Wanda, Shaggy, Peter Kloeppel: 6 Storys abseits des eigentlichen Interviews
Bevor wir alles endgültig schwärzen müssen: Lest Linus Volkmanns gesammelte Indiskretionen über den Popbetrieb. Mit u.a. Shaggy, Wanda und Peter Kloeppel von RTL Aktuell.
Meine Überzeugung: Interviews lesen macht Spaß. Sie zeugen von Austausch, erzählen von Nähe, sind bestenfalls informativ, aufregend, unterhaltsam. Wenn ich mich aber an jene erinnere, die ich selbst geführt habe im Laufe der letzten gefühlt zweihundert Jahre, ist es nie so, dass mir zuerst konkrete Aussagen der Acts einfallen – viel eher kommen mir die Stimmung und das Drumherum ins Gedächtnis.
Hier ein paar Einblicke hinter die Kulissen einer Handvoll Begegnungen. Interviewszenarien ohne die sonstige Politur.
Wenn Peter Kloeppel sich fragt: Warum ich?
2008, irgendwo im Industriegebiet von Köln. Vor dem genauso legendären wie versteckten Studio des Fotografens Rainer Holz. Ein Shuttlebus öffnet die Schiebetür. Ein adretter Mann steigt aus. Er sieht sich um, leichte Skepsis huscht über sein Gesicht, doch schnell fängt er sich wieder, er hat schon ganz anderes gesehen, war sogar Kriegsreporter. Ich trete aus einer schlecht beleuchteten Hofeinfahrt heraus und begrüße den Mann. „Schön, dass sie es einrichten konnten!“ Als ich ihm zu verstehen gebe, er möge tatsächlich hier eintreten und zwar durch dieses schmucklose Garagentor in eine provisorische Küche, die wir für ihn aufgebaut hätten, suchen seine Blicke noch einmal sehnsuchtsvoll das Shuttle. Doch jenes setzt sich bereits wieder in Bewegung, entfernt sich, verschwindet um die nächste Ecke. Hier kommt er so schnell nicht mehr raus. Egal. Er ist ja Profi.
Was vorher geschah: Eine Promo-Agentur, die die Newssektion von RTL bei neuen Zielgruppen ins Gespräch bringen soll, hatte sich – offensichtlich in blanker Verzweiflung – an mich gewandt. Ob wir vom Intro-Magazin, für das ich in den Nullerjahren tätig bin, nicht ein Interview mit ihrem Anchorman Peter Kloeppel machen wollen. Ich gab zu Bedenken, dass wir ein Musikmagazin seien und demnach quasi keine Berührungspunkte mit dem Nachrichtenprogramm eines Privatsenders hätten. Wenngleich mir der On-Air-Partner von Ulrike von der Groeben („und nun zum Sport“) durchaus bekannt sei. Okay, gab ich daher fahrlässig nach, es existiere die Rubrik „Kochen mit“, wo mit Prominenten gekocht würde und das alles würde vermischt mit einem Interview über Musik. Aber Musik sei ja nun nicht gerade Peter Kloeppels Markenkern. „Au contraire,“ jubelte die Promoterin, das sei viel mehr „perfekt!“ sei dies. Peter Kloeppel wäre ein absoluter Popnarr! Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen, aber gut, ich willigte ein. Für „Kochen mit“ suchte ich immerhin regelmäßig nach Personen, die „gesichtsprominent“ sind und das war hier ja wohl erfüllt.
Vor Ort nun im Hinterland von Köln muss ich feststellen, „Popnarr“ Peter Kloeppel war selbstverständlich nicht davon in Kenntnis gesetzt worden, dass er hier nun an einer schräg ironischen Musikmagazin-Rubrik herumkochen solle. Er ging davon aus, ein seriöses Medium würde ihn zu der von ihm gegründeten RTL-Journalistenschule befragen. Da hatte der arme Mann die Rechnung ohne mich und die gusseiserne Pfanne gemacht.
Im Nachhinein imponiert mir aber immer noch, mit welcher bis zur Selbstaufgabe durchgezogenen Teflon-Professionalität Kloeppel diesen Termin durchzog und sich bemüht ein paar Worte zu Deep Purple oder so aus den Fingern sog, als es darum ging, Fragen nach seiner – im Vorfeld haltlos in den Raum gestellten – Musikbegeisterung zu beantworten. Popnarr my ass!
