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Kritik

„The Sinner” (Staffel 3) bei Netflix: Psychologische Abgründe für Hobbyrätsler und „Tatort”-Muffel

Krimiserien folgen einem simplen Prinzip. Ein Verbrechen geschieht, die Polizei geht auf Spurensuche und der Täter windet sich, in der Hoffnung, der gerechten Strafe des Gesetzes zu entkommen. Das klassische „Whodunnit“-Prinzip, welches unter anderem vom „Tatort“ seit Jahrzehnten gebetsmäßig heruntergespult wird, lässt in der Regel kaum Überraschungen zu. Im Gegensatz dazu schlägt die Serie „The Sinner“ von Netflix neue Wege ein, die das angestaubte Konzept bereits zum dritten Mal modernisieren.

Verdorbene Moral trifft Friedrich Nietzsche

Seinen bisher letzten Fall hat Detective Harry Ambrose halbwegs verkraftet, als ein neuer ungewöhnlicher Vorfall seine ganze Aufmerksamkeit verlangt. Der gesundheitlich angeschlagene Cop lernt aufgrund eines Autounfalls den werdenden Vater Jamie Burns kennen, der in das Geschehen verwickelt war. Als einziger Überlebender kann er sich an die Abläufe der Katastrophe kaum erinnern und scheint den Tod seines Freundes Nick auf seine eigene Weise zu verarbeiten. Doch der Schock sitzt tief: Visionen suchen den jungen Mann heim, die Beziehung zu seiner Frau Leela bekommt Risse und auch Detective Ambrose stößt bei seinen Ermittlungen auf Ungereimtheiten in der Beziehung zwischen Nick und Jamie.    

Wie gut waren die beiden Männer wirklich befreundet? Was war die Basis zwischen Jamie und Nick? Und was hat Friedrich Nietzsche mit all den offenen Fragen zu tun? Detective Ambrose begibt sich mit jeder Antwort in ein dunkles Wespennest, in dem Moral, Anstand und eigene Wahrnehmung zu einem verzerrten Spiegelbild der Gesellschaft werden. Der Autounfall rückt in den Hintergrund, während sich der Polizist dem Ausmaß an menschlicher Grausamkeit bewusst wird. Allerdings ist er zu diesem Zeitpunkt schon längst zum Puzzleteil eines tödlichen Spieles geworden.   

Psychologie für Hobbyrätsler

Hat sich Bill Pullman in den vorangegangenen Staffeln der Anthologieserie mit einer mordenden Mutter und einem verstörten Kind auseinandersetzen müssen, wird ihm in der mit „Jamie“ betitelten Fortsetzung eine psychologische Problematik aufgetischt. Matt Bomer, der zuvor in „White Collar“ und mit Gastauftritten in „American Horror Story“ auf den Bildschirmen zu sehen war, übernimmt die Rolle des manipulativen Jamie Burns und zeigt sich als undurchsichtiger Gegenspieler. Dass hinter der Fassade des anständigen Pendlers ein gefesselter Machthunger um Erlösung schreit, entfaltet sich ungewöhnlich unvorhersehbar. Von homosexueller Beziehung bis hin zur selbstgewählten Abhängigkeit ist in dem Szenario alles denkbar.

Hobbypsycholog*innen werden ihre Freude an der Ergründung der spannenden Psychostunde haben. Beweggründe und Motive von Jamies merkwürdigem Verhalten sind aktueller denn je: Beeinflussung, Bewunderung und die Suche nach einer neuen Ordnung hinterlassen einen unangenehm ernsten Nachgeschmack, der (so scheint es) sicherlich nicht absichtlich von den Machern gewählt wurde. In Anbetracht der globalen Lage und deren gesellschaftlichen Auswirkung ein heftiger Seitenhieb, der sich mit jeder der insgesamt acht Folgen unbequem festsetzt. 



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