Herr im Himmel


Die erste Liga der Unterhaltungskünstler blieb 1997 bisweilen hinter den hohen Erwartungen zurück. Bloß Bob Dylan schaffte es ganz nach oben.

Viel Lehrlauf herrschte 1997 beim Gros der sogenannten Blockbuster, bei jenen Musikern also, welche die internationalen Charts normalerweise monatelang für sich beanspruchen. Doch davon gab es 1997 nur wenige. Denn Superstars wie Genesis, Aerosmith oder U2 ließen viele Wünsche offen. Zwar verkaufte Elton John weltweit über 31 Millionen Exemplare seiner Diana-Single „Candle In The Wind“ (allein in Deutschland ging das Werk viereinhalb Millionen Mal über die Ladentische). Bloß, sein Album „The Big Picture“ wird dadurch auch nicht besser. Daß es dennoch zum Verkaufserfolg wurde, liegt wohl in erster Linie an Eltons Ode an die Prinzessin von Wales. Die Verbeugung vor der Verstorbenen kurbelte die Karriere des Pianisten John in ungeahnte Höhen.

Dick im Geschäft ist auch Joe Cocker. Allerdings weniger wegen seiner neuen Platte, sondern vielmehr wegen einer durchschlagenden Marketingkonzeption – das Bier zum Song, der Sänger zum Werbespot, die Tour zu beidem. In fast der gleichen Altersklasse wie Cocker waren auch die reanimierten Supertramp phänomenal erfolgreich. Allerdings ohne Bier. Überraschend gut geriet auch das Comeback von Ex-Creedence Clearwater-Sänger John Fogerty. Viel frischer, aber nicht minder überzeugend: die Rock- und Pop-Varianten von Primal Scream („Vanishing Point“), Björk („Homogenic“) und Portishead („Portishead“). Die Alben dieser Musiker lagen 1997 weit über dem Durchschnitt und hielten darüber hinaus dem direkten Vergleich mit ihren Vorgängern stand. Weitere Highlights aus dem Pop- und Rockbereich fanden sich einmal mehr altgedienten Künstlern vom Schlage einer Patti Smith („Peace & Noise“), bei den neugeborenen Depeche Mode („Ultra“) oder auch bei dem immerjungen David Bowie („Earthling“). Bowie gilt seit seinem spektakulären Börsengang zu Beginn des Jahres als reichster Musiker Englands. Ob’s stimmt, weiß vermutlich nur er selbst. Der wandlungsfähigste Musiker des Vereinigten Königreichs aber ist Bowie auf jeden Fall. Seine Ambient-TripHop-Ausflüge waren nicht nur glaubwürdig, sondern auch äußerst ambitioniert. Selbiges, wenn auch ein völlig anderes Genre betreffend, galt für das Plattencomeback von Bob Dylan. Nach siebenjähriger Studioabstinenz und schwerer Krankheit legte der größte lebende Songwriter mit „Time Out Of Mind“ ein Album vor, das selbst dem Papst gefiel. Johannes Paul II. jedenfalls bat Sir Bob zu einem kurzen Gastspiel in den Vatikan – wo Dylan sein „Blowin‘ In The Wind“ nur zu gern zelebrierte. Ein Job, den er denn auch mit Bravour über die Bühne brachte. Ebenso übrigens wie die Rolling Stones mit Blick auf die Aufnahmen von „Bridges To Babylon“. Das aktuelle Album von Jagger, Richards und Konsorten präsentiert die Rolling Stones in Reinkultur – und erfreulicherweise doch wieder nicht. Klar, auf vertraute Gitarrenriffs, hölzernes Trommeln und charismatischen Gesang muß keiner verzichten. Trotzdem jedoch klingen die „Bridges To Babylon“ überraschend zeitgemäß. Und das aus gutem Grund. Denn neben dem alteingesessenen Produzenten Don Was engagierten die Stones für die Aufnahmesessions auch die vergleichsweise jungen, auf jeden Fall aber hippen Dust Brothers. Und die ließen das neue Material der alten Herren moderner klingen als erwartet.