Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 15

Schlimme Pop-Duette vom Revolverheld, das RBMA-Aus, Falco und die Maulgruppe – Die Popwoche im Überblick

Logbuch: KALENDERWOCHE, 15/2019

Meine eigene Lesereise hat begonnen. Das heißt, ich werde mich den ganzen Monat April abwechselnd betrunken und verkatert der Zerbrechlichkeit des bundesdeutschen Schienenverkehrs aussetzen. Dazu abends mit wildfremden Leuten Selfies machen – und irgendwas mit lesen war doch auch noch. Nach den ersten Tagen bin ich jedenfalls bereits komplett zermürbt und habe alle meine Wertsachen verloren. So kann’s einfach nicht weitergehen. Wird es aber!

AUS DER WOCHE: Red Bull Music Academy

Das ist ja mal ein Knaller. Red Bull, der gute alte Brausen-Mäzen, hat den Stecker gezogen bei einer der aufwändigsten Förderung, die der globalen elektronischen Musikszene überhaupt je zuteil wurde. Schade ist das sicher für die Nachwuchs-Künstler, die nun nicht mehr von überall her zum einwöchigen Meet-Up irgendwo in der Welt geflogen werden um dort zu networken, zu feiern und Tracks zu kloppen.

Meine persönliche Bewertung ist allerdings unsentimentaler: Die sehr eigenständige Red Bull Music Academy hat sich bedrückend passiv verhalten, als zuletzt die Diskussion aufbrandete bezüglich der flüchtlingsfeindlichen bis verschwörungstheoretischen Aussagen von Red Bulls Taurin-Kaiser Dietrich Mateschitz. Man ist mit der Academy zwar ein weltoffener Verein, aber in so einem Moment wird eben schmerzhaft deutlich, wie abhängig man von seinem Gönner ist. Dennoch: Mach’s gut!

Kooperation

Keine Ahnung, wo der Konzern demnächst die Marketing-Millionen verballert, die nun nicht mehr an dieses Projekt gehen. Man will es lieber gar nicht wissen. (Pop-)Kulturförderung sollte letztlich eh vom Staat übernommen werden, aber das zu fordern scheint 2019 ja noch utopischer als ein Bewusstseinswandel bei Mateschitz.

FILM DER WOCHE: „Falco – Verdammt, wir leben noch“

Neu auf Netflix und schon länger in der Welt. Der Film über das Leben von Falco erschien vor rund zehn Jahren. Zu einer Zeit, als Biopics über Musiker ihr erstes Hoch erlebten. In „Verdammt, wir leben noch“ entblößt sich dabei gnadenlos das Dilemma eines ganzen Genres: Es will hinter die Kulissen einer Pop-Inszenierung blicken, pumpt diese allerdings nur bis zur Cartoonhaftigkeit auf.

Die Folge ist ein ödes Drama, bei dem jede Geste, jeder Blick, jedes Bild, jeder Satz falsch wirkt. Eine Pop-Persona grob zurechtgeschnitzt, damit sie sich in das vorhersehbar verkitschte Melodram einpassen lässt. Am deutlichsten wird das in der Szene, als Falco (Manuel Rubey) erfährt, er habe mit „Rock me Amadeus“ einen Nummer-Eins-Hit in Amerika gelandet. In einem Interview hatte der echte Falco sich über diesen Moment nachdenklich gezeigt. Er meinte, dass er sich nicht recht habe freuen können, denn es wäre doch klar, dass das nicht mehr zu toppen sei und nun der Abstieg einsetzen müsse.

Dieser melancholische Moment ließ sich für Regisseur Thomas Roth filmisch nur umsetzen, indem er daraus einen Tobsuchtsanfall seines Protagonisten machte. Der auf einer Party randaliert, als er von seinem Nummer-Eins-Hit hört. Alles klar! Schauspielerisch und ausstattungsmäßig übrigens ungefähr auf dem Level von RTL-Nachmittags-Serien („Die Schulermittler“), in denen Laiendarsteller sich immer anschreien. Nach diesem Film hatten es Biopics über Musiker in Deutschland schwer. Zu Recht.

DAS SCHLIMMSTE DEUTSCHE POP-DUETT

Ach, was waren Pop-Duette immer schön. Früher, Kids! Im heutigen beflissen Deutschpop-Dienstleistungssektor sind sie eigentlich nur noch Mittelstands-Geisterbahn. Wie schlecht es uns Privilegierten geht! „Ok, die Großeltern hatten Hungersnot im Nachkriegswinter, andere schwimmen durchs Mittelmeer – aber bei uns kommt bald der Uploadfilter. OMG please kill me. In was für Zeiten leben wir?“ Mich beschäftigt dabei aktuell die Frage: Was ist eigentlich das schlimmste Deutschpop-Duett? Wo wird wirklich am allermeisten gejammert?

