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Kritik

„Mank“ auf Netflix: Ein Film über die Filmbranche – und einen Vergessenen des alten Hollywoods

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Wenn man will, dann kann man „Mank“ als Origin-Story bezeichnen: Das Filmdrama von Starregisseur David Fincher („The Social Network“, „Sieben“) dreht sich um Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman), einen berüchtigten Autor aus den frühen Jahren des Tonfilms. Anno 1940 wird er vom als Goldjungen gefeierten Orson Welles beauftragt, ein Drehbuch für dessen Debütfilm zu schreiben. Die Entstehung dieses Textes, der unter dem Titel „Citizen Kane“ verfilmt werden sollte, nimmt Fincher einerseits zum Anlass für eine sehenswerte Filmbiographie über einen, der nie im Rampenlicht stand und dessen beste Arbeit eher mit einem anderen Namen verbunden wird. Andererseits geht es noch um viel mehr, als nur um den Titelhelden, ist „Mank“ doch keines von diesen schnöden By-The-Book-Biopics. Der Plot rund um das Verfassen des „Citizen Kane“-Drehbuchs ist eher ein Katalysator, an dem sich zahlreiche weitere Handlungen entzünden. Und genau das macht „Mank“ so vielschichtig und interessant.

Trailer zu „Mank“ hier im Stream sehen

Flashbacks am Krankenbett

Dass die verschiedenen Handlungsstränge so gut miteinander verwoben werden liegt mitunter daran, dass „Mank“ sich nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch auf „Citizen Kane“ beruft. Die offensichtlichste Referenz mag zwar der edle Schwarz-Weiß-Look inklusive dem ein oder anderen Brandloch sein, die wirksamste ist aber die Erzählweise: „Mank“ springt, genau wie Welles‘ Vorbild, zwischen zwei Erzählebenen und setzt dabei auf wiederkehrende Flashbacks. Nach und nach verknüpfen sich die Erinnerungs-Häppchen mit dem Geschehen in der Jetztzeit und liefern nicht nur ein stimmiges Portrait des Protagonisten, sondern schlüsseln auch auf, wieso Mankiewicz da gelandet ist, wo er jetzt ist: Die Hauptzeitebene spielt im Jahr 1940 auf der North Verde Ranch in der Mojave-Wüste in Victorville, Kalifornien.

Aus einem Krankenbett heraus – Mankiewicz hatte kurz zuvor einen (nicht selbstverschuldeten) Autounfall – schreibt der Autor am Drehbuch zu „Citizen Kane“; der zielstrebige Orson Welles hat ihm eine recht knappe Frist vorgegeben. Wenn ihn etwas vom Arbeiten abhalten kann, dann ist es der Schnaps: Damit Mankiewicz davon nicht zu viel trinkt und überhaupt etwas Hilfe in der Abgelegenheit hat, wird ihm die junge Rita Alexander (Lily Collins) gleichermaßen als Sekretärin, aber auch als Aufpasserin zur Seite gestellt.

Wer inspirierte die Figur des Charles Foster Kane?

In „Mank“ kristallisiert sich über die mehr als zweistündige Laufzeit vor allem eine Leitfrage heraus: Wer inspirierte eigentlich die Hauptfigur aus „Citizen Kane“? Fincher liefert dafür vor allem eine Antwort, nämlich William Randolph Hearst, der im Film grandios (und irgendwie auch Oscar-verdächtig) vom Briten Charles Dance gespielt wird. Der tatsächliche Hearst war ein extrem bekannter, enorm einflussreicher Medientycoon, der Kontakte in die Politik, wie auch in die Filmbranche pflegte und zu nutzen wusste. Anfangs, also zu Beginn der 30er, verstand sich unser Protagonist Mankiewicz noch gut mit Hearst, vor allem, weil er einen Draht zu dessen Langzeit-Partnerin Marion Davies (Amanda Seyfried) hatte; im Gegenzug schätzte Hearst die Gegenwart des eloquent daherredenden Bohemians Mankiewicz und lud ihn oft auf sein riesiges Anwesen ein. Doch mit der Zeit begann Mankiewicz Hearsts heuchlerische Ansichten zu durchschauen und hatte für ihn und seine Machtbesessenheit am Ende nur noch Verachtung übrig.

