Die 700 besten Songs aller Zeiten: Plätze 50 bis 11

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Am 13. März 2014 ist sie erschienen, die sage und schreibe 700. Ausgabe des Musikexpress. Und die hatte es in sich: Wir hatten eine prominente zigköpfige Jury aus Musikern wie etwa Lana Del Rey, Mark Lanegan, Danger Mouse, Marteria, Thees Uhlmann, Judith Holofernes, WhoMadeWho sowie aus Autoren, Journalisten und Fachleuten von anderen Magazinen, Tageszeitungen, Radiosendern und Plattenlabels nach ihren Lieblingssongs aller Zeiten gefragt. Herausgekommen war in mühevoller Kleinarbeit nicht weniger als eine Liste mit den 700 besten Songs aller Zeiten inklusive Texten zu jedem (!) dieser Songs, und diese Liste haben wir Euch nach und nach online auf Musikexpress.de/700 präsentiert.

Hier die Einzelteile unserer „700 besten Songs aller Zeiten“ in der Übersicht:

Und hier kommen nach unseren Plätzen 700 bis 651, 650 bis 601, 600 bis 551, 550 bis 501, 500 bis 451, 450 bis 401, 400 bis 351, 350 bis 301, 300 bis 251, 250 bis 201, 200 bis 151, 150 bis 101 und 100 bis 51 nun unsere Plätze 50 bis 11 im Detail:

50. Michael Jackson – „Billie Jean“

Gegeben haben soll es Billie Jean wirklich: Ein verrücktes Groupie teilte Michael in einem bizarren Liebesbrief mit, er sei der Vater eines ihrer Zwillinge. Vielleicht durchstreift deswegen ein Gefühl von Verfolgungswahn diesen Song, der Jackson endgültig zur Popsensation seiner Generation machte. Jeder, der dem damals 24-jährigen Ex-Kinderstar zu jener Zeit noch nicht verfallen war, sagte Pharrell Williams einmal Jahre später über „Billie Jean“, wurde zwangsläufig zum Fan, als der Song samt Musikvideo THRILLER 1983 zum best-selling Album katapultierte. Unwiderstehlich war die Mischung aus futuristischem Dance-Funk, der katzenhaft schleichenden Bassline und Jacksons spannungsgeladenem Gesang.

49. Sam Cooke – „A Change Is Gonna Come“

Ein Protestsong, eine Popballade, ein spirituelles Kirchenlied: Für Sam Cooke war „A Change Is Gonna Come“ eine Rückkehr zu seinen Wurzeln im Gospel und zugleich das wohl mutigste Manöver seiner Karriere: Als politisches Statement zur Rassendiskriminierung von einem schwarzen Musiker, der sich bis dahin eigentlich als Crossover-Künstler beim weißen Publikum beliebt gemacht hatte, wurde es zu einem der bedeutendsten Hymnen der Bürgerrechtsbewegung. Mit melancholischer Soulstimme singt er zu René Halls Hollywood-Orchestrierung von Schmerz, Trauer und Hoffnung: „It’s been a long time coming / but I know a change is gonna come.“

48. Radiohead – „Idioteque“

Als Radiohead herabgestiegen kamen vom Gipfel des majestätischen OK Computer, da waren sie seltsam verändert. Statisch aufgeladen bis in die Haarspitzen und mit einem elektronischen Elmsfeuer um die Häupter. Es schmatzt und schlürft und zwitschert und knüppelt. Jonny Greenwood hörte abseitige Elektronik aus den 70er-Jahren und fand bei einem Klangprofesser diese kleine rhythmische Skupltur, bei Paul Lansky die verwunschenen und verwischten Klangfarben von „Mild und leise“, die Lansky wiederum bei Richard Wagner geborgt hat. Im Grunde hören wir die Verfremdung eines bereits 1973 verfremdeten Akkords aus dem Finale von „Tristan und Isolde“, 1865. Dazu beschwört Thom Yorke in apokalyptischen Metaphern die Endzeit. Die Wiedergeburt des Rock aus dem Geist der Elektronik.

47. Sparks – „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“

Es fällt leicht, den Song als Karikatur zu begreifen: Der Titel nimmt das große Western-Klischee auf; Sänger Russell Mael verhebt sich mehr als einmal im hohen Register,  wobei er überhaupt nur dort oben hinmuss, weil sein Bruder Ron das Stück in A-Dur schrieb, der, so Russell, „einzigen Tonart, die Ron damals spielen konnte“. Trotzdem ist „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“ kein Klamauk, sondern die schmissigste Glam-Single überhaupt, ein Stampfer mit Achterbahnmelodie, der einem immer genau dann in den Sinn kommt, wenn man sich verzweifelt fragt, warum so viele Pophits wie klinisch tot daherkommen.

