In der Ruhe liegt die Kraft: Slow-Motion-Country-Folk -— die beruhigende Alternative zum angejahrten Alternative-Rock


Immer wenn die Hunde bellen, geht Miss Catpower in die Knie. Pfeift und zwitschert das Cafe mit seltsamen Lauten voll und winkt die Vierbeiner heran: „Hey, kommkomm.“ Und dann ein Schnappschuß mit der Pocketkamera. Chan Marshall kommt aus dem Staunen gar nicht raus: „So schöne Tiere, wirklich.“ Es fehlt nicht viel, und sie trollt mit „ihren“ Wau Waus auf die Straße. Auf und davon.

Chan ist nicht etwa ein namhafter Teenie-Star, sie ist auch keine 12 mehr, und Barbies, das hat sie versichert, gehören schon seit Jahren nicht mehr zu ihrem Spielzeug. Die 23jährige Sängerin gilt als große Entdeckung der neuen US-Musik-Szene, von Kritikern und Fans gleichermaßen gefeiert. Und das zu Recht: In der New Yorker ‚Town Hall‘ spielte sie Liz Phair glatt an die Wand, auf dem neuen Album ihrer Band Catpower zelebriert Chan an der Seite von Sonic Youth-Drummer Steve Shelley eine quälend stoische Poesie, die unter die Haut geht. ‚What Would The Community Think‘ ist der Titel des zwölf Songs starken Werkes.

Chan lehnt sich wieder zurück, zieht an der Zigarette und schlürft ihr ‚Kölsch‘: „Ich habe in New York mit dem Fotografieren begonnen. Einen Punk, der etwas in den Abfalleimer feuert. Einsame und nachdenkliche Menschen. Ich fange gerne alltägliche Situationen ein, kleine Dinge, die ich beobachte.“ Ein Bild, das auch auf die Musik von Chan Marshall paßt: Etwas zum Stillstand bringen, einfangen, kurzzeitig einfrieren und im eigenen Klang-Universum plazieren. Die Catpower-Songs sind schleichende, kleine Käfer, die um wenige Akkorde krabbeln und sich einen Dreck um Abwechslung und SongStruktur scheren. Sie erzählen Geschichten, fragen nicht nach Namen, lassen den Liebhaber im Fluß davondriften. Songs, die sich in der Seele festätzen. Die musikalische Umsetzung: Reduzierte Besetzung um Gitarre und Baß, Schlepptempo, dahintröpfelnde Akkorde. Ein Programm, das kleinster gemeinsamer Nenner einer wachsenden Szene von Bands ist, die sich so ziemlich allem verweigern, was den US-Rock in den cjoern populär machte: Vom kraftzehrenden Seattle-Grunge bis hin zum klassisch-geschmackvollen R.E.M.-Songwriting. Gemeinsames Merkmal: Sie kommen ohne Glamour und Marketing-Kampagne aus, mehr zufällig als gleichzeitig, aus verschiedensten musikalischen Zusammenhängen. Und sie kommen alle aus Amerika: Smog und Palace Brothers, Low und Acetone, Fuck und U.S. Saucer. Bevorzugte Mannschaftsgröße: Der (gar nicht flotte) Dreier. Catpower sind nur die letzte populäre Eintragung in der Liga der Gitarrenlahmen.

„Wenn ich langsam spiele“, verrät Chan Marshall, „kann ich besser relaxen und mich auf die Dinge konzentieren, die ich sehe und fühle. Mich in das hineinfallen lassen, was ich denke. Aber ehrlich gesagt, mir bleibt auch gar keine andere Wahl, ich kann kaum einen Akkord richtig spielen.“ Dabei hatte ihr Daddy, selbst ein Rocksänger, Gesangsunterricht angeboten. Doch die Tochter machte nur widerwillig mit. Erst als ihr ein Freund eine Gitarre schenkte, entdeckte sie ihr Interesse für Musik. „Mein Vater und meine Mutter interessieren sich nicht für die Art von Musik, die ich mache“, erzählt Chan. „Freunde und Musikerkollegen haben heute ihren Platz eingenommen.“ Einer davon ist Bill Callahan von Smog, der ungekrönte König der US-Homerecording-Szene. „Ich habe ihn zweimal live gesehen, was er sagte und spielte, hat mich wahnsinnig beeindruckt.“ Auf ihrem neuen Album spielen Catpower den Smog-Song ‚Bathysphere‘, er wird unter Chans Regie zu ‚Bathosphere‘.

