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K-Pop und Nordkorea: Diplomatie oder „Krebsgeschwür“?

Anfang Juli ging eine Meldung durch die Medien, die vor allem in Südkorea für Nervosität gesorgt haben dürfte. Kim Jong-un, diktatorischer Führer Nordkoreas, nannte K-Pop ein „bösartiges Krebsgeschwür, das „die Kleidung, die Frisuren, die Reden und das Verhalten“ der koreanischen Jugend korrumpiere. Zudem hieß es in einem Artikel der nordkoreanischen Zeitung „Rodong Sinmun“, südkoreanische Popkultur könne mit ihrem schändlichen Einfluss auslösen, dass Nordkorea „wie eine feuchte Wand zerbröckelt“. Kim Jong-un, der das schon immer isolierte Nordkorea seit Ausbruch der Pandemie noch mehr abgeschottet hat, sieht K-Pop inzwischen als Teil einer „kulturellen Invasion“. Jiro Ishimaru, der Chefredakteur von Asia Press International, erklärte der New York Times dazu: „Wenn dies unkontrolliert bleibt, befürchtet er, dass sein Volk anfangen könnte, den Süden als alternatives Korea zu betrachten, das den Norden ersetzt.“

Inzwischen drohe gar eine mehrjährige Arbeitslager-Strafe, wenn man K-Pop konsumiere, berichten diverse Medien. Was aber nichts daran ändert, dass die Musik genauso wie die TV-Serien aus dem Süden über Festplatten und USB-Sticks über China Wege ins Land findet.

Nordkorea ist nervös angesichts einer „großen Krise“

Diese traurige Entwicklung ist wohl vor allem mit Blick auf die weltweite Pandemie zu verstehen. Seitdem Covid-19 die Welt lahmlegte, hört man so gut wie nichts mehr aus dem Inneren Nordkoreas. Schon in normalen Zeiten gibt es eigentlich nur die, nun ja, sehr gefärbten Meldungen der Staatsmedien, aber eben hin und wieder auch Berichte von ausgewählten Geschäftsreisenden, die zumindest mal einen staatlich betreuten Blick in das Land werfen konnten. In den letzten Wochen schlugen dann aber selbst die Staatsmedien dramatische Töne an. Die „Zentrale Nachrichtenagentur“ sprach gar von einer „großen Krise“. Gleichzeitig wurden hohe Beamte gefeuert, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet. Kim Jong-un fürchte angeblich, Südkorea könne in dieser Krisensituation als Helfer in der Not auftreten.

2018 sah man noch einen diplomatischen Frühling

Das sah vor gut drei Jahren alles noch ein wenig besser aus. 2018 vereinbarten Südkorea und Nordkorea, mit einem gemeinsamen Team bei einem internationalen Wettkampf anzutreten – zum ersten Mal seit 1991. Bei den Olympischen Winterspielen gab es dann ein gesamtkoreanisches Frauen-Eishockey-Team. Außerdem kam es im April 2018 zu einer historischen Begegnung in Panmunjom. Als erster nordkoreanischer Machthaber seit dem Ende des Korea-Krieges vor 65 Jahren betrat Kim Jong-un südkoreanischen Boden und traf den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in.

Die „Spring is Coming“-Konzerte

Im Zuge dieser Annäherung spielte K-Pop als Kulturexport aus dem Süden eine wichtige Rolle. Am 1. und 3. April 2018 traten in einem Theater in Pjöngjang diverse Idols und Bands auf, darunter Cho Yong-pil, Lee Sun-hee, Yoon Do-hyun, Baek Ji-young, Kang San-ae, Seohyun, Pianist Kim Kwang-min, die Rockband YB und die Band Red Velvet. Auch Psy sollte Berichten zufolge dabei sein, wurde aber vom Norden dann doch als zu gewagt zurückgewiesen. Der Titel der Veranstaltung lautete „Spring is Coming“ und drückte wohl die Zuversicht aus, dass sich das Klima zwischen Nord- und Südkorea verbessern würde. Bei der Show am 1. April war auch Kim Jong-un mit seiner Ehefrau vor Ort und amüsierte sich nach Angaben von Anwesenden sogar – obwohl es in seinem Land schon damals bestraft wurde, Kultur aus Südkorea zu konsumieren.

Diese „Spring is Coming“-Shows wurden als Versuch gewertet, Kultur mit Diplomatie zu verbinden und müssen in Verbindung mit einem Konzert in Seoul betrachtet werden. Schon im Februar 2018 waren nordkoreanische Musiker in den Süden gereist: Das Samjiyon Orchester – ein Klassik-Ensemble, das 2009 auf Anweisung von Kim Jong-il gegründet wurde – spielte vor ausgewählten Gästen in der südkoreanischen Hauptstadt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt in Südkorea kaum bekannt war. Auf der Bühne kam es dann zu einem kulturellen Schulterschluss zwischen K-Pop und Klassik, als die Girls’ Generation-Sängerin Seohyun einen Song mit dem Orchester performte.

Heute müsste es heißen: „Winter is Coming“

Der kurzzeitige Frühling auf der koreanischen Insel ist nun jedoch wieder dem Winter gewichen – aus den oben genannten Gründen. In absehbarer Zeit wird es wohl kaum Konzerte von K-Pop Stars in Nordkorea geben, obwohl diese Musik dort sicher im Volk zirkuliert und gehört wird. Eine bitter-ironische Wendung gab es auch im März diesen Jahres: Da „berichtete“ die nordkoreanische Propaganda-Website Arirang Meari über das „unmenschliche Idol-System“, das „viel zu junge Menschen viel zu früh mit unfassbar unfairen Verträgen knebelt“, sie regelrecht für die Zeit der Idol-Ausbildung „inhaftiert“, wo sie „wie Sklaven behandelt und ihres Körpers und ihrer Seele beraubt werden – von den Bossen bösartiger und korrupter Konglomerate, die behaupten im Dienste der Kunst zu arbeiten.“

Tja, natürlich ist das Idol-System nach wie vor an vielen Stellen kritikwürdig – aber wenn die Kritik aus einem Land kommt, das seine Jugend für bis zu 15 Jahre ins Arbeitslager schickt, wenn sie K-Pop hört oder K-Dramen schaut, wirkt die Sorge um die jungen Menschen etwas heuchlerisch.

 


Kim Jong-un bezeichnet K-Pop als „bösartiges Krebsgeschwür“
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