46. The Ronettes – „Be My Baby“

Wenn zu jener Zeit ein Lied den Beweis für das Genie Phil Spectors antreten musste, dann wohl „Be My Baby“. Der Produzent dachte die Idee vom technischen Prozess der Musikaufnahme weiter, indem er das Studio in ein eigenes Instrument umwandelte. Sein Wall Of Sound bestand für den Liebesappell „Be My Baby“ aus einer dicken Schicht Schlagzeug, viel Blechbläsern, einer Handvoll Gitarren, Orgeln und jeder Menge Percussions. Spector hatte mit seinen Overdubs eine Klangwelle angeschoben, die Anfang der 60er-Jahre förmlich aus den Lautsprechern amerikanischer Radios schwappte. Als er das Lied zum ersten Mal hörte, soll Brian Wilson an den Straßenrand rechts rangefahren sein, weil ihn der Song aus dem Autoradio schlicht umgehauen hatte: „The greatest pop record ever made – no arguments here.“ Abgemacht.

45. Eagles – „Hotel California“

Viel zu lang für eine Single, viel zu komplex, viel zu elaboriert für seine Macher. „Hotel California“ war um 1976/77 ein letztes Aufbäumen eines Mainstream-Rock, der von einem Zeitenwechsel bedroht war. Der wortgewaltige und metaphorische Text gibt bis heute Anlass für Spekulationen. Wird hier ein satanistischer Ritus beschrieben, das Innere einer Nervenheilanstalt oder doch „nur“ der kalifornische Traum besungen, der durch Drogen- und Egoprobleme zu einem Albtraum wurde? „Hotel California“ ist und bleibt ein Rätsel von einem großartigen Song.

44. Bruce Springsteen – „Thunder Road“

Die Geburtsstunde von „Thunder Road“ schlägt irgendwann 1974. Da heißt der Song noch „Wings For Wheels“ und das Mädchen noch nicht Mary. Erst im August 1975 erstrahlt er in seiner ganzen atemberaubenden Grandezza: als Auftakt des epochalen Albums BORN TO RUN. Um die Magie der Nacht geht es, um Verlierer und um Mary, die keine Schönheit ist, aber schwer in Ordnung, und die zur Musik von Roy Orbison tanzt. Um die Freiheit, um den Wind im Haar und um das Gefühl, dieses eine Mal – vielleicht – zu gewinnen. Egal, wie oft man „Thunder Road“ gehört hat in all den Jahren, egal auch, ob als Piano-Ballade oder im Cinemascope-Sound der E Street Band: Es berührt einen stets aufs Neue tief im Innersten – dort, wo die Sehnsucht sitzt.

43. David Bowie – „Life On Mars?“

Viel Weiß, die Haare rot, der Lidschatten blau – im Mick-Rock-Video von 1973 trägt Bowie das Make-up des androgynen „Starman“. „Life On Mars?“ ist so etwas wie das Prequel zur Glamrock-Oper ZIGGY STARDUST (1972), ein von surrealen Motiven durchwirktes Piano-Drama, das sich um Kino, Pop und Eskapismus dreht. Mitsinghymne und quecksilbrige Kunstmusik im selben Moment. Selten drang Bowies Cockney-Stimme intensiver in einen Song ein, nie hat Gitarrist Mick Ronson ein schöneres Streicher-arrangement geschrieben. Anfang und Ende des Videos bleiben weiß, Bilder vom Rauschen der Träume.

42. Television – „Marquee Moon“

Television sind Post-Punk, noch bevor es Punk gibt. Dem Hey-ho-let’s-go-Ethos der Ramones setzt die Gruppe von Tom Verlaine eine Verspieltheit und Experimentierlust entgegen, als hätte sich Albert Ayler heimlich ins CBGB’s geschlichen. Kein Song umreißt die Philosophie von Television besser als „Marquee Moon“, ihr pièce de résistance zwischen Pop und Artrock, das sich von 1974 an ständig weiterentwickelt und mit seinen wie Blumen des Bösen wild wuchernden Gitarrenarabesken und -soli immer länger wird. Auf dem Album ist er 9 Minuten 58 – und wird ausgeblendet! Seither wird er im Kopf anderer Musiker weitergespielt und erblüht in immer neuen Farben.

41. Curtis Mayfield – „Move On Up“

Auf der Verpackung: ein cooler Typ im gelben Anzug. In der Verpackung: acht Songs, mit denen Curtis Mayfield die kämpferische Stimmung Afroamerikas zu Beginn der 70er-Jahre widerspiegelt. Darunter: „Move On Up“, diese mit enormer Lässigkeit vorwärtsdrängende, funky Neunminuten-Abfahrt mit schneidigen Bläsern, pulsierender Percussion, Proto-Disco-Streichern und Mayfields unverkennbarem Falsettgesang. Die Botschaft: Arsch hoch und bloß nicht unterkriegen lassen, auch wenn’s ein langer Weg wird. Gegen Ende hin rein instrumental und zunehmend tranceartig.

40. Sex Pistols – „God Save The Queen“

„God save the queen, her fascist regime“, giftet Johnny Rotten, und die Band gibt ein „No future“ drauf – Stoff für den Eins-a-Skandal zum Silberjubiläum der Queen 1977. Die Royalisten durften sich reflexartig empören, die jungen Punks hatten ihr Fanal, die Welt jubelte dem radikal genesenen Rock-&-Roll-Empire zu. In dieser Hymne treffen sich die Wucht der besten Rock-Jahre und das Giften und Geifern derjenigen, die diesen längst selbstsüchtigen Rock vom Thron stürzen wollten. Wer hätte den Pistols da besser zur Hilfe kommen können als die Queen? Ein Husarenstreich der jüngeren Pop-Propaganda.

