Hirnflimmern

800 And Counting: Was die Rolling Stones mit dem Musikexpress gemeinsam haben

von
Josef Winkler
Josef Winkler

800! Wenn irgendwo eine 800 gefeiert wird, dann ist das ja landläufig mit einem Mittelalterfest und dem Treiben von Gauklern und Spielleuten verbunden. Beim Musikexpress ist das gottlob anders, da bleibt die alte Sackpfeife im Schrank – resp. darf eine Kolumne als Jubiläumsständchen schreiben! 800 Ausgaben Musikexpress. Das ist eine Hausnummer. Oder ein Wort. Jedenfalls: Viele Hefte. Und wenn ich überlege, zu wie vielen davon ich beitragen durfte, dann erfüllt mich das doch mit einem gewissen Stolz …

Ach was, Gesülze! Extrem stolz bin ich! Oder besser: Es ist eher ein samtweich-vollmundiger Gefühls-Blend aus Rührung, Demut, Feierlichkeit und Stolz, der mich da durchspült. Und natürlich Fassungslosigkeit darüber, wo die ganze Zeit hin ist. Und die ganzen Hefte. So genau möcht ich’s hier auch gar nicht ausrechnen, sonst kommt noch jemand auf die Idee, mich in Formaldehyd einzulegen und ins ME-Museum zu tun.

Dias und Papierfotos

Nur so viel: Ich habe in dieser Redaktion noch an einem DOS-Rechner mit Grünmonitor gearbeitet. Oder war’s Bernstein? Jedenfalls war es der Letzte seiner Art und ich als Praktikant damit betraut, darauf ein internes Schlagwort- und Namensregister aller (damals) bisherigen ME-Ausgaben zu erstellen. Ein Mammutprojekt, das bald liegenblieb zugunsten dringenderer Aufgaben wie dem Auswerten der eingesandten Postkarten für die Lesercharts und Handlangerdiensten beim Rücksortieren von Fotos ins Bildarchiv. Ja: Dias. Und Papierfotos.

Die Digitalisierung machte sich erst so langsam auf den Weg, und die Redakteure arbeiteten zwar schon an ultramegamodernen Mäcs, aber die Speziallineale, mit denen sie noch kurz zuvor die ME-Textspalten ausgemessen und geklebt hatten, lagen noch in den Schreibtischschubladen. Wenn externe Autor*innen Texte ablieferten, dann nicht per E-Mail – gab’s noch nicht bis kaum – sondern per Fax. Kürzere tippte flugs der Praktikant ins System, längere wurden weitergefaxt an eine studentische Tippkraft in der Stadt (Dagmar, bist Du da noch?), von wo dann in Stoßzeiten einmal täglich eine 3,5-Zoll-Diskette mit den erfassten Textdateien nach Giesing zurückkam. Der Ruf „Kurier aus der Kazmaierstraße!“ bedeutete: Jetzt gibt’s Stoff zum Redigieren. Genau. So war das damals. Und auch noch ganz anders.

Darf man sich wünschen, das möge ewig so weitergehen?

Apropos MEseum: Nicht, dass ich da nicht hingehören würde (was auch eine große Ehre wär) – zumindest nach alter Lesart. Mitte der 90er war aber auch hier eine Zeitenwende im Gange, und das abfällige Wort von den „Rock-Dinos“ begann sich zu einem Ehrentitel zu wandeln. Noch war das Staunen groß, dass die Rolling Stones 1995 tatsächlich noch mal auf Tour waren, begleitet von dem redaktionsinternen – und irgendwie outrageous gemeinten – Spruch „Die Stones bringen’s mit 60 noch!“ Tja. Mittlerweile bringen sie’s mit 80 noch. Und der ME halt mit 800. Darf man sich wünschen, das möge ewig so weitergehen? Glück auf, Musikexpress! You can do it!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 08/2022.


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