Popkolumne, Folge 181

Kelly Osbournes Lippenabdruck: 7 weitere Storys, die abseits eines Interviews geschahen

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

PROLOG

„Ich kann doch nicht immer bloß davon schreiben, was mir auf dem Weg zum REWE und im Internet passiert ist. Das belastet unsere Leser*innen doch. Ich muss mal raus!“

Der Online-Redakteur des Musikexpress zieht eine Braue hoch, nachdem ich ihm diese Sätze heiß und dringlich ins Gesicht geatmet habe.

„Kennen wir uns?“, fragt er nach einer Weile.

„Ja, Mensch, ich bin doch Linus Volkmann, eure Kolumnen-Edelfeder. Die Person, die alle vierzehn Tage die Haushalte begeistert auf musikexpress.de.“

Der Redakteur mustert mich skeptisch. Hält er mich für einen Hochstapler und/oder Paula Irmschler?

„Ach, Sie sind Linus Volkmann. Ich hab Sie gar nicht erkannt. Ich dachte, sie seien deutlich jünger.“

Na, danke.

Am liebsten würde ich diesem Typ Jacke und Schuhe abziehen, doch er wirkt zwar schmächtig und untrainiert, aber damit immer noch weit stärker als ich. Ich sage daher bloß: „Diese Woche fahre ich nach Amerika, muss mich mal inspirieren lassen – und kann keine tagesaktuelle Kolumne abliefern.“

Jetzt hellt sich die Miene des Redakteurs deutlich auf.

Schnell ergänze ich: „Ich habe aber den zweiten Teil dieser Serie vorbereitet, über seltsame Dinge, die mir am Rande von Interviews passiert sind. Der erste Teil kam doch so gut an!“

„Ja, der kam wirklich sehr gut an“, sagt er, setzt „sehr gut“ mit seinen Fingern in Anführungszeichen, wendet sich ab, geht weiter.

Der wird sich noch wundern, denke ich, schaue ihm lange nach. Irgendwann verschmilzt seine Silhouette mit dem Horizont.

Dann kann’s ja losgehen.

Das Interview mit Entourage (Kelly Osbourne)

Mein Interview mit Kelly Osbourne fand statt zum Höhepunkt des Rummels um „The Osbournes“ auf MTV. Aufregend, grell! Da nicht nur Ozzy über die Show eine Ikone des Rock-Reality-Trash-TVs geworden war, umkreisten diverse Kameras, Stylisten und Visagisten die exzentrisch frisierte Kelly Osbourne bei unserem Talk. Man muss kein Medienprofi zu sein, um zu ahnen, dass ein intimes Gespräch, in dem das Gegenüber dauernd die Lippen nachgezogen und Haarspray ins Gesicht gefeuert bekommt, eher nicht möglich ist. Ein paar Antworten sind natürlich trotzdem ganz aufschlussreich. Auf die Frage beispielsweise, ob sie sich wegen des Fames überhaupt noch frei auf der Straße bewegen könne, antwortete sie: Ja, sie führe sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Allein heute wäre sie mit Taxi zu uns unterwegs gewesen. Taxi, das öffentliche Verkehrsmittel? Das gefällt mir bis heute.

Als sie und ihre wuselige Entourage fort sind, überlege ich kurz, ob ich den Glasrand ablecke, an dem ihr Lipgloss einen perfekten Abdruck ihres Mundes hinterlassen hatte. Fühle mich aber von den Kollegen beobachtet und entscheide mich dagegen. Schade eigentlich, denke ich heute. Hätt‘ ich’s mal gemacht.

Das Interview mit dem schwarzen Monster (Sabrina Setlur)

Es gab eine Zeit, da hatte ich richtig Angst vor Sabrina Setlur – so wie andere vor der Dunkelheit oder vor Freddie Krueger. Aber warum auch nicht? Deutscher Rap war in dieser Phase der Neunziger Jahre noch harmlos witziges Geblubber von Reihenhaussöhnchen in sackartigen Scheiß-Klamotten. Aber dann kam Sabrina Setlur (damals noch Schwester S) aus Frankfurt und drohte einem ganz offen, sie bellte: „Lauf Lutscher lauf!“ Das gefiel mir gar nicht. Wie redet diese böse Frau denn mit mir?!