39. Blumfeld – „Verstärker“

In den frühen 90er-Jahren war Jochen Distelmeyer sicher der beste Texter der Republik. „Verstärker“ ist ein Wortmons­ter, das aus der inneren Gedankenmühle berichtet, das vehement Liebe dekliniert und dabei die Formen des Popsongs weit hinter sich lässt. Hamburger Schule? Unsinn, Universität für jegliche Fachrichtungen mit Proseminar für klug gesetzte Querverweise und dem besten Feedback der europäischen Popmusik. Heute noch Bombe, wobei die Albumversion von 1994 in Inhalt wie Form mehr Dringlichkeit besitzt als die ursprüngliche Single.

38. Link Wray & His Ray Men – „Rumble“

Da hatte Link Wray (1929–2005) bereits 1958 angelegt, was ins Standardrepertoire von Generationen von Rockmusikern einziehen würde: verzerrte Gitarren und Feedback. Das Instrumental „Rumble“ war auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Das quälend langsame Tempo stand im krassen Gegensatz zu seiner Herkunft aus Rockabilly, R’n’B und Rock & Roll. Den charakteristischen Sound erzielte Wray, indem er Löcher in die Lautsprecher der Gitarrenverstärker bohrte. Auch wenn der Künstler das nicht beabsichtigt hat: „Rumble“ gilt als Geburtsstunde des „Power Chord“, der bis heute in Rock und Metal bis zum Exzess gespielt wird.

37. Kate Bush – „Cloudbusting“

Anfang der 50er-Jahre war der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich überzeugt davon, Wettergott spielen zu können. Mithilfe seiner Erfindung, einer Maschine namens „Cloudbuster“, wollte der Esoteriker Wolken verdichten und es regnen lassen. Mit seinem Sohn Peter zog er das schwere Gerät auf einen Hügel, um dort zu experimentieren. Später erinnerte sich Peter Reich in seinen Memoiren an diese Erlebnisse – ein Buch, das Kate Bush zu „Cloudbusting“ inspirierte. Im Video zum hypnotisch-himmlischen Synthie-Pop-Marsch gibt die Sängerin den Sohn, während Donald Sutherland Wilhelm Reich spielt.

36. Bob Dylan – „Subterranean Homesick Blues“

Der elektrische Dylan, ein vergleichsweise neuer Protagonist im amerikanischen Rock, die Folk-Community war not amused. Der erfolgreiche Dylan, Nummer 39 und damit zum ersten Mal in den US-Singlecharts. Der Stream-of-Consciousness-Dylan, der von Drogen, Politik und Parkuhren berichtet, womöglich aber etwas ganz anderes meint. John Lennon war so sehr Fan, dass er befürchtete, fortan keine Songs mehr schreiben zu können. Und: Er war so sehr Fan, dass er die Nummer auf das von ihm produzierte Harry-Nilsson-Album PUSSY CATS (1974) packte.

35. Led Zeppelin – „Stairway To Heaven“

Wäre „Stairway To Heaven“ schon nach Minute 4:18 zu Ende, es wäre nur ein weiterer der vielen bezaubernden Folksongs, die Led Zeppelin uns hinterlassen haben. Geschrieben wurde das Stück je nach Legende entweder am Lagerfeuer oder am Kaminfeuer, jedenfalls an einem Feuer. Und das passt. Warme akustische Gitarren, einschmeichelnde Flötentöne und dazu Robert Plant, der, wie so oft, Rätselhaftes und Esoterisches singt. Zusammen mit dem geradezu grotesk großen Erfolg des Songs trug vor allem die Zeile „’cause you know sometimes words have two meanings“ zu Gerüchten bei, es handele sich hier um ein Werk des Satans. Mit entsprechenden Botschaften, wenn man den Song rückwärtslaufen ließe. Alles Unsinn natürlich. Im Grunde verbindet „Stairway To Heaven“ nur die folkloristische mit der rockigen Seite von Led Zeppelin. Das Ergebnis ist meilenweit von langsamen Bluesrock-Schauklern früherer Platten entfernt und eine Ballade reinsten Wassers – bis Minute 4:18. Dann setzt John Bonhams Schlagzeug wie eine viktorianische Dampfmaschine ein und musikalische Ereignisse in Gang, die auf eine stufenweise Beschleunigung hinauslaufen und im Höhepunkt münden. Herrgott. Ja, hier geht es eigentlich acht Minuten lang nur um Sex.

