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Die deutschen Schmerzensmänner weinen und tanzen immer noch

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Da war vermeintlich was los in der deutschen Popmusiklandschaft, damals, zu Beginn dieses Jahrzehnts. Tim Bendzko wollte nur noch kurz die Welt retten, Revolverheld motivierten alle vermeintlichen Spinner, Andreas Bourani hatte da was „Nur in meinem Kopf“. Dem Phänomen der gefühlsduselig von Allgemeinplätzen singenden jungen Männer wurde sogleich ein passender Name verpasst: Von „Schmerzensmännern“ war erstmals in der ZEIT Anfang 2012 die Rede. „Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt“, urteilte Autorin Nina Pauer über bärtige Folkmusiker und andere gewollt liebenswerte Gefährten. Und sie befand, dass dieser Trend für Frauen zum Problem werden könne. An die weiteren Folgen für die deutschsprachige Popmusiklandschaft hat sie nicht gedacht.

Heute, rund fünf Jahre später, muss man schweren Herzens feststellen: Der Trend ist ungebrochen. Keiner der Kerle hat sich und seine Liveband in den angezüchteten Ozeanen aus Tränen aufgelöst. Joris gewann 2016 den Radio-ECHO für „Herz über Kopf“ und führte damit Mark Forsters „Bauch und Kopf“ fort. Philipp Poisel will die Liebe erklärt bekommen, Max Prosa, einer von den Guten, wollte immer nur singen. Schlagersänger Tim Bendzko macht es sich in der Jury diverser Castingshows und im Poesiealbum der Teenagerinnen bequem, und sogar Schauspieler und Regisseur Matthias Schweighöfer singt neuerdings die gefällige Musik, wie sie seine Liebeskomödien in all den Jahren stets vertont hat oder haben könnte, nun kurzerhand selbst.

Es gibt kein Entkommen

Es gibt schlichtweg kein Entkommen: Eine halbe Stunde Privatradio reicht, um mindestens einmal Max Giesingers Single-Mom-Hymne, Revolverhelds „Wer ficken will, muss freundlich sein“-Liedchen „Ich lass für Dich das Licht an“, Adel Tawils „Lieder“ oder „die Neue von Andreas Bourani“ ertragen zu müssen. Der hatte 2014 mit „Auf uns“ die wohl zweitbeliebteste Hochzeits- und Saufhymne nach „An Tagen wie diesen“ geschrieben. Das Fiese an all diesen „Nummern“: Melodien und Refrainzeilen fressen sich tatsächlich so unvermeidlich in die Gehörgänge wie der Tinnitus nach einem Swans-Konzert. Einmal erlebt, nie mehr aus dem Kopf zu kriegen. Was, soviel muss man zugeben dürfen, irgendwie auch wieder für die Qualität des Songwritings spricht.

Wessen Herz nun für einen oder mehrere dieser Schmerzensmänner schlägt, der mag zurecht fragen: Ja, was wollt Ihr denn? Beinharte Gangstarapper, die die Bitches flachlegen und damit prahlen? Songwriter mit dicken Oberarmen, Tattoos und Knasterfahrung? Nein, natürlich nicht. Vielleicht ein bisschen mehr Substanz. Mehr Storytelling, weniger Allgemeinplätze. Nicht immer den einfachen Weg gehen, auch wenn der direkt in die Jugendzimmer, Airplaycharts, iPods junger Mädchen und ihrer Mütter sowie ins nächste Bierzelt führt. Ja, das wäre doch schon ein Anfang.

Bis dahin servieren wir Euch hier wahllos ein paar Ohrwürmer deutschsprachiger Popsänger, an denen wohl oder übel kein Vorbeikommen ist. Weil sich das – mutmaßlich – Plattenfirmenstrategen wie folgt ausgedacht haben:

Revolverheld – „Lass Uns Gehen“

Man kann sich förmlich das Meeting vorstellen, das die Marketing-Strategen zu diesem Song bewegt hat:

Fuzzi A: „Hey, habt Ihr diese Jugendstudie gelesen? Eskapismus ist gerade zu einem richtigen Trend geworden!“

Fuzzi B: „Ja, da müssen wir einen Song machen, „Hinterland“ von Casper hat ja auch gut eingeschlagen. Musik machen wir ein bisschen so wie dieses Coldplay-Ding…  irgendwas mit ‚Sky‘, Akkorde bisschen ändern und dann raus damit zum Bundesvision Song Contest.“

Fuzzi A: „Hmm. Aber welche Band ist so schäbig und macht das mit?“

Fuzzi A: „Revolverheld! Die haben überhaupt kein Gewissen.“

Fuzzi B: „Grandiose Idee! Revolverheld it is!“

Max Giesinger – „80 Millionen“

Fuzzi 1: „Hey, der neue Prakti hat gerade einen Songtext geschrieben. Der ist VWL-Student und hat während seiner Statistik-Vorlesung ein Liebeslied geschrieben.“

Fuzzi 2: „Haha, ein Liebeslied mit dem Wort ‚Wahrscheinlichkeitsrechnung‘ in den Lyrics? Das klingt nach Max Giesinger. Gib dem Prakti einen Tausi und ab ins Tonstudio damit.“

Andreas Bourani – „Auf uns“

Fuzzi 1: „Hey Fuzzi 2, der Bourani hat schon wieder so ein völlig unlogisches Lied geschrieben, langsam nervt’s echt.“

Fuzzi 2: „ Ja, der hat so ein Tool, das die beliebtesten Textzeilen in Lyrik-Foren findet und die einfach zusammenwürfelt.“

Fuzzi 1: „Ach so, deshalb, geniale Idee.“

Mark Forster feat. Sido – Au Revoir

Fuzzi 1: „Oh Mann, Mark Forster braucht mal wieder einen neuen Song, jemand eine Idee?“

Fuzzi 2: „Haha, als hätte hier schon mal jemand eine eigene Idee gehabt. Lass einfach wieder so ein Eskapismus-Lied machen.“

Fuzzi 1: „Geniale Idee, werde ich gleich mal pitchen.“

Wie man es richtig und besser macht, zeigt uns übrigens FINN:

Gern geschehen!

(Text: Fabian Soethof, Meeting-Protokolle: Andreas Meixensperger)

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