Jake und die Box


In den Bergen von Savoyen rührten die Scissor Sisters die Werbetrommel für die Xbox 360.

In den noblen Skiort Val d’Isere hat Microsoft eingeladen, um das neue, musikfreundlich erweiterte Konzept für die Xbox 360 vorzustellen. Hier, in den französischen Bergen und eingebettet in den „Xbox Big Day Out“, auf dem sich Snowboarder, Skifahrer, DJs und andere schöne Menschen tummeln, funktioniert das natürlich besser als in z.B. Köln-Porz-Wahnheide. In unserem Chalet werden auch gleich unsere MP3-Player an die Xbox 360 geklemmt, um die visuelle Umsetzungunserer Lieblingslieder zu prüfen. Microsoft hat nach eigenen Angaben einst für diesen Zweck eine Art Programmier-Ikone verpflichtet, und die lustigen Bildschirmschoner, die computeraffine Menschen schon aus ihren diversen Playern auf dem Rechner kennen, sind in diesem Fall auch per Pad manipulierbar. Länger als ein paar Minuten lustiges Herumgetrippe sind dann aber aus Angst vor Augenkrebs oder Epilepsie-Anfällen doch nicht drin. Konsolen sind schließlich zum Spielen da. Zumindest maßgeblich. Oder?

Xbox Live, die Online-Plattform zur Xbox 360, entwickelt sich zunehmend zum Multimedia-Center. Schon jetzt kann man hier (teils kostenlose) Musikvideos herunterladen ; Kooperationen mit Bands für exklusive Tracks und Remixes sind in Arbeit, iTunes und Co. können sich warm anziehen, so suggerieren es die Microsoft-Leute den versammelten Journalisten. Die Idee klingt überzeugend: In diesem Zeitalter, in dem Popkultur längst auch Gaming mit einschließt, in dem die Gräben zwischen Musik, Film, Fernsehen und Konsole ohnehin immer schmaler werden, kommt es für den Konsumenten darauf an, die vorhandenen Ressourcen der heimischen Multimedia-Welt auch effektiv zu nutzen. Neu sind die Botschaften der Xbox-Produzenten freilich nicht wirklich; es ist schon lange möglich, neben dem vorhandenen Soundtrack eines Spiels auch auf seine eigene Musik im MP3-Format zurückzugreifen und beispielsweise Autorennen mit Personenschaden oder brutale Shooter zu „It’s A Wonderful World“ oder „Rolf Zuckowskis Vogelhochzeit“ zu zelebrieren. Doch wie verkauft man dieses bislang etwas untergegangene Feature möglichst effektiv? Genau, man startet eine möglichst spektakuläre Kooperation: In diesem Fall tat Microsoft sich mit den selbst ernannten Spaßzockern der Scissor Sisters zusammen. „Die Scissor Sisters fühlten sich durch den Trailer zum Xbox-Spiel ,Halo Wars‘ so inspiriert, dass sie gleich einen neuen Remix anfertigten „, heißt es. Auf der Pressekonferenz wird das dazugehörige Video gezeigt, „She s My Man“ passt mit seinen verzerrten Vocals klanglich gut zur Optik, Song und Inhalt scheinen jedoch nicht optimal aufeinander abgestimmt. Darum geht es aber auch gar nicht, lässt uns Frontmann Jake Shears charmant wissen, denn dies sei ein „Eine-Hand-wäscht-die-andere“-Geschäft. „Babydaddy und ich sind beide Vollblutgamer“, freut er sich, „und deshalb ist es fantastisch, an einem solchen Projekt teilzunehmen. „Klingt überzeugend. Die Wahl des Songs hingegen habe mit dem Spiel recht wenig zu tun: „Das ist schlicht unsere neue Single“, zwinkert er. Schlauer Typ. Die Demontage geht noch weiter, dem von Microsoft bestallten Moderator bleibt die Spucke weg: „Eigentlich spielen wir gar nicht so gerne Kriegsspiele“, verrät Jake breit lächelnd. „Mein Lieblingsspiel ist Viva Pinata! „Da dieser Titel aber schon auf dem Markt ist und kein Trailer mehr benötigt wird, musste man ausweichen. So klingt es zumindest zwischen den Zeilen durch. Nichtsdestotrotz verdient das „Xbox Soundtracks“-Programm Aufmerksamkeit. Denn auch wenn die Scissor Sisters diese Plattform offenbar bloß schlau für eigene Werbezwecke genutzt haben, gibt es eine Menge Gutes zu entdecken: Was die Scissor Sisters können, kann jeder andere ebenso tun, und Microsoft bittet ausdrücklich darum. Aufwww.xbox.com findet ein Wettbewerb statt, an dem jeder teilnehmen kann. So kann der Gaming-affine Hobbymusiker seine eigenen Tracks mit den Trailern seiner Lieblingsspiele verquicken und in der Community zur Diskussion stellen. Erinnert an Youtube und Konsorten? Logisch. Auch wenn die Grenzen zwischen Musik, Spiel und Visuellem verschwimmen, ist es angenehm, eine kleine Vorauswahl zu erhalten, im gToßen weiten Internet. Zeit also, seine Xbox noch mal neu zu entdecken und herauszufinden, dass es sich hier nicht bloß um ein schnödes Spielgerät handelt. Eigenständig komponieren kann das gute Gerät übrigens noch nicht. Ebenso wenig wie Kaffee kochen oder Krankmeldungen an den Arbeitgeber verschicken, wenn man gerade am Rechner sitzt und eine Doom-Metal-Inspiration unter einen Sims-Trailer legt und das Ganze sich frickeliger als geplant herausstellt. Aber irgendetwas sollte der Gamer ja schließlich auch noch selbst machen.