„Genesis zu loben – das war das Schlimmste“

von

 

Herr Ellis, sind Sie ein nachtragender Mensch?

BRET EASTON ELLIS: (gedankenverloren) The Germans, the Germans, the Germans …

Entschuldigung?

Die Deutschen. Wie gestern bei meiner Lesung hier in Berlin: Freitagabend, Wochenende, und ihr Deutschen habt nichts Besseres zu tun, als in einen dunklen Saal zu gehen und euch eine Lesung aus dem Feel-Bad-Buch des Jahres anzuhören. The Germans! Aber wieso sollte ich nachtragend sein?

Auf den ersten Seiten ihres neuen Romans „Imperial Bedrooms“ kritisieren Sie heftig die Hollywood-Verfilmung Ihres Debüts „Unter Null“. Vor allem, dass darin eine der Hauptfiguren, der Junkie Julian, anders als im Buch, an einer Überdosis stirbt. Sie schreiben ihm gleich zu Beginn ihrer Fortsetzung einen anderen, noch schlimmeren Tod auf den Leib: Er wird massakriert, seine angeschwollene Leiche schimmert in Mustern von Blau und Rot, er sehe daher aus wie die amerikanische Nationalflagge. In der Filmversion sitzt er einfach im fahrenden Auto; seine Freunde denken, er schläft.

Ein Hollywood-Klischee-Ende: Freunde sitzen im Auto und fahren, sie reden und fahren der Zukunft entgegen. Doch der, der schweigt, ist längst gestorben. „Imperial Bedrooms“ aber, um auf die Frage zurück zu kommen, hat nichts damit zu tun, dass ich nachtragend sei. Meine Motive beim Schreiben sind immer rein, meine Gefühle sind rein. Mein Gefühl, meine Motivation über Julian zu schreiben, entstand vielleicht aus einem Gefühl der Schuld.

Mögen Sie eigentlich Genesis und Whitney Houston, deren Lieder eine andere Ihrer Romanfiguren, Patrick Bateman in „American Psycho“ (1991), so detailliert und kenntnisreich rezensiert?

Nein. Ich kann mir die Alben INVISIBLE TOUCH und WHITNEY nicht anhören. Beide zu loben waren die schmerzhaftesten Erfahrungen, die ich überhaupt gemacht habe. Als ich Patrick Bateman über diese Musik schwärmen ließ, hatte ich zum ersten Mal überhaupt das Gefühl für meine Arbeit extra bezahlt werden zu müssen, so schlimm war das. Es waren nicht die Passagen mit der Ratte …

… Sie schildern in „American Psycho“, wie sich eine Ratte durch die Vagina einer Frau in ihren Körper hineinfrisst …

… sondern Phil Collins, der mir Unwohlsein bereitete. Aber ich habe kein Problem damit, Ihnen Ihre INVISIBLE TOUCH-CD zu signieren. Hier, bitte. Ach, wissen Sie, ich glaube Patrick Bateman mag Genesis gar nicht oder Huey Lewis & The News. Er tut nur so, er will dazugehören. Typisch Musikkritiker.

Was ist typisch für Musikkritiker?

Kritiker glauben immer, dass sie so unglaublich passioniert über Musik schreiben. Dabei sind ihre Rezensionen einfach nur gewöhnlich, mehr nicht. Und überhaupt nicht lustig. Sondern konventionell. Konventionelle Weisheiten, die morgen keinerlei Bedeutung mehr haben. Clay (die Hauptfigur aus „Unter Null“ und Ellis’ neuem Roman „Imperial Bedrooms“, die Red.) hat noch weniger Ahnung von Musik, er vertut sich sogar mit Songtiteln.

Es scheint, Ihnen macht es mehr Spaß über Musik zu schreiben, die Sie hassen, als über solche, die Sie mögen. Clay wandert durch Partyräume und nimmt Songs wie von Elvis Costello, der zu Ihren persönlichen Favoriten gehört, nur als Hintergrundgeräusch wahr, das im Rausch auf sein Unterbewusstsein wirkt …

Es stimmt: Ich habe noch nie ein ganzes Buch geschrieben über die Musik, die ich mag. Nun: Ich schreibe manchmal auch explizit über Musik, die mir gefällt, es hängt von der Romanfigur ab. Die Collegestudenten aus „Einfach unwiderstehlich“ etwa hatten einen breit gefächerten, coolen Musikgeschmack. Ich schnitt Ihnen Bands zu, die gut waren: Blondie, The Cure, Love And Rockets. Clay dagegen ist jemand, der sich für Musik kaum interessiert. Ganz das Gegenteil von mir: Ich ging auf alle Konzerte, spielte selbst in einer Band. Auch der American Psycho Patrick Bateman und Clay sind zwei grundverschiedene Leute.

