Kommentar

Warum wir Teil der Jury beim ECHO 2017 wurden – und uns jetzt verarscht fühlen

Es gibt da diesen herrlich pessimistischen Poetryslammer Nico Semsrott, der sein komplettes Programm einst „Stand-Up-Tragedy“ nannte und auf dem Motto aufbaute: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.“ Gleiches muss man nun auch über den deutschen Musikpreis ECHO sagen, der aus künstlerischer Sicht seit Jahren völlig egal und überholt, politisch bisweilen aber auch gefährlich ist. Die Preisverleihung des ECHO 2016 war einmal mehr an Peinlichkeiten kaum zu überbieten. Als dann, im Dezember 2016, der veranstaltende BVMI aber „neue Regeln bei der Preisvergabe, weniger Kategorien, einen neuen Sendepartner und ein neues Sendungsformat“ ankündigte und den Preis damit „emotionaler und weniger vorhersehbar“ machen wollte, spürten wir eben jenen Funken neue Hoffnung: Wird der seit Jahr und Tag auf Verkaufszahlen basierende ECHO im Jahr 2017 etwa tatsächlich relevanter, mindestens aber ernstzunehmender? Ein bisschen mehr Grammy-Feeling, ein bisschen weniger Helene-Fischer-Festspiele?

Wir haben doch nichts anderes hier in Deutschland, das muss doch machbar sein, das müssen die Veranstalter doch ebenso wollen! Natürlich hätten wir es besser wissen müssen. Die jetzigen, besonders in Kategorien wie „Rock National“ an Dumpfbackigkeit nicht zu überbietenden Nominierungen für den ECHO 2017 beweisen: Die angekündigten Änderungen, die Lehren, die scheinbar aus den jämmerlichen vergangenen Jahren gezogen wurden, waren nichts als Augenwischerei. Aber der Reihe nach.

Make Popdeutschland great again? Von wegen

Im Januar 2017 flatterte Teilen der ME-Redaktion eine Einladung ins E-Mailpostfach. Der Betreff lautete „ECHO 2017 | Neubesetzung der Jury | Wir hoffen, Du bist dabei!“, die Mail klang schlüssig und ausreichend transparent. Da hieß es:

  • „Wir setzen die ECHO-Jury insgesamt neu auf und etablieren neben der bisherigen Jury (bestehend aus BVMI-Mitgliedern und ehemaligen nationalen Preisträgern) Fachjurys für die verschiedenen Genre-Kategorien: eine Jury für Hip-Hop, eine Jury für Dance, eine Jury für Pop etc.“
  • „Die Fachjurys sorgen dabei für 100 Prozent Kompetenz und Expertise in allen Genres.“
  • „Die Stimmen der Juroren entscheiden künftig zu 50 Prozent darüber, wer den ECHO am Ende des Tages mit nach Hause nimmt.“
  • „Die anderen 50 Prozent werden über die Offiziellen Deutschen Charts ermittelt.“
  • „Damit es bis zur letzten Minute für alle spannend bleibt, kennt bis zur Überreichung der Trophäe wirklich niemand (bis auf den Notar und den Graveur) den Namen des Gewinners bzw. der Gewinnerin.“
  • „Die Einladung zur Jury-Tätigkeit erfolgt durch uns, den Vorstand des BVMI.“
  • „Jedes aktive Mitglied der ECHO-Jury kann nach Verfügbarkeit zum BVMI-Vorzugspreis ECHO-Tickets kaufen.“
  • „Es gibt nichts Kleingedrucktes und es entstehen keine weiteren Pflichten, nur die Abgabe Eurer Stimme.“

Klingt gut, oder? Wer wohl alles noch gefragt wurde (lässt sich nach einiger Suche hier nachlesen) und warum sie plötzlich auf uns vom Musikexpress kommen, nachdem wir jahrelang vom ECHO zu rein gar nichts eingeladen wurden, schien zu dem Zeitpunkt nicht so wichtig. Unser naiver Irrglaube: Hey, es gibt da plötzlich die Chance, einen schlimmen Preis, für den wir bisher selbst kaum mehr als Häme übrig hatten, etwas weniger schlimm zu gestalten! Mitmachen statt meckern! Make Popdeutschland great again! Sowohl ME-Chefredakteur Albert Koch als auch ich folgten der Einladung und meldeten uns als Jurymitglieder an. Danach passierte wochenlang: nichts.

Die Fachjury beim ECHO 2017 wählt bloß das kleinere Übel

Je näher der ECHO 2017 rückte, desto sicherer waren wir uns, dass der BVMI es sich mit uns anders überlegt hatte. Die Bekanntgabe der Moderatoren-Mischpoke (Xavier Naidoo und Sasha) nährte zudem den Verdacht, dass die Chose doch nicht so revolutionär wie erhofft würde. Am Dienstag aber war es plötzlich soweit. Uns erreichte die Ankündigung, dass wir ab dem 15. März um 12 Uhr unmittelbar nach Bekanntgabe der Nominierten abstimmen dürften, und dass wir nun „als Jurymitglied die Möglichkeit“ haben, „zum BVMI-Mitgliedspreis Tickets für die ECHO-Verleihung am 6.4. in der Messe Berlin zu erwerben“. Folgende Bereiche standen zur Auswahl, haltet Euch fest:

1. TV-Studio inkl. Dinner im Kreis der Nominierten (750 Euro/Ticket netto)

2. TV-Studio exkl. Dinner (250 Euro/Ticket netto)

3. Viewing Lounge-Tickets (250 Euro/Ticket netto)

Alle drei Ticketsorten beinhalteten den Zugang zur After-Show-Party, aufgrund der begrenzten Kapazitäten müsse man nach dem Prinzip „first come, first served“ verfahren. Ein Abendessen für 500 Euro mit den Lochis? Shut up and take my money!

Durch diesen Versuch der Geldmacherei mit Jurymitgliedern, deren Anwesenheit abgesehen von Platzproblemen doch eigentlich so oder so erwünscht sein müsste, bestätigt sich das bei der Juroranfrage verdrängte Gefühl, ausgenutzt zu werden. Die Kalkulation, so unsere Unterstellung: Je mehr Fachjuroren der BVMI benennt, desto unwahrscheinlicher berichten all diese Pressevertreter negativ über den ECHO. Von der angeblich erhofften Expertise und Kompetenz bleibt nämlich nicht viel übrig, wenn die Fachjury keinerlei Mitspracherecht bei den Nominierungen hat, sondern lediglich zwischen Pest und Cholera wählen „darf“ – und das nur in vom BVMI vorbestimmten Kategorien, deren Auswahl sich mir nur bedingt erschließt: Als Redakteur des Musikexpress darf oder soll ich in den Kategorien „Album des Jahres“, „Hit des Jahres“, „Newcomer national“ und „Newcomer international“ abstimmen, „Schlager“ und „volkstümliche Musik“ hingegen bleibt wohl Redakteuren von „Das Goldene Blatt“ und Co. vorbehalten. „Rock national“ zum Beispiel bleibt mir – zum Glück, wie man bei den Nominierten Böhse Onkelz, Frei.Wild, Schandmaul, In Extremo und Broilers sagen muss – ebenfalls verwehrt, aber eben auch prinzipiell wichtige Kategorien wie „Künstler/Künstlerin international“, „Band international“ oder „Produzent national“. Warum? Ich weiß es nicht.



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