Smog aka Bill Callahan selber hatte Cassetten-Aufnahmen schon in den späten 8oem gemacht, die erste Fulltime-CD ‚Sewn To The Sky‘ (1990) klingt wie eine kranke Rock-Band mitten in den Proben: plötzlich fällt das Mikro zu Boden, ein Baß dröhnt wie ein Betriebsunfall dazwischen. Rock, der gar kein Rock sein will, aber noch nicht weiß, wohin. Im Laufe der Jahre entwickelte Callahan in seinem Home-Studio in San Francisco eine Kammermusik, die einem ganz eigenen Schrittmacher gehorcht. Smog bringt Songs mit solcher Schwermütigkeit um die Ecke, daß selbst der geneigteste Hörer bisweilen ins Zweifeln geriet, ob er seinen Beitrag noch zu Ende bringen würde. Diese Rock-Heimarbeit bekam mit Beck und seinem Welthit ‚Loser‘ ein Etikett (‚Low-Fi‘) und genügend MTV-Airplay, um als bizarre Antwort auf die böse Welt draußen verklärt zu werden. Bill Callahan entfernte sich darob mit dem 95er Album ‚Wild Love‘ vom schicken Küchengefrickel und griff voll in den Bombast-Topf, nicht ohne den neuen Pomp mit lyrischen Trockenübungen im Zweizeilen-Format zu brechen. Alles immer halbes Tempo und schön zum Mithören. Auf dem brandneuen Album ‚The Doctor Came At Dawn‘ begibt sich der begnadete Songwriter in die hinterste Ecke seines Zimmerchens und singt Lieder von einsamen Nächten und Herzen, die in einer Kanne gefangen sind. Bei der Schlußnummer

‚Hangman Blues‘ bleibt seine Stimme in der Zeile „Life’s a joke“ stehen. Eine Pause, eine Pau ….. se, für Pop-Verhältnisse schier endlos, läßt uns den Atem vernehmen, bevor die nasale Stimme fortzieht —- „a waiting game“. Wenn Introvertiertheit jemals einen intensiven Ausdruck nach Nick Drake gefunden hat, dann in diesen paar Sekunden, die den Hörer mitwarten lassen. „Den größten Teil meines Lebens habe ich allein in meinem Zimmer verbracht“, erzählt ‚Callahan. „Zur Schule bin ich auch so gut wie nie gegangen. Eine Verbindung zwischen mir und der Welt ist nie so richtig zustande gekommen. Strenggenommen konnte ich noch nicht einmal zwischen mir und der Welt unterscheiden, weil ich gar nicht das Gefühl hatte, zu existieren“, sagt Callahan. Die hohe Kunst der Pause, traditionell eher eine Qualität klassischer Soul-Nummern, hat Bill Callahan alias Smog perfektioniert. Maßgabe: Weniger ist mehr. Und: Langsamer geht schneller —- unter die Haut.

Eine mit Callahan vergleichbare Entwicklung weg vom Band-Sound hat Palast-Herr Will Oldham gemacht. Auf inzwischen fünf Longplayern (als „Palace Brothers“ mit Ex-Mitgliedern der legendären Slint, als „Palace Songs“ und zuletzt ganz abgespeckt als „Palace“) entwift der Songwriter aus Louisville/Kentucky seine Platten um die Löcher zwischen jetzt und der Zukunft zu füllen. Darüber läßt sich natürlich schwer sprechen, weil Worte immer unvollständig sind. „Meine Worte darf der Hörer für sich vervollständigen“, erklärt Oldham. Auf dem jüngsten Palace-Album ‚Arise Therefore‘ treibt er den Minimalismus an eine Grenze. Gelegentlich unterstützt von David Grubbs am Piano und Bruder Ned am Bass stolpert er mit brüchiger Stimme über ein musikalisches Ödland, in das eine Drum-Machine einsame Furchen gräbt. Oldham, berühmt für seinen seltsam fremden und abwesenden Blick und die langen Aussetzer beim Interview, gehört zu den Künstlern, die Interpretation und Exegese konsequent ablehnen: „Die Songs haben ein Leben, das ich verfolge. Einige gehen weg, einige bleiben, einige werden gecovert. Ich möchte ihnen keine Ungerechtigkeit antun und sie auseinandernehmen.“