34. The Modern Lovers – „Roadrunner“

Ich entdeckte das Stück auf einer billigen „Punk And New Wave“-Kassette aus dem charity shop. „Roadrunner“ fühlte sich sofort an, als ob der Song seinen Weg auf dieses Tape nur für mich gefunden hätte. Jonathan Richman klang derart aufgeregt, seine Botschaft mit uns zu teilen, dass er dabei teilweise vergaß, zu singen. Es war das Werk eines von der Macht des Rock’n’Roll betrunkenen Mannes. Weil die Version auf meiner Kassette eine Liveaufnahme war, konnte ich nicht alles verstehen. Aber die Zeilen „I’m in love with Rock’n’Roll and I’ll be out all night“ sowie „Don’t feel so alone with the radio on, radio on!“ hörte ich heraus. Keine Frage, dieser Mann war der größte Dichter, dem ich je begegnet war! Ich war verliebt in „Roadrunner“, hörte es mir immer wieder an, die Hand in der Hosentasche am Walkman, den Finger auf dem Rewind-Knopf: noch mal und noch mal. Ich fühlte mich unbesiegbar. Wer heute den Text von „Roadrunner“ nicht versteht, lässt sich vom Internet erklären, dass es darin um die Fahrt auf der Route 128 durch Massachusetts geht, während das Radio läuft. Aber ich weiß es besser: Es geht um weit mehr als das. Diese ersten Zeilen, die einzigen, die verständlich waren auf meinem Tape, sind die treffendste Beschreibung jener Glücksmomente schierer Lebensfreude, die ich je gehört habe. Und deshalb ist „Roadrunner“ der beste Song von allen.

33. Beastie Boys – „Sabotage“

Untrennbar verbunden ist das polternde Geschrei der drei New Yorker mit Spike Jonzes meisterhaftem Videoclip: In nicht einmal drei Minuten entfaltet Jonze eine adrenalintrunkene Actionmovie-Fantasie schnauzbärtiger Supercops. Der Song selbst ist ein kraftvoll-rabiater Hybride aus Punk und Rap. Das verzerrte Gitarrenriff, die kreischenden Scratch-Geräusche und die überdrehten Raps – alles ist laut und gewaltig: Vom ersten „IIIII can’t stand it!“ bis hin zu Adrocks Nervenzusammenbruch stürmen die Beastie Boys durch den Song wie ein tosender Mob durch die Großstadt – vor Wut schäumend und dennoch anmutig wie Fahnenträger der Generation X.

32. Queen & David Bowie – „Under Pressure“

Eigentlich kam Davie Bowie nur bei Queen in deren Mountain Studios in Montreux vorbei, um Backing Vocals für „Cool Cat“ aufzunehmen. Er war dann unzufrieden mit seinem Beitrag, weshalb es die Gesangsspur am Ende nicht aufs Album HOT SPACE geschafft hat. Doch während der Session spielte John Deacon immer wieder diese Bassline, die später mehrfach als bes­te aller Zeiten geehrt werden sollte. Bowie war begeistert, schrieb einen sozialkritischen Text, den Freddie Mercury mit zerbrechlichen Scat-Improvisationen begleitete. Und so wurde aus einem Demo namens „Feel Like“ Queens zweiter Nr.-1-Hit (von nur dreien) in England.

31. The Clash – „Rock The Casbah“

Als Lied des Friedens und der Verständigung war „Rock The Casbah“ eingebettet in die Kampfansagen des Albums Combat Rock und ebnete der politischsten der ersten Generation von Punkbands den Weg in die Arenen Amerikas: Stadionrock, aber beseelt vom unbeirrbaren Glauben an Change. Nicht dass der Clash-Groove bis dahin ein Fremdwort gewesen wäre, aber

Topper Headons Dancebeat ist hier absolut unwiderstehlich und treibend, während Joe Strummer arabische, hebräische, türkische und jüdische Wörter einstreut, um von den Bomberpiloten zu erzählen, die sich dem Befehl des Königs widersetzen: Anstatt Bomben abzuwerfen, spielen sie in ihren Flugzeugen Rockmusik.

30. John Lennon – „Imagine“

Erstaunlich viele Leute hassen diesen Song. Kitschig sei er. Gut, Geschmacksache. Andere nennen das: berührend. Naiv sei er. Denen antwortet Lennon selbst: „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“ Harmlos sei er. Wie bitte? Zu Beginn eines tiefrepublikanischen Jahrzehnts erwägt die mächtigste Stimme im Rock’n’Roll die Abschaffung von Religion, Besitz und Ländergrenzen und stellt Grundannahmen größter Glaubensgemeinschaften wie das Konzept von Himmel und Hölle infrage? Und verpackt das subversiv in ein bewusst radiofreundliches und so für maximale Hörerschaft zugängliches Kinderlied? Harmlos?

29. The Rolling Stones – „Gimme Shelter“

Apocalypse now: Die Sechziger neigen sich dem Ende zu, die „flower“ ist ausgepowert. In Prag stehen die Sowjets, in den USA toben Rassenunruhen und in Vietnam eskaliert der Krieg. Die Stones nehmen ihre Rolle als Kommentatoren des Zeitgeschehens ernst, die zentrale Zeile dieses düsteren, fast verzweifelten Bluesrockers lautet denn auch: „War, children, it’s just a shot away!“ Keith Richards’ souliges Intro ist nur die Ruhe vor dem Sturm, dem monumentalen Riff folgt Jaggers sorgenvolle Predigt, Gastsängerin Merry Clayton geht stimmlich an ihre Grenzen. Eine emotionale Wuchtbrumme von einem Song.

