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Popkolumne, Folge 115

7 unvergessliche Momente deutschen ESC-Scheiterns: Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

LOGBUCH KALENDERWOCHE 20/2021

„Deutschland sucht den Impfpass“ – das war vor paar Jahren mal eine aufwendige Plakatkampagne des Bundes, um … keine Ahnung? … Steuergelder zu bewegen? Ich jedenfalls betrachtete die Motive einst voller Hohn, wusste ich doch, wo meiner war und hatte bis auf Mumps und Pest eh alles gehabt.

Heute sehe ich das alles allerdings weit weinerlicher. Auch nach mehrmaligem Anschreien meiner Leitz-Ordner finde ich den Impfpass wider Erwarten nicht. Und so bekam ich diese Woche bereits die zweite Impfung – aber eingetragen wurde mir das nur auf eine alte Wurstpelle. Ob ich damit wirklich in exotischen Ländern oder Spätis werde landen können? Fraglich! Ich grüße alle, die ihren Impfpass auch verbuddelt haben. You are not alone.

Also den hätte ich gefunden. So ein Pech, dass Pandemie und nicht Überschwemmung herrscht

LISTE DER WOCHE: 7 UNVERGESSLICHE MOMENTE DEUTSCHEN ESC-SCHEITERNS

„Germany 12 Points, Allemagne douze points”. Wer freut sich nicht dieses Wochenende in Rotterdam auf die alljährliche Powerveranstaltung des Eurovision Songcontests? Pandemie hin oder her, es gilt den europäischen Planeten mal wieder davon zu überzeugen, wie überlegen Deutschland beim Thema Pop ist. Tja, so sind wir eben, von Merkel gestählt und mit einer Sprache versehen, die jedem gleich ins Ohr geht. Dennoch ist die Geschichte von Deutschland beim Grand Prix D’Eurovision nicht ausschließlich eine Geschichte des Triumphs. Ich habe hier mal sieben nicht ganz so rühmliche Momente zusammengetragen.

STARTNUMMER 01
In den Nuller Jahren versucht Deutschland die eigene Begeisterung für Casting-Shows auf die Bühnen Europas zu bringen. Gracia („Run & Hide“, 2005) aus der ersten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ und die No Angels („Disappear“, 2008) aus der ersten Staffel „Popstars“ landen damit jeweils auf einem überzeugenden letzten Platz.

STARTNUMMER 02
Mit einer besonders lang anhaltenden Durststrecke bestrafen uns unsere missgünstigen Nachbarstaaten in den Jahren 2015, 2016, 2017. Die bis heute unvergessenen Sängerinnen Ann Sophie, Jamie-Lee und Levina belegen zweimal den letzten und einmal den vorletzten Platz. Tasmania Berlin lässt grüßen.

STARTNUMMER 03
2010 gewinnt Lena Eimer-Landruth [korrekte Schreibweise kann minimal abweichen, Anmerkung der Redaktion] in Oslo mal wieder die Show. Der letzte Erfolg datiert mit Nicoles „Ein bisschen Frieden“ gefühlt auf das Jahre 1784. Doch mit Lenas aggressivem Charme und dem Übersong „Satellite“ konnten uns die ganzen missgünstigen Flitzpiepen-Länder einfach nicht mehr unten halten. Doch was macht der Papa Schlumpf dieses Triumphs? Nun, noch in der Nacht kündigt Stefan Raab auf Adrenalin und mit seinem sprichwörtlichen Ehrgeiz an, im darauffolgenden Jahr den Titel mit Lena verteidigen zu wollen. So kommt es, wie es kommen muss: Statt wie Nicole für immer ESC-Königin zu bleiben, muss Eimer sich sang- und klanglos schon ein Jahr darauf in Düsseldorf entthronen lassen.

STARTNUMMER 04
Wie oft der ewige Ralph Siegel mit seiner Interpretation von Gebrauchspop den Wettbewerb bereichert hat, ist an sich schon herrlich. Allein für Deutschland steuert der rüstige Vollblut-Komponist 14 Beiträge bei, die sich harmonisch manchmal sogar von einander unterschieden. Wer denkt da nicht an Adorno, der von „Standardisierung oder Pseudo-Individualisierung als Stigma populärer Musik“ spricht? Ja, man möchte fast sagen, Ralph Siegels Eurovision-Gesamtwerk ist nicht weniger als der Soundtrack zu Adornos Schrift „On Popular Music“ von 1941.

STARTNUMMER 05
Dieter Bohlen – der Ralph Siegel für präpotente halbsteife Camp-David-Träger – hat sich dagegen nur einmal in den ESC-Annalen verewigt: 1989 komponierte er einen Song namens „Flieger“ für Nino De Angelo. Dass es für diesen Sportflugzeug-Hit mit der legendären Zeile „Ohne Fallschirm in die Nacht“ am Ende nur für Platz 14 reicht, bleibt ein weiteres großes Unrecht in der europäischen Popgeschichte.