Am deutlichsten wird die enge Verwobenheit Hearsts mit der Politik in einer ziemlich ausführlich behandelten Nebenhandlung, die die Gouverneurswahl in Kalifornien im Jahr 1934 thematisiert. Für die Demokraten kandidierte damals der Autor Upton Sinclair (sein bekanntestes Werk ist „Der Dschungel“), der – kurze Zeit nach der Großen Depression – mit einer Kampagne namens „End Poverty in California“ an den Start ging und Pläne für Sozialreformen vorlegte. Doch die Bosse großer Hollywood-Studios – allen voran Louis B. Mayer (Arliss Howard) von MGM – sowie auch der Medienmogul Hearst stellten sich gegen Sinclair und unterstützen den republikanischen Gegenkandidaten Merriam. Das Fatale: Deren Unterstützung äußerte sich in einer beispiellosen Schmierenkampagne gegen Upton Sinclair, für die William Hearst Darsteller bezahlte, die vermeintlich realistische Wahlbefragungen von Bürger*innen durchführten, die dann in echt wirkenden Radiosendungen und Nachrichtenfilmen, die vor Kinofilmen laufen, gezeigt wurden. Mitarbeiter der Studios wurden – oft gegen ihren Willen – dazu beauftragt, an der Kampagne mitzuwirken und zerbrachen, wie auch eine Figur in „Mank“, am Druck durch die Chefs, aber auch am inneren politischen Konflikt. Weiterhin wurden sogar Mitarbeiter von MGM-Produktionschef Irving Thalberg (Ferdinand Kingsley) aufgefordert, für Merriam zu spenden. Wer das nicht tut, muss mit Konsequenzen rechnen. Die Unwahrheiten, die im dreckigen Wahlkampf gegen Sinclair geäußert werden, sind am Ende wirksam: Merriam gewinnt deutlich.

Die Passage zeigt nicht nur wunderbar, wie groß die Abneigung gegenüber sozialistischen Ideen damals schon in den USA war. Sie legt auch offen, wie eng die Bindung zwischen Hearst und den großen Studiobossen war und sie zeigt, wie wenig Mitspracherecht die Bosse damals ihren eigenen Mitarbeitern in einem überaus hierarchischen System gaben. Die Episode um Sinclair ist eben auch deswegen wichtig, da sie einen Bruch in Mankiewicz‘ Bild von Hollywood bedeutet: Mankiewicz verkörpert einen Idealismus, den Hollywood gerne für sich vereinnahmt, den die gierigen Studiobosse aber selbst gar nicht vorleben. Fincher zeichnet Mankiewicz bewusst als eine sture, wortgewaltige Figur, die sich durch nichts verbiegen lässt – und eben auch nicht durch politische Einflussnahme seitens der Studiobosse, die seine Karriere gefährden könnte. All das nimmt Mankiewicz in Kauf.

Dass es Hearst war, der die Hauptfigur im Drehbuch zu „Citizen Kane“, für das Mankiewicz 1942 gemeinsam mit Orson Welles den Oscar für das beste Original-Drehbuch erhielt, inspirierte, ist eine Hauptaussage des Films. Dem hat Co-Autor Welles, mit dem sich Mankiewicz ziemlich zeitnah zerstritt, nach der Filmveröffentlichung sehr oft widersprochen und angemerkt, die Hauptfigur habe viele Vorlagen gehabt. Spannend ist: Der Film über Mankiewicz – er wollte erst gar nicht in den Credits auftauchen, entschied sich aber dann doch um – wirft noch einmal ein Licht auf das viel diskutierte Thema der tatsächlichen Autorenschaft des Drehbuchs zu „Citizen Kane“.