28.  Prince And The Revolution – „I Would Die 4 U“

Was Prince noch alles kann und will, wird er auf dem turbobunten Folgealbum AROUND THE WORLD IN A DAY (1985) demonstrieren. Bis dahin zieht er noch zwei unverschämt straighte Pophits aus dem Hut: „I Would Die 4 U“ ist einer dieser Songs, die Prince zu einem Schutzheiligen der späteren Electroclash-Szene machen werden. Ein Bass-Synthesizer als Souverän, die Drumbox verteilt Handclaps wie Ohrfeigen, Prince und seine Mädels knallen einem immer wieder diesen Liebesschwur um die Ohren: „U – I would die 4 u!“ (Warum es die folgende, fünfte und letzte PURPLE RAIN-Single „Take Me With U“ nicht in unsere Liste geschafft hat, müssen Sie die Jury fragen.)

27. Lou Reed – „Perfect Day“

In den Internetforen schlagen sich die User die Köpfe ein. „Klaro, Lied geht über Heroin“, sagen die einen. Die anderen: „Lou Reed hat oft genug betont, dass es von enttäuschten Hoffnungen handelt.“ Beides ist interessant, weil man zunächst etwas ganz anderes hört, nämlich eine abendschwere, elegische Hymne, die mit ihren großen Melodiebögen auch in einer 1:1-Rezeption hervorragend funktioniert. Auch wenn die Drogen-Geschichte Legende sein mag, hat der Erfolg des Songs eine Menge mit Rauschmitteln zu tun:  Der „Trainspotting“-Soundtrack (1996) machte über 20 Jahre nach seiner Entstehung aus „Perfect Day“ einen Hit ; vorher war er lediglich Albumtrack und B-Seite von „Walk On The Wild Side“. Was für eine Verschwendung.

26. Robert Wyatt – „Sea Song“

Robert Wyatts Fenstersturz während einer Party 1973, Querschnittslähmung, Rollstuhl. Das Album ROCK BOTTOM markiert die Stunde null für den Ex-Soft-Machine-Schlagzeuger. In den sechseinhalb Minuten von „Sea Song“ erfindet sich Wyatt noch einmal neu – in den schwimmenden Keyboardsounds und einem puerilen, flatterhaften Singsang, der seine Verwandlung vom Jazzrock-Drummer zum großen Jazz- und Rock-Alchemisten hörbar macht. Im leicht surrealen „Sea Song“ findet er dazu eine hochemotionale Sprache, die weniger in Worten als Texturen schillert. Dafür lieben wir Robert Wyatt.

25. Massive Attack – „Unfinished Sympathy“

Massive Attack gehörten zu den frühesten Fachkräften, die das Sampling nicht nur als Quelle für Loops und Gimmicks einsetzten, sondern aus dem Material tatsächlich neue Songs schufen. Und selbst nach mehr als 20 Jahren, in denen das Recycling in der Popmusik eine immer wichtigere Rolle eingenommen hat, fällt einem kein Song ein, der das so entstandene „Unfinished Sympathy“ an Sogkraft übertrifft. Das, was dem Samba-Breakbeat und den anderen Samples aus Jazz und Fusion Jazz zugefügt wurde, ist freilich nicht unterzubewerten: Shara Nelsons äußerst dringliche Gesangsperformance – dem Songthema Liebeskummer nur angemessen – trifft auf ein cineastisches Streicherarrangement, das nur wenig wissen will vom Bombast, dafür umso mehr von der Weite. Epochal.

24. Queen – „Bohemian Rhapsody“

Eines der wenigen Pop-Stücke, wo Alt und Jung vor schierem Vergnügen die Schädeldecke wegfliegt. Man wird und wird und wird seiner nicht überdrüssig. „Bohemian Rhapsody“ ist mehr als nur ein Song, nämlich sechs Songs. Kein Refrain kehrt wieder, es gibt keine Strophe. Der Körper setzt sich aus sechs Teilen zusammen, die alleine nicht lebensfähig wären – zusammen aber ein unsterbliches Hybridwesen ergeben. Es altert nicht. Kommt Hardrock aus der Mode, ist Operette gefragt. Wen Balladen langweilen, der hört vielleicht lieber dieses saftige Gitarrensolo. Und wenn man alle sechs Songs schon kennt, kann man ja mal auf den Text achten. Und an ihm verzweifeln. 1975 stand der Progrock in prätentiöser Blüte. Niemand dementierte diesen Stil damals so entschieden wie Frank Zappa mit seiner sarkastischen Überlegenheit – und Queen mit ihrer Travestie auf den damals obwaltenden Ernst des Esoterischen. „Bohemian Rhapsody“ war der Beweis, dass das Ganze auch lustig geht und lässig, ohne auf das große Theater zu verzichten. Deshalb wird in diesem Song der ganze Freddie Mercury auf Ewigkeit eingeschlossen sein wie eine Libelle in Bernstein.