Es dauerte ein paar Jahre, dann assimilierte sich diese in meinen Augen satanische Dialekt-Rapperin. Ihre Songs näherten sich gleichermaßen dem Popschema an, wie sie den vertonten Schulhof-Schwitzkasten verließen. Spätestens mit „Du liebst mich nicht“ aus dem Jahre 1997 war Sabrina ein ganz „normaler“ Popstar. Puh, Glück gehabt.

Im Jahr 2003 interviewte ich sie zu ihrer neuen Platte SABS. Sie war zu jener Zeit in den Schlagzeilen wegen einer nie bestätigten Beziehung mit Boris Becker, die völlig entgrenzten Celebrity-Medien rieben sich ihre Leiber an dem Thema wund. Sabrina Setlur erzählte von Paparazzi, die tatsächlich aus einem Baum vor ihrem Fenster gefallen seien. Wie reife Früchte – nur noch wurmstichiger.

Der Talk findet in Köln statt, Sabrina gibt zu Protokoll, sie sei mit einem Wagen und ihrer Schwester Yvonne Setlur aus Frankfurt gekommen. Sie lege am besten alle Strecken so zurück – wegen ihrer großen Flugangst.

Ob das nicht ein wenig langweilig sei, frage ich, immerhin würden einige Autobahn-Touren doch signifikant länger dauern als der Flieger. Nein, meint Sabrina, es wäre nie öde, denn sie und ihre Schwester würden gern Hörspielkassetten auf der Fahrt hören.
Darauf springe ich sofort an. Mit Hörspielkassetten kenne ich mich zumindest besser aus als mit Boris Becker. Sabrina bedauert nämlich, dass sie auf dieser Fahrt nichts hören konnten in der Richtung, denn sie reisten in einem Mietwagen. Moment, sage ich.
Gehe an mein Auto und schenke ihnen thematisch passend die Kassette „TKKG – Die Entführung des Popstars“. Beide Setlurs strahlen weit mehr als über meine Interviewfragen vorhin. Begeistert orgeln sie irgendwann mit ihrem Wagen und der überreichten Kassette nach hause.

Eine Woche später bekomme ich Post von den Setlurs. Als Gegengeschenk erhalte ich eine „???“-Kassette, es ist die Folge #94 „Das schwarze Monster“. Die halte ich bis heute in Ehren.

Dauerleihgabe der Sammlung Setlur

Das Interview mit dem Wort „Mösesößle“ (Hubert Kah)

„Einmal nur mit Erika in einem rosaroten Luftballon!“

Mein Interview mit einer absoluten NDW-Legende steht an. Als erstes muss ich allerdings verstoffwechseln, dass der Hubert Kah, der jetzt vor mir steht, sich doch etwas verändert hat. Why not? Schließlich schreiben wir das Jahr 2005 und damit liegt sein großer Erfolgssong „Sternenhimmel“ von 1982 bald ein Vierteljahrhundert zurück. Dennoch irritiert es mich, dass Hubert Kah mittlerweile mehr aussieht wie Helmut Kohl denn wie Hubert Kah. Als Top-Journalist lasse ich mir aber natürlich nichts anmerken.

Der Ex-NDW-Star hat seine aktuelle Band dabei – und auch seine aktuell eingespielte Platte. Hubert Kah fuchtelt mit einem CD-Rohling herum, ich ahne Schlimmes. Und richtig, er will die Musik über Lautsprecher hören. Jetzt sofort! Der Musiker ist König und so lassen wir uns ausdauernd beschallen von „Seelentaucher“, seinem neuen Meisterwerk.

Nach einigen Durchläufen bin ich erlöst – und muss feststellen, dass Hubert Kah von sich in der dritten Person spricht (mein Vorurteil: Das ist ein zuverlässiger Deppenindikator). Und wenn er sich nun ungezählte Male selbst adressiert, nennt Hubert Kah sich „der Captain“. So sagt er mir, ich könne als Überschrift für unser Treffen doch schreiben „Captain’s Diner“. Ich versuche immer noch freundlich zu nicken, als er mir diese geniale Einsagung irgendwann zum sicher zehnten Mal vorträgt.

Als wir, warum auch immer, auf das Thema Soßen zu sprechen kommen, holt Hubert Kah mit seinem für mich überraschend starken schwäbischen Dialekt mehrfach das Wort „Mösesößle“ hervor. Das würde er immer sagen zur sämig flüssigen Beigabe eines Hauptgerichts. Von wegen „würde“, das Wort wiederholt er von nun an noch häufiger als „Captain’s Diner“.

