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Eurovision Song Contest 2017: Ihr könnt Euch das ESC-Finale sparen, wir haben alles schon gesehen

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Am Samstagabend wird wieder aus Millionen von TV-Geräten die Eurovision-Hymne schallen. Barbara Schöneberger wird wieder vom mit ziemlicher Sicherheit regennassen Hamburger Spielbudenplatz grüßen. Peter Urban wird uns wieder erklären wollen, dass das, was da gerade nach einer schlechten Limp-Bizkit-Coverband klingt „Alternative Rock“ sei, auf den die „Kids“ momentan total stehen. Same procedure as every year also. Oder eben: Eurovision Song Contest. Dieses Jahr aus dem Eissportpalast Kiew, Ukraine, nachdem Jamala mit ihrem aus Ausschussware aus Madonnas RAY OF LIGHT und hochbrisanter Geschichtsschreibung zusammengeschusterten „1944“ das Kristallmikro im vergangenen Jahr an sich riss.

Am Dienstag und Donnerstag fanden bereits die beiden Halbfinals statt, über die sich die Majorität der sonnabendlichen Finalteilnehmer erst einmal qualifizieren mussten. Wir haben uns beide Shows angesehen und können Euch sagen: Besser wird es auch Samstagabend nicht.

Was wir gesehen haben, was Euch erwarten würde und Peter Urbans Arbeitsnachweis:

Wem wir den Sieg gönnen

Neben Portugal Salvador Sobral, den wir bereits nach seiner himmlisch schönen Performance im ersten Halbfinale am Dienstag lobten, gab es auch im zweiten Semifinale einige Acts, mit denen wir als Sieger des ESC 2017 überaus glücklich wären.

Da wäre zum einen Ungarns Joci Pápai: Der erste Roma, der Ungarn jemals in einem internationalem Wettbewerb vertreten darf und dies dann auch noch voller Stolz und Inbrunst in seiner Landessprache tut. Sein Song „Origo“ wird von folkloristischen Klängen dominiert, die angenehmen Elektrobeats und der pointierte Rappart schlagen dabei eine gelungene Brücke ins Moderne.

Andererseits wäre da Weißrussland, das fernab aller politischer Diskussionen um den despotisch regierenden Präsidenten Aljeksandr Lukaschenko einen wirklich drollig-rumpelnden Gute-Laune-Folk-Hit in weißrussischer Sprache ins Rennen schickt. Der hätte in dieser Form 2009 auch von Mumford & Sons kommen können.

Wer wirklich realistische Siegchancen hat

Wir haben ihn nicht umsonst in unserem Beitrag zum ersten Halbfinale lobend erwähnt: Der erst 18-jährige Aborigini-Sprößling Isaiah könnte dafür sorgen, dass der ESC 2018 sein Auxit erlebt und in Down Under stattfindet. Zu eingängig und kurzweilig ist „Don’t Come Easy“, als dass es im Mittelfeld versauern dürfte.

Auch Israel könnte für eine Sensation sorgen, auch wenn uns die dann nicht sonderlich gefallen würde. Imris „I Feel Alive“ versammelt in seinen drei Minuten alles, wofür der ESC musikalisch in den vergangenen 15 Jahren stand: bratzige Synthieflächen, komische Stimmeffekte, knallige Beatdrops und Feuerfontänen auf der Bühne. Peter Urban nennt es „Clubhouse mit Ethnoeinlage“ oder um es ins Deutsche zu übersetzen: Geheimrezept für den ESC-Sieg.

Aus unserer Sicht die realistischsten Chancen auf einen haushohen Erfolg in Kiew hat jedoch Kristian Kostov. Der Bulgare beeindruckt mit einer unglaublich geschulten Stimme – und das im zarten Alter von 17 Jahren. So wie er in „Beautiful Mess“ spielend leicht zwischen den Tonlagen variiert, ist es nicht abwegig, dass die ARD im nächsten Jahr „Unseren Star für Sofia“ suchen wird.

Wer sich Außenseiterchancen ausrechnen darf

Es ist ein Jammer, dass Blanches Stimme aufgrund ihrer überbordenden Aufregung zu ersticken drohte. Denn die junge Belgierin könnte mit ihrer London-Grammar-esken Stimme einige Jubelstürme auslösen. Einziges Manko: der hypernervöse Offbeat, der klingt, als sei er aus einem 90er-SciFi-Thriller gestohlen.

Was der Gastgeber aufbietet

Ukrainische Wissenschaftler haben ganze Arbeit geleistet. Aus der DNA von Placebo und Muse, die 1999 eingefroren wurde, konnte man eine komplette Nu-Prog-Band klonen, die jetzt, im Jahr 2017, das Heimatland beim ESC vertreten darf. O.Torvalds Lied „Time“ sollte keine Chance auf eine Titelverteidigung haben.

Wie Deutschlands Chancen beim ESC 2017 stehen

Kennt Ihr Levina? In den vergangenen Wochen vermehrt von ihr gehört? Nicht? Dann geht es euch wie uns auch. Zwar ist ihre Stimme nett anzuhören und der dazugehörige Song „Perfect Life“ weit entfernt von einer Vollkatastrophe, aber so wenig Aufmerksamkeit wie die Bonnerin haben nicht einmal die im ESC-Chaos völlig untergegangenen Elaiza bekommen. Man kann ihr nur wünschen, dass sie über die Jurywahl an einige Punkte kommt und sich am Ende des Abends im gesicherten Mittelfeld wiederfindet.

