Highlight: Die 50 besten Songs des Jahres 2017

Reportage

Mit Faber auf Tour: Die Schweiz gibt dir einen Zungenkuss

Faber heißt dabei eigentlich Julian Pollina, er ist Anfang 20, sein Vater Pippo Pollina ein bekannter Musiker in der Schweiz. Julian möchte allerdings unbedingt nicht in diesem familiären Kontext gelesen werden, allein die Vorstellung, als „Sohn von“ gehandelt zu werden, lässt ihn das Gesicht verziehen, immer wenn das Thema aufkommt. Das sagt aber noch nicht viel über das Verhältnis zum italienisch singenden Vater aus, den man in Deutschland wohl am ehesten über eine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennt – wenn überhaupt.

„Als wir bei den Zirkuszeltshows von AnnenMayKantereit im Vorprogramm aufgetreten sind, hat es uns tierisch viel Spaß gemacht, einfach nur italienische Chansons zu spielen. Viele haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, weil wir uns vor so einem großen Publikum so präsentierten, aber wir fanden es halt witzig“, erzählt Julian alias Faber.

In so einer exemplarisch unproduktiven Form besinnt er sich dann also doch gern mal auf die musikalischen Wurzeln seines italienischen beziehungsweise sizilianischen Erbes. Nun, mit solchen Commitments dürfte zumindest die gute Stimmung unter dem Weihnachtsbaum der Pollinas gewährleistet bleiben.

Zudem ist trotz solch schroffer Einlagen auch dem hiesigen AnnenMayKantereit-Fan längst klar geworden, was hier gerade für ein faszinierender Musiker im Dunstkreis ihrer folky Lieblingsband aufgeht. Wobei die latent preußische Strenge, die immer wieder vom dem Phänomen AnnenMayKantereit abstrahlt, bei Faber völlig fehlt. Der durchaus existenten Schweizer Entsprechung jener deutschen Gründlichkeit hat er viel eher Spott entgegenzusetzen:

„Denn wenn die Arbeit schreit, bleibt ein Schweizer nie daheim. In einer Stadt mit vielen Uhren hat keiner Zeit.“

Diese ganze Unerschrockenheit und die für Popverhältnisse teilweise sehr sexualisierten Storys machen unmissverständlich klar, dass nach Wanda wieder einen Hype mit Alpenhintergrund lauert, nur dass der eben diesmal nicht aus Österreich stammt.

Faber ist dabei nicht nur diese erschütternd authentische Kunstfigur, die er selbst schuf, sondern auch eine Band. In ihr drückt sich viel von der Mehrsprachigkeit und dem Multikulturellen aus, was die Schweiz neben Banken und Alpen eben auch ist. Montenegro, Ungarn, der Balkan, Transsylvanien – das fünfköpfige Ensemble Faber repräsentiert auch eine, in den 90ern durch den Krieg in Jugoslawien befeuerte, Völkerwanderung, wobei der ungarische Mischer allerdings gerade erst seine Heimat aufgegeben hat und das nicht mal für Zürich, sondern „bloß“ für Berlin.

Eine Horde Hippies?

Ein zügelloser Haufen talentierter junger Männer zappelt. Oder: Faber, ganz rechts, mit seiner Band

Die Band inszeniert sich nicht nur als spielfreudige Klassenfahrt an der Schwelle zur Virtuosität, sie ist auch einfach eine. Völlig enthoben von dem Korsett Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang bekommt man hier Mandoline, Posaune, Honky-Tonk-Klavier und ein selbst gebasteltes Drumset ohne Snare aber dafür mit Straßenmusiker-Anmutung.

Führt man sich ein derartiges Instrumentarium vor Augen, hat man natürlich auch gleich eine Vorstellung ihrer Betreiber – und liegt damit richtig: Die Band sieht tatsächlich aus wie eine Horde Hippies, mit ausgebleichten Shorts, zerschlissenen Sandalen an der Schwelle zu Flip-Flops, indischen Westen und ist vor allem überaus bärtig und haarig. Ein Interesse an Weltmusik und Marihuana scheint sich mit seiner Trademark-Signatur in ihrem schluffigen Look verewigt zu haben.

Nur Faber selbst ist es zu verdanken, dass die Band live nicht wirkt wie eine Mischung aus Indien-Phase-Beatles und Kelly Family. Kaputte Leder-Boots, skinny Jeans, ein weißes Oberhemd und in möglichst vielen Instrumentalteilen eine Zigarette im Gesicht. Das gibt der Band die nötige Ambivalenz, unterstützt auch durch seine abgehackten Dance-Moves. Ein bisschen Elvis, ein bisschen Körperklaus, aber auch Ian Curtis mit seinen, an die eigene Epilepsie angelehnten, intensiven Bewegungsmustern schüttelt der Schweizer auf die Bühnen. Die Begeisterung des Publikums ist ihm damit gewiss.

Dementsprechend euphorisch die Stimmung nach der Show in der Garderobe, Faber trinkt aus einer großen Wasserflasche. Der Sprudel sei allerdings mit Wodka gemischt, wird zur Beruhigung hinterhergeschickt. Nicht dass hier ein Gedanke an Abstinenz aufkommt, Margot Käßmann bewahre! Wodka-Sport nenne sich der daraus resultierende Drink, Faber muss kalorisch eben auch schauen, wo er bleibt.

Schließlich droht ihm gerade ernstlich eine Popstar-Karriere, die möchte man ja nun auch nicht babyspeckig angehen. Umso erfreuter ist er dann auch, als der Fotograf schon mal in die gerade getätigte, schwitzige Oben-Ohne-Fotosession reinspicken lässt. Faber sieht darauf richtig muskulös aus, was ihm selbst nicht verborgen bleibt: „Kann ich das haben für Tinder?“

Florian Kalotay


„Ich möchte, dass die Leute sich ertappt fühlen“: Wir haben mit Faber über Provokation gesprochen
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