Hip Hop


Vorbei die Zeit, als Machos und Maulhelden den HipHop dominierten. Auf breiter Front drängen die Rap-Frauen ins Rampenlicht. Sicher, sexistische Sprüche gibt's auch hier, doch die Mehrheit will mit den Machos nicht mithalten. ME/Sounds-Mitarbeiter Jörg Feyer über die musikalische Emanzipation

Na bitte! Jetzt wissen wir endlich, warum sich ausgerechnet Salt’n’Pepa im vergangenen Jahr die Rap-Krone aufsetzen durften. „Jeder redet über Salt’n’Pepa, bezeichnet sie als die ,Rap-Queens‘. Diese Sprüche gehen mir ziemlich auf den Geist“, mault Sparky D, die bereits 1985 mit „Roxanne, Roxanne“ ins HipHop-Geschehen eingriff. „Der einzige Grund für ihren Erfolg ist der, daß sonst niemand eine Platte draußen hatte, als sie mit ihren ersten Singles rauskamen. Ich lag damals völlig daneben, weil meine Mutter gerade gestorben war.“

Auch Roxanne Shante, ebenfalls schon ’85 und gerade 14 Jahre jung mit dem berüchtigten „Roxanne’s Revenge“ aktiv, fehlte entschuldigt: „Als Salt’n’Pepa auf der Bildfläche erschienen, war ich gerade schwanger.“

Und hören wir abschließend noch eine weitere Stimme, nämlich die der 17jährigen M.C. Lyte aus Queens: „Als sie rauskamen, hab ich Rap noch nicht mal gehört!“

Ich zitiere aus einem Round-Table-Gespräch, das die US-Zeitschrift „Paper“ unlängst zum Thema „Girl Rap“ anberaumte. Als respektierter Ehrengast nahm übrigens Millie Jackson Platz, die man getrost als „Godmother“ der heutigen Rap-Frauen bezeichnen darf. Die unverblümten Attacken gegen eine heuchelnde Sexual-Moral, die sie im „Talk-Rap“-Stil auf Platten wie LIVE AND UNCENSORED ritt, degradieren noch heute nicht wenige Mitbewerberinnen zu keuschen Klosterschülerinnen…

War 1988 das Jahr der kommerziellen Konsolidierung und stilistischen Erweiterung von Hip-Hop, so dürfte 1989 ganz im Zeichen der Frauen stehen. Immerhin ganze zehn Jahre nachdem die Sugarhill Gang via „Rapper’s Delight“ den Vinyl-Startschuß abfeuerte, legt der Charts-Erfolg von Salt’n’Pepa, den Wee Papa Girl Rappers oder Neneh Cherry das solide Fundament, auf dem sich derzeit etliche neue Gesichter tummeln: Latifah, Body & Soul, L’Trimm, Big Lady K., Monie Love, Icey „J“…

Gibt es Gemeinsamkeiten? Vielleicht eine spezifisch weibliche Rap-Ästhetik, die das plumpe Macho-Gehabe der meisten Kollegen konterkar(ik)iert? Oder schlagen die Damen nur mit ähnlichen Waffen unfein zurück? Und überhaupt: Warum erst jetzt so massiv?

„Die Männer haben den Rap nicht erfunden – sie waren nur die Ersten, die Platten machen durften. Frauen hatten schon immer ihr eigenes Ding, haben auf Parties oder Schulhöfen gerappt.“ Sagt Ms. Melodie, Gattin des Boogie Down Productions-Mentors KRS-1 alias Chris Parker, die schon 1982 in Brooklyn vor ein Live-Publikum trat, doch erst im letzten Jahr ihre Debüt-Single „To Sing All Night“ vorlegte.

