Jahresrückblick

Die 50 besten Alben des Jahres 2021: Plätze 50-41

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Es ist wieder so weit: Jahresendzeit ist Listenzeit. Und auch wir haben es uns in schöner Tradition nicht nehmen lassen, im gedruckten Musikexpress 01/2022 das Popjahr 2021 Revue passieren lassen. Herzstück unseres großen, 43-seitigen Jahresrückblicks ist einmal mehr unsere Liste der „50 Platten des Jahres“. Eben diese Liste wollen wir Euch nun auch online nicht länger vorenthalten und veröffentlichen sie sukzessive – vielleicht mag ja jemand die „besinnlichen“ Tage (lies nicht: Lockdown) dafür nutzen, bisher nicht entdeckte, 2021 erschienene Musik nachzuhören. Hier die Plätze 50-41, mit Claud, Lil Nas X und Olivia Rodrigo. Gönnt Euch!

P.S.: Und wenn Ihr anderer Meinung seid, teilt sie uns gerne mit – in unserem Pop Poll 2021 könnt Ihr nebenbei jede Menge Preise gewinnen.

50. School Of Zuversicht – AN ALLEM IST ZU ZWEIFELN (Misitunes/Broken Silence, VÖ: 20.08.)

Was für eine Überraschung: Das letzte S.O.Z.-Werk liegt schon zehn Jahre zurück, wer glaubt da noch an neue Musik?! Aber zum Glück hat sich das Kollektiv wieder gesammelt und zeigt nun, wie homogen geil sie zusammen klingen können: Disco und House werden hier unter anderem von DJ Patex, Erobique, Plemo und Knarf Rellöm mit smart-kritischen Lyrics verzwirbelt. Und gerade Rellöm sorgt mit seinem dahingenölten „Ihr seid einfach scheiße Frohnaturen“ am Ende von „Salon der Idioten“ für ein Highlight der Platte. (Hella Wittenberg)

49. Claud – SUPER MONSTER (Saddest Factory/Cargo, VÖ: 12.02.)

Eine Platte über das Geniale wie Grausame am Lieben: Wenn Claud Mintz über das Sich-selbst-Verlieren singt, klingt they zwar am Boden zerstört, aber die Sounddecke, die Claud um sich herum zurechtzuckelt, ist umso kuschelig-blumiger. Als wäre schon klar, dass sich unweigerlich aus dem ganzen Sie-liebt-mich-sie-liebt-mich-nicht auch eine neue Kraft, ja ein Wiederfinden entwickelt. „I’m stronger than you thought“, haut they in „That’s Mister Bitch“ raus und bringt den Charme des Bedroompop-Debüts damit schön auf den Punkt. (Hella Wittenberg)

48. Aloa Input – DEVIL’S DIAMOND MEMORY COLLECTION (Siluh Records/Cargo, VÖ: 14.05.)

Das dritte Album der bayerischen Weird-Folker ist ein Konzeptwerk darüber, was für Mutternaturficker wir sind. Doch statt erhobenem Zeige- oder gar Mittelfinger breitet das Trio aus Angela Aux, Marcus Grassl und Cico Beck (The Notwist, Joasihno) die Arme weit aus. Sie hüllen uns in warme Psychedeliadecken, unter denen es sich wunderbar zu Stücken wie dem Django-Django-artigen „Desert Something“ ums Lagerfeuer tanzen lässt. Erst im Morgengrauen flüstern sie uns ihr Anliegen zwischen verschachtelten Harmoniegesängen zu. (Stephan Rehm Rozanes)

47. Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra – PROMISES (Luaka Bop/Indigo,VÖ: 26.03.)

Es gibt diese seltenen Momente, in denen man miterlebt, wie aus einem normalen Act, ein*e Meister*in wird. Mit Jazz-Legende Pharoah Sanders und den Londoner Symphonikern gelingt Floating Points dies auf PROMISES. Ein klassisches, minimalistisches Glanzstück, das zuerst die Electrowelt mit den Spiritual Jazz zusammenführt, um sie dann über neun Akte gemeinsam an einen fremden Ort aufbrechen zu lassen. Ein Spiel mit der Stille, voller Schönheit und Harmonie. Ein Highlight in der Diskografie des jungen und des alten Künstlers. (Sven Kabelitz)