Als das Interview sein Ende gefunden hat und Hubert Kah inklusive seiner Leute geht, bin ich dann schon ein bisschen erleichtert.

Das Interview mit fiesen Typen (Blackmail)

Ich starre in das höhnische Gesicht von dem einen Typen von Blackmail, nachdem er meine Frage zum wiederholten Male auflaufen ließ. Das anwesende Publikum rund um das Szenario dürfte erfüllt von Fremdscham oder Schadenfreude sein. Am liebsten würde ich dem Koblenzer Musiker jetzt eine geben. Auf dass mich diese unangenehme Band danach wenigstens nur mit ihren Rock-Fäusten fertig machen würde – und nicht, wie es jetzt gerade geschieht, verbal.

Wie konnte es soweit kommen? Gehen wir noch einmal zurück…

Das Haldern Popfestival steht an, das Magazin, für das ich in jener Zeit Anfang der Nuller arbeite, definiert sich übertrieben über eine Art anti-urbanen Kumpelkult. Das Mantra dieser Tage: „Wir sind mit euch!“ Das heißt, Mitarbeiter*innen aller Bereiche des Verlags müssen im Sommer auf Festivals reisen. Was einem als Spaß verkauft wird, ist natürlich auch Arbeit: Ein Stand soll uns als fan-nah präsentieren, Aktionen sollen Aufmerksamkeit beim Publikum fürs Magazin erregen.

So bin ich eingeteilt, am Stand Interviews coram publico mit den anwesenden Bands abzuhalten. Was auf dem Papier schon nicht so geil klingt, ist in Wahrheit dann ein schrecklicher Improv-Zirkus aus durchschaubaren Alibifragen. Ich quäle mich den halben Tag durch Gespräche mit diesen ganzen mir leidlich unbekannten Benelux-Acts, die der Haldern-Pop-Booker so gern besetzt und mit denen ich in holprigem Schulenglisch kommuniziere. Als Karotte vor der Nase hängt für mich der letzte Slot des Tages: Blackmail sollen auch noch kommen. „Die sprechen wenigstens Deutsch!“, freue ich mich.

Ja, das tun sie.

Außerdem nutzen sie unsere komische Kumpelbühne aber auch dafür, endlich mal auszuprobieren, wie es so wäre, wenn sie endlich mal unausstehliche Rockstars sein könnten. Wieso auch nicht? Gerade ist ihr erstes Album bei einer Major-Plattenfirma erschienen, ihre Video werden im Musikfernsehen gezeigt. So beantworten Ebelhäuser und Co. keine Frage, sondern machen sich lustig über das Interview und mich, werfen die Bühnendeko in die Menge. Ich versuche die Fassung zu wahren, tue so, als fände ich diese Attitüde auch total hilarious. Ist aber nicht so. Eher im Gegenteil.

Dass es mit Blackmail nach dieser einen Major-Platte kontinuierlich bergab gehen würde, kann mich in jenem Moment noch nicht trösten.

Das Interview mit dem Mülleimer-Shrimp (Master P)

Das Interview mit dem HipHop-Act und Producer Master P findet statt im Rahmen eines „Kochen mit“. Das war ein Format im Intro-Magazin, in dem die Interviews en passant liefen, während der Gast sein Lieblingsgericht zubereitete.

Master P, muss man den Jüngeren mitgeben, war in den Nuller Jahren ein Star im US-HipHop – und dementsprechend im Vorfeld zu busy gewesen, mit uns seine Leibspeisen zu diskutieren und gewünschte Zutaten durchzugeben. Mit dem deutschen Promoter einigen wir uns, etwas aus der Cajun-Küche zu besorgen, vor allem wertiges Seafood und so. Immerhin kommt Master P aus New Orleans, also dem Hot Spot der kreolischen Küche Lousianas.

Als er am Ort des Geschehens erscheint, wirkt er kurz beeindruckt von unseren mühsam angeschleppten authentischen Zutaten. Es gelingt ihm auch, aus den Zutaten Gerichte zu kochen. Shrimp Creole und Jambalaya – fertig! Nun soll ein letztes Foto gemacht werden, wie er die angefertigte Speise verzehrt. Master P posiert mit einem Shrimp, knips, knips, knips, thank you man, we got it.

