Popkolumne, Folge 100

„Ich sauf allein“ statt Clubhouse: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von

LOGBUCH KALENDERWOCHE 04/2020

„Muss nicht Rede und Antwort steh‘n / Ich sauf allein!“

Doch mal von vorn: Diese Woche erschien mein Beitrag zu einer ganz besonderen Audio-Sammlung. In der finden sich Empfehlungen von Musikdokumentationen. Hach, Musikdokus! Einer meiner liebsten Räucherhöhlen, wenn es um’s Verbrennen von Zeit geht. Dementsprechend aber auch schwierig, welche ich in den Fokus stellen könnte. Entschieden habe ich mich für „Sterbt Alle!“ – der Film über die Bonner Hardcore-Band Hammerhead. Für mich repräsentiert sie die nötigen Portion Wahnsinn, Originalität und Willen zum Entertainment – ohne dafür aber den Bildungsauftrag aufzugeben. Heißt: Am Ende ist man nicht nur aufgekratzt, sondern auch ein wenig schlauer. Zuletzt hat übrigens selbst „Spiegel Online“ die rheinischen Krawallschachteln entdeckt und ihren Song: „Ich sauf allein“ in die Liste der besten Quarantäne-Stücke gepackt. Danke, Steffen Klusmann, hatte dich im Mosh-Pit ohne Hut und Anzug gar nicht erkannt.

Danke aber vor allem dem Macher Pusse und seinem Projekt Schauplatz. Dort könnt Ihr nicht nur mein Gelaber über Hammerhead hören, sondern auch noch rausfinden, was andere empfehlen: zum Beispiel Jens Friebe, Felix von Die Kerzen, Saskia Timm, Johannes Fries, Daniel Stenger, Daniel Meinel, Jim Button und Christian Ihle. Deren Beiträge sind sicher auch schön, aber hey, an Hammerhead kommen ihre Protagonist*innen allerdings wohl kaum heran. Meine Meinung!

GEDICHT DER WOCHE: „WILLKOMMEN IM CLUBHOUSE, LIEBE MACINTOSH-ESEL!“

Platzreservierung auf tausend Stühlen /
Ein Apple-Dude muss exklusiv sich stets fühlen

Doch kann das wirklich Sache sein /
kommt auch der Android-Abfall mit hinein?

Im Clubhouse die Tür, die ist nicht so lasch /
Endlich mal in Würde treffen – auf ’ne Runde Candy Crush

Art-Direktoren, Journos, Politiker drehen frei /
Der Hype oder die Karriere, was ist wohl zuerst vorbei?

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NIEDER MIT DEM DSCHUNGELCAMP: WE WAVE!

Mit dieser Woche geht nun auch der rechtschaffen trostlose Ersatz-Dschungel in Hürth zu Ende. Dort traten den Umständen geschuldet noch egalere Stars an als je zuvor – und das will nach den vergangenen Jahren wirklich etwas heißen! Mir mittlerweile auch egal, denn ich hänge ohnehin nur noch auf dieser Webseite wewave.com ab. Dort kann man sich gefilmte Handygrüße von C-Promis kaufen. C-Promis, die diesen Namen zumindest noch verdienen! Also so wer wie Uli Borowka, Martin Semmelrogge, MC Fitti, aber auch Jens Nowotny und dieser komische Schiedsrichter Urs Meier.

Das Interessante – neben der Vorstellung, dass einem Sven Martinek („Der Clown“) zum Geburtstag gratuliert – ist, wie unmissverständlich der Preis alle Figuren validiert. Mancher DJ kostet 15 Euro, Evil Jared von der Bloodhound Gang immerhin 99 Euro, für Ex-Nationaltorhüter Timo Hildebrand reichen heute 39 Euro. Auch wenn die Grundidee sich als Charity verstanden wissen will, ist für mich der Besuch dieser Seite die Injektion Reality-TV, die mir RTL diesen Monat versagt hat.

VIDEOCLIP DER WOCHE: VEEDEL KAZTRO

Um Veedel Kaztros Kunst komplett zu kapieren, bräuchte es vermutlich mehrere Leben. Zumindest für mich, ich bin ja bisschen langsam, was HipHop und DIY-Genies angeht. Spaß macht mir der unregulierte Output der Kölner Szenegröße zum Glück auch ohne Lösungsbuch. Sein neues Ding: Auf jeden Fall lange Haare im Rap etablieren. Klingt komisch? Egal, nach diesem so sprühenden Clip ist man sofort überzeugt… lass mir den Haarkranz ringsum die Glatze auch endlich wachsen. Nur wegen dieses Songs:

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: CHRISTIN NICHOLS

Christin Nichols kann irgendwie alles. Musik, Performance, Texten, Gags und Rotwein. Als Sängerin bekannt wurde sie durch das Projekt Prada Meinhoff, dieses Jahr nun erscheint ihr Solo-Debüt. Düsterer Pop mit viel Hall und dieser außergewöhnlichen Stimme, die gleichzeitig lost, sehnsüchtig und angepisst klingen kann.

Foto: Kay Ruhe

Christin, schön, dass Du hier mit machst. Wie geht es Dir dieser Tage im Januar 2021?

Ich vermute gut, aber hin und wieder verliert man den Bezug zu sich, weil alles gerade so ungreifbar ist und durch den Raum schwebt. Dagegen hilft manchmal baden. Aber auch nur so lange, bis man wieder trocken ist.  

Worauf warst Du bei Deiner Arbeit am Solo-Album am wenigsten vorbereitet gewesen?

