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Meinung

Golden Globes 2019: Preisgekrönte Halbwahrheiten

In der Nacht zu Montag wurden in Los Angeles zum 76. Mal die Golden Globes verliehen. Sandra Oh und Andy Samberg führten durch die Gala, die allgemein als die zweitwichtigste Filmpreisverleihung nach den Oscars gilt. Und dass, obwohl der Globe auf dem Papier wenig Aussagekraft über die besten Filme und Darstellerleistungen des Jahres hat. Immerhin wählen bei den Oscars, die Ende Februar verliehen werden, mehrere Tausend Jury-Mitglieder die Sieger, bei den Globes sind es nur knapp 100 Auslandsjournalisten, die in Hollywood arbeiten. Und deren Hände, so erzählt man es sich, in den Wochen vor der Verleihung der Golden Globes besonders kräftig geschüttelt werden.

Biopics und (halb)wahre Begebenheiten dominieren

Szene aus „Bohemian Rhapsody“

Favoriten für die Oscar-Verleihung lassen sich aus der Verleihung maximal bei den Darstellerpreisen ablesen: Christian Bale (gewann für seine Imitation von Dick Cheney in „Vice“) galt schon vor den Golden Globes als Anwärter auf einen Oscar, es wäre bereits sein zweiter. Über den Sieg von Olivia Colman für ihre Darstellung von Queen Anne gibt es ebenfalls nicht viel zu diskutieren, sie gewann in der Kategorie „Beste Schauspielerin Komödie oder Musical“ für den Film „The Favourite“ des Griechen Yorgos Lanthimos.

Auffällig in diesem Jahrgang: In nahezu allen relevanten Kategorien gewannen Titel, die auf wahren Begebenheiten basieren. „Vice“ basiert auf der Amtszeit Dick Cheneys in der Bush-Administration, „Aufbruch zum Mond“ (Beste Musik) auf Neil Armstrongs Schaffen, „American Crime Story: Der Mord an Gianni Versace“ (Beste Mini-Serie) auf, Überraschung, dem Mord an Gianni Versace.

Kooperation

Biopics und Adaptionen realer Ereignisse waren also der große Trend der 76. Golden Globes, was an sich kein Problem ist. Fragwürdig sind allerdings ausgerechnet die Sieger in den wichtigsten Kategorien der Awards: Als „Beste Komödie oder Musical“ wurde „Green Book“ ausgezeichnet, in der Königskategorie „Bestes Drama“ gewann das Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“. Beide Filme basieren auf realen Personen, wurden aber heftig für ihre Verzerrung der Geschichte kritisiert.

Der Sieg von „Bohemian Rhapsody“ ist nicht nur deshalb fragwürdig, weil der Film zum Kinostart nur mittelprächtig bei Kritikern ankam. Speziell die für die Dramaturgie umgedichtete Geschichte Freddie Mercurys sorgte für Unverständnis: Dessen Coming-Out vor seinen Eltern wurde in Bryan Singers Film Jahre um Jahre vorverlegt, ebenfalls wurde die Chronologie seiner AIDS-Erkrankung beziehungsweise deren Einfluss auf das Gefüge der Band Queen umgedichtet. Queen-Kenner empfanden dies als äußerst unsensibel, auch wir kritisierten an anderer Stelle, dass sich Brian May und Roger Taylor, die verliebenden Queen-Bandmitglieder, die Historie der Band zu ihren Gunsten umschreiben ließen.

„Bohemian Rhapsody“ wohnt dementsprechend eine gewisse Unehrlichkeit inne, die von der Jury der Golden Globes aber als weniger relevant eingestuft wurde als die Tatsache, dass man mit dem Biopic praktischerweise einen Publikumsliebling auszeichnen kann.

„Green Book“ soll eine „Symphonie der Lügen“ sein

Das Biopic „Green Book“, das in der Nacht zum Montag ausgezeichnet wurde, leidet unter einem ähnlichen Makel: Der Film erzählt die Geschichte des schwarzen Jazz-Pianisten Don Shirley und dessen weißen Chauffeurs Tony Lip. Auf einer Tour in den Südstaaten in den 1960ern wird das ungleiche Paar zu Freunden, gemeinsam hangeln sich sich am „Negro Motorist Green Book“ entlang, das schwarzen Bürgern die wenigen Hotels und Restaurants empfiehlt, die in den von Rassismus geprägten Südstaaten der USA Unterkunft und Service bietet.

„Green Book“ ist trotz seiner schweren Themen Feelgood-Kino, das schon vor dem Kinostart in den USA als Anwärter auf diverse Preise galt. Doch dann meldeten sich Angehörige des 2013 verstorbenen Don Shirley: Der Film stelle entscheidende Momente im Lebend des Pianisten falsch dar. So wird in „Green Book“ beispielsweise behauptet, dass Don Shirley keinen Kontakt zu seinen Brüdern habe. Maurice Shirley, einer der besagten Brüder, meldete sich vor einigen Wochen in einem Interview zu Wort und wehrte sich gegen diese Darstellung. Die Familie des Pianisten sei immer in Kontakt mit ihm gewesen. Die Angehörigen Shirleys gingen nach Sichtung des Films soweit, dass sie die gesamte Prämisse infrage stellten: Das Verhältnis zwischen dem Musiker und seinem Fahrer sei nicht annähernd so eng gewesen, wie in „Green Book“ gezeigt.

Szene aus „Green Book“

Mitglieder der Familie Shirley nannten „Green Book“ (startet am 31. Januar in Deutschland) eine „Sinfonie der Lügen“. Mahershala Ali, der für seine Rolle in dem Film auch mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, meldete sich daraufhin bei Don Shirleys Angehörigen und entschuldigte sich bei ihnen. „What he said was, ‘If I have offended you, I am so, so terribly sorry. I did the best I could with the material I had. I was not aware that there were close relatives with whom I could have consulted to add some nuance to the character“, soll Ali laut dem Neffen Shirleys gesagt haben.

Erstaunliche „Golden Globes“-Gewinner

Eine laut Familie der Hauptfigur falsche Geschichte sowie ein nicht unumstrittenes Biopic gewinnen also die wichtigsten Preise der Golden Globes. Erstaunlich bei einer Veranstaltung, die sich immer besonders politisch gibt. Bei der Meryl Streep zuletzt eine hervorragende Brandrede gegen Donald Trump gehalten hat, bei der Jeff Bridges nun für die Rettung des Planeten kämpfte. Bei der Oprah Winfrey 2018 eine Bühne für politische Statements bekam und die Initiative Time’s Up an nur einem Abend weltweit berühmt gemacht wurde.

Es ist zwar nur eine Filmpreisverleihung, und längst keine so wichtige wie die Oscars. Aber man könnte sagen, dass die Jury der Golden Globes 2019 „Alternative Facts“ belohnt und die Kritik an den besagten Filmen bewusst ignoriert hat. Kein schönes Statement aus Hollywood. Zum Glück dürften die Filme bei den Oscars trotz Globe-Gewinn keine Chance auf den Hauptpreis haben.

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