STARTNUMMER 06
1998 erreicht die Spaßgesellschaft hier im Land der komischen Vögel ihren Höhepunkt. Wir können dementsprechend nicht anders und verwöhnen unsere ewig schlecht gelaunten Nachbarn mit der Speerspitze deutschen Humors: „Guildo hat euch lieb!“ von Guildo Horn. Spätestens seit dieser Veranstaltung ist das neue Image Deutschlands als der Comedian der EU vollends gefestigt.

STARTNUMMER 07
Wer erinnert sich nicht gern an Corinna May, „die blinde Pop-Röhre aus Bremen-Vegesack“ (Heim & Garten)? 1999 siegt sie beim Vorentscheid und ist drauf und dran, mit „Hör den Kindern einfach zu“ zum ESC nach Jerusalem zu reisen. Kurz vorher allerdings wird der Titel als bereits in anderen Ländern erschienenes Werk überführt – und May disqualifiziert. Leider rückt nicht die Knallerband Megasüß aus dem Vorausscheid nach, die mit „Ich habe meine Tage“ dem Bild von Deutschland im Ausland noch mal eine ganz neue Facette hätten hinzufügen können.

VIDEO DER WOCHE: TRISTAN BRUSCH

Es gibt so einige Wünsche, die ich an Musik habe. Einer davon ist natürlich ganz eitel: Ich will mich in den Texten selbst wiederfinden. Ich will große Gefühle zu meinem kleinen Elend. Ich will Abgründe, Rausch und Crescendo.

Danke an dieser Stelle an Tristan Brusch, mit dieser ersten Single („Zwei Wunder am Tag“) zu seinem neuen Album (AM REST) das alles so zu übererfüllen. Unglaublich intensiv – vor allem auch mit diesen Bildern dazu, Brusch selbst als Predator im Brautkleid? Es ist kaum auszuhalten, wie einen das Stück und der Clip zu sprengen vermögen.

„Selbstoptimierung seit so vielen Jahr’n / und ich bin immer noch der / der ich am Anfang war“

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: REBEKKA ENDLER

Ihr Buch ist spannender als mancher Roman und brisanter ohnehin. Rebekka Endler aus Köln hat ein Sachbuch zusammengetragen aus all den Dingen, die im öffentlichen Raum und im öffentlichen Leben auf Männer zugeschnitten sind. Man ahnt schon, dass da nicht wenig zusammengekommen sein dürfte und staunt am Ende doch über so viel interessante Informationen über fehlende Taschen an Kleidern, männliche Crash-Testdummys, delfinförmige Bohrmaschinen und vieles mehr. Das Buch dazu heißt „Das Patriarchat der Dinge“ und ist erschienen im Dumont Verlag.

Foto: Frederike Wetzels

Liebe Rebekka, es ist Frühjahr 2021 – wie geht es Dir gerade? Also pandemie-mäßig und allgemein.

REBEKKA ENDLER: Besser. Die Erstimpfung Astra ist drin und mit ihr verschwindet langsam auch der Gilb aus den Gardinen, die ich gefühlt seit einem Jahr vorm Kopf habe. Ich verbringe für meinen Geschmack immer noch viel zu viel Zeit drinnen und ohne Freund*innen, aber immerhin sieht die Welt draußen jetzt wieder ein bisschen schöner aus.

Dass diese Welt allerdings hinsichtlich der Dinge auf Männer zugeschnitten ist – ist Dir das eher schleichend bewusst geworden oder gab es ein konkretes Erweckungserlebnis, das diese Erkenntnis befeuert hat?

REBEKKA ENDLER: Als ich klein war, waren es zu meiner Oma elf Stunden mit dem Auto und an den Rastplätzen haben mein Vater und Bruder oft wild gepinkelt, während meine Mutter und ich völlig selbstverständlich in langen Kloschlangen anstanden (das war Jahre vor Sanifair, heute käme noch der Geld-Aspekt hinzu). Damals habe ich schon gefühlt, dass mir viele Dinge nicht passen, aber ich hab natürlich nichts über patriarchale Strukturen gewusst – der Defekt lag an mir, dachte ich. Wir gewöhnen uns daran, auch weil es ungeheuer viel Energie kostet, sich permanent über alles beschweren zu wollen. Trotzdem entstehen Druckstellen, die nach und nach verhärten und taub werden. Bei der Recherche habe ich viele meiner eigenen patriarchalen Druckstellen entdeckt und das Schreiben hat mir geholfen, sie zu re-sensibilisieren. Heute stört mich vieles in der Welt viel mehr als noch vor ein paar Jahren, dafür fühle ich weniger verhornt.

Um das für jene, die das Buch noch nicht kennen, zu illustrieren: Es präsentiert die unterschiedlichsten Belege, wo das Patriarchat in unserem (nicht nur) gegenständlichen Alltag eingeschrieben ist. Was sind denn die naheliegenden Beispiele – und was die, die man eher nicht auf Schirm hat?

