Meinung

Nach „Solo: A Star Wars Story “: Die größte Filmreihe der Welt liegt im Wachkoma

1Als im Dezember 2014 der erste Teaser-Trailer zu „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ erschien, war die Vorfreude grenzenlos. Disney hatte 2012 Lucasfilm gekauft, eine neue Trilogie sowie das Spin-off „Rogue One“ angekündigt, die ersten frischen Szenen vom Millennium Falcon im Teaser lösten einen Hype aus, der auf Jahre anhalten sollte.

https://www.youtube.com/watch?v=erLk59H86ww

2018: Mit „Solo: A Star Wars Story“ ist der erste Flop der „Star Wars“-Geschichte Gewissheit, an den Kinokassen hat der Film enttäuscht, viele Zuschauer verlassen den Saal schulterzuckend, viele treue Fans boykottieren den Film komplett, sprechen ihm ungesehen die Relevanz für die Reihe ab. Nach vier Filmen innerhalb von vier Jahren schlägt Disney und Lucasfilm jene „Star Wars“-Müdigkeit entgegen, die viele Experten prophezeit und noch mehr Anhänger befürchtet haben.

Während „Das Erwachen der Macht“ nach dem Kinostart im Dezember 2015 zum Massenliebling und historischem Erfolg an den Kassen wurde, ging das Risiko „Rogue One“ ein Jahr später künstlerisch wahrscheinlich auch mit viel Glück auf. Regisseur Gareth Edwards wurde während der Dreharbeiten entmachtet, durch Nachdrehs konnte Lucasfilm einen griffigen Kriegsfilm mit für „Star Wars“ ungewohnt tragischem Ende in die Kinos bringen, was vielen Fans in dieser neuen Ära der Reihe besonders gefiel. Also vor allem der Teil mit dem Ende.

Die Probleme der Hauptreihe

Star Wars“ ist in seiner Trilogie-Struktur als Franchise nicht mehr das Maß aller Dinge, Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy orientiert sich immer mehr am hauseigenen Vorbild Marvel (gehört ebenfalls Disney). Dort werden seit Jahren mit viel Feingefühl und manchmal eben auch mit dem Vorschlaghammer Figuren zusammengeführt, Filme miteinander verwebt und Storylines zusammengelegt. Das funktioniert, weil die Comic-Vorlagen ebenfalls diesem Prinzip folgen, Marvel für jedes Crossover und jeden bizarren Alien-Besuch auf der Erde schon vor dem allerersten Drehtag die passende Ausrede eingebaut hat.

Kathleen Kennedy

Auf der Leinwand war „Star Wars“ eigentlich nie weit verzweigt. Imperium gegen Rebellen, Sith gegen Jedi. Mittendrin sind die Skywalker-Familie und eben Han Solo, schließlich kann man einen coolen Typen auch im Weltall immer gebrauchen. Der grundlegende Konflikt zwischen Gut und Böse und die wichtigsten Figuren sind über all die Jahre zu Ende erzählt worden. Spätestens, seit George Lucas drei Prequels (1999-2005) dem Schicksal von Darth Vader und der Entstehung des Imperiums widmete.

Aus Luke, Leia und Han Solo – das lässt sich im Nachgang natürlich immer leicht sagen – war vielleicht einfach nicht mehr viel herauszuholen. Diese geliebten Figuren in „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ noch einmal zu sehen, hat vor dem Gang ins Kino zwar für nostalgische Vorfreude gesorgt, den Charakteren selbst und ihren Geschichten konnte die Fortsetzung der Skywalker-Reihe allerdings nichts hinzufügen. Zugespitzt: Harrison Ford schaute nur für seine Todesszene vorbei, Mark Hamill hat in „Die letzten Jedi“ gefühlt nur einen Kerl namens Luke Skywalker und nicht mehr diese Ikone der 80er gespielt. Und Carrie Fishers Prinzessin Leia flog plötzlich durchs Weltall, bevor sie der Plot zur Seite, beziehungsweise in eine Medizin-Kapsel legte. Die echte Fisher starb kurz nach den Dreharbeiten, Episode VIII wurde ihr letzter Auftritt in der Reihe, obwohl Disney ausgerechnet mit ihr noch für einen weiteren Film geplant hat.

Die ursprünglichen Helden der Reihe: Harrison Ford, Carrie Fisher, Mark Hamill

Am Ende von „Die letzten Jedi“ und vor dem Drehstart des noch unbetitelten Nachfolgers, der 2019 startet, stehen die Produzenten ohne Altstars da. Figuren wurden verheizt, ein eventueller Plan mit Carrie Fisher durch äußere Umstände durchkreuzt, jetzt bleiben also nur noch die Neulinge, die nach zwei Filmen der Hauptreihe, also den Episoden 7 & 8, auf sich allein gestellt sind. Nach „Die letzten Jedi“ überschlugen sich zwar große Teile der Filmpresse vor Lob: ein Wechsel von der alten zur neuen Generationen sei gelungen. Vergessen wurde dabei aber, dass dieser Transit zwei von drei Filmen einer Trilogie verschlungen hatte. Unterm Strich steht die Hauptreihe aber ohne Nostalgie-Faktor und mit mäßig interessanten neuen Helden und Schurken da. Oder freut sich wirklich jemand aufrichtig auf die Rückkehr von Finn und Rose? Nur Kylo Ren und Rey waren auf dem Weg in eine gemeinsame gute Storyline, nach dem Tod des Schurken Snoke (Andy Serkis) griffen aber die bereits erwähnten alten Mechanismen von Gut und Böse.

