Kritik

„The Eddy“ auf Netflix: Eine sterbenslangweilige Serie über Jazz, die alle Töne einer schiefen Komposition trifft

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Damien Chazelles Filme haben sich bereits jetzt einen festen Platz in der Kinogeschichte gesichert: Allein das Musical-Drama „La La Land“ mit Ryan Gosling und Emma Stone in den Hauptrollen gewann über 200 Preise, darunter sieben Golden Globes und sechs Oscars. Auch der Vorgänger „Whiplash“, in dem es um einen manisch-ambitionierten Schlagzeuger ging, überzeugte Academy (damals gab es immerhin schon drei Oscars) und Publikum (8,5 Punkte auf IMDb!) gleichermaßen. Da erscheint es nur logisch, dass früher oder später eine Serie folgen musste. Netflix passt da hervorragend als Partner, denn der Streaming-Gigant scheint derzeit verstärkt interessiert an ambitionierten Projekten abseits des thematischen Mainstreams zu sein – und das ist Chazelles „The Eddy“ auf jeden Fall.

The Eddy | Official Trailer | Netflix auf YouTube ansehen

 

Eine Serie, die vor Ambitionen nur so strotzt

Mit der Geschichte über den legendären Jazz-Musiker Elliot (André Holland, bekannt aus „Moonlight“) und seinen etwas schäbigen Musikclub „The Eddy“, sowie über seine Band, ist schon einmal ein abseitiges Thema gewählt worden. Aber auch das Setting ist außergewöhnlich: Angesiedelt im Paris der Gegenwart, spielt sich alles in einem kriminellen, aber umso quirligeren Stadtteil ab. Kein Eiffelturm, Louvre und Pont Neuf sind zu sehen. Das Viertel ist alles andere als malerisch und unterscheidet sich damit erheblich von dem Paris, das man sonst in Filmen präsentiert bekommt.

Sogar die Erzählweise hebt sich ab: Nachdem in der ersten Episode das Grundszenario entworfen wird, nehmen die weiteren rund einstündigen Folgen jeweils das Schicksal einer anderen Figur in den Blick, das in irgendeiner Form mit dem Club in Verbindung steht. So lernen wir also zunächst „The Eddy“ und besagten Elliot kennen, der den Pariser Club nach dem Tod seines Sohnes eröffnete. Er tritt seither zwar nicht mehr selbst auf, ist aber das kreative Mastermind hinter seiner Hausband. Doch der Club steckt in echten finanziellen Problemen. Das führt dazu, dass sich Co-Betreiber Farid (Tahar Rahim) auf zwielichtige Machenschaften mit gefährlichen Geldhaien einlässt. Als wäre das noch nicht genug, streitet sich Elliot mit seiner Gelegenheitspartnerin Maja (Joanna Kulig), der Leadsängerin mit Alkoholproblem, und seiner 16-jährigen Tochter Julie (Amandla Stenberg), die traumatisierte Pubertierende mit Drogenproblem, herum. In den weiteren Folgen variiert „The Eddy“ je nach Charakter im Mittelpunkt, zwischen Coming-of-Age-Geschichte, Krimi und Liebesdrama. Verbindendes Element ist die Leidenschaft für Musik.

„The Eddy“ ist zu groß, um zu scheitern – und tut es trotzdem

Neben dem vielseitigen Plot mit kreativer Erzählweise kommt noch als außergewöhnlicher Punkt hinzu: Die Serie wurde auf 16mm-Film gedreht, mit Handkamera – eine Premiere für eine Netflix-Produktion. Es handelt sich also um ein durch und durch ambitioniertes Projekt. Eines, das von Chazelle als Produzent und Regisseur der ersten beiden Folgen getragen wird und ansonsten mit Alan Poul („Six Feet Under“) als weiteren Produzenten sowie dem etwas weniger bekannten Drehbuchautoren Jack Thorne („This is England ’88“) aufwartet. Zu den kreativen Köpfen gehören auch Glen Ballard, der bereits mit Michael Jackson, Katy Perry und Miley Cyrus zusammenarbeitete, und Komponist Randy Kerber, der an Filmklassikern, wie „Titanic“ und „Forrest Gump“ mitwirkte.

Damit bringt die Serie die besten Voraussetzungen mit, um zu gelingen. Wäre „The Eddy“ eine Bank, müsste man sagen, die Serie ist einfach „too big to fail“. Und wahrscheinlich scheitert sie letztlich daran: Der Gewissheit, eigentlich viel zu gut aufgestellt zu sein, um quälend langweilig zu werden. Aber genau das ist „The Eddy“.

Der Jazz allein richtet es nicht: Selbstgenügsamkeit wird „The Eddy“ zum Verhängnis

Die einzelnen, auf dem Papier wohlklingenden Töne, wollen sich einfach nicht zu einer stimmigen Gesamtkomposition zusammenfinden. Ein Hauptproblem der Serie besteht darin, dass – trotz eines eigentlich vielversprechenden Grundszenarios – einfach viel zu wenig passiert. Es ist wie so oft: Ein Film mit leichter Überlänge, maximal eine dreiteilige Miniserie, hätte gereicht, um den Plot zu erzählen. Stattdessen wird die Handlung durch schier endlose Streitereien, hauptsächlich zwischen Elliot und Maja oder Elliot und Julie, künstlich in die Länge von acht Episoden gezogen. Wie bei einer missglückten Improvisation beim Jazz treiben die einzelnen Folgen wie separate Musiker*innen dahin, ohne packenden, gemeinsamen Rhythmus.

Wäre dann zumindest das, was die einzelnen Künstler*innen von sich geben, interessant, könnte das die Serie noch retten. Schließlich kommt ihnen die Handkamera besonders, beinahe dokumentarisch, nah. Allerdings bieten klischeehafte Darstellungen von gescheiterten Existenzen, wahlweise mit Drogen-, Alkohol- und/oder Geldproblemen und Hang zum Narzissmus, weder allzu viel Identifikationspotenzial, noch geben sie originelle Figuren ab.

Es gibt Serien, denen man ihren zähen Plot verzeiht, weil sie durch eine genaue Charakterzeichnung überzeugen – wie zum Beispiel „Mad Men“. Es gibt Serien, denen man hingegen Stereotypisierungen verzeiht, weil sie eine spannende Geschichte erzählen, wie „The Witcher“. Und dann gibt es noch Serien, denen man sogar beides verzeiht, weil sie am Ende mit einer überraschenden Wendung oder einer wichtigen Message aufwarten, wie zuletzt „ZeroZeroZero“. Doch „The Eddy“ verharrt in der Selbstgenügsamkeit. All der Jazz wird’s schon richten. Der Anspruch zu unterhalten bleibt ebenso auf der Strecke, wie eine tiefergehende Aussagen. Die einzige Message, zu der man sich hinreißen lässt: „Musik heilt alle Wunden. Oder sie vertreibt dir zumindest die Zeit, bis sie von selbst heilen.“ Aber für eine solch kalenderspruchhafte Einsicht allein braucht es wirklich keine ganze Netflix-Serie.

Die achtteilige Miniserie „The Eddy“ erscheint am 08. Mai bei Netflix.

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