REBEKKA ENDLER: Die Ungerechtigkeit bei den Klos im öffentlichen Raum ist das einfachste Beispiel, weil wir alle mehrmals am Tag piseln und recht schnell klar ist, wieviel das Recht auf Pipi machen mit gesellschaftlicher Macht und Teilhabe zu tun hat. Bei der auf den cis-Mann normierten Fahrzeugsicherheit oder den Medikamenten ist es ähnlich. Doch, wie viele patriarchale Gedanken in dem Design von Haushaltsgeräten steckt und überhaupt in der Entwicklung von Haushalt, als eigenständiger Aufgabenbereich, der – traditionell – von der Frau gemacht wurde, das hat mich überrascht. Gerade weil auch das etwas ist, das ich als Kind einer Hausfrau als „normal“ wahrgenommen habe und erst mit Mitte dreißig verstanden habe, wie seltsam vieles von dem ist, was da tagtäglich ganz selbstverständlich „erledigt“ wurde. Da fängt es ja schon an: Vati arbeitet, Mutti erledigt den Haushalt.

BAND DER WOCHE: Zirkel

Vor etlichen Jahren fragte ich mich in einem Artikel, ob hinsichtlich der Bandexplosion Stuttgart nicht das deutsche Seattle sei. Ich muss zu meiner Entschuldigung sagen: Ich war zu jener Zeit noch nicht geimpft, außerdem kamen Mitte der Zehner Jahre tatsächlich überproportional viele interessante Bands eben gerade dort her. Ein Nukleus damals waren bespielbare Container rund um den Bahnhof und die Clique rund um Die Nerven. Letztere existiert immer noch vor Ort, auch wenn es auch hier den unvermeidlichen Aderlass nach Berlin zu verstoffwechseln gilt. Aber fertig ist weder die Stuttgarter Szene noch Stuttgart 21.
Zirkel, das sind Eva, Sophia, Nadja und Caroline. Mit „Kreis“ erscheint diese Woche ihre Debüt-EP. Herzlicher Gitarren-Irgendwas mit Handclaps, der zwischen Pop und Noise flimmert. Aufgenommen von Julian Knoth (Die Nerven) und jetzt auch ein Video zu dem Stück „Du“. Für 5 Minuten wird Schwaben der schönste Platz im All.

VERSAGERPUNKS DER WOCHE: SUNFLOWERS OF DEATH

Punk kann viel Freude bereiten – wenn man’s richtig macht. Bei den Sunflowers Of Death darf man sich dahingehend getrost fallen lassen. Die Band aus Mülheim an der Ruhr besitzt genau jene Qualitäten, die dem wertkonservativen Genre oft abgehen, sie sind witzig, selbstironisch, grell. So heißt ihr Album auch „Eine Audiodokumentation des Scheiterns“. Trotzdem vermeidet die Band um die Legende Marius Horstmann alle Clownerie. Ihr sehr komisches Video zu „Lass Joggen gehen“ huldigt viel eher dem großen Quatsch – und ist nicht nur deshalb eine Empfehlung:

Sunflowers of Death – Lass joggen geh’n (Official Video) auf YouTube ansehen

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE? (NULLER EDITION, PT.02)

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 00er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst! 

FOLGE 02: Zlatko „Sladdi“ Trpkovski

HERKUNFT: Deutschland
GENRE: Reality-TV-Schlager
‚DISKOGRAPHIE: Ein Album, fünf Singles
ERFOLGE: In Deutschland drei goldene Schallplatten für die Single „Ich vermiss‘ dich (wie die Hölle)“ und Platin für das Duett mit Jürgen Milski „Großer Bruder“.
TRIVIA: 2001, kurz nach dem Ende der ersten Staffel „Big Brother“, die aus Zlatko kurzzeitig „Kult“ gemacht hatte, nahm er am deutschen Vorausscheid für den ESC in Kopenhagen teil. Auch wenn er dabei zumindest Rockgiganten wie Wolf Maahn und Rudolf Mooshammer hinter sich ließ, wurde sein Auftritt mit Buhrufen aus dem Publikum bedacht. Diese wiederum quittierte Zlatko beim Abgang mit einem hörbaren „Vielen Dank, ihr Fotzköppe!“ 

PRO
Zlatko war ein Pionier. Er wurde 2000 mit der ersten Staffel „Big Brother“ zum Krafttier einer neu geweckten Hoffnung, dass wirklich jeder tv-berühmt werden könne im dritten Jahrtausend – allein durch seine bloße Existenz. Auf dieser Hoffnung fußt danach nicht nur das Fernsehprogramm der Neuzeit, sondern auch die ganze Aufwertung des gemeinen YouTubers führt (in Deutschland zumindest) auf Zlatko als Patient Zero zurück.

CONTRA
Zlatko hat mit Jürgen „Die letzte Instanz“ Milski den Song „Großer Bruder“ gesungen. Als ultimative Bromance hätte das vielleicht noch Trash-Charme besessen, aber es zeugte einfach nur von einer Abräumer-Mentalität, die der Gesellschaft damals allgemein nicht gut tat.

„Guilty Pleasure (Nuller Edition)“ erscheint in dieser Kolumne abwechselnd mit der Rubrik „Der Verhasste Klassiker“.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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