Zudem ist der eine in den Zwanzigern, der andere über 40. Ändern sich Hörgewohnheiten mit dem Alter?

Die von Clay auf jeden Fall. Er ist 25 Jahre älter geworden. Musik spielt dann eine geringere Rolle. Das passiert, wenn man im Beruf erfolgreich ist. Fokussiert zu sein, zu wissen, was man will – schon sinkt die Bedeutung der Musik. Clay will einfach nur mit den Mädchen ficken. Wozu da noch Musik? So, wie ich mit den Erzählern meiner Romane gealtert bin, spielt auch Popmusik später eine geringere Rolle. Bat For Lashes kommt kurz in „Imperial Bedrooms“ vor, weil ein Mädchen, das Clay fickte, ihm eine CD brennt. Bruce Springsteen kommt vor. Später zitiert Clay einen Songtitel von The National falsch, er sexualisiert ihn: Ursprünglich heißt es: „One time you were a glowing young ruffian.“ Clay macht daraus: „One time you were blowing young ruffians.“

Wird man als alternder Musikhörer auch ironischer? Sie verweisen auf Clays Vorliebe für Randy Newmans „I Love L.A.“, dessen Ironie das Chaos und die Scheinwelt der Filmmetropole beschreibt.

In gewisser Weise mag der Song ironisch sein. Aber Randy Newman ist gewiss kein Ironiker. Er liebt Los Angeles. Und er liebt all die beschissenen Orte der Stadt, die in meinem Buch vorkommen, die dreckigen Straßen. Ich liebte den Song, denn Randy Newman hatte Recht: Es geht um wirklich schlimme Gegenden. Aber wie könnte man denken, dass Randy Newman heute noch ein ironischer Singer/Songwriter ist? Er ist doch heute der Typ von Pixar! Eine Maschine! Jeder Song klingt gleich!

Ist Ihnen Ironie wichtig in der Musik?

Songtexte interessieren mich nicht wirklich. Ich mag den Sound der Musik. Der Klang steht über den Worten. Ich mag The National, weil sie sehr buchstäbliche Texte machen. Mich spricht das an. Generell mag ich dumb pop lyrics, weil es in mir oft funktioniert. Aber Ironie? Ich liebte Elvis Costello vor allem wegen des Klanges. Ab und zu gab es dann mal eine Songzeile, die mich zum Nachdenken brachte. Aber viele seiner Texte sind so clever, dass es der Musik nicht gut tut. Sie wird dann kalt. So wie IMPERIAL BEDROOM, das Album, nach dem ich mein Buch benannte.

Woher beziehen Sie heutzutage Ihre musikalischen Einflüsse?

Hier, sehen Sie, mein iPad … Künstler mit den Anfangsbuchstaben A und B: Al Stewart, Ash, Aimee Mann, Blink 182, Backstreet Boys, Bangles, Beach Boys, Bee Gees, Bette Midler …

Wie ähnlich sind sich Schriftsteller und Musiker? Wie ist es, im Stillen an einem Werk zu arbeiten und sich mit seinem Material dann auf eine Bühne zu begeben?

Auf die Bühne zu gehen und zu lesen: Das ist reines Showgeschäft, mehr nicht. Nach meiner Berliner Lesung unterhielt ich mich mit einigen deutschen Schriftstellern. Einer sagte: Es ist ja so verstörend, Sie so offenherzig über die autobiografischen Anteile Ihrer Arbeiten reden zu hören. Etwa über die dominante Vaterfigur, die in „Lunar Park“ thematisiert wird, und die zum Trauma wurde. Dude, antwortete ich, das verstehe ich absolut. Das ist Teil des Problems, wenn Sie ins Auditorium zu einer Lesung kommen und einem Schriftsteller zuhören, wie er über seine Entwicklungen spricht. Sie könnten dort meine Texte demystifizieren. Das ganze Buch. Alles, was Sie daran mochten. Oder aber das Gegenteil: Der Roman gefällt Ihnen jetzt noch besser. Zumindest versuche ich, authentisch zu sein.

Was ist ihr nächstes Projekt?

