Massive Attack: Punks mit aller Zeit der Welt


Viele Köche, gar kein Brei, dafür noch weitaus mehr als ein neuer Sound (of Bristol): Mit BLUE LINES, dem Debüt von Massive Attack, war dem culture clash in einem selten beseelten Moment ein blankes Stück Schönheit vergönnt.

Das haben die meisten von uns mehr oder weniger bewußt erlebt, außerdem lernt man das ja in der Schule: Der Oktober 1990 ist historisch reserviert für die Wiedervereinigung Deutschlands. Wichtiger für die Geschichte, die hier erzählt wird, ist allerdings: Im Oktober 1990 erscheint „Daydreaming“, eine Maxisingle als Vorbote des Debüts BLUE LINES der Gruppe Massive Attack aus Bristol.

Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das Stück zum ersten Mal hörte. Damals war bei den Londoner Plattenfirmen noch nicht die Spar- und Arbeitswut ausgebrochen. Journalisten waren jederzeit willkommen. Man ließ sich Kaffee und Kuchen servieren und schwatzte über das, was gerade „in“ war, und das, was man gerade mochte – angesichts der die Tanzböden der Nation erschütternden Acid-House-Welle damals zwei grundverschiedene Dinge. Auch dieser Herbsttag im Londoner Virgin-Büro war ausgeschmückt mit üppiger Alltäglichkeit: Es wurde angeregt gegackert, geflucht, und in der Ecke flimmerte ein Fernseher vor sich hin. Durch dieses Tohuwabohu drang jedoch so allmählich wie unaufhaltsam ein sehr spezieller Sound in mein Bewußtsein ein: minimalistisch, narkotisch und eindeutig himmlisch. Was war das: Tanzmusik, zu der man nicht tanzen kann?!

Als Quelle der Klänge entpuppte sich ein Videorekorder. Der zugehörige Schwarz-Weiß-Kurzfilm war nicht wenigerbeachtenswert, bevölkert von Echsen, karibischen Wahrsagerinnen, zappelnden Käfern in Einmachgläsern – und in einem düsteren Zimmer reihten sich drei junge Typen auf, gekleidet wie in den 30er Jahren. „Dance to the drummer’s beats we need new sticks“, murmelte der eine, „wise guys get protection when they carry a knife/They shouldn’t have been born they’re making me yawn“, gähnte der andere. Dazu träumte eine Schöne zum Fenster hinaus. „I am floating on air… „Einsame Klasse! Das ist neu! Doch Britannien sah bzw. hörte das nicht bzw. anders. Kein Mensch wollte „Daydreaming“ kaufen. „HipHop für solche, die kein HipHop mögen“, orakelte der weiseste HipHop-Fanatiker im Kumpelkreis …

Fünf Monate später sieht die Welt ganz anders aus. Im World Wide Web werden auch für Zivilisten sichtbare Fäden gesponnen, Beamte des Los Angeles Police Departments haben einen jungen Schwarzen namens Rodney King zusammengeschlagen, die Amerikaner zum ersten Mal den Irak besetzt. R.E.M. trällern „Shiny Happy People“, und an der Spitze der UK-Charts stehen The Clash mit „Should I Stay Or Should I Go“. Der Gassenhauer hat dank einer Jeans-Reklame zu neuer Popularität gefunden. Einige Plätze weiter hinten findet sich inzwischen „Unfinished Sympathy“ von Massive (wegen des Irak-Krieges und in diesem Zusammenhang drohender Boykotts der BBC und anderer auf positive Kriegsstimmung bedachter Zensoren läßt man die „Attack“ zeitweise weg). Es ist die zweite Single-Auskoppelung von BLUE LINES, ein Stück, das – wie die ganze LP – noch heute kein bißchen altmodisch klingt.

