Hirnflimmern

Die Karre brennt: Warum es heute mehr zu meckern gibt als in den Neunzigern


Überall steigt der Rauch auf. „We didn’t start the fire“, hat’s mal geheißen. But we actually did. Die aktuelle Hirnflimmern-Kolumne aus dem ME 09/2022.

Grad war’s wieder im Radio: Montagabend, und an einer Bundesstraße hier in Bayern steht schon wieder ein brennendes Auto am Straßenrand. Ich kapier das ehrlich nicht, warum die Leute immer ihre brennenden Karren überall stehenlassen. Wtf? Erinnert mich an eine Meldung von vor zwei Jahren, die ich damals nicht an Sie weitergegeben habe, weil ich wohl dachte, das ist zwar interessant, hat aber einfach nicht genug mit Musik zu tun für eine Popkolumne. Aber hey! Hier, aus den BR-Nachrichten vom 24. Juli 2020: „Bei der Landung eines brennenden Privatflugzeugs auf dem Euro-Airport Basel-Mulhouse-Freiburg sind drei Menschen verletzt worden.“ Wo man sich doch wirklich fragt, was müssen die Fools in einem brennenden Flugzeug durch die Gegend schickern? Ist denn kein Kick mehr scharf genug? Ich sage nicht, dass früher alles besser war. Aber ständig brennende Fahrzeuge überall? Ich entsinne mich nicht.

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Sie haben schon recht: Einiges war früher auch besser. Unter uns (bitte flüstern): Eigentlich das meiste. Ich wollt’s nur grad nicht einfach so behaupten. Aber wenn man sich mal die Gegenwart anschaut… Man hat sich als realistisch pessimistischer Mensch ja jahrzehntelang anhören müssen, man solle sich nicht so anstellen, früher sei es auch mies gewesen bzw. heute nicht so schlimm, wie man meine, und man sage bitte schön laut und deutlich „ja!“ zur modernen Welt, Stichwort „Digital ist besser“, wobei Tocotronic das ja 1995 schon ironisch gemeint haben. Glaube ich. Hoffe ich. Jedenfalls: Das war ja auch irgendwie beruhigend.

Was hatten wir ach so perspektivlose „Generation X“ damals 1992 zu bejammern?

„Every generation thinks it’s the end of the world“, beschwichtigte Jeff Tweedy 2009, und wenn so ein Schlauer das sagt/singt, denkt man doch: Na, vielleicht ist wirklich alles nicht so wild. Aber natürlich war es so wild all along, mindestens seit Mitte der 90er, und es hätte den diversen Generationen seither gut gestanden, sich mal einen Kopf darüber zu machen, was sie da eigentlich anstellen mit der Welt. Und jetzt, zickezacke 2022, steht deren Ende, wie wir sie kennen, tatsächlich bevor (and I don’t feel fine), und da ist wirklich nicht nur der Russe dran schuld.

Die Nerven über Millennials: „Jede Generation versucht sich selbst darzustellen“

Vorhin am Sportplatz: Jugendliche, die beim Basketballwerfen Nirvana hören. Einer sogar mit Nirvana-Shirt. Hm. Da war wohl der Papa oder die Mama Fan. Oder – Himmel! – eher Oma/Opa? Jedenfalls: Was hatten wir ach so perspektivlose „Generation X“ damals 1992 zu bejammern? Gut, mehr Diskriminierung als heute, jugendliche Orientierungslosigkeit, ein paar frühe neoliberale Gemeinheiten, so eine gewisse Leere und, na ja, Guns N’ Roses. Aber da ist heute schon mehr im Angebot für Leute, die mal so richtig emo in den Abgrund schauen möchten. Klimakatastrophe, Kollaps der weltweiten Ökosysteme, Demokratiekrise, Hungerkrise, Atomschlagdrohungen aus Russland UND die neue Single von Ed Sheeran – how does that grab you? Ich möchte rausgehen, mein Auto anzünden und eine Spritztour machen.

800 And Counting: Was die Rolling Stones mit dem Musikexpress gemeinsam haben

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2022.