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Konzertbericht

Lily Allen live in Berlin: Wie es ist, wieder auf der Bühne zu stehen

Etwas ungewohnt schien es für Lily Allen zu sein, wieder auf einer Club-Bühne zu stehen. Im Dezember erst hatte die 32-Jährige mit ,,Trigger Bang“ ihre erste Single seit drei Jahren veröffentlicht. Dazwischen hat man musikalisch nicht viel von der Britin gehört, privat allerdings war vieles im Umbruch. Allen ließ sich von ihrem Ehemann Sam Cooper scheiden, mit dem sie zwei gemeinsame Töchter hat. Außerdem wurde sie 2015 Opfer eines Stalkers, der sogar in ihr Haus einbrach. Damit muss man erstmal klar kommen – am besten ging das für Allen offenbar mit neuer Musik.

Dementsprechend befreit und erleichtert wirkt Lily Allen bei einem ihrer ersten Live-Konzerte mit neuen Songs. Auf der Bühne des ausverkauften Lido in Berlin verzichtet die Sängerin auf großen Show-Schnickschnack. Nur sie, ein Keyboarder sowie ein Gitarrist, der sich auch um Drum-Computer und Synths kümmert. Die Show eröffnet sie mit ihrer aktuellen Single „Higher“, die zeigt, wie die „neue“ Lily Allen klingt: poppig mit Cloud-Anleihen. Das funktioniert live erstaunlich gut. Oft hat man ja das Gefühl, das Künstler Auto-Tune und Co. einzig dafür verwenden, um ihre mangelnden Gesangsqualitäten zu kompensieren oder gewollt interessant zu klingen. Nicht so bei Allen, die Effekte sind hier Mittel zum Zweck, sie unterstreichen Stimmungen. Wer Angst hat, dass die Sängerin nun auf Cloud-Rapperin macht, sei beruhigt: Nach RIN, Bausa oder Lil Uzi Vert klingt hier wirklich nichts.

Der Trap-Cloud-Sound, den man schon in den bisher veröffentlichten Singles hören konnte, zieht sich trotzdem durch die weiteren neu vorgestellten Songs. Das wirkt live allerdings sehr viel weniger basslastig und durchaus authentischer als in den Studioversionen. Immer weder kehrt Allen aber auch zu ihren musikalischen Wurzeln zurück: Gepaart werden die modernen Elemente mit orientalisch-karibischen Einklängen.

Lily Allen
Hat wieder sichtlich Spaß an Liveauftritten: Lily Allen

Selbstredend, dass die neuen Songs unbekannt für das Berliner Publikum sind. Die meisten hören deswegen eher gespannt zu, statt mit zu jammen. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Zuschauer im Lido fast genauso aufgeregt und gespannt sind, wie dieses Konzert werden wird, wie Lily Allen selbst. Am Anfang verhalten, tauen später alle gemeinsam mit der Sängerin auf. Dass Allen auch eine Ikone für die Schwulenszene ist, quasi der britische Gegenentwurf zu Popsternchen wie Britney Spears und Taylor Swift, macht sich in den Publikumsreihen bemerkbar. Manche haben Transparente mitgebracht, immer wieder hört man durch die Reihen „Lily, we love you“-Rufe.

Ausnahmslos jeder hier liebt ihre Musik – auch wenn es schon immer etwas eigenartig anmutete, das ausgerechnet Songs wie „Fuck You“ Und „Not Fair“ in Deutschland ihre größten Hits waren. Dementsprechend gibt es bei beiden Nummern auch den größten Mising-Faktor, inklusive emporgestreckten Mittelfingern beim ersten Song. Was wohl auch daran liegt, dass er neun Jahre später, dank US-Präsident Trump, so viel Aktualität wie Brisanz besitzt.

„This is just another song about me getting divorced“

Eine gute Sängerin und Texterin war Lily Allen schon immer. Live scheint es aber so, als habe sie mit diesen Songs endlich zu sich selbst gefunden – und das ist weitaus weniger esoterisch gemeint, als es klingen mag. Wirklich herzzerreißend wird es, wenn sie das Stück „Three“ spielt, das sie aus Sicht ihrer ältesten Tochter verfasst hat.

Text vergessen? Bei Lily Allen wird das zur charmanten Show-Einlage

Seit 2006 macht Lily Allen Musik, und auch wenn dieses Club-Konzert ganz im Zeichen vom kommenden Album NO SHAME steht, spielt Allen natürlich auch einige ältere Stücke. Sei ihr verziehen, dass sie einzelne Zeilen wie bei „Knock ‚Em Out“ kurz durcheinanderbringt.  Allen überspielt das charmant: „I wrote that song when I was 19, so …“. Man merkt ihr an, wie sehr sie sich freut, auch altes Zeug wieder spielen zu können. Keine Zwänge, alles kann, nichts muss. Das Publikum dankt es ihr.

Selten erlebt man eine Solokünstlerin so offen auf der Bühne: Im Laufe der eineinhalb Stunden merkt man, wie Allen es immer mehr genießen kann, wieder live zu spielen und auch, wie sehr sie das Publikum liebt. Trotz aller Ernsthaftigkeit vieler ihrer neuen Songs – der Vibe von diesem Konzertabends war vor allem: Life goes on. Wenn dir etwas Mieses zustößt, dann wird es auch wieder besser. Und das hat Lily Allen in den vergangenen Jahren sehr verinnerlicht.

„No Shame“: Lily Allen kündigt ihr erstes Album seit vier Jahren an

Frank Hoensch

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