Dem zufälligen (und eher relativen) Nebeneinander von Clash und Massive Attack in den Charts darf durchaus eine symbolische Bedeutung zuerkannt werden. Denn Massive Attack sind-Wer hätte das gedacht? Keiner! – Punks durch und durch. Sie beugen sich keinem Trenddiktat, nicht einmal dem aus London, das vor lauter Ecstasy-Ekstase, Tanz-Trance und Smiley-Smile kaum mehr zum Teetrinken kommt. So listen Massive Attack im Booklet von Blue Lines dem Zeitgeist wildfremde Namen wie P.I.L., Isaac Hayes und Billy Cobham als Inspiration auf. Statt De La Soul, deren Album Three Feet High And Rising den Begriff HipHop erst vor ein paar Wochen umdefiniert hat, danken sie Marley Mari, dem New Yorker DJ und Rap-Produzenten der ersten Stunde.

Auch der Auftritt von Reggae-Altmeister Horace Andy ist eine Faust ins Auge des Trends. Andy gehört zum alten Eisen. Es grenzt fast schon an eine Frechheit, daß er es wagt, im Zeitlupen-Reggae von „Five Man Army“ seine alten Hits „Cuss Cuss“ und „Skylarking“ zu zitieren ganz zu schweigen von „Money Money“: „Money, money is the root of all evil“, singt er in seinem unnachahmlichen Vibrato. Dabei hat Großbritannien dank Margaret Thatcher gerade erkannt, daß das Anhäufen von Statussymbolen keine Schande ist und daß all das Gerede von Sozialbewußtsein ganz offensichtlich ein Zeitvertreib für Verlierer ist. „Wir waren Punks“, sagt Daddy G. heute, „und nicht mehr ganz jung. Wir waren nie mit der Überlegung an unsere Musik herangegangen, daß wir gegen die Trends wirken wollten oder bewußt anders klingen als die anderen. Wir machten bloß Musik, die uns stimmig vorkam. Weil wir etwas älter waren als die restliche HipHop-Szene und weil die musikalischen Interessen von Robert, Mushroom und mir ein breiteres Spektrum abdeckten, kam ganz natürlich etwas anderes heraus.“

„Massive Attack sind ohne Zweifel die wichtigste britische Gruppe, die es derzeit gibt“, sollte die Sunday Times rund acht Jahre nach der fast flächendeckenden Mißachtung von „Daydreaming“ schreiben. Sie haben von Madonna über U2 bis David Bowie und Björk so ziemlich jeden beeinflußt (und mit manchen von ihnen zusammengearbeitet). „Bis Blue Lines erschien“, hieß es weiter, „war es immer noch möglich, die Frage zu stellen, ob aus dem Zusammentreffen der Kulturen im modernen Großbritannien je etwas anderes wachsen würde als Konflikt. Nach blue Lines entfiel die Frage. Wir wußten, daß es passiert war.“

Rundum Versuchte fast jeder – zumeist vergeblich – „amerikanischen“ HipHop, Soul und House zu kreieren. Massive Attack kümmerten sich nicht um Schubladen und warfen alles in den Topf, was einen jungen Briten, der in den 70er Jahren aufgewachsen war, bis dato durchs Leben begleitet hatte. Also auch Tempi, die auf dem Tanzboden nichts zählten. Im Untergrund hatte es sich zwar dank The Orb und Future Sound Of London bereits herumgesprochen, daß sich die Welt auch mit weniger als 120 Beats per Minute drehen ließ. Auch ihre Musik war meditativ und ambient. Massive Attack lieferten jedoch zusätzlich noch Soul, unwiderstehliche Melodien und Messages ab.

Mit Blue Lines kreierten sie eine neue Musik, die zwar mit den Sample-Tricks des HipHop arbeitete, jedoch mehr von ihrer Atmosphäre als von den Grooves lebte. Die für dieses neue Genre erfundene Bezeichnung „TripHop“ stammte von James Lavelle, einem Londoner Studiobastler, der das Label Mo‘ Wax führte und bald wegweisenden Künstlern wie DJ Shadow zu Veröffentlichungen verhalf. Die ebenfalls aus Bristol stammenden Portishead mit ihrer eher zentraleuropäisch anmutenden Melancholie (deren Geoff Barrow half bei der Aufnahme von Blue Lines mit, vor allem als Teekocher) und Ex-Massive-Attack-Gastsänger Tricky mit seinen vertonten Hieronymus-Bosch-Visionen zeigten auf, wie wei t der Bogen dieser neuen Musik gespannt werden konnte.