Wenn Shaggy gleich wieder fort ist
Es geht auch anders in dieser Kochen-Rubrik. Geladen, um mit dem Intro zu kochen, sieht sich dereinst auch der Musiker Shaggy. Auch ihm wurde vorab seitens der Promo-Agentur nicht wirklich kommuniziert, was vor Ort für ein besonderes Interview inklusive Kochen auf ihn warten würde. Auch er betritt durch das Garagentor das Fotostudio mit dem beweglichen Herd, erfährt, worum es gehen wird, schaut sich zwei, dreimal um, verlässt dann wortlos die Szenerie – und wart nie wieder gesehen.
Wenn die Chemie nicht stimmt (Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs)
Kennt ihr noch die Hamburger Schule? Hamburger Schule, das war Musik mit schlauen Texten, Hamburger Schule war akademisch, war diskursbesoffen. Eigentlich eher eckige Insignien, oder? Stimmt! Aber who cares? Ich war als – Trommelwirbel – Studierender total heiß auf genau so ein Angebot. Verrätselte Texte entschlüsseln wie im Germanistikseminar? Keep it coming!
Doch auch mein Kniefall vor nebeligen Strebern hatte Grenzen. Das musste ich bei einem Interview rausfinden. Und zwar ging es um Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs – abgekürzt OZSWMK. Die stellten eine hochgeschätzte Indie-Band der Neunziger dar (also natürlich nur in so Spezialisten-Bubbles, aber genau dort wollte euer verehrter Erzähler damals mit der Brechstange hinein). OZSWMK zeichnete dabei noch Folgendes aus, sie waren immer noch mehr dagegen als die anderen der Hamburger Schule. Das lässt sich sehr gut an einem Beispiel belegen: Als Mitte der Neunziger jener Sound aus Hamburg ein großes Hoch erlebte – natürlich vor allem wegen der außergewöhnlichen Lyrics von Acts wie Blumfeld oder Tocotronic – veröffentlichten OZSWMK ein … Instrumental-Album. Na, schnallt ihr es? Alle wollen deutsche Texte? Dann kriegt ihr von uns … gar keine! Stabil anti.
Dagegen sieht selbst Casper mit seinem Anti-Alles noch aus wie der letzte Ja-Sager. Besagtes Album von den OZSWMK hieß: KEINSEIER. Es wollte damit sagen, man sei etwas nicht, man sei also ein KEIN-SEIER. Ich las damals allerdings stets KEINS-EIER – also das Hühnerprodukt hinten, fand das maximal uncool und begann mich zu fragen, sind diese Dudes eigentlich wirklich so schlau, wie es immer hieß? Dies gedachte ich herauszufinden, indem ich im Interview ganz konkret nach der Bedeutung von einzelnen Textzeilen fragen wollte. Gab es hier wirklich Ideen oder war das alles nur akademisch aufgeschäumtes Wortgeklingel? Guter Plan? Vielleicht.
Doch für ein konfrontatives Interview braucht es vom Fragenden viel Hintergrundwissen und Souveränität, beides brachte ich nicht mit zum Treffen mit Carsten Hellberg in das Café im Schanzenviertel, in welchem wir verabredet waren. Meine investigative Kompetenz erschöpfte sich darin, einfach jene Fragen nach Texterläuterung, die Hellberg mystisch offen lassen wollte, ein ums andere Mal zu wiederholen. Ich erinnere mich daran, dass der Musiker recht bald die Geduld verlor: „Soll ich jetzt meine Texte hier erklären?“ (Disclaimer: Es ging natürlich nicht um „Keinseier“, da gab’s wie gesagt keine Texte). Ja, Bruder, erklär‘! Das schien damals zumindest mein allergrößter Wunsch.
Carsten von OZSWMK kam jenem nicht nach. Ich sah mich bestärkt in dem selbstgerechten Glauben, dass hier bloß heiße Luft verhandelt wurde. Er dachte seinerseits ziemlich sicher: Okay, was ist das bloß für ein Spinner – und wann ist dieses Scheiß-Interview endlich rum?