Ich entscheide nur noch emotional und instinktiv. Es gibt keine Pläne. Doch, gut: Ich will was im Fernsehen machen, eine Serie. Den 100-Stunden-Roman ins Fernsehen bringen. Aber wissen Sie, Produzenten davon zu überzeugen, auch nur eine Folge zu drehen, das ist unbeschreiblich mühselig. Ständig gibt es Diskussionen – development meetings. Ich bin hier auf Lesereise in Europa, und ständig schreibt man sich Mails über aktuelle Zustände. Doch keiner traut sich zu sagen, dass die Produktion verzögert wird. Ständig redet man drum herum. Ich maile: Wann endlich gibt’s grünes Licht? Wann beginnen die verfickten Dreharbeiten?

In „Imperial Bedrooms“ spielt das Internet eine Rolle: Wenn es darum geht, sich in der Internet Movie Database oder bei MySpace über die Karrieren der Hollywood-Sternchen zu informieren.

MySpace ist vorbei. Die Stelle im Roman, in der es um MySpace geht, hatte ich Anfang 2007 geschrieben. Da begann MySpace schon zu verblassen. MySpace ist der reinste Trash.

Was hätten Oberflächen-Fanatiker wie Clay und Julian getan, hätte es 1985 schon das Internet gegeben?

Mit der heutigen Technologie? Und mit Mobiltelefonen? „Unter Null“ wäre nur 30 oder 40 Seiten lang geworden. Denn Clay hätte Julian, der ständig an Orten streunt, wo ihn keiner findet, auf der Stelle aufgegabelt. In 70 der 200 Seiten des Buches geht es schließlich darum, dass Clay in den dunkelsten Ecken nach Julian sucht. Oder auf der Suche ist nach einem Telefon und Leute fragt: „Darf ich ihr Telefon benutzen?“. Heute hätten sich alle sofort gefunden, boom, boom, boom.

Dafür haben Ihre Romanfiguren damals noch ganze Alben gehört. Patrick Batemans Albenrezensionen etwa sind Track-by-Track-Besprechungen. Heutzutage geht es nur noch um einzelne Songs, die man sich aus dem Internet pflückt.

Das mache ich auch. Ich bin ein iTunes-Hörer. Aber beim Kochen oder Zeitung lesen höre ich auch noch ganze Alben von vorne bis hinten. Das passt auch prima in die Zeiteinheiten, die ich dafür benötige: 45 Minuten. Heute spielt die Magie des Computers eine ganz besondere Rolle. Mal eben einen Song runterladen, ein Video gucken. Das alles lenkt aber auch vom Schreiben ab. Als ich anfing zu schreiben, in den Achtzigern, machte ich manchmal Pausen und guckte MTV. Aber wissen Sie was? Jeder braucht Ruhe, um zu schreiben. Dass ich damals auf Fußböden lag und irre laute Musik hörte, während ich an „Unter Null“ arbeitete: Das ist ein Mythos.

Sie selbst waren in ihren Collegetagen als Musiker aktiv, spielten Bass in einer Band. Kriegen Sie manchmal noch Angebote, einen Song zu schreiben?

Ja. Viele meiner Freunde spielen in Bands und fragen mich (Kunstpause), „ob ich einen Song beisteuern möchte“. Was ich – offiziell – noch nie gemacht habe. Über meinen Manager laufen auch Anfragen, ob ich Songs „beisteuere“. Aber Prominente waren nicht darunter. Haben Sie schon gehört von „American Psycho – The Musical“?

Leider nicht. Arbeiten Sie daran?

Nein. Die arbeiten daran. Duncan Sheik (Singer/Songwriter, Komponist des Broadway-Musicals „Spring Awakening“, die Red.) schreibt die Musik dafür. Sie arbeiten seit fünf Jahren daran. Es wird kein Tap-Dancing-Musical, sondern ein richtig ernsthaftes Rock-Ding. Ich wollte helfen und an den Songs mit arbeiten. Aber daraus wurde nichts. Duncan Sheik macht das. Ich weiß nicht, wann das Musical Premiere feiern wird.

Welche Instrumente spielen Sie?

Als ich fünf war, schickten meine Eltern mich zu den ersten Klavierstunden. Bis ich 16 war, musste ich wöchentlich Unterricht nehmen. Sie wollten, dass ich weitermache. Aber ich machte meinen Führerschein, konnte selber Auto fahren. Meine Eltern fuhren mich dann nicht mehr zum Unterricht, und das war’s. Auf der Highschool lernte ich dann Gitarre. Ich war alles andere als virtuos. Ich war auch kein guter Bassist. Wenn es sein musste, konnte ich auch ein wenig Schlagzeug spielen.

Spielen Sie noch?

