Kolumne Nummer Eins

Jochen Overbeck über „Astronaut“ von Sido und Andreas Bourani

Wäre Pop eine Kneipe, der Astronaut säße seit den 60er-Jahren sternhagelvoll am Stammtisch. Andere Berufsgruppen (Ornithologen, Kfz-Mechaniker, Popjournalisten) sind froh, wenn alle Jubeljahre mal ein Hitchen in den College-Charts für sie abfällt. Der Astronaut, den wir einmal aus Proporzgründen Kosmonaut nennen sollten, also der Kosmonaut dagegen, der wird seit den 60er-Jahren von vielerlei passgenauem Liedgut begleitet. Die Byrds sangen 1966 vom „Mr. Spaceman“, die Steve Miller Band drei Jahre später vom „Space Cowboy“, David Bowie von der „Space Oddity“.

Nummer Eins: Die Pop-Kolumne von Jochen Overbeck
Nummer Eins: Die Pop-Kolumne von Jochen Overbeck

In den 70er-Jahren hob der ganze Themenkomplex so richtig ab.Elton Johns „Rocket Man“ ist der perfekte Weltraumsong, weil er sich eben je nach Gusto als ebensolcher begreifen lässt oder als recht schonungslose Bilanz von Elton Johns Entfremdung in und von der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft.

In den 80er-Jahren schien der Astronaut dann kurz aus der Mode zu kommen, bis Babylon Zoo ihn 1996 wieder in die erste Reihe des Musikgeschehens schubsten. 17 Wochen Nummer eins in Deutschland. 13 in England, kein Künstler seit den Beatles verkaufte so viele Einheiten einer Nummer. Dass Sido mit Andreas Bourani jetzt den „Astronauten“ besingt, ist nicht nur wegen der Themenwahl clever, sondern auch wegen der Paarung. Unser Lieblingsrapper. Der Kerl, der zwar manchmal etwas, nun ja, ungeschliffen wirkt, aber eben nie wie ein echter Gangster. Und Deutschlands Lieblingssänger. Der Fußballkerl. Der mit dem „Feuerwerk aus Endorphinen“, das auch 2015 noch gern aus offenen Fenstern fabrikneuer Mittelklassewagen abgebrannt wird. Die beiden sind jetzt also Nummer eins mit einem Song, der vor irgendwas warnen und die Dinge anprangern soll, am Ende aber bedingungslose Liebe propagiert und was vom Wimpernschlag erzählt. Das ist so kompliziert, dass wir es garantiert nicht verstehen, sodass wir uns unserer Lieblingsastronautenplatte zuwenden: Die stammt von Bad Astronaut und heißt HOUSTON: WE HAVE A DRINKING PROBLEM. Na dann prost!

Diese Kolumne ist in der Oktober-Ausgabe des Musikexpress erschienen.

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