23. The Beach Boys – „Good Vibrations“

„Good Vibrations“ ist niemals nur der Gute-Laune-Song gewesen, als der er heute durch Beachparty-Playlists geistert. Brian Wilson schuf 1966 in monatelanger Studioarbeit ein rauschhaftes Meisterwerk, das sich als farbenfroher Drogentrip von einer Stimmungsschwankung zur nächsten hangelt: Von den zarten, halligen Traumsequenzen der Strophen wechselt der Sound zum euphorisch-mehrstimmigen Gesangschor der Refrains. Alles fließt in einer Art hippiesker Trance ineinander: geisterhaft sirrendes Theremin, Saloon-Pianoklimpern, Hammond-Orgel. Und über allem schwebt der Rhythmus des rasselnden Tamburins – wie ein Versprechen, das den California Dream in die Welt hinausträgt.

22. Kraftwerk – „Autobahn“

Auch wenn die Single 1975 Platz elf der britischen und Rang 25 der US-Charts erreichte – das ganze Vergnügen offenbart nur die LP-Version. Ein Song wie ein Hörspiel, zum verfremdeten Elektro-Beat aus dem „Vox Percussion King“ geht’s über Berg und Tal, in Szene gesetzt von damals ungemein innovativen, melodischen Synthieklängen, bisweilen kommentiert von eher emotionslosem Gesang. Eine Pioniertat des Elektrorock. Ob’s Absicht war, sei dahingestellt, aber mit „Autobahn“ entsprachen Kraftwerk exakt dem im Ausland so beliebten – und etwas gruseligen – Stereotyp der kühlen, technoiden Teutonen.

21. Pet Shop Boys – „Being Boring“

Auch wenn die Pet Shop Boys den Themenkomplex AIDS schon 1987 auf ACTUALLY („It Couldn’t Happen Here“) behandelten, ist „Being Boring“, das Neil Tennant als Reaktion auf den Tod eines Freundes an der Immunschwäche schrieb, ihr erster großer Wurf in Sachen Storytelling-Pop: eine Rückschau auf das gemeinsame Leben, auf den Wechsel in die Großstadt und die Erfahrungen dort. „Einer der besten Songs, die wir jemals schrieben“, sagt Neil Tennant heute. Wir sind geneigt, ihm recht zu geben. Ein großer Hit wurde die Popnummer mit ihrer wunderbar abgefederten Harold-Faltermeyer-Produktion seinerzeit indes nicht: Mehr als Nummer 20 in den britischen Charts war nicht drin.

20. Bob Dylan – „I Want You“

Es ist der Vorabend des „Summer Of Love“. Die Beach Boys veröffentlichen ihr PET SOUNDS, die Beatles werden wenig später mit REVOLVER kontern. Die Sounds werden psychedelisch, die Gewänder so bunt wie die Blumen im Haar. Doch Dylan gefällt sich als cooler, durch die Straßen New Yorks tänzelnder Bohemien im dunklen Anzug – just so, wie ihn das Coverfoto seiner elften Single „I Want You“ zeigt. Auch musikalisch könnte nichts weiter weg sein vom gerade herrschenden Zeitgeist als jenes in Nashville aufgenommene, leichtfüßige Stück Folkrock im dünnen, wilden BLONDE ON BLONDE-Quecksilber-Sound, das nur so wimmelt vor Dylan-typischen Figuren wie Bestattern, Leierkastenmännern, Kammerzofen und betrunkenen Politikern. Und all die rätselhaften Strophen münden immer wieder in den frappierend simplen Refrain: „I want you, I want you, I want you so bad.“ Ewig ist das Begehren – und vergeblich.

19. Prince – „When Doves Cry“

Man entschied sich für dieses Stück als erste PURPLE RAIN-Single, um nach dem Erfolg von 1999 alle Aufmerksamkeit auf den Alleskönner aus Minneapolis zu lenken. Prince hatte es über Nacht geschrieben und allein aufgenommen, weil „Purple Rain“-Regisseur Albert Magnoli noch ein paar dramatische Szenen untermalt wissen wollte. Den eher spartanischen Zwitter aus Soul-Dramolett und trockenem Club-Brett veredelt Prince durch eine legendär aufwühlende Gesangsperformance, durchzieht ihn mit Chören, Stoßseufzern und Schreien. In der fast sechsminütigen Albumversion windet sich das Stück in seinem Leid, bis ein Synthesizersolo zum Finale keck ein lila Schleifchen drumherumbindet. „When Doves Cry“ geht als erste Prince-Single auf Platz eins der US-Charts und macht alle süchtig nach mehr …

18. Radiohead – „Paranoid Android“

Die Leadsingle aus Radioheads erstem Meisterwerk OK COMPUTER war in jeder Hinsicht ein Witz: Mit einem sechseinhalbminütigen vielgesichtigen Prog-Rocker an die Radios herantreten? Lächerlich. Dann der Titel: Thom Yorke erachtete den depressiven Roboter Marvin aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ als geeignete Karikatur auf sich oder besser: auf das, was die Medien in ihm sahen. Dementsprechend unpersönlich ist der Text. Vorgetragen wird er allerdings mit einer Intensität, die tief unter die Haut geht. Die Stelle, an der das Monsterriff von Gitarrist Jonny Greenwood den verzweifelten „Rain down, rain down“-Teil zerschneidet, ist eine der wirkungsvollsten Explosionen der Musikgeschichte. Ausgerechnet mit ihrer komplexesten Single stand die Band am höchsten in den britischen Charts, auf Platz drei.