Und The Real Roxanne, bereits ’86 mit der wegweisenden HipHop/GoGo-Fusion „Band Zoom Let’s Gogo“ auch in den britischen Top Ten vertreten, erinnert sich in unserem Gespräch wie folgt an die Anfänge: „Zuerst waren alle auf diesem von Männern dominierten Trip. Es waren einfach so viele Männer in Rap involviert – und das schüchterte die Mädchen ein. Ihre Haltung war: ,Nein, das ist doch eher was für die Typen.‘ In meiner Nachbarschaft hab ich dieses Vorurteil damals immer wieder gehört. Aber jetzt ist die Zeit für die Frauen unwiderruflich gekommen. Wir sind sozusagen die Sahne auf der Torte.“

Um im Bild zu bleiben: Die Männer konnten den Kuchen nicht zuletzt deshalb allein unter sich aufteilen, weil Männer nun mal auch das Sagen in der Plattenindustrie haben. Und, nicht zu vergessen, das Geld. „In männliche Gruppen“, weiß Millie Jackson aus fast 25jähriger Business-Erfahrung, „wird immernoch vielmehr investiert als in vergleichbare Frauen-Acts.“

Ähnlich wie in anderen Wirtschaftszweigen auch, regiert zudem das Klischee, wonach Frauen Kinder und Karriere partout nicht vereinbaren könnten – ein Relikt, das gerade im HipHop-Bereich längst durch die Realität widerlegt ist. Nicht gerade wenige Rapperinnen haben Kinder in diese Welt gesetzt und Platten gemacht, was umso bemerkenswerter ist, als einige gerade erst Teenager waren, als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel.

„Mein Baby behindert mich überhaupt nicht“.

kommentiert Roxanne Shante, die ihren kleinen Sohn inzwischen sogar mit auf Tour nimmt. The Real Roxanne wiederum war gerade 14, als sich ihre Tiana ankündigte; jetzt – die Kleine ist etwas größer geworden – legte sie kürzlich ein neues Album vor.

Auch Neneh Cherry, die gerade mit dem süperben „Buffalo Stance“ allerorten Erfolge feiert (und demnächst ihr von Tim Simenon/Bomb The Bass produziertes LP-Debüt RAW LIKE SUSHI vorstellen wird), ließ sich durch (ungeplanten) Nachwuchs nicht aus dem Konzept bringen. Die 24jährige Stieftocher des Jazztrompeters Don Cherry sieht in diesen Tagen sogar schon zum zweiten Mal dem freudigen Ereignis entgegen.

Noch im sechsten Monat posierte Neneh selbstbewußt für Video-, TV-, und Foto-Aufnahmen.

„Ich häng mir doch keinen unförmigen schwarzen Sack drüber und verschwinde für sechs Monate“, sagt sie und unterläuft so das stereotype Promotion-Format einer Industrie, die Frauen in der Popmusik nach wie vor vornehmlich als schnuckelige Kindfrauen oder immerscharfe Sex-Katzen anpreist – Hauptsache, Bein und Busen kommen wirkungsvoll zur Geltung…

Cherrys gesunde Attitüde resultiert zu einem erheblichen Teil sicherlich aus einer Kindheit/Jugend, die sie schon früh zu selbstständigem Denken und Handeln brachte.

Geboren in Stockholm als Tochter einer Schwedin und eines Mannes aus Sierra Leone, wurde sie bereits mit zwei Jahren nach New York verfrachtet, wo ihre Mutter Don Cherry ehelichte, der Neneh in die Welt des Jazz einführte. „Er lehrte mich, daß Musik etwas ist, was man nicht für sich in Besitz nehmen sollte. Man sollte sie einfach durch sich hindurchfließen lassen. Sollte geben, statt sie für sich zu beanspruchen.“

Mit 14 verläßt Neneh die Schule, treibt sich wenig später in London im Umfeld der Frauen-Punkband The Slits rum und schließt sich später der Fun-Jazz-Punk-Kapelle Rip Rig & Panic an. Bei ihrem letzten Gig mit dieser Band trägt sie ihr erstes Kind schon im achten Monat unter dem Herzen.

Das Folgeprojekt Float Up CP bringt es auf eine, von Gareth Jones produzierte Platte. Danach trägt sie zwei Jahre lang mit befreundeten Musikern neues Material zusammen und muß sich auch schon mal mit einer Plattenfirma rumschlagen, die aus ihr partout die „nächste Whitney Houston“ machen will.

