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K-Pop: Was macht eigentlich Mr. „Gangnam Style“ Psy gerade so?

Bevor wir darauf schauen, was der Südkoreaner Park Jae-sang alias Psy im Moment so treibt, sollte man sich noch einmal kurz an das Jahr 2012 erinnern, als die ganze Welt plötzlich wusste, dass Gangnam-gu ein hipper Stadtbezirk in Seoul ist. Psys durchgedrehte, aber liebevolle Hymne „Gangnam Style“ schrieb YouTube-Geschichte und sammelte ein ganze Weile im Schnitt sieben bis zehn Millionen Views pro Tag. Das Video war dann wohl auch der entscheidende Faktor für den Erfolg.

Für Südkorea war es ein ironischer, mit großem Aufwand produzierter Ritt durch einige K-Pop-Video-Klischees, gewürzt mit zahlreichen Cameos aus Pop und Fernsehen: Der coole Junge mit Sonnenbrille war „Korea’s Got Talent“-Kandidat Hwang Min-woo, Psys Duell-Gegner der Comedian Yoo Jae-suk, die zwei alten Männer waren Daesung and Seungri von den K-Pop-Bad-Boys Big Bang in Verkleidung und seine Tanzpartnerin das sehr erfolgreiche Idol HyunA, damals noch Teil der Band 4Minute. Für den Rest der Welt war es wohl eher ein überforderter „Die spinnen, die Koreaner!“-Moment und vielleicht gar ein erster Kontakt mit dem bunten Spektakel K-Pop. Mittlerweile steht der Clip bei mehr als vier Milliarden Views – und macht immer noch einen Heidenspaß:

Psy gilt bis heute als einer der erfolgreichsten Artists im K-Pop – und war 2013 sogar mal für ein Jahr offizieller „tourism ambassador“ für Südkorea. Interessant ist dabei vor allem, dass Psy mit seiner Erscheinung, seinem Humor und seiner Selbstironie nun nicht gerade der Wunschkandidat der K-Pop-Industrie gewesen sein dürfte. Die setzte damals wie heute ja meistens eher auf eine glatte, makellose Inszenierung und bei aller offensichtlichen Sexualisierung auf eher konservative Texte. Psy hingegen kassierte schon mit seinem rap-lastigen Debüt 2001 eine Verwarnung samt Strafe der koreanischen Behörden wegen seiner expliziten Inhalte – außerdem gab es Proteste konservativer Bürgergruppen. Was sich auch beim zweiten Album wiederholte: „Sa 2“ verderbe die Jugend, hieß es – deshalb durfte es erst ab einem Alter von 19 Jahren erworben werden.

Als Psy 2012 weltweit auf die Bildfläche sprang, war er trotzdem im K-Pop-Establishment angekommen. Mit vier Alben in der Diskographie, einem abgeleisteten Militärdienst, einem inzwischen schlechten Ruf, weil er einige Auftritte abgesagt hatte und diversen Schulden, überredete ihn seine Frau 2010 bei YG Entertainment vorstellig zu werden – eine der sogenannten „Big Three“ unter den koreanischen Produktionsfirmen. Zum Glück erkannte man dort das Potential des unterhaltsamen „Psychos“, als der er seit der Zeit seines Debüts galt – was auch den Ausschlag für seinen Künstlernamen Psy gab. Schon seine zweite Veröffentlichung unter YG, „Psy 6 (Six Rules), Part 1“, ging dann dank „Gangnam Style“ durch die Decke.

Noch bis zu seinem insgesamt achten Album blieb Psy bei YG – und trennte sich 2018, wie beide Seiten glaubhaft beteuern, einvernehmlich. Heute genießt Psy einen Sonderstatus als geschäftstüchtiger Unternehmer und bunter Vogel im K-Pop. Dass ihm die Branche dabei inzwischen sehr wohlgesonnen ist, spürt man immer wieder. So hatte Psy zum Beispiel kürzlich einen Auftritt im Musikvideo von J. Y. Park zum Song „Switch To Me“. Dazu muss man wissen: Park Jin-young, Künstlername J. Y. Park, ist Boss und Gründer der Produktionsfirma JYP – auch eine der „Big Three“, also eigentlich direkte Konkurrenz. J. Y. Park veröffentlicht selbst gerne eher ironisch gemeinte Tracks, wie dieses Duett mit dem Sänger Rain. Die beiden buhlen im Video mit allen Mitteln um eine junge Frau, die sich für einen der beiden entscheiden soll. Am Ende, ungefähr ab Minute vier, schlendert Psy ins Bild – und zieht mit der Dame von dannen.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, wenn man nun auf Psys Label P Nation schaut. Während die international erfolgreichsten K-Pop-Acts BTS und Blackpink eher das seit Jahren klassische Idol-Bild verkörpern, versammelt Psy gerade einige sehr interessante Künstlerinnen und Künstler, die wie er mal freiwillig, mal gezwungenermaßen gegen das konservative K-Pop-Korea rebellierten.