Kontrastprogramm aus San Francisco: Fuck sind für Fans in Deutschland ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der Slo-Mo-Rock-Szene. Der Bandname verrät schon ein Augenzwinkern: Wie weit kann man wohl als ‚Fuck‘ kommen in Radio, TV und Charts — wohlgemerkt ohne eine Hardcore-Combo zu sein? Der Titel ihres aktuellen Albums ‚Pretty…Slow‘ hält dagegen, was er verspricht: Die vier Musiker zimmern Song für Song am vermeintlich guten Geschmack vorbei, von vereinzelten Geräuschquellen begleitet, mit extra-schlankem Gesang. Gitarrenakkorde-getupft natürlich. Der Weg zur CD ist gesäumt von klitzekleinen Smarties, Luftballon, Streichholzsatz mit Schneckenaufdruck, Malheftchen und Plastikhündchen: Wer die liebevoll ausgestattete Papp-Box von Fuck öffnet, stolpert zuerst einmal in diesen Miniaturkindergarten, unter dem dann die Neun-Track-CD versteckt ist. Auch U.S. Saucer kommen aus der einstigen Hippie-Metropole San Francisco. David Tholfsen, Margaret Murray und Brian Hageman (hauptberuflich Gitarrist bei Thinking Fellers Union Local 282) haben sich die verdienstvolle Aufgabe gestellt, Country-Musik von allem Schmand und Tand zu befreien, was sie an der einen oder anderen Hank Williams- oder Dolly Parton-Coverversion nicht hindert. Prinzip Einschläferung: Die Stimmen von Tholfsen und Murray eiern derart freilaufend durch die kargen Kompositionen, daß Ersthörer gewarnt seien: Diese Platte ist keine Fehlpressung. Ihr 94er Album ‚Tender Places Come From Nothing‘ darf als Genre-Klassiker in keinem Slo-Mo-Fanregal fehlen. Ortswechsel: Duluth/Minnesota, das Trio Low. Auf ihrem in Seattle produzierten Album ‚The Curtain Hits The Cast‘ bestechen ausgeruhte Klangbilder. Die Stimmen von Alan Sparhawk und Mimi Parker gleiten wie Schneeflocken über schweren Gitarren-Akkorden und senden Fragen ‚Over The Ocean‘. Oder Acetone aus L.A. Ihren Bandnamen bezogen die Ex-College-Studenten aus einem Kurt Vonnegut-Roman. „Er benutzte einen Begriff, um eine bestimmte Art von Grün zu beschreiben“, erzählt Sänger Richie Lee: „Wir fanden das auf Anhieb gut — weil es nicht irgendetwas Blödes bedeutet.“ Vielleicht müssen für die Musik von Acetone auch ein paar neue Vokabeln erfunden werden. Die Band kriegt auf ihrem zweiten Album die Kurve vom blues- und folkorientierten Song zu leise fließenden Gitarrenübungen. Die Songs auf ‚If You Only Knew‘ deuten das Potential an -— so dürfen ausgeschlafene Rock-Stars made in USA anno 2000 klingen.

Angefangen hat die neue Langsamkeit in grauer Vorzeit als Michael Jackson noch richtig ‚Bad‘ war und Madonna noch ‚True Blue‘. 1986 wurde in Chicago eine Band gegründet, die heute als Pate der Slo-Mo-Szene gilt: Souled American. Überliefert ist die raumgreifende Geschichte von einer 900-Meilen-Reise von Chicago nach Austin/Texas — für ein unangekündigtes Konzert, das Souled American auf der Stelle einen Plattenvertrag einbrachte. Seitdem haben Sänger Chris Grigoroff und Band der hypernervösen Rock-Welt gezeigt, was eine Harke ist: Mit Songs, die sich im kaum mehr zu unterbietenden Zeitlupentempo von einem Akkord zum nächsten bewegen. Und wer die Ohren aufsperrt, bemerkt noch ein paar bizarre Rhythmusverschiebungen. Ein Song wie ‚Suitors Bridge‘ vom kommenden sechsten Album ‚Notes Campfire‘ scheint fortwährend ganz sanft seine Gestalt zu ändern und wenn wir uns inmitten all der kristallinen Gitarrenklänge fragen, was da eigentlich passiert, ist’s schon vorbei. So klingt Amerikas melancholische Seele.

Mit Mark Eitzels American Music Clubs und vor allen Dingen den kanadischen Cowboy Junkies erreichte Slo-Mo-Folk schon vor Jahren weltweit Aufmerksamkeit, als noch kein Mensch von Smog oder Palace sprach. Aber Eitzel klingt auf seinem letzten Solo-Album ’60 Watt Silver Lining‘ mehr wie eine aufpolierte Version von Prefab Sprout und die Cowboy Junkies haben bekanntlich die Flucht nach vorn in den Rock angetreten. Slo-Mo-Folk scheint also kein Rentenmodell für grau werdende Traditionalisten zu sein. Wie lange kann man in Schönheit ganz langsam sterben? „Solange ich gute Musiker wie Tim und Steve an meiner Seite habe, noch lange. Die brauche ich aber. Ich vergesse, was ich spielen muß und bin vor dem Auftritt höllisch nervös“, sagt Chan Marshall, hüpft diesmal endgültig hinaus und ward nicht mehr gesehen. Da muß wohl irgendwo ein Hund in der Nähe sein…