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Reportage

Mit Faber auf Tour: Die Schweiz gibt dir einen Zungenkuss

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Der Netzstecker für den Laptop passt nicht in die Steckdose, der Euro ist so viel wert wie irgendeine Quatschwährung aus der letzten Bananenrepublik und direkt vor der Bühne bei einem Konzert nimmt man lieber die Ohrstöpsel raus, denn wegen des rigide verfolgten Lärmschutzes übersteigt eine Club-Show hier gerade mal Zimmerlautstärke. Mit anderen Worten: Willkommen in der Schweiz.

„Wir sehen uns traditionell an einem Tisch mit Deutschland und Österreich, aber in echt sitzen wir bei China oder Indien“, sagt Jonas, der Tourmanager von Faber. Letztens zum Beispiel gab es für die Band wieder Schwierigkeiten an dieser Nicht-EU-Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, Jonas fuhr die Crew in einem im Nachbarland gemieteten Bus zurück nach Hause. Doch als Schweizer Staatsbürger ist er nicht befugt, einen in Deutschland zugelassenen Wagen zu führen.

Man konnte dann aber doch noch irgendwie tricksen, besänftigt Jonas den allgegenwärtigen Culture- beziehungsweise Bürokratie-Clash. Schließlich ist ja auch gerade die Differenz im Kleinen (und mitunter auch Großen) das Spannende an der Beziehung zwischen Kartoffel und Eidgenosse – was sich stets gleich in der Sprache widerspiegelt. Immer wieder bemerke ich, wie die Band irritiert ist, wenn ich Jonas als Jonas anspreche. Bald geht mir auf, dass das bloß seinen verschütteten bürgerlichen Namen darstellt, eine Anredeprothese für Behörden oder eben für den Deutschen. Alle anderen nennen ihn mit seinem schwyzerdütschen Alias, den ich allerdings tatsächlich weder lautmalerisch geschweige denn orthographisch reproduzieren könnte.

Das Schweizer Idyll trügt – was ist schon sicher in der Popindustrie?

Wir treffen uns in Luzern in der Zentralschweiz. Faber gibt kurz vor der Veröffentlichung seines Debütalbums SEI EIN FABER IM WIND noch einige Konzerte. Die Band lässt sich auf dieser Reise von mir ein wenig begleiten. Hinter der ausgelassenen Stimmung, auf die ich treffe, spürt man bei allen genauso auch eine Spannung. Denn mit diesem Jahr wird die Sache, ihre Sache, richtig ins Rollen geraten, so viel dürfte sicher sein. Doch was ist schon sicher in der Popindustrie?

Die Antithese zu all den Max Giesingers

Faber jedenfalls bringt das mit, was man sonst im deutschsprachigen Pop suchen muss wie die Stecknadel im Misthaufen. Seine Texte sind poetisch, persönlich, bieten viel Platz für Identifikation, stehen aber dennoch weit über dem routiniert gefühligen Dienstleister-Popterror der Jetztzeit. Kein verjammertes Männchen versucht hier beflissen möglichst vielen Kunden aus deren mittelmäßigen Herzen zu singen.

Faber erfindet vielmehr Figuren und Geschichten und scheut auch nicht die Selbstverletzung oder den Abgrund. Kein Gedanke an von Schimpansen montierte Nulltexte, trotzdem bleiben Musik, Lyrik und der Typ dazu unglaublich zugänglich. Klugheit ist – da darf man sich nichts vormachen – kein Selling Point in Pop. Im Gegenteil, meist bedeutet sie bloß die Beschneidung der Zielgruppe um große Prozentsätze. Faber aber gelingt es trotz textlicher Brillanz und Prägnanz sich das Publikum nicht zu minimieren.

Es ist vielmehr in Luzern mal wieder großflächig angetreten, kein Gedanke an eine Abendkasse, alles längst ausverkauft. Selbst verstörende Textzeilen werden vom kompletten Saal mitgesungen:

„Ich habe dich geliebt, tausend Franken lang!“

Oder es wird die Antithese zu all den Max Giesingers der aktuellen Charts gefeiert, wenn Faber nur vom Klavier begleitet die Entfremdung und Selbsterfindung postuliert. „Bleib dir nicht treu“, heißt der Song dazu. Kaum auszuhalten dagegen selbst im Feelgood-Rahmen eines Pop-Konzerts die melancholisch eingebetteten Worte „Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer“ des Stücks „In Paris brennen Autos (und in Zürich mein Kamin)“. Das ist einer der entscheidende Unterschiede zu anderen Songwritern seiner Zeit: Eskapismus wird bei Faber nicht gelebt sondern thematisiert.

Florian Kalotay
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