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Wie die bunte Düsterkapelle The Cure den (fast) perfekten Popsong schrieb

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Dafür müssen wir allerdings zuerst noch einmal zurückkehren in den außerordentlich schlecht gelaunten Frühsommer des Jahres 1982. Es war Robert Smith zuvor schon eine lieb gewonnene Gewohnheit geworden, immer wieder die drohende Auflösung von The Cure auszurufen. Im Sommer war es nun tatsächlich so weit: The Cure gab es nach dem Ende der PORNOGRAPHY-Tour nicht mehr. Die Prophezeiung hatte sich erfüllt. Manager Chris Parry wollte das allerdings gar nicht gefallen, und auch dem so genügsamen Lakaien Lol Tolhurst war es noch zu früh, sich am Stammtisch seines Lieblings-Pubs in Crawley sein Namensschildchen festschrauben zu lassen. Sie überredeten Smith, eine Art Gegenentwurf zu der Düsterkapelle The Cure zu erschaffen, und die Leute damit zum Narren zu halten. Die Idee gefiel dem Autokraten. Smith schob Tolhurst vom Schlagzeug, wo er gerade durch seine handwerklichen Einschränkungen zweck­dienliche Arbeit geleistet hatte, ans Keyboard.

The Cure, 1992: Simon Gallup, Robert Smith und Perry Bamonte

Und The Cure wurden, kein halbes Jahr nach PORNOGRAPHY, zu einem Elektropop-Duo – kauzig, natürlich, aber vor allem: poppig. Sie wurden im Radio gespielt, sie hatten Hits. Allen voran: der jazzige Aristocats-Balztanz „The Lovecats“. Darin sang Robert Smith: „We should have each other to tea, huh? We should have each other with cream.“ Und dann jaulte er – wie ein Kater, dem der Duft einer rolligen Katze in die Nase steigt. Himmel, was war das nur für eine verrückte und lustige Band?! Diese Verwandlung vollzog sich auch visuell. Mit Tim Pope fanden The Cure einen Videoregisseur, der die bleichen Gespenster dazu brachte, sich vor der Kamera zum Affen zu machen. The Cure gaben die Tanzbären, sie ließen sich in alberne Kostüme stecken und kugelten durch Kulissen, die aussahen, als wären sie aus den Studios des BBC-Kinderprogramms zusammengeklaut worden. MTV fraß einen Narren an diesem Unsinn. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die USA anbissen. The Cure sollten groß werden dort drüben, sehr groß.

The Cure gewannen neue Freiheiten – als Popband

Es war typisch für die bisweilen manipulative Art von Robert Smith, dass er sich schon zur Veröffentlichung der ersten Pop-Single „Let’s Go To Bed“ verächtlich darüber äußerte. Sollten die neuen Cure floppen, konnte er sich so für den kommerziellen Selbstmord feiern lassen, der gleichzeitig als sarkastische Reaktion auf den hohlen Charts-Zirkus gelesen werden durfte – und die Band nun tatsächlich beerdigen. Sollte der Umsturz jedoch gelingen, würde ihm einfach der Erfolg recht geben. Allerdings war er zu diesem Schritt nur in der Lage, weil ihn als Künstler nicht nur seine Beharrlichkeit auszeichnete, sondern auch sein sehr feines Händchen für Melodien, was sich zuvor auch schon bei einzelnen Songs wie „Boys Don’t Cry“ oder „Fire In Cairo“ gezeigt hatte. Und er war ebenso gut darin, diese Melodien zu arrangieren.

„’Show me how you do that trick/the one that makes me scream‘ she said/’The one that makes me laugh‘ she said/and thre her arms around my neck/’Show me how you do it and I promise you/I promise that I’ll run away with you/I’ll run away with you’“ – „Just Like Heaven“

Nachdem das Experiment gelungen war, genoss Robert Smith all die neuen Freiheiten, die sich dadurch auftaten: The Cure konnten plötzlich alles sein. Er arbeitete wie ein Verrückter, nicht nur an dem psychedelischen Cure-Album THE TOP, das durchaus als ein Soloalbum durchgehen könnte, sondern auch mit Steven Severin, dem Bassisten von Siouxsie & The Banshees, an ihrem gemeinsamen Projekt The Glove sowie obendrein als Gitarrist der Banshees. Er nahm Drogen und er nahm auf.