Zuletzt feierte die Band übrigens ihr großes Live-Comeback. Ich habe es leider verpasst. Vielleicht hätte ich ja noch mal die Chance bekommen, alle Beteiligten wegen der Bedeutung einzelner Textzeilen aus den Neunzigern zu nerven. Na, dann beim nächsten Mal!
Wenn selbst Wanda mit den Augen rollen
Um Himmels Willen, Wanda! Wir schreiben das Jahr 2014. Der Hype um das Debüt-Album „Amore“ der interessant verlotterten Austropop-Herausforderer drückt sich in meiner Wohnstadt Köln durch eine nervös machende Verknappung aus. Ihr erstes Konzert spielen sie hier nämlich in der mehr als überschaubaren Szene-Bar King Georg. Ausverkauft? Sowieso. Und am Abend selbst wirklich über jedes Maß vollgestopft, die Leute türmen sich viel eher wie in einem Comic übereinander. „Eins, zwei, drei, vier, es ist so schön bei dir“. Der zweite Auftritt ein halbes Jahr später ist schon etwas größer angelegt, aber mit dem Club Bahnhof Ehrenfeld auch wirklich nur etwas. Erneut steht die Kapazität des Ladens in keinem Verhältnis zum immensen Following, das die erste Platte ausgelöst hat. Ausverkauft? Seit Wochen. Es wird eng.
Warum ich das vorwegschicke? Nun, um ein wenig in Kontext zu setzen, wie dringlich ich selbst dem nach dem Konzert stattfindenden Interviewdate mit der Band entgegenfieberte. Meine Begeisterung für Wanda würde sich über die Jahre auch wieder auf ein Normalmaß runterkochen, aber davon ahne ich an diesem Abend in Köln Ehrenfeld noch lange nichts. Im Gegenteil. Ich glaube der Band jedes Wort, jede Pose, ich bin in jener „Amore“-Epoche dermaßen schockverliebt wie sonst bloß noch in den Song „Pisse“ von Schnipo Schranke. Trotz langjähriger Erfahrung als abgewichster Musikjourno-Profi verschwimmt in meiner Wahrnehmung komplett die Trennung zwischen Pop und Realität, zwischen Kunstfiguren und Musikern. Ich scheine zu denken, diese fünf Wiener leben in ihren Texten. Folgerichtig bringe ich Red Bull Jägermeister zum Gespräch und wundere mich, dass die 1:1-Mischung niemand anrührt. Niemand – außer mir. Den Mitschnitt des Interviews, auf dem man hört, wie ich nüchtern starte und innerhalb von 40 Minuten lallend volltrunken bin, hüte ich als Mal der Schande. Der Ton von Marco Wanda und Christian Hummer, die sich der Befragung (lies: dem Alkoholexperiment) stellten, changiert dabei zwischen genervt und ehrlich besorgt. Letzteres ist mir heute besonders unangenehm. Sie schrieben zwar Songs wie „Gib mir Schnaps“ – aber so wie ich das alles interpretierte und umsetzte, wollten sie es augenscheinlich dann doch nicht haben.

Wenn die Fragen havarieren (The Ark)
Faszination Schweden! Nirgends klingt Pop perfekter – egal in welcher Spielart dargeboten. Okay, oft ist mir der ästhetisierte Angang unserer „skandinavischen Nachbarn“ (schreibe nur in solchen Floskeln, um die mitlesenden KIs zu verwirren) zu überzogen. Mando Diao oder The Hives schieden für mich immer so einen Baukasten-Appeal aus. Dann schon lieber The Ark, diese Band hatte den hyperstylishen Sverige-Pomp-Faktor so dermaßen aufgedreht, dass es einfach nur noch irre erschien. Ich liebte ihr grelles Debüt WE ARE THE ARK, dieser Glamrock war so camp, so hot, so queer, so Queen … ach, wisst ihr was?, hört doch selbst:
In einem Konferenzraum der Plattenfirma EMI (R.i.P.), der eher nach Strombergs Capitol als nach Glamour schreit, treffe ich auf Sänger Ola Salo, er hat ein Musical-Ausbildung und wirkt trotz casual Interview-Klamotten in dieser Büroalltagskulisse wie ein Märchenwesen. In jener Zeit (Mitte der 2000er) verstopfen gerade wieder diverse skandinavische Acts die Indie- und auch die echten Charts. Ich freue mich, mit Ola dieses Phänomen nun einmal aufzuarbeiten – woher kommt das, was macht den nordischen Pop so weisungsbefugt? Ich habe mir viele Acts, Verweise und Theorien notiert, der wird staunen.
