Kritik

„Space Force“ (Staffel 1) auf Netflix: Fragile Männlichkeit lässt grüßen

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Er ist nicht nur ein vielrespektierter Serienmacher – er ist auch ein erstaunlicher Chronist des Arbeitslebens: Greg Daniels. Das hat er nicht zuletzt mit seinen Serien „The Office“ und „Parks and Recreation“ bewiesen. Die Charaktere der neuen Serie, die Daniels gemeinsam mit Steve Carell konzipiert hat, gehen allerdings einer deutlich ungewöhnlicheren Lohnarbeit nach als die Figuren aus seinen früheren TV-Hits. Schilderte beispielsweise „Parks and Recreation“ noch den Büro-Alltag in einem Grünflächenamt, spielt sich „Space Force“ in einer Weltraum-Behörde ab, was ja durchaus spektakulär anmutet. Ein weiterer gravierender Unterschied: Die Netflix-Produktion ist nicht im Mockumentary-Stil gedreht, sie gibt also nicht vor, vermeintlich reale Vorgänge zu zeigen. Doch auch wenn „Space Force“ als klassisch-fiktionale Sitcom daherkommt, bietet die amüsante und vor allem unterhaltsame Serie allerhand Anknüpfungspunkte an die Realität. Aber dazu später mehr.

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Dilettanten in der Raumfahrt

Zur Handlung: Mark R. Naird (Steve Carell), ein vier Sterne-General, übernimmt die Leitung der neuen, titelgebenden Teilstreitkraft im US-Militär. Die „Space Force“ soll es sich zur Aufgabe machen, den Weltraum zu erobern. Deren Hauptquartier entsteht im ländlichen Colorado, weswegen Naird seine Ehefrau Maggie (Lisa Kudrow, glänzt in der Serie vorwiegend durch Abwesenheit) sowie die gemeinsame Tochter Erin dorthin mitnimmt. Vor allem für Erin (toll gespielt von Diana Silvers; man kennt sie aus „Booksmart“) ist es im neuen Umfeld schwer, Anschluss zu finden, was nicht zuletzt auch das Verhältnis zum Vater belastet.

Doch nicht nur in der Familie läuft es wenig rund für Generel Naird: Auch bei der „Space Force“ geht es drunter und drüber, wozu nicht zuletzt auch – sagen wir es, wie es ist – er selbst beiträgt: Carell porträtiert Naird als einen leicht reizbaren und vor allem überforderten Projektchef, der kaum ein Fettnäpfchen auslässt und nahezu unempfänglich für irgendwelche sachlichen Argumente ist. Auch der Rat von dem leitenden Wissenschaftler Dr. Adrian Mallory (John Malkovich) trifft oft auf taube Ohren. Seine Persona tritt besonders prägnant in den herrlich-ulkigen Fehden hervor, die er mit seinem Intimfeind, dem ebenfalls hochdekorierten Militär Kick Grabaston (Noah Emmerich), seinerseits Kommandeur der Air Force, hegt. Hier der Macho-Spruch, da die knarzige Bemerkung: Geraten die beiden aneinander, ist das der Gipfel der prä-pubertären und vor allem Testosteron-geladenen Machtspielchen. Fragile Männlichkeit lässt grüßen.

Der Drang nach Bestätigung ist Naird somit irgendwo inhärent, vor allem aber hat Carells Figur Rechtfertigung für den Erfolg der Mission der „Space Force“ abzuleisten. Deren oberstes Ziel lautet „Boots on the Moon“ – und zwar spätestens bis zum Jahr 2024. Resultate liefern muss er insbesondere für einen, nämlich den Präsidenten der Vereinigten Staaten, der in der Serie nur als POTUS angeführt wird und nie als Person auftaucht. Es genügt jedoch zu wissen, dass der POTUS viel twittert, auch mal kindisch oder überhastet reagiert und dass sich unter seiner Administration viele Gepflogenheiten geändert haben. Der POTUS will nicht weniger, als den Weltraum dominieren. Das neu aufgelegte „Race for Space“ löst somit einen gewaltigen Druck auf Naird und seine Kolleg*innen aus. Bei jedem öffentlichkeitswirksamen Fehler hat man in der Behörde direkt einen Twitter-Sturm des Präsidenten zu erwarten. Wer möchte da schon hineingeraten?

Es passiert ja wirklich

Das Kuriose ist: Die Serie wurde durch eine echte US-Behörde inspiriert. Und es war tatsächlich Donald Trump himself, der vor circa zwei Jahren die Schaffung einer „United States Space Force“ angekündigt hatte. Ende 2019 wurde eben jene Streitkraft dann offiziell in Betrieb genommen. Somit ist der in der Serie dargestellte amerikanische Drang, den Weltraum und allen voran den Mond (erneut) zu erobern, sogar mit der Wirklichkeit verknüpft. Durch diesen Hintergrund wirken auch die vielen Verweise auf die aktuelle amerikanische Politik und das gesellschaftliche Geschehen noch einmal deutlich brisanter. In „Space Force“ kommt so auch mal die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Pitosi, zu Wort – was zum Beispiel eine Referenz auf die echte Nancy Pelosi ist.  Aber auch eine junge, wortgewandte Abgeordnete aus New York namens Anabela Ysidro-Campos wird präsent gezeigt, was nicht zuletzt eine Anspielung auf Alexandria Ocasio-Cortez darstellt. Weiterhin werden zeitgenössische Themen wie Verschwörungstheorien, Alt-Right-Medien oder Fake News aufgegriffen, was den ein oder anderen Lacher auf absurde Illuminati-Verschwörungen oder „Flat Earth“-Anhänger*innen zur Folge hat.