Wem wir das Finale gegönnt hätten

Er konnte zwar nicht singen. aber er war mit Abstand der unterhaltsamste Act beider Halbfinals. Slavko Koluzic, montenegrinischer Sänger ohne Gesangstalent und meterlangem Haupthaarzopf, rockte uns „to the stars“ mit seiner #csd2017-Hymne. Schade, dass der ESC, der wie keine andere Mainstream-Veranstaltung für Diversität steht, keinen Platz für diesen zweibeinigen Regenbogen sah.

Aber noch viel mehr trauern wir um Ralph Siegel. Nein, nicht so, wie ihr nun denkt. Der ewige ESC-Hofkomponist erfreut sich guter Gesundheit. Dennoch hat es diesmal nicht fürs Finale gereicht – was vielleicht auch daran liegt, dass sein Beitrag für San Marino (Peter Urban: „Sän Märinou“) unglaublich schlecht war: billigster Gospelsouldiscoschlager, der klingt, als sei er mit Ableton Live 1.1 produziert. Das darf und kann, bei allem Respekt vor der Lebensleistung Siegels, nicht fürs Finale reichen.

Das Wichtigste beim ESC: Peter Urbans Arbeitsnachweis

Musik schön und gut, aber kommen wir zur wohl wichtigsten Baustelle des ESC. Was dem Fußballfan sein Fritz von Thurn und Taxis (wir werden dich vermissen, TuT! #fritzlove), ist dem Eurovision-Veteranen sein Peter Urban. Das urige ESC-Urgestein (Markenrecht angemeldet!) hat sich bereits in den beiden Semifinals in die Twitter-Charts und um Kopf und Kragen gequatscht.

Zum ersten Mal Fahrt auf nahm der Urban-Train mit dem montenegrinischen Teilnehmer Slavko Kalezic, dessen Vornamen Mighty Peter unablässig „Slaffko“ aussprach, um am Ende des Auftritts des Paradiesvogels zu konstatieren: „Beinahe ist er abgehoben mit seinem Helikopterzopf.“ Allein schon für weitere solcher Ergüsse aus der Kommentatorenkabine hätte man „Slaffko“ den Finaleinzug gewünscht.

Auch ein Peter Urban macht Fehler, wie man beim Einspieler zum österreichischen Kandidaten Nathan Trent merkt. „Er ist 1962 geboren“, fachsimpelt der erfahrene Kommentator, um sein Fauxpas kurz nach dem Auftritt zu bemerken und richtig zu stellen: „Ich meine natürlich 1992, 1992 ist er geboren. Sonst hätte er sich ja auch wirklich gut gehalten, höhö.“ Ja, höhö. Humor hat der Urban ja…

…was er spätestens bei den Weißrussen beweist: „Sanfter Indie-Folk in weißrussischer Sprache“, dekliniert das wandelnde Musik-Wikipedia herunter, um dann den Kalauer des Abends rauszuhauen: „Den „Hejahejaheja-Mitsingteil gibt es heute aber in universaler Sprache.“ Rofl.

Aber Urban ist neben seiner Rolle als kauzig-humoriger Fernsehonkel insbesondere eines: ein stets wacher und knallharter Beobachter. Das merkt man während des Filmchens zum kroatischen Barden Jacques Houdek, den er als eine Mischung aus „Dr. Jekyll und Mr. Pavarotti“ personalisiert. Wir sehen also eben jenen Jacques, der bürgerlich Zeljko heißt, durch die kroatische Hauptstadt Zagreb flanieren, als es Urban wie die Schuppen von den Augen fällt: „Was wir hier gerade lernen: Auch in Kroatien gibt es deutsche Drogerieketten (die Kamera fängt eine dm-Leuchtreklame in der Zagreber Altstadt auf, Anm.)!“ – Potzblitz! Das erschüttert unser aller Weltbild. Wenn die Kroaten schon deutsche Drogerieriesen in ihr Herz lassen, warum sollten wir dann nicht ihren, nun ja, etwas skurrilen Sänger mit 12 Punkten würdigen?

Ach, Peter Urban, es ist eine verzwickte Angelegenheit mit Dir. Du zerbrichst Dir den Kopf darüber, warum die armenische Sängerin für Kevin Costner schwärmt und wir fragen uns: Genau, warum schmachtet eigentlich keine Frau Dich NDR-Mitarbeiter an, der eine Woche jährlich präsent ist und „Görgien“ statt „Georgien“ sagt? Warum himmelt Dich niemand für Deine gewieften Modeurteile (zum Schweden: „Da steht er, wie ein flotter Banker!“) und pointierten Brückenschläge zwischen Songtitel und Interpret (zur schwangeren mazedonischen Sängerin: „Dance Alone“ heißt der Titel, aber sie musste gar nicht mehr allein tanzen. Sie ist ja schließlich schon zu zweit.“) an?

Wir wissen es nicht. Schließlich hast Du uns vorgewarnt, dass der zypriotische Beitrag ein glasklares Plagiat von Rag’n’Bone Mans „Human“ ist („Der schwedische Produzent hat sich den Superhit ganz genau angehört.“). In unserer heutigen postfaktischen Gesellschaft hast Du den Ethos des lupenreinen Journalismus hochgehalten – und uns nebenbei, Deinerseits wahrscheinlich öfter ungewollt als gewollt, zum Lachen gebracht. Dafür danken wir Dir, Peter! #urbanlove

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