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„La La Land“-Regisseur Damien Chazelle im Interview: „Meine Filme haben eine Melodie“

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Damien Chazelle gilt in Hollywood als eine Art Wunderknabe. Bekannt wurde der Regisseur 2014 mit seinem oscarprämierten Debütfilm „Whiplash“, in dem für einen
jungen Schlagzeuger die Musikschule zur Folterkammer wird. Jetzt präsentiert er mit „La La Land“ einen Nachfolger, mit dem niemand gerechnet hat: In der beschwingten Musical-Romanze singen und tanzen Emma Stone und Ryan Gosling wie in den Goldenen Zeiten von Fred Astaire.

me.Movies: Wie kommt es, dass ein 31-jähriger Regisseur, der als extrem cool gilt, ausgerechnet ein Musical macht?

Chazelle: Also erst einmal: Ich liebe die alten Hollywood-Musicals, die mit Ginger Rogers und Fred Astaire. Und ich bin ein großer Fan der französischen Musicals der Nouvelle Vague, zum Beispiel Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ mit Catherine Deneuve. Ich hatte das Gefühl, dass seit ewigen Zeiten niemand mehr einen Film dieser Art gemacht hat. Klar, es werden auch heute noch Musicals gedreht. Aber die basieren in der Regel auf Broadway-Shows. Das sind keine originären Geschichten wie „La La Land“.

Und warum denken Sie, dass wir so ein Musical brauchen?

Die Musik entwickelt sich direkt aus den Emotionen der Figuren und der Romantik der Geschichte. Die Liebe des Paares drückt sich im gemeinsamen Tanz aus. Ich wollte diese Tradition aufleben lassen und damit gleichzeitig eine moderne Geschichte über unser Leben erzählen. Mit diesen Menschen kann man sich identifizieren. Ich will die Magie im Alltäglichen zeigen.

Warum haben Sie sich für Emma Stone und Ryan Gosling entschieden?

Weil sie genau diesen Geist verkörpern. Sie sind die perfekte Kombination aus Old-School-Hollywood-Charisma, so wie es Stars vor fünfzig Jahren hatten, und trotzdem funktionieren beide in der Gegenwart. Wenn die beiden auf der Leinwand auftauchen, willst du in ihrer Welt leben, sie begleiten.

Sie meinen, man möchte eine Nacht mit ihnen durchtanzen?

Regisseur Damien Chazelle (r.) mit seinen Hauptdarstellern Ryan Gosling und Emma Stone.

So könnte man es auch formulieren. (lacht) Ihr Spiel ist sehr vielschichtig. Ryan kann mit einem einzigen Blick unglaublich viel ausdrücken. Und Emma: Sehen Sie sich ihr Gesicht an, ihre Augen! Die Kamera liebt die beiden. Da ist diese unmittelbare Verbindung zwischen ihnen und dem Publikum. Das ist eine Qualität, die nur große Filmstars haben. Darüber hinaus sind sie exzellente Schauspieler. Und das ist ja nicht immer der Fall, wenn wir über Stars reden. Manche haben das Charisma, spielen aber immer sich selbst. Emma und Ryan waren bereit, sich in diese Herausforderung zu werfen.

Sie singen und tanzen alle Nummern selbst. Ryan musste komplizierte Jazz-Stücke am Piano selbst spielen. Warum sind Sie dieses Risiko eingegangen?

Sie haben recht. Ich hatte ja am Anfang keine Ahnung, ob die beiden das wirklich hinkriegen. Da muss ich als Regisseur einfach Vertrauen haben. Das basiert dann alles auf dem Prinzip Hoffnung. Aber die beiden wussten, worauf sie sich einlassen und haben monatelang geübt. Ich habe ihnen gleich gesagt, wir werden die meisten Szenen ohne Schnitte, unter realen Bedingungen und ohne Computertricks drehen. Für eine Tanzszene auf dem Mulholland Drive hatten wir nur eine Stunde Zeit, während die Sonne unterging. Ich wollte das natürliche Licht. Aber das hat sie nur noch mehr angespornt.

Die Musik ist retro, wirkt aber nie alt.

