PROJECTORS gegeben hat.

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