17. Talk Talk – „I Believe In You“

Näher als hier, in diesen 6 Minuten und 24 Sekunden, ist die Populärmusik des 20. Jahrhunderts dem Sakralen nicht gekommen. Nun zielt der Pop auf alles Mögliche, aber selten sicher auf das Erhabene. Geht der Schuss nur knapp daneben, entsteht Müll. Er geht oft daneben, deshalb wandern wir über Gletscher aus Kitsch. „I Believe In You“ ist, um im Bild zu bleiben, anders. Ein seltener Schuss ins Schwarze. Diese Nähe zum Erhabenen hat den Song fast durchsichtig gemacht, er ist ein Netz mit weiten Maschen und Schlingen der Ruhe. Das ist die Rhythmusgruppe aus Lee Harris am Schlagzeug und Paul Webb am Bass, das offene Rückgrat dieses Songs. Eine traurige, aber schwebende Leichtigkeit ist das, das komplette Instrumentarium beim Jazz der 60er-Jahre und dieses Hingetupfte bei Erik Satie geborgt, um sie in etwas viel Größeres einzubauen. Alles fliegt. Knapp über dem Boden nur, aber es fliegt. Das würde schon reichen, ist doch im Spätwerk dieser Band alles nur Fließen und Wogen, Anbranden und Abebben. Bei „I Believe In You“ aber öffnet sich der Himmel, erklingt dieser Frauenchor und ergießt sein ewiges Licht über die 80er-Jahre. Die aber haben die Sonnenbrille aufgesetzt und weitergetanzt.

16. New Order – „Blue Monday“

Gleich am Anfang, wenn das manische Schreibtischhaken der Bassdrum einsetzt, ist klar: Hier passiert gerade etwas Neues, Aufregendes. Im Hintergrund stimmt der Sequencer ein, gefolgt von Bass und Snaredrum, der Bruchteil einer Sekunde absolute Stille, dann wieder der Bass, der Drumbeat, schließlich der triste Sprechgesang von Bernard Sumner. Dass das der Anfang für einen der bahnbrechenden Dance-Tracks zu Beginn der Achtziger sein würde, hatten New Order damals wohl selbst nicht geahnt. Zumal sich der fast siebeneinhalb Minuten lange Aufbruch ins elektronische Zeitalter als technisch anspruchsvoll herausstellt. Bei den ersten mühsamen Versuchen, den Sequenzer eigenhändig mit Binärcode zu programmieren, entsteht das ikonische „Taktaktak“-Intro eher zufällig. Der Erfolg des Songs in der aufkommenden House-Szene ist gewaltig. Obwohl „Blue Monday“ zur meistverkauften 12inch-/Maxi-Single der Geschichte wird, steht dem Factory-Label damit zuerst einmal ein finanzielles Desaster ins Haus: Aufgrund der aufwendigen Gestaltung des Maxi-Covers (siehe Bildunterschrift) macht die Plattenfirma einen Verlust. Erst durch unzählige Re-Releases rechnet sich das Lied am Ende. Vom künstlerischen Standpunkt aus ist es egal: Denn was der Band als Joy Division mit dem emotional aufgeladenen „Love Will Tear Us Apart“ gelang, glückte New Order ein weiteres Mal mit der kühlen Monotonie von „Blue Monday“– einen Klassiker zu schreiben, der auch 30 Jahre später noch absolut frisch klingt.

15.  Prince and The Revolution – „Purple Rain“

West-Germany braucht diese amtliche Rockballade (Platz 5 in den Single-Charts), um sich endlich auch im breitesten Einverständnis für die nächsten Jahre in die Gefangenschaft des geilen, frommen Prinzen zu begeben. Wobei „Rockballade“ viel zu kurz greift für einen Song, der sich in fast neun live aufgenommenen und mit jeder Menge Overdubs veredelten Minuten vom Softrock über den Hendrix’schen Mini-Exzess zum ausgewachsenen Gospel und von dort zu einem vollendeten Orchester-Finale vorarbeitet, von dem andere Streicherpomp-Beleiher nur träumen können. Dabei kämpft sich Prince mit klarem Vorsatz auch durch manches Classic-Rock-Klischee, das eigentlich seit Anfang der Achtziger und nicht zuletzt durch sein Wirken als überholt galt. Darf dieser Typ eigentlich machen, was er will?