Sie hat ihre Wurzeln eindeutig in den 50er- und 60er-Jahren, die ich liebe. Sie ist jazzy, cool und lässig. Die Einflüsse sind George Gershwin, Irving Berlin, Leonard Bernstein, Michel Legrand und Nino Rota. Einiges haben wir mit einem 90-köpfigen Orchester eingespielt. Ich hoffe, die Musik ist am Ende zeitlos geworden. Mit meinem Komponisten Justin Hurwitz bin ich übrigens zusammen aufs College gegangen. Wir kennen uns ewig. Wir haben gemeinsam in einer Band gespielt und schon damals darüber gesprochen, wie fantastisch es wäre, zusammen ein Musical zu machen. Seitdem komponiert er die Musik für meine Filme.

Es hat ja eine Weile gedauert, bevor man Ihnen das Geld für den Film gegeben hat. Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie leisten?

Das Drehbuch ist schon ewig fertig. Ich habe es vor „Whiplash“ geschrieben. Damals hat sich einfach kein Mensch dafür interessiert, weil es ein sehr persönlicher Stoff ist: Es geht um Menschen in Los Angeles, die ihren Traum verwirklichen wollen, in der Regel ohne Erfolg. In dieser Situation habe ich mich befunden, als ich diese Geschichte geschrieben habe. Ich habe daraus ein opulentes Musical gemacht. Aber niemand wollte das Drehbuch mit der Kneifzange anfassen. (lacht) Erstens, weil es ein Musical war, und zweitens wusste kein Mensch, wer ich bin.

Warum haben Sie das Projekt trotzdem nie aufgegeben?

Gute Frage. Ich habe dann erst einmal „Whiplash“ geschrieben – eigentlich nur, weil ich so frustriert war. Ich habe meinen ganzen Ärger in diese Geschichte über den Jazz-Schlagzeuger und seinen tyrannischen Lehrer einfließen lassen – jetzt kennen Sie die wahre Geschichte. „Whiplash“ war ein kleineres Projekt mit kleinem Budget. Deswegen war es leichter zu realisieren. Und ohne den Erfolg hätte ich „La La Land“ nie machen dürfen. Das ist dann wieder typisch Hollywood: Das Musical, das kein Mensch wollte, ist dann plötzlich das heißeste Projekt der Stadt. Aber es ist mit jedem Film eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich war schon so nah dran und dann bricht die Finanzierung doch wieder zusammen. Manchmal fühlst du dich einfach nur noch scheiße. Doch das hat irgendwie auch etwas Gutes.

Und was soll das sein?

Ich denke bei jedem Film, dass es mein letzter ist. Deswegen schmeiße ich mich mit voller Wucht in die Projekte. Als ich „La La Land“ zum ersten Mal angeboten habe, war ich Anfang zwanzig. Und im Rückblick bin ich wirklich froh, dass niemand den Film machen wollte. Ich hätte ihn damals wahrscheinlich in den Sand gesetzt. Ich hätte nicht die richtigen Darsteller gehabt. Und ich hatte einfach noch nicht genug gelebt, um die Geschichte lebendig werden zu lassen.

Eigentlich wollten Sie selbst Schlagzeuger werden. Wie schwer war es für Sie, diesen Traum aufzugeben?

Ehrlich gesagt, wusste ich immer, dass ich nie gut genug sein würde, um als Jazz-Schlagzeuger Erfolg zu haben. Das war eher eine Phase in meinem Leben und die war sehr intensiv, weil ich mich voll reingekniet habe, wie Sie vielleicht in „Whiplash“ gesehen haben. (lacht) Irgendwann habe ich beschlossen, lieber Filme über Musiker zu machen, als selbst einer zu sein. In das Kino habe ich mich viel früher verliebt. Die Musik ist aber in meinen Filmen immer unglaublich wichtig. Da ist immer noch der Drummer in mir, der jeden Film mit einem eigenen Rhythmus inszeniert. Meine Filme haben eine Melodie, selbst wenn man keine Musik hört.

Das Gespräch führte Bettina Aust. 


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Marc Piasecki GettyImages
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