Nein. Ich lebe mit einem Musiker zusammen. Er hat sein ganzes Equipment, die Verstärker, Keyboards, Gitarren im Wohnzimmer verstreut. Manchmal hebe ich sie auf und spiele drauf rum. Schade, dass mir der Zugang zu den Instrumenten etwas fehlt. Ich halte viel vom therapeutischen Nutzen der Musik. 45 Minuten lang auf der Couch sitzen, Gitarrensaiten zupfen, aus dem Fenster schauen.

Wären Sie, wie Sie einmal sagten, wirklich lieber Musiker als Schriftsteller geworden?

Ja. Leider hat das nicht geklappt. Was die Vorteile einer Musikerlaufbahn sind? Mir gefällt die Zusammenarbeit der Bandmitglieder. Ich mag die Vorstellung, raus zu gehen auf eine Bühne und ein Publikum mitzureißen. Dass die Leute applaudieren, tanzen. Das hervorrufen zu können gibt einem sehr viel Kraft. Und nun vergleichen Sie das mal damit: in einem Auditorium zu sitzen, neben einem ein deutscher Schauspieler, der aus dem Feel-Bad-Buch des Jahres vorliest (lacht). So. Außerdem: Einen Song kann man in fünf Minuten schreiben.

Sie auch?

Ja, klar. Langsam bin ich vor allem, wenn es um das Schreiben von Romanen geht. Das ist frustrierend. Aber ich beklage mich nicht darüber.

In ihrem neuen Buch schildern Sie auch, wie Clay in der Wüste gegen Geld tagelang einen Jungen und ein Mädchen sexuell missbraucht. Rezipienten deuten die gewaltverherrlichenden Stellen in Ihren Werken oft als Satire oder Traum. Ist das nicht einfach nur Abwehr, weil man die Brutalität nicht ertragen kann?

Viele Leser denken, die Gewaltszenen sind Traumsequenzen, Fantasien. Ich gebe Ihnen Recht: Das sind sie nicht. Ich muss irgendetwas falsch gemacht haben, wenn jemand denkt: Was im Roman geschieht, sind die Hirngespinste der Figur. Ist es Abwehrverhalten? Vielleicht. Ich halte die Passage über das, was in der Wüste passiert, für sehr realistisch. Nichts daran deutet auf eine Fantasie hin. Vielleicht ist die Stelle ein wenig … extrem.

Ihre Romanfiguren sind oft von Romantik getrieben, aber sie bringen Menschen um. Kann ein Mord romantisch motiviert sein?

Kennen Sie Dennis Cooper?

Den Schriftsteller?

Dennis Cooper wollte unbedingt so sein wie ich. Aber er war openly gay, ganz offen schwul. Er schrieb ein offen schwules „Unter Null“, ein offen schwules „American Psycho“. In der Mainstream-Presse der späten Achtziger und frühen Neunziger wurde er jedoch wenig diskutiert. Und Schwule hassten seine Bücher, weil es zu dick aufgetragen war: In seinen Romanen wurden Jungs gefoltert, oder sie bewiesen sich ihre Liebe durch Folter und so weiter. Das alles meinte Cooper romantisch. Ich war damals schockiert, wie weit er mit seinen Stoffen ging. Und dann verbrachte ich jüngst einen Sommer in einem Ferienhaus in Palm Springs. Dort las ich eine Sammlung seiner Geschichten. Ich sah sie mit ganz neuen Augen. Natürlich, sie waren brutal, furchterregend. Aber der Horror war Ausdruck einer Liebe. Unglaublich romantisch. Als ich jung war, hätte ich das so nicht gesehen. Jetzt aber sehe ich es auch. Jemanden aus Liebe zu töten …

… ist doch verrückt.

Dann ist die Liebe auch ein verrücktes Gefühl. Liebe ist verrückt. Ist Liebe normal? Ein Teil Ihres Gehirns überreagiert. Wie bei einer Sucht. Liebe ist so etwas wie ein persönliches Problem.

Sie schreiben: „Nothing bad can happen when you’re alone.“ Sind Sie gerne allein?

Das ist eine traurige Erkenntnis, oder nicht? Ich bin aber lieber mit jemandem zusammen als allein. Dennoch kann ich für lange Zeit allein sein. Bei Lesungen spüre ich die Einsamkeit. Wenn sich, wie bei den Signierstunden, alles um einen dreht, aber man um ein Uhr nachts ins Hotel zurück kehrt und man doch wieder ganz allein ist. Man nicht schlafen kann. Eine Schlaftablette nehmen muss. Und am nächsten Morgen geht’s weiter. Fremde, die mir sagen, dass sie mich lieben. Ein Freund fragte mich, warum ich nicht jemanden mitnehme auf die Lesereise, damit ich mich nicht so einsam fühle. So etwas ist unmöglich. Denn Lesereisen drehen sich nur um einen selbst, da ist kein Platz für andere.

