Meiers Almanach

Yello-Boss Dieter Meier als Kulturhistoriker. Sein Thema: „Die im 19. Jahrhundert vollzogene Trennung von U-Musik und E-Musik als Ausdruck der Tragik bürgerlicher Kunstrezeption.“ Die Herren Shakespeare, Mozart, Haydn, Händel, Mollere, Nestroy, Rubens, Goya, Schiller und Goethe waren zunächst vor allem eines: Unterhalter. Wolf Mozart war ein reiner Auftragskomponist Die Kohle mußte stimmen, bar, schwarz und netto auf die Kralle – sonst bekam der verzockte Hurenbock den Griffel nicht hoch und keine Note aufs Blatt Erst die Machtübernahme des Bürgertums im 19. Jahrhundert schuf einen in seiner neuen gesellschaftlichen Stellung tief verunsicherten Auftraggeber: den Bürger, der sich und seine Welt weder formal noch inhaltlich vom Künstler in Frage stellen lassen wollte (eben diese ernste Aufgabe, die vormals die Aristokratie zu ihrer Unterhaltung vom Artisten verlangte). Der Auftrag des Bürgers an Herrn Rembrandt, dessen Darstellung der Handelsherren von diesen selbst um ein Haar vernichtet wurde, war klar ein anderer, als der Auftrag, den spanische Habsburger ihrem Hausmaler Goya gaben. Der nämlich malte die aristokratischen Potentaten zu ihrem Vergnün immer wieder als Jene Cretins, die sie auch waren. Der Bürger dagegen will vom Artisten nichts als eine Antwort auf diese Frage: Was ist die Wahrheit meines auf die Welt Geworfenseins? Und damit drängt er den Künstler in den Untergrund, unter dessen „E“ für „Ernst“ wir bis heute leiden müssen.

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