Lana Del Rey – Das Mädchen mit den zwei Namen


Ihr „Video Games“ war einer der Hits des vergangenen Jahres, jetzt erscheint mit Born To Die das Debütalbum von Lana del Rey. Aber wer genau ist die 25-Jährige? Ein kühl kalkuliertes Kunstprodukt? Ein Mädchen, das den Nerv der Zeit trifft? Ein Treffen bringt nur bedingt Klarheit.

Zunächst ein Geständnis: Wir haben uns geirrt. Als Lana Del Rey vor gut eineinhalb Jahren an einem verregneten Spätsommertag auf der Bühne eines Fernsehstudios in Berlin-Tempelhof die schwedische Rockband Mando Diao bei deren Unplugged-Konzert unterstützte, sahen wir keinen Star. Wir sahen nicht mal die erstaunlich vollen Lippen, über die zuletzt so viel spekuliert wurde. Wir sahen lediglich ein recht hübsches Mädchen, das sich in ihren Stöckelschuhen nicht sehr wohl zu fühlen schien und eine ordentliche Stimme hatte. Wir wunderten uns ein bisschen, was das jetzt sollte, und vergaßen den Gastauftritt noch in der U-Bahn, die uns zurück in die zivilisierten Gebiete Berlins brachte.

Ein knappes Jahr später: Lana Del Rey veröffentlicht ihren Clip zu „Video Games“. Der Mix aus Vintage-Bildern und DIY-Ästhetik, den Del Rey angeblich selbst und nur mit einem iPhone schnitt, ergänzt den leicht modernisierten Pop-noir-Sound mit deutlichen Cat-Power-Querverweisen gut und erzeugt ein mediales Grundrauschen, das von Woche zu Woche stärker wird. Beschleuniger sind dabei keineswegs nur soziale Netzwerke oder Nerd-Blogs. Etablierte Online-Medien befeuern den Hype. MTV, Pitchforkmedia, die Website des „Guardian“. Alle nehmen die von der Künstlerin selbst geprägten Begriffe wie „Gangster Nancy Sinatra“ oder „Hollywood Pop“ gerne auf. Ein Showcase in New York wird breit diskutiert, erste Interviews veröffentlicht. Die Message der meisten Geschichten: Begeisterung, gepaart mit Ratlosigkeit.

Denn klar erscheint, dass Lana Del Rey, zumindest was ihre Außendarstellung angeht, ein Kunstprojekt ist, eine Inszenierung. Eigentlich heißt sie Lizzy Grant und hat als solche schon eine Karriere hinter sich. Keine große, aber immerhin eine, die fünf, sechs Jahre andauerte und zu vielen Konzerten in und um New York führte. Del Rey nahm sogar ein Album auf, das allerdings kurz nach seiner Veröffentlichung von ihrem Management zurückgezogen wurde. Der „Huffington Post“ sagte sie damals: „Sollte jemand mit einer besseren Vorstellung kommen, wie ich die ganzen Dinge anpacken könnte, würde ich das machen.“

Schnitt. Irgendwann im vergangenen November, später Nachmittag, Dunkelheit liegt über der Stadt. Am Abend zuvor spielte Lana Del Rey ein Konzert in einem kleinen Seitenraum der Volksbühne. Jetzt sitzt sie in einer Suite im Soho House, einem Members-Only-Club in Berlin-Mitte. Sie thront auf einem recht großen Kanapee. Im Hintergrund lagern drei bis vier Angestellte des Managements. Sie kommunizieren intensiv und verbissen mit ihrem Gerätepark, da geht es um große Dinge, möglicherweise die Weltherrschaft. Lana Del Rey blendet all diesen Trubel aus. Sie hört aufmerksam zu. Fast zu aufmerksam. Ihr Blick verrät: Die Frage nach ihrem wundersamen Namenswechsel hat sie schon öfter gehört. Sie lächelt. Und erzählt:

Ich bin einfach der Meinung, dass dieser Name so schön ist wie die Songs, die ich schreibe und die Videos, die ich drehe. Er passt. Haben Sie mal den Schriftzug vom Ford Del Rey angeschaut? Diese goldenen Buchstaben? Wunderbar.

Also kein Alter Ego? Keine Sasha Fierce, kein Ziggy Stardust?