Neben Verweisen auf die realen, seit Jahren ungeklärten Mordserien in Mexiko schreiben Sie in „Imperial Bedrooms“ auch in ein, zwei Sätzen davon, wie auf CNN brennende Moscheen zu sehen sind. Wie politisch wollen Sie sein?

Es gab Momente, in denen ich intensiv über den Buchtitel „Imperial Bedrooms“ nachdachte, darüber, ob er wirklich passt. Schließlich geht es in dem Roman um sexuelle Ausbeutung. „Bedrooms“ alleine hätte noch keinen großen Anspruch. Aber „Imperial Bedrooms“, das klingt wirklich gut. Nun kann man nach der buchstäblichen Bedeutung des Titels fragen. Und, ja, mein Buch handelt von Imperialismus: Wir holen uns, was wir wollen! Wir besorgen es uns, wir versauen es, und dann hauen wir ab! Amerikanischer Imperialismus! Unabhängig davon bin ich kein sehr politischer Mensch. Der Titel passt, global gesehen. Aber im Grunde geht es mir um die imperialistische Beziehung auf persönlicher Ebene (holt sein iPhone hervor, denn er hat eine SMS bekommen): Was?! Schauen Sie sich an, was ein Freund mir jetzt geschrieben hat, der weiß, dass ich gerade in Deutschland bin! „Are you eating Wiener Schnitzel?“, „Do you hate Jews now?“ – Natürlich nicht! Gott, ist der zurückgeblieben!

Herr Ellis, kennen Sie eigentlich eine deutsche Band?

Welche deutsche Band könnte ich kennen? Danzig?

Zurück zu Ihrem neuen Roman. In Hollywood muss Clay doch manchmal hinten anstehen: Wenn es ums Hochschlafen geht, sagt ihm eine Schauspielerin, spielt er keine so große Rolle – er sei ja nur der Drehbuchautor. Sie selbst sagten aber, als Autor bekommt man viele Sexangebote.

Ich war Drehbuchautor meines eigenen Romans „Die Informanten“ und gleichzeitig Produzent. Mein Name war der große Name, verknüpft mit dem Projekt. Kim Basinger machte mit, Mickey Rourke, Winona Ryder, Billy Bob Thornton. Und dann gab es da noch die Castingsessions für die jungen, unbekannten Schauspieler. Lange Sessions. Zehn Monate Casting! Und, ja, da kommen schon die einen oder anderen auf einen zu. Andererseits: Die Sex-Offerten nahmen dramatisch ab, nachdem das Casting für den Film abgeschlossen war. Wo sind die Leute alle hin? Mich störte das alles ein wenig. Was, wenn man sich in jemanden verliebt, der einem so eindeutige Angebote macht? Ich musste mir selbst und anderen sagen: Hey, letzten Endes ist das alles nur eine business transaction, ein geschäftlicher Austausch. Muss ich das wirklich erst laut aussprechen? This whole thing sucks. Dass man sich in Schauspieler, die nur an der eigenen Karriere interessiert sind, wirklich verlieben kann, ist das, was mich literarisch interessierte. Und so lernt Clay im Roman auch Rain Turner kennen.

Wurden Sie schon mal von jemandem geliebt, nur weil Sie berühmt sind?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht. Ich hoffe es wirklich nicht. Andererseits … so what? Und wenn schon. Es wäre okay. Zumindest wüssten sie dann, was sie für Bret Easton Ellis bekämen. Ist das eine oberflächliche Sicht? Nein, warum auch. Das, wofür sie mich kennen würden, ist auch das, was ich bin. Ach, ich weiß es nicht. Aber wissen Sie was? Man entwickelt mit der Zeit so etwas wie einen Bullshit-Detektor. Wer meint es ernst, wer ist nur ein Hustler? Das erkennt man irgendwann. Man ist ja kein Dummy, der blöd durch die Gegend läuft und nur ausgenutzt wird.

Leute wie der Schauspieler Mickey Rourke dagegen berichten immer wieder, wie sie ausgenutzt wurden, wie sie auf falsche Freunde hereinfielen und auf einmal wieder ganz unten auf der Karriereleiter standen.

Schauspieler sind dumm. Aber ich liebe sie. Drehbuchautoren und Schauspieler sind in Hollywood miteinander verbunden. Denn sie werden dort schlechter behandelt als alle anderen.


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