Weltweit war alsbald die Rede vom „Bristol Sound“. Dabei war da keineswegs nur ein Sound. Auch auf visueller Ebene schlugen Massive Attack die Brücke zwischen Punk und der Zukunft, die im aufregenden Hier und Jetzt durch die neuen Möglichkeiten des Informationszeitalters spukte. Wie Gang of Four oder die Factory-Szene in Manchester legten sie Wert darauf, daß Musik, visuelle Darstellung und Gruppenphilosophie eine Einheit darstellten. Massive Attack gehörten zu den ersten Liveacts, die mit Projektionen von Computeranimationen arbeiteten, und zu den ersten Bands mit eigener Homepage. Auch politisch setzten sie immer wieder Merkpunkte, so sprach sich die Band unter anderem in Zeitungsinseraten gegen den zweiten Irak-Angriffskrieg aus.

Die Post-Punk-Szene Bristols war schon lange vor Massive Attack vital genug, um sich nicht an London orientieren zu müssen. 3-D verglich die rund 320000 Einwohner zählende Stadt 1991 mit Macondo in „100 Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez: „In Bristol ist man sich der Zeit nicht bewußt. Im Gegensatz zu vielen Musikern in London fühlten wir uns nie gehetzt. Wir hatten Zeit zum Nachdenken.“ Zudem kannte jeder jeden. So kannten sich auch Reggae/Punk-Fan DaddyG. und Robert Del Naja alias 3-D, ein Punk-Fanatiker, der sich nun auch für Grandmaster Flash begeisterte. Und die beiden kannten Nellee Hooper, der in der Punk/Reggae/Jazz-Combo Maximum Joy mitwirkte. Und Rip Rig&Panic, die geniale Jazz/Punk-Band mit Sängerin Neneh Cherry, die aus der experimentellen Pop Group hervorgegangen war. Und Reggae – Produzent Adrian Sherwood, der mit Ex-The-Pop-Group Mark Stewart und den mit The Slits verwandten New Age Steppas arbeitete. Alles Musiker, die sich nicht um die Debatte kümmerten, ob Briten (schwarze wie weiße) überhaupt „authentischen“ Soul, Funk oder Reggae spielen könnten.

1983 formierten 3-D, Daddy G. und Nellee Hooper, zu denen später Andrew Vowles alias Mushroom stieß, The Wild Bunch, ein Kollektiv, das sich rappend, dj-end, sprayend und samplend daran machte, die Möglichkeiten der HipHop-Kultur auszuloten. Ein Plattenvertrag bei Def Jam warf ein paar Maxitracks und viel Frust auf. Immerhin hatte das Team eine Möglichkeit, seinen eigenen Sound zu erarbeiten:

Das Stück „Friends And Countrymen“ kam derart gemächlich daher, daß viele DJs glaubten, die Maxi müsse auf 45 statt 33 Touren abgespielt werden. Dann zog Nellee Hooper nach London und Soul 2 Soul groß. Auch das war ein Kollektiv, Klamottenladen inklusive. Soul 2 Soul klangen eindeutig britisch, es ging ihnen aber vornehmlich ums Tanzen (und ums Geld). 3-D, Daddy G., Mushroom und Freunde nannten sich Massive Attack und veröffentlichten die amateurhaft vertriebene Maxi „Any Love“ (gesungen von Carlton, der später eine Solo-Karriere antrat).

Dann trat Neneh Cherry auf den Plan, so ziemlich die coolste Frau der späten 80er. Wenn Daddy G. über diese schicksalhafte Begegnung spricht, muß er heute noch grinsen: „Wir erzählten überall herum, wir hätten uns mit Absicht viel Zeit gelassen, um unsere Musik ausgären zu lassen. Blanke Lüge! Wir waren stinkfaul. Neneh machte uns endlich Feuer unterm Arsch.“ Deshalb muß eine so einfache wie wichtige Gleichung der Popgeschichte wie folgt lauten: ohne Neneh kein Blue Lines.

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