Nein. Ich bin glücklich in meinem eigenen Kopf. Ich habe beide Füße auf dem Boden. Das, um was es zum Beispiel Beyoncé geht, nämlich die Schaffung einer Fantasieperson in einer Fantasiewelt, das interessiert mich nicht. Meine Musik handelt von meinem Leben.

Trotzdem hat man oft den Eindruck, Ihre Songs seien auf einen gewissen Gesamteindruck hin entworfen. Die Themen ähneln sich. Die große, verzweifelte Liebe als Story, die Ikonografie und die Farben Amerikas als begleitendes Motiv, das immer wiederkehrt. Wie passt das zusammen?

Liebe und Patriotismus sind beides sehr starke Themenkomplexe. Beides hat mit Hingabe zu tun und ist nicht unbedingt rational erklärbar. Das reizt mich.

Was bedeutet Ihnen Amerika? Sind Sie Patriotin?

Keine übermäßige. Das wirkt nur so. Aber im Clip zu „Blue Jeans“ sehen Sie die französische Flagge, einige der Bilder aus „Video Games“ stammen aus Holland.

Bei Ihrer Kombination aus Wort und Bild muss man oft an Filme denken. An David Lynch, aber auch an das Hollywood der 50er-Jahre. Ist das etwa Ihre Realität?

Natürlich nicht. Aber mein Leben verlief durchaus turbulent. Insofern gibt es genug, über das ich singen kann. Und ich betrachte es als mein ganz persönliches Vergnügen, das nachträglich noch etwas zu kolorieren.

Sie singen gerne über Zigaretten und Alkohol. Und Männer, die sich dafür interessieren. In New York kann man kaum rauchen, ohne dass man Ärger bekommt …

Jetzt muss Lana Del Rey lachen. Nach einer Pause fügt sie an, dass sie selbst nicht trinke. Und nichts dafür könne, dass die Protagonisten ihrer Songs – und offenbar auch ihres Lebens – oft eine Zigarette im Mund hätten. „Manchmal hat man eben schlechte Angewohnheiten. Und versäumt es, die zu verlieren.“

Im Falle von Lana Del Rey kann man vermuten, dass die schlechten Angewohnheiten früh anklopften. Mit 15 zieht sie in ein Internat nach Connecticut. Eine schöne Zeit, die von den Highschool-üblichen Aktivitäten flankiert wird. Sie läuft im Leichtathletik-Team der Schule und schreibt. Sie lernt Spanisch, beschäftigt sich mit Philosophie. An den Wochenenden steigt sie aber mit ihren Freundinnen in deren schnelle Wagen. Vierzehn Jahre alt ist sie, als sie anfängt, viel auszugehen. Keinesfalls in Underage-Clubs, sondern in die Techno-Läden der örtlichen Jeunesse dorée. Wie das im so strikten Amerika ging? „Wir haben Mittel und Wege gefunden, um angemessen zu feiern“, sagt sie – und ergänzt, dass sie diese Geschichten eigentlich nie erzählen würde. „Es hat einfach nichts mit meiner Musik zu tun. Ich halte es nicht für relevant.“

Man läuft bei Lana Del Rey öfter gegen solche Mauern, hat den Eindruck, dass sie sich immer nur bis zu einem gewissen Punkt öffnet. Die Faustregel scheint zu sein: Alles, was mit Lizzy Grant zu tun hat, vor allem mit jener Lizzy Grant, die noch nicht musizierte, bleibt im Dunkeln. Was ist mit der Kindheit in Lake Placid, jenem Wintersportort im Norden des Bundesstaates New York, in dem 1980 die Olympischen Winterspiele abgehalten wurden? „Ein Kaff“, wie Lana Del Rey sagt, „kleiner als sein Name. Die nächste Stadt war sechs Stunden weg. Ich habe recht wenig Erinnerungen daran.“ Sie leitete einen Kinderchor, das ist überliefert. Welche Musik, welche Filme mochten die Eltern? Sie zuckt mit den Schultern. „Meine Mutter hörte Carly Simon, mein Vater James Taylor und die Beach Boys. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie mir das jemals vorspielten. Es spielte keine Rolle“, sagt sie. „Und Filme sah ich auch keine. Wir hatten nicht einmal einen Fernseher. Ich lernte all das erst kennen, als ich nach der Schule nach New York zog.“

Warum New York? Warum nicht Los Angeles? Los Angeles würde so gut zu Ihnen passen.