Daraufhin wirft Master P den Shrimp wortlos in den Mülleimer, fast zeitgleich klingelt es an der Tür, der Rapper hatte jemand aus seiner Posse Essen von Burger King holen lassen. Das verzehrt er nun, sein eigenes Cajun-Food rührt er nicht an.

Dieser Move lässt uns einigermaßen angewidert zurück. Aber auch beeindruckt.

Das Interview mit lauter Ronnys (Pisse)

Alle Mails vorab – vergebens. Die rattenscharfen Pisse aus Hoyerswerda haben null Bock, sich einem Interview mit mir zu stellen. Punk als Anti-Kommerz, schon klar. Aber da haben sie ihre Bauwagen-Rechnung ohne mich gemacht. Nach ihrem Konzert fange ich die frechen Musiker aus Ostdeutschland ab und gehe ihnen mit meinem Diktiergerät auf den Keks. Das abgerungene Gespräch ist zäh wie Leder, jeder von den Vieren behauptet beispielsweise, er heiße „Ronny“. Komplett unbrauchbar – Jahre später werte ich dieses aufgezeichnete Grauen dann aber dennoch mal aus. Der Artikel erschien unter dem sprechenden Titel „Das schlimmste Interview der Nachkriegsgeschichte“.

Das letzte Interview (Almut Klotz)

Ich liebe die Beschreibung des ersten Mal Sex zwischen den Undergroundpopstars Almut Klotz und Reverend Dabeler. Andere sind da vielleicht diskreter als ich, aber Almut hat dieses Erlebnis selbst in ihr Buch „Fotzenfenderschweine“ hineingeschrieben – also darf sich niemand wundern, dass ich das dann natürlich auch begeistert gelesen habe. Almut kann man dabei vor allem kennen von ihrer Band Lassie Singers – gemeinsam mit Christiane Rösinger und wechselnder Besetzung waren die „Lassies“ eine weibliche wie fantastische Alternative zur männerlastigen Hamburger Schule. Mindestens aus jener Hamburger-Schule-Peripherie stammt Reverend Dabeler, der unter anderem auf Platten von Rocko Schamoni mitwirkte. Almut und er wurden ein Paar, legten ihre Kunst zusammen, schrieben gemeinsam Bücher, machten Musik.

Als ich sie 2013 in Berlin interviewte, sollte demnächst das Klotz+Dabeler-Album LASS DIE LADY REIN erscheinen. Tolle Platte, aber es lag nicht daran, dass ich bereits im Vorfeld wusste, dass ich diese Begegnung nicht mehr vergessen würde. Almut Klotz hatte Krebs. Es würde nicht mehr lange gehen, das wird das letzte Gespräch. Puuhhh. Das muss man alles erstmal verarbeiten.
Das Treffen war dennoch, nun ja, schön, Almut zwar sichtbar geschwächt, dünn, blass, aber irgendwie noch nicht fertig: „Wir planen jetzt eine Tour für den Herbst. Vielleicht klappt’s ja noch“, sagte sie – und zündete sich eine Zigarette an, „jetzt ist auch egal.“ Bei den Fotos wollte sie, dass man ihren Zustand nicht bemerkt, die Fotografin trug dem Rechnung, auch bat Almut mich, in meinem Text keine dramatische Lebensende-Story aufzuziehen. Ich schrieb in dem Artikel also über die neue Platte und bis auf ein paar Andeutungen blieb das Letale draußen. Ich schickte es ihr kurz darauf zum Lesen per Mail. Sie bedankte sich, dass ich mich an ihre Wünsche gehalten habe. Selbstverständlich. Kein Musikmagazin ist so wichtig wie das Leben. Oder der Tod. Almut starb am 15. August 2013 – noch vor Erscheinen des Artikels. Sie fehlt dem hiesigen Popbetrieb bis heute.

Später eine Rückfrage aus dem Marketing. Ob man die Doppelseite zu Klotz & Dabeler nicht auch auf eine Seite kriege könne? Das Label habe keine Anzeige geschaltet und das Thema wäre doch auch nicht so interessant.

Scheiß Kapitalismus.

P.S.: Ach so, der Artikel mit Almuts letztem Interview blieb am Ende auf seiner ursprünglichen Länge. Ganz so elend ist das Popbiz dann nun doch nicht…

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