46. Lil Nas X – MONTERO (Sony, VÖ: 17.09.)

Im Clip zum Reggaeton-affinen, Flamenco-Gitarren-verzierten 2-Minuten-Mega-Hit „Montero (Call Me By Your Name)“ gleitet Lil Nas X lasziv die Pole-Dance-Stange in die Hölle hinunter, um es Satan zu besorgen. Lady Gagas „Judas“ und Madonnas „Like A Prayer“ lassen grüßen! It’s a Sin – aber es macht halt auch Spaß, mit diesem Klischee, des Teufels zu sein, zu spielen. Lil Nas X ist der erste Megastar, der die schwule Liebe dermaßen feiert. Nicht auf der Nischen-Schmalspur, sondern möglichst exzessiv auf Breit- band, samt Nu-Metal-Gitarrendonner. (Stefan Hochgesand)

45. Dagobert – JÄGER (Dagobert/Recordjet, VÖ: 29.01.)

Vor acht Jahren betrat er als „Schnulzensänger aus den Bergen“ die Bühnen des Landes – und versetzte als erster Künstler aller Zeiten das „Zeit“-Feuilleton und den „ZDF-Fernsehgarten“ gleichermaßen in Jubelstürme. Damals behauptete er, einzig über die Liebe singen zu können. Spätestens mit JÄGER erweist sich das als knallharte Lüge: Stanisław Lem und Friedrich Nietzsche ließen ihn über der Welten Lauf sinnieren. Das Ergebnis sind morbide Zukunftsvisionen, Vertonungen der Lehre der Ewigen Wiederkunft und die Erkenntnis, keine kostbare Sekunde seines Lebens für Lohnarbeit zu vergeuden. (Martin Schüler)

44. Sleaford Mods – SPARE RIBS (Rough Trade/Beggars/Indigo, VÖ: 15.01.)

Logo, mit ihrem elften Album in 14 Jahren ziehen Jason Williamson und Andrew Fearn bestimmt niemand Neues mehr in ihr Lager aus Poetry-Slam, Postpunk und Gossen-HipHop – außer mit Billy Nomates und Amy Taylor erstmals Gastsängerinnen. Aber hat dieses Beständige nicht auch etwas Beruhigendes in diesen Zeiten? Haben wir nicht auf dieses Gebräu aus Gift und Galle gewartet, um mit dem Knalltag klarzukommen? Und doch wandelt sich das Dosenbierduo: die Steilvorlagen Brexit und Pandemie werden natürlich beherzt genommen, aber Williamson gibt sich vermehrt auch introvertiert. (Stephan Rehm Rozanes)

43. Tyler, The Creator – CALL ME IF YOU GET LOST (Sony, VÖ: 25.06.)

Wie macht man weiter, wenn man das gefeiertste Album seiner Karriere abgeliefert hat? Zurück zu den Mixtape-Wurzeln gehen. Zumindest geht Tyler, the Creator diesen Weg und setzt der Mixtapekultur der 2000er ein ästhetisches Denkmal. 16 Songs, von denen die meisten knapp unter der magischen Drei-Minuten-Marke bleiben und trotzdem nie allzu skizzenhaft wirken, dazu DJ Dramas Einwürfe und Tyler in seinem Element zwischen smoothen bars und düsteren, durchgedrehten Geisterbeschwörungen. Großes Rapkino. (Aida Baghernejad)

42. Olivia Rodrigo – SOUR (Universal, VÖ: 21.05.)

Und Sie dachten, nach 2020 könnte Sie nichts mehr überraschen! Doch dann beginnt das Debütalbum eines vermeintlich „just another“ minderjährigen Disneystars mit einem schneidenden Punkrockriff. Zum Ende drosselt „Brutal“ sogar das Tempo und fährt zu Synthiestreichern abrupt gen Himmel. Mit der Leadsingle „Drivers License“ legte Rodrigo dazu bereits Anfang Januar die beste Popballade des Jahres hin – das würde ihr Jahr werden! „Can’t drive past the places we used to go to / ’Cause I still fuckin‘ love you, babe“. Da kriegt die Mickymaus aber rote Ohren! (Stephan Rehm Rozanes)

41. Haftbefehl – DAS SCHWARZE ALBUM (Universal, VÖ: 16.04.)

Für Baba Haft war DSA nichts anderes als eine Fingerübung – der mit Bazzazian schnell dahingerotzte düstere Bruder zu seinem großen künstlerischen Wurf DAS WEISSE ALBUM. Aber vielleicht fühlt sich auch deswegen dieses Album in seinen besten („Kaputte Aufzüge“) und oft genug auch brutalsten Momenten („Offen/Geschlossen“) direkter, emotionaler und berührender an, als alles, was Deutschrap in letzter Zeit hervorgebracht hat. Niemand bringt Verzweiflung, Nihilismus und Perspektivlosigkeit so sehr auf den Punkt. (Aida Baghernejad)


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