„No money man can buy my love, it’s sweetness that Im thinking of“ heißt eine Schlüsselzeile aus „Buffalo Stance“ – und Neneh ärgert sich, „daß viele Mädchen die von Jungs aufgestellten Spielregeln so gewissenlos annehmen. Dabei wirkt das Girl-Machismo überhaupt nicht sexy.

Einigen männlichen Rappern wie KRS-1 oder Ice-T hingegen bescheinigt sie eine „female attitude“.

„Frauen“, glaubt Neneh Cherry dennoch an einen ganz spezifisch weiblichen Rap-Zugang, „müssen sich nicht so sehr um ihr Ego kümmern wie Männer. Die protzen immer gleich los: ,Ich BIN jemand ! ‚ Der Konkurrenzgedanke existiert zwischen Frauen nicht in demselben Maße. Mädchen haben weniger Angst davor, ein bißchen wie ein Arschloch auszusehen und trotz allem darüber auch noch zu lachen.“

Doch gerade der Konkurrenzaspekt spielte zumindest in der frühen Frauen-Rap-Szene eine entscheidende Rolle. Für die oft rabiate Kolleg(inn)en-Schelte, die nicht selten den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllt, kennt die Rap-Terminologie das schöne Tätigkeitsfachwort „to diss“. Bevorzugtes Medium für die musikalischen Attacken sind die sogenannten „answer records“, die beileibe keine Rap-Erfindung sind, sondern schon seit seligen DooWop-Zeiten zum festen Repertoire schwarzer Musikkultur gehören.

Schon fast legendär ist die Flut von Antwortplatten, die Roxanne Shante einst mit ihrer Quasi-Kriegserklärung „Roxanne’s Revenge“ auslöste. Wegen des vorprogrammierten Knalleffekts – und nicht zuletzt auch wegen der entsprechenden Publicity – dienen solche Repliken nicht selten als Karriereauftakt. „It Takes Two“ meinten ursprünglich Rob Base & DJ E-Z Rock – „It Takes A Real Man“ antwortet ihnen jetzt Icey „J“. Das Florida-Duo LTrimm erwiderte „Grab It“ auf Salt’n’Pepas „Push It“, noch bevor diese Nummer zum großen Hit wurde. Und auch die jetzt 18jährige Philadelphia-Rapperin Yvette Money ließ sich nicht lange bitten, als ihr eine kleine Plattenfirma vor rund vier Jahren vorschlug, doch mal dem Rap-Macho LL Cool J kräftig eins auf sein loses Mundwerk zu geben. Das Ergebnis hieß „Yvette’s Revenge“ und kam sogar in einer nicht jugendfreien X-rated-Version auf den Markt…

Die vermeintliche Hardcore-Attitüde auf der Bühne (Shante: „Sonst bin ich ganz anders. Die vulgären Sachen sage ich nur, weil ich dafür bezahlt werde“) korrespondiert mit der Erwartungshaltung eines Publikums, das an biedere TV-Konsumenten erinnert, die enttäuscht den Kanal wechseln oder abschalten, wenn sich Alexis und Krystle im „Denver Clan“ ausnahmsweise mal nicht in den Haaren liegen.

“ Wenn du eine gemeinsame Show mit einer anderen Rapperin hast“, weiß Yvette Money zu berichten, „erwarten die Leute doch automatisch, daß du sie haßt, dich mit ihr möglichst auf der Bühne schlägst, diese ganzepubertäre Kiste.“

Da helfen manchmal nur noch Verzweiflungstaten: Als ihr ein Konzertbesucher ein unüberhörbares „Bitch!“ an den Kopf knallte, schnappte sich Yvette kurzerhand dessen Kopf und klemmte ihn – verbunden mit der unmißverständlichen Aufforderung, doch da unten mal tätig zu werden – zwischen ihre stämmigen Oberschenkel…