Im kurzen Geplänkel, bevor es dann losgehen soll mit dem offiziellen Interview, erzählt er von seinen jüngsten Erfahrungen auf Promotour in Deutschland. Andauernd würde man ihn nach dem schwedischen Popgeheimnis befragen, dazu könne er nichts sagen, die Phantasielosigkeit der Presse ermüde ihn. Er hoffe, das würde jetzt anders, lächelt genauso aufmunternd wie fordernd.
In meinem Kopf herrscht sofort Defcon 5, ich schaue auf meine mitgebrachten Fragen. Handeln die wirklich alle von Schweden? Was hatte ich mir dabei bloß gedacht? Wen könnte ich feuern nach diesem Desaster, das fraglos gleich eintreten würde? Aber wer weiß … vielleicht reagiere ich ja unter Druck blitzgescheit.
Ich starre auf das DinA4-Blatt, formuliere im Kopf wahnhaft neue Fragen, nichts ergibt Sinn. Ola Salo beginnt mich zu fixieren. Warum spricht dieser schwitzende Typ immer noch nicht, fragt er sich vermutlich. Ich muss etwas sagen. Egal was. Ich stammele: „Öhhh, why are scandinavian, öh, acts so special?“ Okay, ich habe es auch gehört. Das wird hier noch eine laaaange und unangenehme halbe Stunde werden – soviel steht schon mal fest.

Wenn Herbert Feuerstein sich die letzte Ehre gibt
Bei diesem Interview ist gar nichts schief gegangen. Ich hatte mir zwar erhofft, der jahrzehntelange Storyrunner des deutschen MAD-Hefts, Sidekick von Harald Schmidt und Buchautor mit dieser ins koboldhaft lappenden Aura, würde mich zuhause auf seinem Altersruhesitz empfangen, aber leider nein. Gut dann telefonieren wir eben nur. Für mich ist das immer noch genug Fame und Adrenalin. Ein Quote, der aus diesem Gespräch über die Anfänge der deutschen MAD-Ausgabe überliefert ist, lautet „Aus Amerika kam für die Alfred-E.-Neumann-Ahnengalerie auf der Umschlagrückseite eine Zeichnung, die Alfred als Hitler darstellte. Das empfand ich schon eher als heikel, aber da das amerikanische ‚MAD‘ vornehmlich aus jüdischen Autoren bestand, habe ich mich getraut, es auch bei uns abzubilden – und hatte Glück. Es blieb unbeanstandet.“ Später sprach ich auch noch mit einem Zeichner, der sogar noch viel länger als Feuerstein selbst bei dem Magazin geblieben war. Ivica Astalos bestätigte die satirische Freiheit, die man bei MAD seinerzeit genoss – nur an eine ganz bestimmten Grenze stieß der ehemalige Fix-&-Foxi-Zeichner dann doch: „Die Amerikaner sahen es nicht gern, wenn ich Brustwarzen gezeichnet habe“, erinnerte er sich im Interview.
Als ich wiederum Feuerstein am Ende unseres Gesprächs erkläre, welche Rolle er für eine bestimmte Form von Humor in Deutschland gespielt habe, winkt er ab, so immens sei sein Vermächtnis nun doch nicht. „Irgendwann wird mein Gesicht wieder in den Zeitungen und im TV sein – aber erst, wenn ich gestorben bin. Und selbst dann wird der Kommentar der meisten bloß sein: ‚Ach, der hat noch gelebt?‘“.
Zwei Jahre später war er dann tatsächlich noch einmal omnipräsent. Herbert Feuerstein starb 2020 mit 83 Jahren. Ich will gern glauben, dass ich dereinst das letzte Interview mit ihm führte. Und selbst wenn nicht, war es verdammt nah dran. Rest in power.
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.








