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Kritik

„Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ auf Netflix: Will Ferrells peinliches Waterloo

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Exzentrische Performer*innen in schrillen Kostümen geben Songs zum Besten, die sich irgendwo zwischen aus der Mode geratenen Eurodance-Tunes und schwulstigen Balladen bewegen – dieses Klischee vom Eurovision Song Contest ist allseits bekannt. Und es ist kein Geheimnis, dass es oftmals ziemlich nah an der Realität liegt. Trotzdem versammeln sich jedes Jahr unzählige Familien in ihren Wohnzimmern, Freund*innen organisieren ESC-Partys und Fremde kommen zu Public Viewings in Bars und auf Fanmeilen zusammen, um sich über drei Stunden lang mehr oder weniger gelungene Auftritte von Künstler*innen aus ganz Europa (plus Australien und Teile des Nahen Ostens) anzusehen.

Man führt leidenschaftliche Diskussionen über die höchst unterschiedlichen Acts, diskutiert, wer den Sieg am meisten verdient hätte und wettet, auf welchem (wahrscheinlich hinterem) Platz Deutschland wohl dieses Mal landen wird. Längst schauen diese über 180 Millionen (!) Zuschauer*innen dem fröhlichen Spektakel mit einem gewissen Augenzwinkern zu. Warum es eine US-amerikanische Komödie braucht, sich satirisch an etwas abzuarbeiten, das sich ohnehin nicht allzu ernst nimmt? Keine Ahnung, aber Spoilerwarnung: Besonders lustig ist es nicht.

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga | Offizieller Trailer | Netflix auf YouTube ansehen

Doch von vorne: Lars Erickssong träumt davon, den Eurovision Song Contest zu gewinnen. Spätestens als er 1974 als kleiner Junge den Auftritt Abbas vor dem Fernseher mitverfolgt, ist er dieser Vorstellung verfallen. Sein Vater Erick Erickssong (Pierce Brosnan) schämt sich schon damals für ihn. Der Sprung ins Jetzt zeigt, dass sich seither nicht allzu viel geändert hat: Lars (Will Ferrell) träumt zwar immer noch, aber von Erfolg gekrönt sind seine Ambitionen bislang nicht. Gemeinsam mit Bandkollegin Sigrit (Rachel McAdams) probt er im Keller seines Elternhauses und tritt regelmäßig in der Dorfkneipe auf, findet dort aber denkbar wenig Bewunderung. Als Typ „Riesenbaby“, das es immer noch nicht geschafft hat, ausziehen und selbstständig zu werden, kann er sich auch der Verachtung seines Vaters weiterhin sicher sein. Doch durch eine Aneinanderreihung (un-)glücklicher Umstände, die den Tod aller anderen möglichen isländischen Kandidat*innen (u.a. Demi Lovato) miteinschließt, wird „Fire Saga“, so der Name des Duos, tatsächlich für Island ins Rennen geschickt.

Immerhin halb so lange, wie Will Ferrell und Co-Autor Andrew Steele ihren Protagonisten vom ESC träumen lassen, hegt der amerikanische Star-Comedian selbst den Wunsch, einen Film über die Megaveranstaltung zu produzieren. Wie er im Rahmen der Promotion zum Netflix-Film verrät, habe er die Finalshow aus Jerusalem 1999 begeistert im Fernsehen verfolgt, als er mit seiner Frau Viveca Paulin in ihrer schwedischen Heimat zu Besuch war.

Die Komödie sollte entsprechend nicht nur parodieren, sondern auch würdigen, wie Ferrell anmerkt. So richtig gelingt ihr beides nicht.

Witze über Cameltoes, Inzest und vermeintlichem Elfenglauben

Das Vorhaben scheitert bereits daran, dass der Film beinahe verzweifelt versucht zu parodieren, was nicht zu parodieren ist. Russische Backgroundtänzer in engen goldenen Hosen, die einen Sänger (Dan Stevens) unterstützen, der nicht weniger homosexuelle Vibes versprüht, gleichzeitig aus Sorge vor der strafenden Hand Mütterchen Russlands aber seine totale Heterosexualität beteuern muss – das lässt sich nun mal nicht überspitzen. Dasselbe trifft auf den fiktiven griechischen Beitrag zu, in dem sich die Künstlerin im knappen Kleid auf der Bühne rekelt, umgeben von sich ebenso lüstern gebenden Tänzerinnen – hier ist die homosexuelle Komponente natürlich ausdrücklich erwünscht, zumindest als Fantasie für den männlichen Zuschauer. Das alles wirkt so authentisch, dass es genauso Teil des echten Wettbewerbs sein könnte – eine Pointe gibt es nicht.

Des Weiteren versucht der Film, Regie führte übrigens David Dobkin („Die Hochzeits-Crasher“), durch ein Witzearsenal zu punkten, das sich hauptsächlich auf Gags über Genitalien, die vermeintlich inzestuösen Familienverhältnissen Islands (ob Lars und Sigrit Geschwister sind, lässt sich nicht ausschließen) und den vermeintlichen Aberglaube an Elfen der generell ach so rückständigen Isländer*innen verlässt. Würden sie denn sitzen, könnte man über den leichten Beigeschmack von Überheblichkeit hinweglachen, so taugen die Witze selten zu mehr als zum Fremdschämen.

Erzwungene Romantik und deplatzierter Pathos

Größter Anlass zur Freude für ESC-erprobte Zuschauer*innen ist wahrscheinlich die authentische Musik, für die Komponist Atli Örvarsson („Killer’s Bodyguard“) verantwortlich ist. Auch erfreuen die Cameo-Auftritte gegen Mitte des Films: Mit dabei sind unter anderem der norwegische Sieger Alexander Rybak (2009), die Schwedin Loreen (2012), Conchita Wurst aus Österreich (2014) und der stets bissige Kommentator Graham Norton.

In Birmingham, wo sich „Fire Saga“ zunächst noch für das Finale qualifizieren muss, wird dann zu allem Überfluss noch erstaunlich viel Zeit auf das ebenso plötzliche wie überflüssige Liebesdrama zwischen Lars und Sigrit verwendet. Es beschert der Komödie nicht nur zusätzliche Längen, sondern mündet zudem in einem uninspiriertem Happy End, das vor deplatziertem Pathos nur so strotzt. Ob die abschließende Liebeserklärung an den Contest nun würdigendes oder parodistisches Element sein soll, wird nicht ganz klar. Fest steht, dass eine klamaukige, aber liebevoll-skurrile Veranstaltung, die fast schon zu einer eigenen europäischen Institution – in jedem Falle zur LGBTQ-Festivität – avanciert ist, auf eine vermeintliche Adelung gar nicht angewiesen ist.

„Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“, jetzt auf Netflix im Stream verfügbar

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