Abhängigkeit von Social Media, damit man wahrgenommen wird. Ich kann mich bis heute schlecht damit anfreunden, aber es gehört halt dazu. Ich bin eher Team analog. Gebt mir eine Musikkassette und eine Capri Sonne und ich bin zufrieden.

Du bist ja nicht nur auch Schauspielerin, sondern unterrichtest in dem Fach auch. Kannst Du unseren Leser*innen so ein paar basic Tipps zurufen – also was könnte man auch als einfacher Mensch von Deinem Metier nutzen?

Meinen Schülern sag ich immer, dass sie mutig sein sollen, einfach rauf auf die Bühne. Riskieren zu scheitern. Keine Angst vor den Reaktionen der anderen haben und drauf los spielen. Leichter gesagt als getan. Auch Scheitern will gelernt sein. Das kann ich mittlerweile aber ganz gut. Übung macht den Meister.

Ende Februar erscheint Christin Nichols‘ erste Single „7 Euro 4“

PODCAST DER WOCHE (1) – Sprezzatura

Jasmin und André (Facebook-Seite Sprezzatura)

Will man einer älteren Person (Angela Merkel, Friedrich Merz) das Phänomen des Akronyms FOMO erklären, was eignet sich da besser als das aktuelle Podcast-Geschehen. Also Fear of missing out (Angst, etwas zu verpassen) muss man hier ja wirklich haben. Durch Corona haben noch die Letzten mit Sendungsbewusstsein und Diktiergerät sich ermutigt gefühlt, einfach mal aufs Band zu labern. Früher spielte man daheim Schule, Familie oder Feuerwehr – heute nur noch Schulz & Böhmermann. Das Schlimme daran ist, etliche Talks sind wirklich überraschend charmant, unterhaltsam, ja, richtiggehend interessant. Doch wie soll man diese Gespräche denn bitte rausfiltern – in der ganzen Laber-Apokalypse, die dem Netz aus allen Poren quillt? Woher die Zeit und Nerven nehmen?

Keine Ahnung! Sag du es mir. Ich habe aber immerhin ein paar Podcast-Empfehlungen zu teilen. Heute diesen hier: „Sprezzatura – Kleine Hasengespräche“. Jasmin Klein spricht mit André Georg Hase. Beides belesene Paradiesvögel im besten Alter, aber keinen von beiden kennt man jetzt aus großen Produktionen (Nichts mit Bernd Eichinger, Circus Halligalli, Alpha Music). Daher umso wichtiger, dass Ihr hier über diesen Podcast stolpert. Er ist nämlich, wie man sich Laberpodcasts wünscht und so selten bekommt: sprudelnd, konzentriert, üppig. Aus keiner der mittlerweile über 40 Folgen gehe ich raus ohne diverse Fun Facts, die man sich alle unbedingt bis zur Kneipeneröffnung merken möchte. Klein und Hase wissen zu allem was: ob Spülmittel, Ritter Sport, getragenen Höschen oder Kaffeeautomaten. „Sprezzatura“ betrachte ich als echten Lieblingsort!

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.23):

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 23: 4 Non Blondes

HERKUNFT: San Francisco
GENRE: Alternative Rock
DISKOGRAPHIE:
Ein Album, fünf Singles, das war‘s
ERFOLGE: Das auch weltweit eingeschlagene Stück „What’s Up?“ belegte zehn Wochen hintereinander Platz 1 der deutschen Single-Charts, noch im ersten Jahr erreichte es doppelten Platin-Status, was einer Million verkaufter Einheiten entspricht und es zu einer der bestverkauften Singles hierzulande überhaupt werden ließ.
TRIVIA: Man sollte auf jeden Fall wissen, dass – wenn auch die 4 Non Blondes ein lupenreines One-Hit-Wonder darstellen – Sängerin Linda Perry bis heute als eine der einflussreichsten Songwriterinnen und Produzentinnen gilt. Sie schrieb u.a. für P!nk, Christina Aguilera, Gwen Stefani, Kelly Osbourne – außerdem gilt sie als Entdeckerin von James Blunt.

PRO
So räudig und widerständig die Grunge-Kultur sich Anfang der Neunziger geben mochte, so bunt und divers MTV sich zur gleichen Zeit inszenierte, so bieder sah es hinter den Kulissen noch aus. Die Rollenbilder waren gelernt und die Musikwelt männlich, weiß und hetero. Linda Perry widersprach all dem: mit einer brasilianischen Mutter und der Offenheit, mit der sie schon zu Zeiten von „What’s Up?“ über ihre Homosexualität nach draußen ging. Linda Perry war und ist ein Role-Model auf vielen Ebenen und die 4 Non Blondes bleiben als sympathisches One-Trick-Pony in Erinnerung.

CONTRA
Wenn heute in Sitcoms die Neunziger und ihr Grunge-Fimmel persifliert werden, wird gern mal ein kitschiges Fake-Video aus jener Zeit aufgestellt (allen voran Robin Sparkles mit „Circles In The Sand“ und „P.S. I Love You“ aus der Serie „How I Met Your Mother“). Doch keine Verarschung könnte je so albern wirken wie das Video zu „What’s Up?“. Dieser geleckte Look und wie unwohl sich alle Beteiligten in dieser Aufführung zu fühlen scheinen, wird bloß noch getoppt von dem Zylinder mit der Pilotenbrille, der Linda Perry verpasst wurde. Dagegen sieht die Verfilmung des „Tank Girl“-Comic noch aus wie etwas von Rainer Werner Fassbinder…

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Make Freizeit a thing again – Paulas Popwoche im Überblick
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