Ewiger Fortbestand, ewiger Profit

Die Haupttrilogie wird trotzdem planmäßig mit Episode IX weitergehen, die Drehbücher werden gerade finalisiert, mit J.J. Abrams wurde eine sichere Bank als Regisseur engagiert, nachdem der ursprünglich gebuchte Colin Trevorrow rausgeworfen wurde. Und Abrams hat eine schwere Kurskorrektur vorzunehmen: „Das Erwachen der Macht“ spielte 2015 mehr als 2 Milliarden Dollar ein, „Die letzten Jedi“ zuletzt 1,3 Milliarden. Viel Geld natürlich, aber das Gefälle zum Vorgänger ist gigantisch, Disney und Lucasfilm können auf keinen Fall zufrieden mit dem Ergebnis sein. Auch nicht mit dem Shitstorm vieler Fans, Disney habe „Star Wars“ durch einige Entscheidungen im Drehbuch auf ewig zerstört und sei nur noch auf den ewigen Fortbestand und Profit des Franchise aus.

J.J. Abrams mit Stormtrooper
J.J. Abrams

Die Hauptlinie ist ins Stocken geraten, in der nächsten Episode müssen wirklich großartige Ideen aufgefahren werden, um die Fans (und deren Geld) wieder anzulocken – ausgeschlossen ist dies allerdings nicht. Abrams ist ein fähiger Mann, der mit einem Film alles herumreißen kann.

Die größere Gefahr für den Mythos „Star Wars“ sind unterdessen Spin-Off-Filme, die von Lucasfilm und Disney auch Standalone-Movies genannt werden. Solch ein alleinstehender Film war „Rogue One“, doch einen befriedigenden, wirklich in sich abgeschlossenen Film möchte Disney den Zuschauern zeitnah nicht mehr anbieten. An „Solo: A Star Wars Story“ wird nun aktuell besonders deutlich, wie verzweifelt die Marvel-Formel, die Verknüpfung bekannter Figuren und Sub-Marken um jeden Preis, im Weltall aussieht.

Aus Kinomagie werden Hausaufgaben

Darth Maul (Ray Park) in „Die dunkle Bedrohung“.

„Solo“ erzählt nicht nur eine Helden-Vorgeschichte, nach der in drei Jahrzehnten maximal eine Minderheit gefragt hat. Der Film möchte auch kein Ende finden, kramt in den letzten Minuten mit dem von Ray Park gespielten Darth Maul eine auf der Leinwand niemals relevante Figur aus, die schlichtweg nichts in der Vorgeschichte eines Han Solo verloren hat. In einem Hologramm ist irgendwann der gehörnte Sith mit dem Doppel-Lichtschwert zu sehen, droht Han Solos Jugendliebe, die sich anschließend via Raumschiff auf den Weg zu Maul macht.

An dieser kurzen Szene zeigt sich die Ausrichtung der kommenden Standalones, die diesen Namen eben nicht mehr verdient haben: Für den „Solo“-Film hat die Figur Darth Maul keine Relevanz, ihr Auftritt ruiniert sogar ein fast stimmiges Finale. Der Wiedererkennungswert der eigentlich in einem „Star Wars“ von 1999 gestorbenen Figur soll die Zuschauer aber an den Haken holen, ihnen Hausaufgaben aufgeben. Denn Maul hat doch überlebt, was man in einer für Kinder gemachten Animationsserie über „Star Wars“ erfährt. Wer sein Lieblingsfranchise weiterhin verstehen will, soll  sich die jetzt bitte auch anschauen, im Optimalfall mit den Kids, die dann Spielzeug zur Serie wollen.

‚]Und natürlich bewirbt Darth Maul schon jetzt weitere Spin-Offs, die nicht einmal angekündigt wurden. Denn wo wird Disney den Sith das nächste Mal sehen? In einem weiteren „Solo“-Film vielleicht, immerhin hat Harrison Fords Nachfolger für drei Filme unterschrieben. Wahrscheinlicher ist aber eher, dass er in einem Film über Obi-Wan Kenobi zu sehen sein wird. Dieser wird anscheinend schon geplant, Ewan McGregor hat Lust auf seine alte Rolle und frische Millionen – der Zeitraum innerhalb des „Star Wars“-Kosmos wäre ebenfalls perfekt: Plötzlich könnte es zu einem Rematch der zwei alten Gegner kommen, nach dem niemals jemand gefragt hat.

Widerstand an der Kinokasse

Einigen Nerds würde dies sicherlich Freude bereiten. Der Rest der Zuschauer kommt bei dieser Art Franchise-Erweiterung kaum noch mit. „Star Wars“-Fans sind nicht automatisch Marvel-Fans, die Lust auf Querverweise und Crossover und plötzlich wieder auferstandene Figuren haben. Disney sieht sich gerade mit Boykott und dem ersten Flop konfrontiert, da die Reihe auch viele erfahrene Kinogänger als Zuschauer anlockt. Und die erkennen, dass sie in ein Netz gelockt werden sollen, in dem in den nächsten zehn Jahren auch zehn Filme kommen, die man zum Verständnis von „Star Wars“ alle sehen muss. Selbst wenn man nie etwas über die Vorgeschichte von Han Solo oder Boba Fett (der auch einen Film bekommt) erfahren möchte. Schön, dass Disney schon beim Startschuss mit „Solo“ merkt, dass dieses Prinzip nicht auf „Star Wars“ zu übertragen ist – beziehungsweise es auf Widerstand stößt. Bei „Solo“ schlägt sich dies noch deutlicher in Zahlen nieder als bei „The Last Jedi“.

„Star Wars“-Fans verliebten sich einst in die Ur-Trilogie, weil die Geschichte simpel und trotzdem episch war. Und vor allem, weil sie irgendwann auch vorbei war.

Getty Images
AP Photo/20th Century-Fox Film Corporation
Fred Duval FilmMagic
Lucasfilm

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