Popkolumne, Folge 159

Ich möchte Teil einer Männerbewegung sein: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Die Männernews der Woche:

  • Ein Typ namens Fat Comedy hat Oliver Pocher eine verpasst.
  • Will Smith hat Chris Rock eine auf die Schnüss gegeben.
  • Julian Reichelt hat der Maus eine geballert, aber verbal.

Ich sag es mal so: Bei dem ersten Fall kann sich keine Seite auf mich verlassen. Jene Leute, die sich mit Pocher solidarisiert haben, da dieser aufs Maul bekommen hätte, weil er ein Vergewaltigungsopfer verteidigt hatte (im Kontext von #deutschrapmetoo) liegen leider auch falsch, weil Pocher sich vermutlich eher aus rassistischen Gründen gegen den beschuldigten Rapper gestellt hat. Bei seinem weißen Umfeld und sich selber guckt er beim Thema sexuelle Gewalt lieber nicht so genau hin. Als sich Pocher im Nachgang nochmal zu Fat Comedy äußerte, sagte er: „Du bist jetzt vielleicht am Wochenende der Held in der Shisha-Bar gewesen…“ – und damit war dann schon wieder alles klar.

Das mit Will Smith und Chris Rock war ja dann der Überwahnsinn und es wurde von allen alles dazu gesagt und es werden noch einige Essays und Konsequenzen „zu erwarten“ sein, leider. Erst konnte ich Smith verstehen. Wenn jemand eine meiner Freundinnen öffentlich beleidigen würde, würde ich dafür unter Umständen auch jemandem eine ottern. Aber da hatte ich noch nicht die ganze Szene gesehen, worum es wirklich ging und wie er danach so oberpeinlich rumgebrüllt hat. Auf der anderen Seite schien er irgendwie ziemlich angeschlagen zu sein (no pun intended (auch no pun intended)). Es ist immer gefährlich an einer einzelnen Person, die einen Fehler gemacht hat, weil sie gerade in einer psychischen Ausnahmesituation zu sein scheint, ein großes Fass aufzumachen. Zum Glück gab es die Woche aber noch andere Fälle, also können wir doch drüber sprechen.

Bezüglich Julian Reichelt, da hat die Maus das Ding mit der guten alten vergifteten Freundlichkeit abgewickelt:

Was soll ich sagen, auch ich bin ein einfaches Gemüt. Ich bin aufgewachsen mit Terence Hill und Bud Spencer, boingplongpängpaudängeldänghauruckinsmaul! Es war kultig und irgendwie knuffig, schaut euch doch jetzt mal Gemetzel in der Trimm-Dich-Halle“ an:

Wer schon mal wirklich jemandem eine gedängelt hat, weiß natürlich: Es ist null kultig und tut einfach nur weh, auch einem selbst. Als ich noch in der Nacht-Gastro gearbeitet habe, war ich oft Zeugin von Jungsprügeleien. Oft merkt man dabei, dass die Männer sich eigentlich nach Nähe sehnen, ihre Gesichter kommen sich sehr nah, manchmal umschlingen sie ihre Hälse, packen sich an den Hüften, schieben ihre Gesäße nach vorn … Puh, jetzt hab ich direkt die Hose offen. Alle normalen Menschen wissen: Da wollen sich zwei Menschen, sie wissen nur noch nicht wie. Nicht umsonst gibt es in zahlreichen Filmen und Serien (von „Brokeback Mountain“ bis zu „Sex Education“) die Szene wo sich zwei Jungs / Männer prügeln und schließlich beim Kuss oder Sex landen und das ist dann das Coming Out voreinander. Es liegt alles nah beisammen. Manchmal ist es natürlich aber auch wirklich einfach nur Wut und die Unfähigkeit, besser damit umzugehen, schon klar.

Am schönsten hat mal wieder die sowieso beste Serie „Crazy Ex-Girlfriend“ auf den Punkt gebracht, wie es ist: „Real life fighting is awkward“.

Die Getroffenen der vergangenen Woche haben nicht zurückgeschlagen, sie waren sozusagen besser. So hieß das früher immer: Du bist besser als das. Da macht man sich nicht die Hände mit schmutzig. Das hast du doch nicht nötig. Gewalt ist die Sprache der Dummen. Früher haben das vor allem Ehefrauen, Mütter, Schwestern und Freundinnen gesagt und mit großer Geste den Mann vom anderen weggezogen, heute machen das auch Männer untereinander. Gut, endlich. Aber das geht natürlich noch nicht weit genug.

Männer brauchen eine Bewegung. Viele von ihnen schimpfen ja, dass sich um ihre Belange kaum jemand kümmert. Dass sie in den Krieg müssen und Frauen nicht. Dass sie in Sorgerechtsstreits oft den Kürzeren ziehen. Dass sie nicht ernstgenommen werden, wenn ihnen sexuelle Gewalt angetan wird. Dass sie sich prügeln müssen für ihre Angehörigen. Es müsste eine Bewegung sein, die mit Vorstellungen von Männlichkeit und den sich daraus ergebenden Pflichten aufräumt. Die Männlichkeit als Konzept, wie es existiert, in Frage stellt. Das Ziel muss sein, dass Männer einfach nur Menschen sein können. Dass alles was als unmännlich gilt, kein Problem ist. Wo das was als feminin gilt, auch wertgeschätzt wird. Man könnte die Bewegung Feminismus nennen und Männer könnten dafür auf die Straße gehen. Wie wärs? 🙂

Und damit zu meinen liebsten Männersongs der Woche:

Ich war skeptisch, aber das Feature von Marteria und den Toten Hosen „SCHEISS OSSIS“ / „SCHEISS WESSIS“ ist wirklich gut und lustig, allein weil Wessi-Campino eins mit der Rotkäppchen-Flasche drüberkriegt und dann singt „schmeckt gar nicht so schlecht“ – schon jetzt einer meiner liebsten Popmomente des Jahres. Und es wird nicht nur geprügelt, sondern auch geknutscht!

Dazu gibt es noch einen Anti-Kriegs-Evergreen, vielleicht den besten.

Und zu Guter Letzt habe ich diese schöne Version von „On The Mend“ diese Woche entdeckt, ich kannte sie noch nicht und ich wusste auch bisher nicht um die konkrete Bedeutung des Songs. Dave Grohl schrieb ihn, als sein nun verstorbener Bandkollege und Freund Taylor Hawkins vor vielen Jahren wegen einer Überdosis im Koma lag. Grohl hatte Hawkins nie direkt gesagt, dass der Song für ihn geschrieben wurde, wie er in einer (allerdings nicht veröffentlichten) Szene in der Doku „Back and Forth“ erzählte.

Männer können richtig schöne Dinge füreinander tun, klar. Es braucht nur unbedingt mehr davon und zwar schnell.

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