Da wäre zum Beispiel HyunA – jene junge Frau, die in „Gangnam Style“ an seiner Seite tanzt. Sie war Teil der Girlgroups Wonder Girls und 4Minute und hatte auch eine erfolgreiche Solokarriere – zuletzt alles bei der Produktionsfirma Cube Entertainment. Bis HyunA etwas Unerhörtes wagte: Sie verliebte sich in den Kollegen E’Dawn, Teil der Boygroup Pentagon – und bekannte sich in der Öffentlichkeit dazu. Was im K-Pop immer noch ein No-Go ist. Cube feuerte beide – und auch wenn man angeblich kurz danach zurückruderte, wechselten beide das Label. Sie kamen zu P Nation und Psy. Der sagt dem Billboard Magazin 2019 im Interview dazu: „Jeder soll daten, wen er will.“ Allein das ist schon eine kleine Revolution – auch wenn man sich das hierzulande schwer vorstellen kann. Psy sagte weiter zu Billboard über seine Verbindung zu HyunA: „Wir blieben nach ‚Gangnam Style‘ gute Freunde, und ich habe die Angewohnheit mich auch beruflich mit Freunden umgeben zu wollen. Also habe ich mir überlegt: Wie können wir die beiden auf unserem Label voranbringen. HyunA ist auf jeden Fall eine tolle Performerin. Eine sehr tolle Performerin. Darauf werden wir setzen.“

Eine weitere außergewöhnliche Künstlerin und Psys erstes Signing ist Rapperin, Moderatorin und Sängerin Jessi, die wir schon in der vergangenen Woche kurz vorgestellt haben. Durch ihre Jugend, die sie in den USA in New Jersey verbrachte, ist Jessi eh etwas weniger konservativ aufgewachsen, was sie mit angriffslustigem Charme von Anfang an in ihrer K-Pop-Karriere einbrachte. Ihre Solokarriere kam so richtig in Fahrt, als Jessi 2015 Kandidatin der Talentshow „Unpretty Rapstar“ war und ein Jahr später in Korea mit der Single „Gucci“ chartete.

Egal ob in Interviews, als Moderatorin oder auf der Bühne – Jessi pfeift einfach auf die liebliche Inszenierung, die Frauen im K-Pop normalerweise aufziehen müssen. Sie gibt die angriffslustige, breit grinsende Kodderschnauze, die mit ihrer für koreanische Verhältnisse sehr offenen Art auch schon mal das ein oder andere Idol erröten lässt. Viele K-Pop-Fans feiern sie außerdem, weil sie die toxischen Körper-Ideale des Business sprengt. Polemisch formuliert, könnte man Jessi vielleicht die „Cardi B des K-Pop“ nennen – aber andererseits hat sie diese Vergleiche nicht wirklich nötig. Sie scheint sich jedenfalls bei Psy sehr wohl zu fühlen, wie man hier sieht:

 

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Psy hält große Stücke auf Jessi und sieht in ihr eine Künstlerin, die auch in den USA punkten könnte. Billboard sagte er: „In Korea ist Jessi aus diversen TV-Shows bekannt, aber ich finde, sie ist bei Instagram großartig und kann deshalb jederzeit im Ausland spielen. Und sie hat schon jetzt eine große, organisch gewachsene Fanbase. Als ich sie gesignt habe, dachte ich mir: ‚Sie hat schon alles. Ich brauch ihr nur noch einen guten Song besorgen und dann wird sie mein erster und mein letzter Job mit diesem Label.‘ So einfach ist das. Ich muss nichts machen, sie kann doch alles. Sie ist so was von bereit. Außerdem rappt sie auch auf Englisch verdammt gut. Ich glaube, wir werden in naher Zukunft ein paar tolle Singles für den U.S.-Markt machen können.“

Wie auch Psy und HyunA hat Jessi schlechte Erfahrungen in der Branche gemacht – sie wurde aufgrund ihres „boob jobs“ mit Hasskommentaren konservativer Fans übergossen und von ihrer Produktionsfirma wenig dagegen geschützt. Sie wurde offen angefeindet, wenn sie bei TV-Auftritten ihre Meinung sagte. Wer sich auf Instagram die Posts von P Nation oder Jessi anschaut, findet immer wieder Kommentare wie diesen: „I wish Psy could adopt every single artist that is not being treated fairly.“


Auch wenn die mittlerweile vier größten K-Pop-Produktionsfirmen Südkoreas (YG, JYP, S.M. und Big Hit) allein aufgrund ihres langen Bestehens P Nation eine Weile nicht fürchten brauchen, hat es Psy geschafft, mit seinem freieren Ansatz neue Impulse in der Branche zu setzen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass er und seine Künstlerinnen und Künstler auf dem Cover der allerersten Ausgabe von „Rolling Stone Korea“ sind. Vor allem die Headline ist spannend: „K-Pop’s Next-Generation Family“. Schaut man auf das für K-Pop-Karrieren-Verhältnisse schon recht hohe Alter dieser Acts ist das Wording erstaunlich. Aber der „Rolling Stone“ benennt hier eben nicht Alter oder Karrierestand, sondern das, was diese ebenso problematische wie faszinierende Branche vielleicht braucht, um weiterhin international zu wachsen: mehr Respekt vor und mehr Freiheit für Künstler*innen, die auf hohem Niveau K-Pop machen. Psy schrieb kurz nach der Labelgründung, er wolle „teilen, was ich gelernt habe“ – und dazu gehören eben all die guten aber auch die schlechten Erfahrungen, die er jüngeren Acts in Zukunft in seinem Hause ersparen will.


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