14. Glen Campbell – „Wichita Lineman“

Billy Joel sagte mal über das Stück: „Es ist ein Lied über einen gewöhnlichen Menschen, der sehr ungewöhnliche Dinge denkt.“ Genau hier lag Ende der 60er-Jahre das große Talent des genialen Songwriters Jimmy Webb: Wie ein brillanter Regisseur suchte er sich normale Charaktere und verpflanzte in ihre Gefühlswelt alles, was das Leben so wunderbar und schwer erträglich macht: die große Liebe, die unendliche Einsamkeit, die verdammte Romantik. Kurz zuvor hatte Webb für den Countrystar Glen Campbell bereits „By The Time I Get To Phoenix“ geschrieben; es handelte von einem armen Kerl, der die USA auf dem Weg zu seiner Liebsten mit dem Auto durchkreuzt, weil er sich keinen Flug leisten kann. Der „Wichita Lineman“ ist der Mitarbeiter einer Telefongesellschaft, der in der Einsamkeit von Kansas die Oberleitungen für Telefonanschlüsse installieren muss. Der Kerl sorgt also dafür, dass in diesem riesigen Land schon bald jeder mit jedem sprechen kann – und ist bei dieser Arbeit der einsamste Mensch des endlosen Westens. Welche Tragik!

13. Bob Dylan – „Like A Rolling Stone“

Es ist der Moment, der die populäre Musik auf den Kopf stellt. Bobby Greggs treibende Beats. Al Koopers dräuende Orgelklänge. Michael Bloomfields raffinierte Gitarrenlicks. Und diese Stimme, die einem – ganz juvenile Arroganz und irritierende Coolness – Textkaskaden entgegenschleudert: „Once upon a time you dressed so fine, threw the bums a dime in your prime, didn’t you?“ Die vom Verlust der Unschuld erzählt und von den Brüchen eines Lebens. Die im Refrain „How does it feeeel?“ höhnt und „to be on your own“ auf „no direction home“ reimt. In „Like A Rolling Stone“ tanzen die Poesie und der Rock’n’Roll auf den Trümmern des Pop. Gleichermaßen ist der Song aber auch ein Manifest, über dem in Flammenschrift geschrieben steht: „Wir gegen sie“. Entstanden ist dieses Meisterwerk in einem Holzhaus in Dylans Refugium Woodstock. Alle Elogen, alle Interpretationsversuche tut Master Bob mit einem Achselzucken ab: „Der Song ist einfach so zu mir gekommen, weißt du“, sagt er. Elvis Costello wird sich später erinnern, es sei ein Schock gewesen, „in einer Welt zu leben, in der es Manfred Mann, die Supremes und Engelbert Humperdinck gab – und plötzlich tauchte da so etwas wie ,Like A Rolling Stone‘ auf“.

12. Kate Bush – „Wuthering Heights“

Ja, an die Stimme muss man sich erst mal gewöhnen. Aber ist das nicht mit allem im Leben so, also auch mit allem Schönen? 36 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt „Wuthering Heights“ einer dieser Songs, die man nicht nebenbei hören kann. Der einen mit all seiner magischen Pracht vereinnahmt, die Welt drumherum ausknippst. Fast so erhebend wie der Song ist seine Entstehungsgeschichte: 18 Jahre alt war Kate Bush, als sie die Filmversion von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (Deutsch: „Sturmhöhe“) zu dem Stück inspirierte. Die gerade mal Volljährige setzt sich gegen ihre mächtige Plattenfirma EMI durch, die „James And The Cold Gun“ zu Bushs Debütsingle machen wollte, und bestimmte, sich der Welt mit „Wuthering Heights“ vorzustellen. Die Welt gab ihr Recht: Bush wurde die erste Künstlerin mit einem selbst geschriebenen Nr.-1-Hit im Vereinigten Königreich. Gigantischster Moment: Wie ihre Stimme am Ende mit dem Solo von Alan-Parsons-Project-Gitarrist Ian Bairnson verschmilzt und langsam verschwindet.

11. The Kinks – „Waterloo Sunset“

Während zeitgenössische Rocktexte 1967 gerne dem psychedelischen Surrealismus huldigten, konzentrierte sich Ray Davies auf das, was er kannte: London, seine Bewohner, ihre Sehnsüchte. Davies ist in dieser urbanen Britpop-Miniatur der einzelgängerische Beobachter, er erzählt von „Terry and Julie“, die an der Waterloo Station die „dirty old“ Themse überqueren, sich selbst genug inmitten all der Geschäftigkeit der freitäglichen Feierabendhektik. Klingt zunächst unspektakulär, ist im konkreten Fall aber von einer poetischen Kraft und zartbitteren Schönheit, die perfekt mit den sanft absteigenden Melodien von Strophe und Refrain sowie der leise optimistischen middle-eight harmoniert. Zeitloser Pop-Realismus, denn das, was Davies da von seinem Fenster aus beobachtet, kann 1967 geschehen sein oder eben 2007, und vielleicht passiert es gerade jetzt. Ein Klassiker des 60s-Pop, seinerzeit in knapp zehn Stunden aufgenommen. Erreichte als Single Platz 2 in England und Rang 7 in den deutschen Charts.

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