Kritik

„Der Schacht“ auf Netflix: Eine gorige Parabel auf die wahre Krankheit der modernen Gesellschaft

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Es gleicht einer gruseligen Vorsehung, dass nur einen Tag vor dem internationalen Netflix-Release von „Der Schacht“ erste panische Menschenmassen in deutsche Supermärkte strömten, um sich für die Corona-bedingte Selbstisolation mit Klopapier und Spaghetti einzudecken. Überlegungen bezüglich eventueller Auswirkungen ihres Verhaltens auf finanziell weniger gut betuchte Mitbürger*innen fielen schon zu diesem Zeitpunkt einem irrationalen Selbsterhaltungsdrang zum Opfer.

Es gibt drei Arten von Leuten

Dass Selbstsucht die wahre Krankheit unserer modernen Gesellschaft sein könnte, ist eine These, die auch Galder Gaztelu-Urrutias SciFi-Thriller zugrunde liegt. Der von der Eingangsszene vermittelte Eindruck, man befinde sich in einem renommierten Sterne-Restaurant, wird sogleich von einem schaurigen Voice-over zunichte gemacht, das da prophezeit: „Es gibt drei Arten von Leuten: die von oben, die von unten, die, die fallen.“ Und, schwuppdiwupp, landet der Zuschauer auch schon gemeinsam mit Protagonist Goreng (Iván Massagué) in einer dunklen Zelle und begleitet diesen fortan bei seiner Verwandlung vom moralischen Bildungsbürger zum (beinahe) skrupellosen Freiheitskämpfer.

Seinen Aufenthalt im „Vertikalen Zentrum für Selbstverwaltung“ hatte sich Goreng irgendwie anders vorgestellt.

Denn Netflix‘ neuster Exportschlager spielt in einem mehrstöckigen Gefängnis, dessen Ebenen allein durch einen Schacht miteinander verbunden sind. Einmal am Tag wird darüber ein wahrer Festschmaus hinuntergelassen. Wie viel von diesem jedoch bei den unteren Etagen ankommt, bestimmt allein die Gier der höher positionierten Insassen. „Wenn alle nur so viel essen würden, wie sie brauchten, käme auch genug unten an“ – ein logisch erscheinendes Prinzip, das sich jedoch in der Praxis als extrem problematisch erweist.

Eine unverblümte Allegorie auf die Willkürlichkeit der vielerorts herrschenden Klassengesellschaft

Womit wir bereits bei der offensichtlichsten Interpretation von „Der Schacht“ wären. Welches Gefangenenpaar sich auf welcher Ebene befindet, scheint völlig beliebig von der ominösen „Verwaltung“ bestimmt zu werden und ändert sich monatlich. Damit ist Gaztelu-Urrutias dystopisches Gedankenexperiment ohne Weiteres als eine unverblümte Allegorie auf die Willkürlichkeit der vielerorts herrschenden Klassengesellschaft zu verstehen.

Im Gegensatz zu Goreng sitzt Trimagasi nicht freiwillig im Schacht.

Während Goreng seine Zeit im Schacht freiwillig im Tausch gegen einen Studienabschluss absitzt, befinden sich unter den Insassen auch zahlreiche tatsächliche Verbrecher. Gleich sein erster Zellengenosse Trimagasi (Zorion Eguileor) eröffnet Goreng, dass ein von ihm aus dem Fenster geschmissener Fernseher, der einen „blöden illegalen Immigranten“ getötet habe, für seine Haftstrafe verantwortlich sei. Die Schuld an dem Tod des Mannes, der schließlich auch woanders hätte entlang laufen können, übernehme er dennoch, „völlig klar“, nicht im Geringsten. Ein Mysterium bis zum Schluss bleibt wiederum die scheinbar wild gewordene Miharu (Alexandra Masangkay), die auf der Suche nach ihrer Tochter täglich den gesamten Schacht hinunter fährt und dabei regelmäßig Köpfe rollen lässt.

Das Gesetz des Stärkeren

So unterschiedlich wie die Insassen selbst, sind auch die limitierten Gegenstände, die sie mit in die Gefangenschaft nehmen: Ob Geld, Schoßhund oder Messer – sie alle verfügen sowohl über einen praktischen, als auch einen symbolischen Wert. Während das Seil von Gorengs vorübergehendem Gefährten Baharat (Emilio Buale) dessen Hoffnung, auf die höchste Etage zu gelangen, verkörpert, fiel die Wahl des Protagonisten im Vorfeld auf eine Ausgabe des Ritterromans „Don Quijote“, deren Seiten er schließlich nach wochenlangem Hungern apathisch zu essen beginnt. Es zeigt sich schnell: In einer Welt, in der das Gesetz des Stärkeren herrscht, sind sowohl Gutgläubigkeit als auch Kultur nutzlos.

Bleibt bis zum Ende ein Mysterium: Miharu.

Nachdem also das „Vertikale Zentrum für Selbstverwaltung“ in seiner höhnisch anmutendem Bestrebung nach „spontaner Solidarität“ offensichtlich gescheitert ist, ist es eine von Goreng angezettelte Revolution, die das soziale Gleichgewicht im Schacht wiederherstellen soll. Doch auch der vermeintliche „Messias“ muss feststellen, dass der wahre Wandel allein „von oben“ angezettelt werden kann. So soll die Oberschicht schließlich mit Hilfe eines Symbols von der Notwendigkeit allgemeiner Solidarität überzeugt werden. Ein abstraktes Unterfangen, dessen Komplexität nach einem blutigen Showdown geradezu im Sakralen gipfelt.

Viel Gore, leider aber kein Patentrezept für eine solidarische Gemeinschaft

In seinen spannendsten Moment erinnert Gaztelu-Urrutias düsterer Klassenkampf ästhetisch sowie inhaltlich an dystopische Horror-Thriller wie „Snowpiercer“ und „Saw“, erlaubt in seiner Kammerspiel-artigen Beklemmung aber auch immer wieder Vergleiche mit Klassikern des Absurden Theaters á la Samuel Beckett. Auf der anderen Seite der Medaille befinden sich zahlreiche Fäkalanspielungen, die vorsichtig eingestreut als Metaphern bestimmt ihre Legitimität hätten wahren können, durch ihren inflationären Gebrauch aber leider oft infantil erscheinen.

Die Wurzel allen Übels

Am Ende bleibt der Zuschauer mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ein Patentrezept für eine solidarische Gesellschaft möchte auch Gaztelu-Urrutia nicht liefern. Wäre ja auch zu schön gewesen.

https://www.youtube.com/watch?v=CiXD5WFHOoc

„Der Schacht“ ist seit dem 20. März 2020 auf Netflix im Stream verfügbar.

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