In „Space Force“ gibt es aber nicht nur politische Seitenhiebe, es wird auch schlicht herumgeblödelt. Nicht selten folgt der Humor dem Schema „Pleiten, Pech und Pannen“: Beispielsweise wenn Naird und sein Air-Force-Erzrivale Grabaston in einer Folge ihren persönlichen Kleinkrieg zu einem tatsächlichen werden lassen: Um die eigentlich für die Mondmission gedachten Exoskelette in der Praxis zu testen, treten die beiden Generäle mit ihren jeweiligen Crews – beide Einheiten entschieden sich für das jeweils andere Modell – in einen spontanen Kampfeinsatz. Dieses  Kräftemessen ist einer der vielen Momente, in denen sich die Figuren besonders affig verhalten. À propos Affen: In einer Episode dürfen wir einem Schimpansen im Weltraum bei Reparaturarbeiten an einer Raumstation zuschauen, why not?!

Abseits der Albernheiten gibt es auch zahlreiche Popkulturreferenzen und passenderweise auch einige Verweise auf das große Weltraumrennen während des Kalten Krieges. Naird ist durchweg alarmiert, dass ein Land früher auf dem Mond landen könnte. Oder auch, dass jemand intern spionieren könnte. Als der Fall vermeintlich eintritt, ist der erste Kandidat dann natürlich ein russischer ISS-Pilot, der von den „Space Force“-Leuten nur Bobby genannt wird, eigentlich aber Yuri heißt und das reicht dann schon für die Verdächtigung. Tatsächliche Konkurrenten sind aber weniger die Russen, sondern eher Länder wie Indien und allen voran China. Ausgerechnet China!

Tolles Personal um einen grandios aufspielenden Malkovich

Um das Weltraum-Rennen gegen den Kontrahenten aus Fernost zu erzählen, nimmt sich „Space Force“ zehn Folgen lang Zeit. Die Episoden haben meist die handelsübliche Sitcom-Länge von circa einer halben Stunde. Die Netflix-Serie lässt sich sehr gut in einem Rutsch schauen, was nicht nur an der ansprechenden Inszenierung liegt, für die sich unter anderem Regisseure wie Paul King („Paddington“) oder Dee Rees („Mudbound“) verantwortlich zeigen.

Vor allem die Darstellerriege ist grandios besetzt. Und einer sticht dabei besonders heraus: John Malkovich mimt den Wissenschaftler, der bei seinem eher kleingeistigen Vorgesetzten dauerhaft gegen eine Wand redet, mit einem erstaunlich ausgewogenen Maß an Geduld, Exzentrik und Eloquenz, sodass man nie genau weiß, woran man ist, sich dann aber doch immer darüber im Klaren sein kann, dass dieser Mann mehr von der ganzen Chose versteht, als die meisten im Raum. Auch toll spielt Ben Schwartz, der den selbstgefälligen und vor allem selbstverliebten Social Media-Guru F. Tony Scarapiducci mit einer derart aalglatten Schmalzigkeit darstellt, dass es schon fast weh tut. Einige kleinere Charaktere sieht man auch immer wieder gerne, wie den leicht planlosen, aber überaus liebenswerten Sekretär Brad (Don Lake) oder auch Fred Naird, Marks greiser und vor allem vergesslicher Vater, der vom jüngst verstorbenen Schauspieler und Comedian Fred Willard gespielt wird. Es war seine letzte Rolle.

Dass die Realität die Fiktion einholt, das war ja schon während der Netflix-Politserie „House of Cards“ klar geworden. Nun hat der Streamingdienst also den Spieß umgedreht und eine satirische Serie über eine reale Teilstreitkraft der US-Armee gemacht: „Space Force“ erzählt das moderne „Race for Space“ spannend und mit einem skurrilen, oft derben Humor, der Carell-Fans vor allem aus dessen Frühwerk bekannt vorkommen dürfte. Doch oft wechselt die Serie vom absurd-komödiantischen ins sentimentale Feld, gerade wenn es um die General Nairds Rolle als Familienvater geht. Das lässt dann die eigentliche Haupthandlung ins Stocken geraten und nimmt zudem das Augenmerk von einigen spannenden Charakterentwicklungen weg, von denen man gerne mehr gesehen hätte.

Auch wenn man am Ende das Gefühl hat, dass das außerordentliche Potential vor und hinter der Kamera noch nicht ausgeschöpft wurde, ist den Beteiligten eine gelungene erste Staffel geglückt, wenn auch mit kleineren Makeln. „Space Force“ ist besonders kurzweilig geworden – und bietet am Ende außerdem einen beachtlichen Cliffhanger, der Hoffnung auf eine zweite Staffel macht. Man spürt: Hier könnte die Serie dann so richtig zünden. Diesem Start würden wir gerne bald beiwohnen.

Die erste Staffel (zehn Folgen, je ca. 30 Minuten) von „Space Force“ ist ab dem 29. Mai 2020 auf Netflix verfügbar.


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