Meinung

ECHO 2018: Die Nominierungen sind da – und wir haben wieder etwas dazu gelernt

Der Echo, selbsternannt „einer der wichtigsten und renommiertesten Musikawards der Welt“, hat die Nominierten für die Preisverleihung 2018 bekannt gegeben. Das Wichtigste zu Beginn: Volks-Helene (Fischer) ist auch wieder dabei! Dann kann es in diesem Jahr ja nur aufwärts gehen, nachdem uns die Award-Show im vergangenen Jahr, nun ja, nicht „angesprochen“ hat.

Nachdem Helene Fischer im Frühling 2017 ihr aktuelles, selbstbetiteltes Album ankündigte, war uns bereits klar, dass sie die Nominiertenliste anführen wird; dass wir die Liste derer, denen sie Preise damit strittig machen wird, so auf den Punkt vorausgesagt haben, ehrt uns dann doch ein wenig.

The Kelly Family, Die Toten Hosen, Depeche Mode, Ed Sheeran: Was sich anhört, wie die Playlist eines Dorf-DJs, kurz bevor die Stimmung ins Handgreifliche kippt, ist in Wirklichkeit das Filetstück des Echos 2018. Ed Sheeran etwa hat es mit „Perfect“ und „Shape Of You“ mit gleich zwei Songs in die Shortlist für den „Hit des Jahres“ geschafft – was nicht nur beweist, wie beschränkt scheinbar der Mainstream-Radio-Geschmack der Republik ist, sondern auch, dass der Echo augenscheinlich noch immer nur eine von Verkaufszahlen und Airplays dikitierte Veranstaltung ist. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein einzelner Künstler zwei so markerschütternd gute „Hits“ aufgenommen hat, die unbedingt für den Echo nominiert werden müssen, weil man sonst dem musikalischen Jahr 2017 nicht gerecht werde.

Dieses offene Geheimnis wird nur noch dadurch untermauert, dass Julia Engelmann (ja, die Poetry Slammerin, die es innerhalb von ein paar Monaten geschafft hat, von Everybody’s Darling zu Everybody’s Nervtöterin zu mutieren) mit ihrem unmusikalischen POESIEALBUM als „Künstlerin Pop National“ nominiert zu werden.

Es gibt auch etwas Gutes am ECHO 2018

Das Gute am Echo ist ja wenigstens, dass man immer etwas dazu lernt. Etwa, dass es okay ist, Robin Schulz den bis heute einmaligen, weil vollkommen kruden Echo als „Bester Nationaler Act im Ausland“ zu geben, oder Südtirolern, die in der Vergangenheit auf verschiedenen Ebenen europäische Staatsgrenzen anzweifelten als beste nationale Rockband auszuzeichnen. Dass den Preis in diesem Jahr mit SDP ein Act gewinnen kann, der in etwa so weit entfernt vom Konzept der Rockband ist, wie die SPD von der Kanzlerschaft: geschenkt.

Aber was hacken wir schon wieder auf den Entscheidungen auf nationaler Basis herum, international sieht es doch auch nicht besser aus. Ein Preis, der von sich – wir erinnern gerne noch einmal daran – als „einer der wichtigsten und renommiertesten Musikawards der Welt“ spricht und dann Jason DeRulo als Kandidaten für den Preis als „Künstler International“ ins Rennen schickt, kann man doch 2018 nicht wirklich als renommiert ansehen. Zumal die Begründung für seine Nominierung nicht auf einem Album basiert, sondern auf dem albernen Radio-Pausenfüller „Swalla“. Dass es eventuell einen Zusammenhang zwischen seiner Nominierung (und seines möglichen Echo-Erfolgs) mit seinem Live-Auftritt bei der Preisverleihung gibt: können wir uns gar nicht vorstellen…

Erfreuliches gibt es zumindest in der Sparte Newcomer National zu erwähnen: Da hat es mit Rin ein Act in die Shortlist geschafft, der nicht nur polarisiert, sondern deutsche Musik neu denkt. Dort tritt er übrigens gegen einen Act namens Zuna an. An dieser Stelle eine Frage: Welchen TV-Sender muss man in den vergangenen Monaten geschaut haben, um mit Advertorials zu dieser Band im Stile der Werbeclips von Oonagh, Saltatio Mortalis und Santiano zugemüllt worden zu sein?

Mit der Newcomer-Sparte scheinen sich die Echo-Verantwortlichen sowieso schwer zu tun. Oder wie soll sich erklärt werden, dass French Montana, der mit seinem Debütalbum EXCUSE MY FRENCH (übrigens von Kendrick Lamar im Track „The Blacker The Berry“ 2015 genamedroppt) bereits 2013 auf Platz 4 der US-Charts stand, nun im Jahr 2018 als potenzieller Newcomer-Sieger aus der Echo-Verleihung gehen kann? Wie kann es sein, dass die Echo-Entscheider, die trotz aller Kritik an ihnen, für sich in Anspruch nehmen, ein außerordentliches Musiksachverständnis zu haben, jetzt erst auf DJ Khaled stoßen und ihn eventuell als Newcomer der Jahres auszeichnen wollen, obwohl der Typ seit über einem Jahrzehnt im Business ist und auf bereits ein gutes Dutzend Soloalben blicken kann? Dass mit Luis Fonsi einer der größten Stars des Latin Pop nun beim Echo wegen seines (hypersexistischen („Bambambam“-Textzeile und so…)) Sommerhits „Despacito“ womöglich als Newcomer geehrt wird, gleicht bereits einem diplomatischem Affront.

Beim ECHO 2018 geht es doch um Euch!

Ja, der Echo meint es doch nur gut mit uns, Jahr für Jahr. Aber Jahr für Jahr reitet er sich mit solchen Entscheidungen nur immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit. Vom versprochenen Diskurs mit Musikkritikern ist für Außenstehende erst einmal nichts zu sehen. Die Kategorie „Kritikerecho“, so scheint es zumindest, wurde gestrichen.

Aber beim Echo soll es doch auch nicht um die Kritiker gehen und auch nicht um die Branche (Gott bewahre!), nein, es soll um Euch gehen! Die Fans liegen den Echo-Organisatoren doch so sehr am Herzen. Deswegen gibt es in diesem Jahr auch die „Echo 2018 Public Viewing Deluxe“-Tickets. Oh mein Gott, werdet Ihr jetzt sicher denken, was ist das? Es ist eigentlich ein Schnäppchen, um es kurz zu machen: Für 41,65 Euro (inkl. Mehrwertsteuer, wichtig!) könnt Ihr den Prominenten beim Flanieren über den Roten Teppich zusehen – „Selfie nicht ausgeschlossen““, wie der Echo hyperventilierend feststellt –, um anschließend die TV-Übertragung auf einer Großleinwand zu schauen. Nie war es leichter, Jason DeRulo so nahe zu sein!

Wer doch lieber auf der Couch bleiben möchte, kann sich das Spektakel am 12. April bei Vox ansehen, dort läuft nämlich die Preisverleihung „eines der wichtigsten und renommiertesten Musikawards der Welt“ im Fernsehen.

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