Ist es Johannes Strate (Revolverheld) mit Marta Jandová (Die Happy) über das Thema „wie schlimm das Leben allgemein ist“ oder doch Antje Schomaker mit Johannes Strate (Revolverheld), wenn sie darüber klagen, „wie schlimm eine Fernbeziehung ist“? Unterteilt selbst (wenn Ihr Euch traut):

PLATTE DER WOCHE: Maulgruppe – „Tiere in Tschernobyl“ (Majorlabel)

Jens Rachut fügt eine neue Band seiner epischen Vita hinzu: Dackelblut, Angeschissen, Das Moor, Blumen Am Arsch der Hölle, N.R.F.B., Kommando Sonne-nmilch, Alte Sau… Noch was vergessen? Bestimmt. Und nun also ein weiterer betont furchtbarer Name on top: Maulgruppe. Was das wohl sein wird? Nun, als Rachut-Kunde ist man dahingehend eigentlich entspannt. Zu markant seine Stimme, sein Songwriting, sein Style. Doch das Platteninfo verkündet atemlos von einem „Kurswechsel, der für Überraschungen sorgen kann“. Wirklich?

Nee, nur die Ruhe, zum Glück stimmt das nicht. „Tiere in Tschernobyl“ bewegt sich stabil im eigenen Universum. Die Änderungen zu anderen Projekten: Es gibt mehr elektronische Elemente hinter den sinnstiftenden Gitarrenbrettern. Zudem fransen die Texte etwas aus, sind weniger pointiert auf Punk gebürstet, als dass sie der Facette von Rachut als Theaterdarsteller zugetan sind. Für mich persönlich ging ehrlich gesagt nichts über die letzte Konstellation (Alte Sau), die viele Keyboards und Frauengesang rund um das Rachut-Zentrum aufbaute. Trotzdem ist auch „Tiere in Tschernobyl“ wieder ein scharfkantiges und düsteres Stück Hamburg-Punk-History. Abmildern können andere. Rachut drängelt immer noch – mit Lärm und Lichthupe.

MEME DER WOCHE

DER VERHASSTE KLASSIKER: „The Rocky Horror Picture Show“

„The Rocky Horror Picture Show“ (1975)

Wenn ich konstatiere, dass es auf dem bundesrepublikanischen Dorf der Prä-Internetzeit kaum etwas gab außer Metal, Punk und Rechtsrock, vergesse ich natürlich die Kult-Filme „Das Leben des Brian“ (sehr gut), „Blues Brothers“ (furchtbar) und „The Rocky Horror Picture Show“ (noch furchtbarer). Letzterem seien diese Zeilen gewidmet.

Ich muss dabei vorausschicken, ich habe schon als Kind geweint, wenn in der „Sesamstraße“ gesungen wurde – und später bei der „Muppet-Show“ beleidigt weggeschaltet, sollte es sich um eine Musical-Folge handeln. Mein späterer Wunsch, als Musikjournalist anderen den Spaß an Pop zu vermiesen, zeichnet sich hier bereits deutlich ab.

„The Rocky Horror Picture Show“ – das ist aber doch auch wirklich das letzte. So eine zutiefst biedere Bonbon-Ekstase, die noch den Vereinskarneval in Herne-Süd im Gemeindehaus als revolutionäres Pop-Ereignis erscheinen lässt. Queere Verweise, Sweet Transvestite, Meat Loaf und so weiter. Was meinetwegen auf dem Papier und vielleicht für ein Kino im Texas der Siebziger noch krass klingen könnte, stellt in echt eine Art kopfschmerziges Klimbim-Puppentheater mit Menschen dar. 100 und eine Minute in einer Sinus-Kurve des Schreckens: Immer wenn eine Musiknummer kommt, überfällt den Zuschauer ein Würgen – wird diese dann von einer Spielszene abgelöst, geht es ihm aber schon wieder so.

Doch weit schlimmer als der Film selbst ist natürlich seine Rezeption: In endlos-schleifigen Dauerwiederholungen wird er in den Programmkinos der Achtziger und Neunziger am Leben gehalten. Cliquen treffen sich in Kostümen und werfen Reis. Mit Reis ins Kino zur „The Rocky Horror Picture Show“ zu gehen, das haben damals immer nur die Idioten gemacht. Daran ließ sich die Welt um einen herum sinnvoll aufteilen: Reiswerfer und die anderen. Dieser Film war der Ballermann für Patchouli und Pali-Schal tragende Sozpäd-Studenten. Wenn jemand bei dem Schenkelklopf-Namen „Doktor Frank N Furter“ heute noch glasige Augen bekommt, sollte man ihn streng genommen zu einer Medizinisch-Pychologischen-Untersuchung (MPU) einladen.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann im Überblick.

In den kommenden drei Wochen fällt die Popkolumne aus, weil Linus zu schwer mit Lesen und Reisen beschäftigt ist. Siehe oben.


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