Neuerdings allerdings distanzieren sich sogar altverdiente Kräfte von diesem rüden Image. „Diese ganze bescheuerte Konkurrenzkiste“, sagt etwa The Real Roxanne, „ist doch nur für Leute gemacht, die ihrer selbst nicht sicher sind. Ich möchte mich nicht auf dieses lächerliche Niveau begeben, das überlaß ich lieber Leuten wie Shante. Wenn ich auf die Bühne komme, dann sehe ich nicht wie eine Hardcore-Nutte aus, die ihr Publikum billig anmacht, sondern wie eine Frau, wie eine Lady.“

Auch die 19jährige Newcomerin Latifah (sprich: La-t-fa) aus New Jersey will ihre Raps nicht in dieser Richtung vergeuden. „Andere Rapper anzuschwärzen ist einfach unnötig und obendrein völlig veraltet“, sagt die selbstbewußte Journalismus-Studentin, die eigentlich als Sängerin begann und ihren HipHop gern mit einem leichten Reggae-Touch und ausführlichen Gesangspassagen würzt. „Das ist doch im Grunde nur Zeit-, Geld- und Vinyl-Verschwendung.“

Latifah macht außerdem kein Geheimnis daraus, daß sie die Tage der „We’re Only In It For The Fun & Money“-Kolleginnen (Salt: „Ich glaube nicht an Botschaften. Rap ist nur fürs Tanzen“) für gezählt hält. „Ich glaube nicht, daß es Salt’n’Pepa in ihrer Reputation oder auch finanziell schädigen würde, wenn sie auch mal etwas zur Sprache bringen würden, was falsch ist in der Gesellschaft und korrigiert werden muß.“

Latifah ist quasi von Haus aus vorbelastet: Ihre Mutter organisiert den amerikanischen Highschool-Verband „Students Against Crack“. Wie überhaupt die gesamte US-Rap-Fraktion mehr den sogenannten „reality rap“ favorisiert als die englischen HipHop-Damen, die – weit weg von der Bronx und ihren sozialen Problemen – dem Flirt mit der „weißen“ Hitparade und dem Pop-Crossover weitaus aufgeschlossener sind.

„Ich glaube daran“, sagt Latifah, die auf ihrem ersten Album auch Problem-Themen wie Drogen oder Apartheid abhandeln will, „daß wir festhalten

müssen, wo wir in unserer gesellschaftlichen Entwicklung herkommen. Denn wie sollen wir sonst wissen, wo wir hinwollen? Bildung ist einfach ein Muß. Dein Bewußtsein ist wie eine Blume – sie muß ernährt werden mit dem Wasser der Erziehung und dem Sonnenlicht Gottes.“

Die Krone dieser sozial bewußten Frauen-Rap-Sparte gebührt aber zweifellos den Mother Fussin‘ Rappers. Phyl, D.A. und Cha Cha Chillin heißen eigentlich Phyllis Buford, Diane Atkins und Beryl Savage, sind zusammen immerhin schon 136 Jahre (!) alt und gehen tagsüber gutdotierten Jobs im Sozial- und Bildungsbereich der Stadt New York nach – Phyllis ist gar eine leibhaftige Professorin!

Bei einem „Rap Contest“ des Encore Club im New Yorker Stadtteil Queens konnten sie, unterstützt von ihrem 21jährigen DJ und Karate-Experten Kato, nichtsdestotrotz gleich 12 jüngere „Posses“ auf die Plätze verweisen. Nebenbei arbeitet das fidele Trio übrigens äußerst engagiert in der politischen Organisation „The Power Of Women“. Rappen ist für sie auch Teil der politischen Arbeit.

„Mind Controlling Zappers“, die unlängst veröffentlichte erste Single der Mother Fussin‘ Rappers, die alle selbst Kinder haben, wartet mit folgenden nicht gerade glamourösen Themen auf: Drogen, Teenager-Schwangerschaften, Aids und Selbstmord. Da sage doch bitte keiner mehr „parents just don’t understand…“