Kraftwerk sind zeitgemäßer als viele dieser hippen jungen Dinger, die die Tracks anderer Leute auflegen“


Da ich einer viel jüngeren Generation von Musikern angehöre, bin ich nicht unbedingt der naheliegendste Mensch, um über diese Band zu schreiben. Radiohead wären vielleicht geeigneter. Sogar bei Kraftwerks Wiedervereinigung war ich erst 17 Jahre alt. Ich sah sie beim „Tribal Gathering“. Es -war gewaltig. Sie klangen viel zeitgemäßer als viele dieser hippen jungen Dinger, die die Tracks anderer Leute auflegen. Wenn man ignorant sein will, dann ist es leicht, Kraftwerk als antike Möbelstücke zu sehen, weil sie einfach so tief in der Frühphase des Techno verwurzelt sind. Aber in mancher Hinsicht haben sie eben genau die Möbelstücke entworfen, auf denen heute jeder Technohead zum Frühstück, Mittag- und Abendessen sitzt. Was mich an Kraftwerk immer schon am meiste)! beeindruckt hat, ist ihre Unmittelbarkeit. Das ist so unverblümt strukturierte, minimalistische und direkte Musik. Kraftwerk machen es einem leicht, sie für ihre simplen Riffs und ihren Popverstand zu lieben. Doch ihren Reiz macht so viel mehr aus: ihre Innovationskraft und der Einsatz von Maschinen, die perfekt dafür zugeschnitten sind, die ganze Bandbreite der menschlichen Wesenszüge auszudrücken. Dieses Verständnis von idyllischer Schuljungenromantik, gepaart mit ihrer sehr erwachsenen Weisheit und ihrer Neugierde, herauszufinden, wie alles funktioniert. Der Unterschied zwischen den Tönen, die sie damals in den 70ern ihren elektronischen Geräten entlockten, und denen, die Techno- und Electroproduzenten 30 Jahre später hervorbringen, ist erstaunlich. Es scheint, dass die Leute heutzutage bereit dafür sind, sich mit der Musikwissenschaft auseinanderzusetzen. Kraftwerk hingegen SIND die Wissenschaft. Elektronische Musik verhebt sich heute allzu leicht in die Ideen von „Zukunft“, „Fortschritt“ und „Innovation“. Oft ist dies nichts mehr als ein Klischee. Es ist langweilig. Die wirkliche Innovation kommt von der Software. Wenn du Dubstep auf seine Essenz runterbrichst, dann hörst du in puneto Musikalität und Produktion nichts anderes als alte King-Tubby-Tracks. Der Basspasst nun mal unter hüpfende Hi-Hats. Das Produktionsprinzip ist das gleiche. Es ist ja auch keine Raketenwissenschaft. Meistens sind es Software-Entwickler und Mastering-Engineers, die für den Produktionsfortschritt verantwortlich sind. Natürlich bringen die Produzenten auch Talent und Visionen (und, noch wichtiger: ein glaubwürdiges Image) mit, aber sie sind, im Gegensatz zu Kraftwerk, von entscheidenden Schritten des Prozesses ausgeschlossen. Indem sie ihre eigenen großartigen Maschinen gebaut haben, haben sich Kraftwerk geweigert, sich der Rolle unterzuordnen, die die Technologie bei der Entscheidung über das Schicksal einer Komposition spielt. Manche ihrer Songs riechen einfach nach Neuerung und kompromissloser kompositorischer Autonomie. Deswegen sind sie immernoch relevant. Vielleicht würde all dies wie die Huldigung unbesungener Helden – oder weniger romantisch: wie die Huldigung musikalischer Akademiker aus einem Nischenbereich – klingen, wenn sie nicht so ein wichtiger Bestandteil des Pop wären. Diesen ausgeprägten Instinkt für natürliche, schöne Hooks. Dazu dieses gute, alte deutsche Talent für Schufterei. Immer wenn ich höre, wie elektrischer Strom in resonante, analoge Töne umgewandelt wird und primärfarbene Noten in dichte Maschinen-Funk-Beats, mache ich unterbewusst immer irgendwie Kraftwerk dafür verantwortlich. Oder um es etwas höflicher auszudrücken: Sie haben gute Arbeit geleistet, ich liebe sie. Sonst würde ich sie wahrscheinlich richtig hassen. Übersetzung: Stephan Rehm Chris Clark (31) aus St. Alhans, England, ist einer der profiliertesten Vertreter der neuen Generation von IDM-Musikern. Sein aktuelles Album TOTEjWFLARE wird am 17.7. veröffentlicht (Kritik S. 76)