Mit einer neuen alten Band, in die Simon Gallup und Porl Thompson zurückkehrten und in der dem so versierten wie verspielten neuen Schlagzeuger Boris Williams eine besondere Rolle zukam, schritten The Cure schließlich voran in ihr „goldenes Zeitalter“. Die drei folgenden, allesamt hervorragenden Alben THE HEAD ON THE DOOR, KISS ME KISS ME KISS ME und DISINTEGRATION stellen gleichsam ein kreatives Ausprobieren wie ein Domestizieren dessen dar, was The Cure bis dahin vereinte. Als sich gegenseitig befruchtendes Team (ausgenommen der alkoholkranke Tolhurst, der bald nur noch die Rolle des gepiesackten Bandmaskottchens innehatte und schließlich hinausgeworfen wurde, findet die Band ihren Sound und lässt ihn auf DISINTEGRATION in einem formal wahnwitzigen, dennoch stimmigen Wall-of-Gitarren-und-Synthesizer-Manifest des melancholischen Pop kulminieren.

Robert Smith, 1986

Alles, was danach folgt, unterstreicht leider nur, dass diese Band nach diesem Klops ihren Zenit überschritten hat – aber auch, dass sie niemals kampflos aufgeben wird. The Cure veröffentlichen als Pioniertat in Rock und Pop eine Remix-Compilation: MIXED UP, 1990. Sie nehmen ihre kommerziell erfolgreichste Platte auf: WISH, 1992. Sie erfinden sich als (ziemlich zähe) Rockband mit jaulenden Gitarren neu und sie veröffentlichen rund ein Dutzend mehr oder weniger fröhlicher Gitarrenpop-Singles, die Robert Smith nur so aus dem Ärmel zu schütteln scheint – und schaffen mit dem wunderbar banalen „Friday I’m In Love“ tatsächlich fast einen perfekten Popsong. Vor allem aber unternehmen sie in weiterhin munter wechselnden Besetzungen und mit immer neuen Produzenten alle möglichen Anstrengungen, Musik zu produzieren, die auch über den Cure-Kosmos hinaus Relevanz besitzt. Am Ende nehmen sie einfach noch ein paar sehr schöne Cure-Songs auf.

„It’s a perfect day for making out/to wake up with a smile/without a doubt/to burst, grin, giggle, bliss, skip/jump, sing and shout/let’s get happy!“ – „Doing The Unstuck“

Darüber hinaus macht sich Robert Smith unter seinen Fans als Nachwuchsverwalter seines eigenen Schaffens einen guten Namen. Das zeigt sich zum einen in der vorbildlich aufgearbeiteten Wiederveröffentlichung des Backkatalogs. Aber auch darin, dass The Cure den Wünschen ihrer Anhänger nachkommen, bei (selten unter mindestens dreistündigen) Konzerten nicht nur ungewöhnliche Repertoire-Perlen zu spielen, sondern ganze Alben live aufzuführen. Zuletzt widmeten sie sich 2011 auf diese Art in Australien, England und den USA ihren ersten drei Werken THREE IMAGINARY BOYS, 17 SECONDS und FAITH (dazu kehrte sogar Lol Tolhurst auf die Bühne zurück, der 1994 Smith und das Cure-Label Fiction noch unter anderem auf Tantiemen-Nachzahlungen verklagt hatte).

The Cure bleiben. Wie eine alte Gewohnheit, und es gibt wahrlich schlechtere. Dies führt freilich dazu, dass der ewig jaulende Robert mit der Vogelnestfrisur und dem verschmierten Make-up längst den Status einer lebenden Ikone, aber auch einer Witz- und Comicfigur eingenommen hat. Robert Smith steckt in Tim Burtons „Edward mit den Scherenhänden“ und dem kleinen Vampir Rüdiger wie er in Marilyn Manson und in My Chemical Romance steckt. Er steckt in den Horrors wie in den frühen Rapture und in den Shout Out Louds. Er steckt in so einigem Geheul und hinter manch einem beherzten Griff zum Kajalstift. Wie ein guter Geist.

Und, mein Gott, er steckt auch in dieser Riesenmotte! In einer frühen Folge der Zeichentrickserie „South Park“ wird Robert Smith zu Hilfe gerufen, um das Monster „Mecha-Streisand“ zu bekämpfen. Er verwandelt sich nach Art japanischer Monsterfilme in ein riesiges Insekt, um die mutierte Barbra Streisand zu besiegen, schrumpft nach getaner Arbeit auf Normalmaß zurück und schlurft in seinen großen Turnschuhen Richtung Horizont. Da ruft Kyle, der Junge mit der grünen Mütze, ihm hinterher: „DISINTEGRATION ist die beste Platte aller Zeiten!“ Ist Ihnen das auch schon aufgefallen: Die Kids in South Park, die sagen immer so kluge Sachen.

Bob King Redferns
Peter Still Redferns


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