Ich bin dort geboren. Außerdem gingen alle nach New York. Wenn man in Lake Placid aufgewachsen ist und die Schule in Connecticut besuchte, ist es einfach ein logischer Schritt. Käme ich aus San Francisco, wäre ich wahrscheinlich nach Los Angeles gegangen.

Was ist Ihre erste Erinnerung an die Stadt?

Ich ging viel zu Fuß. Lange Strecken. Zehn, zwölf Kilometer waren keine Seltenheit.

Warum?

Es macht mich glücklich. Ich mag es, wenn mein Körper in Bewegung gerät. Das Gleiche passiert dann mit dem Gehirn. I’m a walking person.

Wo lebten Sie?

Verschieden. Ich habe bei Freunden und Bekannten gewohnt. Erst als ich meinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, hatte ich genug Geld, um mir etwas Eigenes zu leisten. Einen Trailer, eine Viertelstunde von Manhattan entfernt.

New York mit wenig Geld, funktioniert das?

Ich finde schon. Aber das hatte natürlich auch damit zu tun, dass meine Ansprüche damals recht niedrig waren. Ich machte nichts, was Geld kostete. Ich las Gedichte. Und ich schrieb meine ersten Songs. Ein guter Tag bestand darin, dass mich alle anderen in Ruhe ließen und ich einen Liter Kaffee trank. Kaffee kostet nicht viel.

Die Songs waren gut. Das sagten zumindest Freunde und Bekannte. Sie ging also an den Computer und warf Google an. Suchwort: „Open Mic Nights“. Das erste Ergebnis notierte sie sich. Ein paar Tage später nahm sie ihre Gitarre und ruckelte mit der U-Bahn nach Williamsburg. „Dort ging ich in eine Bar, spielte diesen Song ‚Pawnshop Blues‘. Ein paar Typen gefiel das. Sie umringten mich, sagten, dass das großartig gewesen sei. Und fragten, ob ich Lust auf einen gemeinsamen Auftritt habe.“

Der Rest ist mehr oder weniger Geschichte. Lizzy Grant bekam einen Plattenvertrag. Aus Lizzy Grant wurde Lana Del Rey. Die mit „Video Games“ und seinen zehn Millionen Youtube-Views. Die mit der Nummer-eins-Single in Deutschland. Und die, auf deren Debüt Born To Die viele Menschen warten. Die Presse bekam zum Zeitpunkt des Interviews nur ein halbes Dutzend Songs zu hören. Einen möglichen Rest suchte man sich im Internet zusammen. Am schönsten: das tatsächlich hymnische „National Anthem“ und der Titelsong, eine schwelgerische Ballade über die Endlichkeit an sich. Beim Videodreh ließ sich die Plattenfirma nicht lumpen und spendierte einen Tiger.

Bisher haben Sie Ihre Videos selbst gedreht. Der Clip zu „Born To Die“ wurde erstmals von einem Regisseur in Szene gesetzt. War es schwer für Sie, Kontrolle abzugeben?

Nein, weil das nicht der Fall war. Bei einem Video ist es doch das Schönste der Welt, wenn einem Leute helfen, die sich damit auskennen. Ich habe meine Videos bisher nicht aus Freude selbst gestaltet, sondern vor allem, weil es gar keine andere Möglichkeit gab.

Und sonst? Angst, dass Ihnen die Dinge entgleiten?

Es ist doch nur so, dass mir die Plattenfirma gerade eine Menge abnimmt. Sie kümmert sich um die Promo, entscheidet, wer Interviews bekommt. Solche Sachen. Aber wenn sie dabei irgendwelchen Unsinn anstellen würden, würde ich ihre Häuser niederbrennen. Sie wissen, was der Deal ist.

Was glauben Sie: Würde dieser Deal bestehen bleiben können, wenn Sie ein Star würden?

Es ist sehr schwierig für mich, die Frage angemessen zu beantworten, weil ich nicht weiß, was in nächster Zeit passieren wird. Aber ich bin eigentlich keine Person, die die Öffentlichkeit sucht. Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass ich eine Größe erreiche, die dieses Wort „Star“ evoziert. Ich habe diese Vision nicht, verstehen Sie? Ich strukturiere mein Leben nicht nach solchen Möglichkeiten. Ich mache sehr gerne Musik. Aber ich mache vieles gerne. Ich wäre auch mit einem bürgerlichen Beruf glücklich.

Konzertkritik ME 1/12