Der perfekte Antiheld

Somit eignet sich Mank für Fincher zum perfekten Antihelden, vor allem, weil er moralisch nicht korrumpierbar ist: Aus den Rückblenden erfahren wir, dass er vom einstigen Brancheninsider zum Outsider wurde – und das nur, weil er Haltung beweist. In „Mank“ steht nie in Frage, bei wem die Sympathien liegen, nämlich beim Geschwächten Mann im Krankenbett. Obwohl er ein notorischer Zocker, obwohl er voller Laster steckt und ein Alkoholproblem hat. Auch verzeiht man ihm, dass er seiner Frau Sara (Tuppence Middleton), die im Film von sämtlichen Seiten „poor Sara“ genannt wird, irre viel zumutet. Sie hat über die Jahre spürbar viel mit Mankiewicz mitgemacht, spricht aber jetzt erst so richtig an, dass sie einen Lebenswandel ihrem lasterhaften Gatten einfordert. Als versoffenes Genie erspielt sich Gary Oldman deutliche Chancen auf seinen zweiten Oscar, nachdem er 2018 schon für seine Darstellung von Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“ geehrt wurde. Den Mankiewicz mimt er mit schelmischem Esprit und – selbst im größten Suff – stets würdevoll und idealistisch. Das Drehbuch stammt von Jack Fincher, David Finchers Vater, der 2003 gestorben ist. Sein Skript sollte schon in den 90ern verfilmt werden, jetzt war es dann so weit.

„Mank“ schafft es, zahlreiche Themen der Zeit unterzubringen, ohne überladen zu wirken: Die Große Depression, der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, das Studiosystem der 30er und die Rolle der Arbeitnehmer darin. Es war klug von Fincher, eine derart polarisierende Figur als Zentrum des Films zu wählen: An Mankiewicz können sich viele im Film reiben und noch mehr Zuschauer mit ihm identifizieren.

Fincher suchte nie die Komfortzone

Auf den ersten Blick mag die Handlung dieses elften Fincher-Films erstmal nach einem ungewöhnlichen Sujet für den US-Regisseur klingen, verbindet man ihn doch eher mit Thrillern über Serienkiller oder Dramen über zeitgenössische Themen wie Männerkampfclubs oder soziale Netzwerke, als mit einer Geschichte hinter einem Drehbuch aus den frühen 40ern. Im neuesten Film gibt es keinen krassen Twist, keinen bombastischen Wow-Effekt. Der Thriller-Experte schafft es trotzdem eine ordentliche Spannung aufzubauen, aber eben anders als sonst. Die Überraschungen liefert hier selten der Plot, hingegen sind es vor allem die lebhaften Dialoge der Film- und Medienschaffenden untereinander, die die unerwarteten Wendungen liefern. Mal ist es eine saloppe Bemerkung, mal eine Unaufmerksamkeit, mal eine entlarvende Boshaftigkeit. All diese Zwischenmenschlichkeiten treiben den Dialogfilm „Mank“ voran, legen die noblen oder eben weniger noblen Beweggründe der Figuren offen.

Und eben auch deswegen wurde „Mank“ nicht nur ein Film über den Titelhelden, genauso wenig wurde es nur ein Film über die Entstehung von „Citizen Kane“. Es ist eher eine Milieustudie, die Fincher liefert: „Mank“ ist ein Sittengemälde des Hollywoods der 30er und frühen 40er und berichtet von einem System, das Mank zum Außenseiter werden ließ. All diese Erzählungen hat Fincher ziemlich gut verwoben und man möchte sagen: Ein Manko, das hat „Mank“ nun echt nicht.

Das sentimental-nostalgische Gewand steht Fincher und seinem Film erstaunlich gut und der Stoff über einen Vergessenen des alten Hollywoods hegt sicherlich Ambitionen, um bei dem ein oder anderen Filmpreis zu reüssieren. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die Filmbranche vor allem eines liebt: Filme über die Filmbranche.

„Mank“ von David Fincher, seit 4. Dezember 2020 auf Netflix im Stream verfügbar


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